Erinnerungen an Ägypten Ende der 50iger Jahre: Ein Ausflug aufs Dorf.

Bevor wir unser gemeinsames Leben im eigenen Heim antraten, wollten wir noch ein paar Tage im Ferienhaus der Familie verbringen. Das Haus befand sich im Gouvernorat Monofeya, einem Ort im Nildelta, in der Nähe der Ländereien von Ahmeds Vater. Wir fuhren mit einem kaum besetzten öffentlichen Bus aus Kairo hinaus. Ab Qanatar, bei den „Delta Barrages“ des Mehmed Ali mit den beliebten englischen Landschaftsgärten, ging es ohne längere Unterbrechungen weiter, auf einer wunderschönen Baum-Allee, die sich wie ein Band durch die fruchtbaren Felder zog. Schließlich, nach ca. zwei Stunden, hielt der Bus auf einem Dorfplatz gleich in der Nähe des Dorfbrunnens. Der Platz war von Lehmhäusern umgeben. Wir waren am Ziel.

Am Brunnen ging es gerade lebhaft zu. Ich konnte einige Frauen beobachten, wie sie aus dem Brunnen Wasser schöpften. Jedes Mal, wenn eine der Frauen ihren großen, sich nach oben verengenden braunen Tonkrug gefüllt hatte, setzte sie sich diesen auf ihren Kopf und trug ihn balancierend nach Hause. Die meisten Frauen auf dem Land trugen alle schweren Gegenstände wie diese Wasserkrüge, gefüllte Körbe, oder mit Essen beladene Tabletts, Einkäufe - kurz alles was sich tragend transportieren lässt - auf dem Kopf. Auf diese Weise bleiben die Hände frei und der Rücken gerade. Sogar Krabbel-Kinder wurden gern rittlings auf eine Schulter gesetzt. Die Kleinen lernen schnell sich am Kopf der Mutter festzuhalten und können auf diese Weise weder weglaufen, hinfallen oder sich schmutzig machen, während die Mutter ungestört ihren täglichen Beschäftigungen nachgehen kann. Das „auf dem Kopf tragen“, ist auf dem Land immer noch sehr beliebt, und es hat sich bis in die heutige Zeit erhalten.

Frauen tragen auch heute noch Lasten auf dem Kopf © Dagmar Klementa

Gleich in der Nähe des Brunnens stand auch das zweistöckige Lehmhaus meines Schwiegervaters. Häuser aus Schlamm, Lehm oder Salz-Ton waren seit ältesten Zeiten Produkte einer hochspezialisierten Hausbautechnik, die zugleich Funktionalität und Haltbarkeit miteinander verband. Die dicken Mauern hatten eine isolierende Wirkung gegen die sommerliche Hitze und ebenso gegen die winterliche Kälte. Sie ließen die heißen Tagestemperaturen im Sommer weder hinein noch verloren sie im Winter Wärme nach außen. Das natürliche Material ließ sich sehr leicht verarbeiten, aber dennoch war größtmögliche Sorgfalt vonnöten. Der Lehm wurde zunächst mit Häcksel, Sand und Asche vermischt, dann wurden die Ziegel geformt, die unter ständiger Anfeuchtung sehr langsam austrocknen mussten. Diese Methode verlieh den Ziegeln ihre große Haltbarkeit. Das wichtigste Argument für den Lehmbau in den ländlichen Gegenden war jedoch, dass der Baustoff überall an Ort und Stelle vorhanden und dazu noch kostenlos war.

Typisches, ländliches Lehmhaus © Margarethe Hablas

Das Holz für Deckenbalken und Streben lieferten meist Dattelpalmen. Die Wände der Feucht- bzw. Sanitärräume sowie die oberste Schicht der Fußböden wurden gerne mit einem kleinen Zementanteil verputzt. Nach Fertigstellung eines Lehmhauses bekam es oft einen weißen Kalkanstrich und wurde zudem mit Zeichnungen und einfachen Malereien geschmückt. Heute findet man in Ägypten die traditionellen Lehmhäuser kaum noch. Die alten naturbelassenen Technologien mussten der Moderne mit ihren Zement- und Stahlindustrien weichen.

Nicht mehr ganz weiß aber noch hell gekälkt und mit grün lackierten Fensterläden geschmückt, stand das Haus von Ahmeds Vater direkt vor uns. Es machte im nachmittäglichen Sonnenlicht einen überaus einladenden, warmen Eindruck.

Da mein Schwiegervater Baumwolle, Mais, Weizen und andere Landfrüchte der Bauern aufkaufte, um sie in Kairo an Großhändler weiterzuverkaufen, waren in den unteren Räumen des Hauses das Kontor und das Magazin untergebracht. Daneben ein salonähnliches Wohnzimmer, in welchem die Geschäfte traditionsgemäß mit viel Tee und Wasserpfeife abgewickelt wurden. Die Küche und die „Feuchträume“ der Familie im hinteren, abgelegeneren Teil des Erdgeschosses, in der Nähe der Treppe zum Obergeschoss, vervollständigten das Parterre.

