Ausflügler entdecken im Fayoum ein menschliches Skelett. Mittels DNS-Analyse und Recherchen im Wehrmachtsarchiv gelingt die Identifizierung.

Nicht weit entfernt von der Oase Fayoum, ganz in der Nähe des Wadi al Hitam, machten die Familien El Karsheh und Lohmann im November vergangenen Jahres einen verstörenden Fund. Unter einem Felsvorsprung entdeckten sie die Gebeine eines Menschen im Sand. Die Einritzungen am Gestein ließen kaum Zweifel zu: ein wenn auch schwach zu lesender Name und die Abkürzung 'Uffz', was für Unteroffizier stehen mochte. An anderer Stelle sind noch Kennnummern sowie das Abzeichen der deutschen Wehrmacht in die Felsen eingraviert.

Die Felseninschrift weist eine Spur©Thore Lohmann

Verstörender Zufallsfund bei einem Wochenendausflug

Bei einem Wochenendausflug hatte ein ortskundiger Guide die kleine Gruppe zu der Felsnische geführt. Seine Erzählung von einem angeblichen Flugzeugabsturz im Zweiten Weltkrieg und den noch immer hier liegenden Knochen war offensichtlich keine Finte. Aber trotz schwindender Skepsis, Thore Lohmann mochte kaum glauben, was er sah: "Da haben womöglich deutsche Soldaten vor über 70 Jahren einen Flugzeugabsturz überlebt und ihre Spuren hinterlassen in dem Bewusstsein, dass sie in der Wüste nicht überleben können und bald sterben müssen. Und nun sind ihre Überreste hier zur Schau gestellt?"

Weder die schroffe Schönheit der Felsformationen noch der endlos weite Sandkasten vermochten Eltern und Kinder nun noch zu beeindrucken. Unversehens war aus einem unbeschwerten Familienausflug eine Lektion geworden: zu den Schrecken des Krieges und der Lebensfeindlichkeit der Wüste. "Die ganze Geschichte hat uns tief bewegt, und wir haben beschlossen einen Knochen mitzunehmen, um vielleicht herauszufinden, ob es sich wirklich um einen verunglückten Soldaten handelt", so Thore Lohmann.

Identifizierung nach 76 Jahren

Das Fundstück wurde schließlich Kapitän zur See Jan Otte, dem Verteidigungsattaché der Deutschen Botschaft, übergeben. Er ließ es analysieren und ein DNS-Test bestätigte, dass es sich um ein Stück menschliches Gebein eines Nordeuropäers handelt. Nachforschungen im Archiv des Militärattachéstabs Kairo lieferten weitere Erkenntnisse. Bereits 1999 waren in unmittelbarer Nähe der Felsnische drei Skelette entdeckt worden, die anhand der ebenfalls gefundenen Erkennungsmarken als Besatzung eines Kampfbombers vom Typ Ju 88 A-4 identifiziert werden konnten. Es handelte sich um den Flugzeugführer Leutnant Heinz B. aus Oldenburg und seine Kameraden, die Unteroffiziere Anton B. aus Salzburg und Wilhelm H. aus Murrhardt. Das laut Unterlagen vierte Besatzungsmitglied, den Unteroffizier Adolf F. aus Schwenningen am Neckar, hatten nun offenbar die Wochenendausflügler entdeckt. Kapitän Otte vermutet, dass Adolf F. länger als seine Kameraden überlebt und in der Felsnische Schutz gesucht haben könnte. "Je nach Windverhältnissen wurden seine Überreste wohl von einer Sandschicht überdeckt oder lagen sichtbar unter dem Fels", versucht Thore Lohmann den Fund knapp 10 Jahre später zu erklären.

Das Bergungsteam bei der Arbeit © Thore Lohmann

Um den Knochenfund abschließend zu identifizieren und zu bergen, machte sich im März diesen Jahres eine mit den ägyptischen Behörden abgestimmte Mission auf den Weg zur Fundstelle. Unter der Führung von Kapitän Otte verglichen sie die Inschriften am Felsen mit den Angaben und Namen aus dem Vermisstenbuch der Wehrmacht. Einritzungen und Unterlagen deckten sich. Nach 76 Jahren galt Adolf F. nicht mehr als vermisst.

Allerdings hatte der Wind die Überreste wieder unter einer dicken Sandschicht begraben. Stundenlang schaufelte der kleine Trupp alles beiseite, siebte sorgsam, um auch kleinste Stücke zu bergen. Nach einer bewegenden Andacht überführte Kapitän Otte die Gebeine später in die deutsche Gedenkstätte nach Al Alamein. Wie mehr als 4000 im zweiten Weltkrieg gefallene deutsche Soldaten, darunter die anderen Besatzungsmitglieder der Ju 88 A-4, fand nun auch Adolf F. hier seine letzte Ruhestätte.

Der Sarg mit den sterblichen Überresten vor der Überführung auf den Soldatenfriedhof © Thore Lohmann

Die vier 21 bis 24 Jahre alten Soldaten waren laut Verlustbuch der II. Gruppe des (Kampf-)Lehrgeschwaders 1 am 27. September 1942 vom Flugplatz Chania auf Kreta mit ihrer Ju 88 A-4  zu einem Angriff auf britische Schiffe auf der Reede von Suez gestartet. Offenbar stürzte die Junkers auf dem Rückflug über dem Fayoum ab, und die Besatzung galt seitdem als vermisst. Zu den genaueren Umständen ist wenig bekannt, aber Hinweisen Ortsansässiger zufolge muss sich der Kampfbomber in großer Höhe zerlegt haben, was auf einen Abschuss durch britische Jäger oder eine große technische Störung hindeuten könnte. Die Besatzung konnte zwar noch mit dem Fallschirm abspringen, schlug aber ganz unglücklich an der schroffen Felswand auf. Die weit verstreuten  Wrackteile seien damals unter Beduinen-Familien verteilt worden. Abzeichen und Ausrüstungsteile der deutschen Soldaten sollen sich noch heute in deren Besitz befinden.