In der oberen Etage befanden sich die privaten Schlafräume und die Gästezimmer. Alle waren ähnlich eingerichtet. In jedem Zimmer stand ein hohes Messingbett mit Baldachin und Musselin-Vorhängen, die vor Fliegen und Moskitos schützten sollten. Heute kann man diese schönen, aufwendig gearbeiteten Gestelle nur noch in Antiquitäten-Geschäften finden. Damals typische handgewebte, braun-beige Teppiche bedeckten die Böden. Die Schafswolle für diese rustikalen Stücke wurde meistens selbst mit einer Handspindel gesponnen.

An den Wänden standen lange, truhenähnliche Holzbänke, die unter ihren gepolsterten Sitzflächen noch genügend zusätzlichen Stauraum boten. Bunte Kissen, großzügig verteilt, waren nicht nur dekorativ, sondern fungierten als Rücken- und Armlehnen. Zwar waren diese mit Baumwolle gepolsterten Bänke ziemlich harte Sitzgelegenheiten, aber dafür so breit geschreinert, dass sie auch als zusätzliche Schlafplätze genutzt werden konnten.

Esszimmer mit Tisch und Stühlen waren in der ländlichen Architektur nicht vorgesehen. Die Mahlzeiten, auch mit Gästen, konnten in jedem beliebigen Zimmer eingenommen werden. Dafür trugen die Frauen die fertigen Speisen auf großen, runden Tabletts aus Messing oder Kupfer, beladen mit gefüllten Tellern und Schüsseln sowie Wasserkrügen, aus der im Erdgeschoss gelegenen Küche die Treppen hoch - wie üblich auf dem Kopf - und in das jeweilige Zimmer, in dem man essen wollte. Nachdem das Tablett auf einem niedrigen, runden Tisch abgestellt war, setzte man sich mit untergeschlagenen Beinen rund um das Tablett auf den Boden. Zur Bequemlichkeit dienten eventuell einige Kissen von den Wandbänken. Dann ließ man es sich schmecken. Hauptsächlich aß man mit der Hand, indem ein Stück des frischen, hausgebackenen Fladenbrotes zu einer kleinen Tüte geformt ins Gemüse oder in andere Leckereien getunkt wurde. Für den unvermeidlichen Teller Reis (eine Beilage, wie in meiner Heimat die Kartoffel) durften Löffel benutzt werden.

Typische ländliche Mahlzeit © Margarethe Hablas

Nach dem Essen brachte die Gastgeberin oder ein anderer dienstbarer Geist eine Kupferschüssel mit Deckel deren Griff gleichzeitig als Seifenbehälter diente, und stellte diese vor jeden Gast, damit sich jeder ohne aufstehen zu müssen, die Hände waschen konnte. Man bekam ein Stück Seife in die Hand gedrückt, hielt diese über die Kupferschüssel, und sogleich kam ein rationierter Schuss Wasser aus der eigens dazugehörigen Kupferkanne über Hände und Seife. Noch einmal ein rationierter Schuss Wasser zum Nachspülen. Danach wurde sofort wurde ein Handtuch gereicht, und sobald ein Gast sich von der Schüssel abgewandt hatte, ging die Gastgeberin mit der - immer diskret geschlossenen - Wasch-Schale zum nächsten Gast für die gleiche Hände-Wasch-Prozedur. Wenn sich endlich alle Gäste frisch gemacht, und bequemere Sitzplätze eingenommen hatten, wurde das Tablett mit den leeren Tellern wieder fortgetragen und nichts erinnerte mehr an die gerade eingenommene Mahlzeit.

Ende der 50iger Jahre gebräuchliche Waschschüssel und Krug © Margarethe Hablas

Ahmed und ich „residierten“ in diesen Tagen in „unserem“ Gästezimmer und nahmen nachträglich von den Dorfnachbarn die Gratulationen und guten Wünsche zu unserer Hochzeit in Empfang. Die Gelegenheit, die ausländische Ehefrau von Ahmed kennen zu lernen, wurde ausgiebig genutzt. Man versuchte immer wieder mit Händen, Gesten und viel Gelächter mich in Gespräche zu verwickeln. Ich fühlte mich rundum wohl, und wir hatten viel Spaß.

Frisch aus Deutschland kommend waren für mich noch viele Dinge ungewohnt. So erlebte ich, wie man außerhalb der großen Städte ohne Strom und fließendes Wasser auskommen konnte, denn Strom und Wasser wurden erst einige Jahre später in die Dörfer verlegt. Die Besitzer der größeren Häuser bohrten sich eigene Brunnen für Grundwasser. Die Pumpen waren meistens neben den Außenwänden der Häuser angebracht, damit auch Tiere, die gerade vorbeigetrieben wurden, getränkt werden konnten. Die Frauen der kleineren Bauern oder Feldarbeiter hingegen trafen sich lieber am Dorf-Brunnen, sie zogen die Gelegenheit für den Austausch hausfraulicher Tipps oder einfach nur für ausgiebige Schwätzchen einer näheren, aber einsamen Wasserstelle vor.

Ich erlebte auch, wie das spärliche Licht von Petroleum-Lampen eine für mich ungewohnte aber heimelige Atmosphäre schaffen konnte. Jeder Haushalt verfügte über genügend Petroleum-Lampen, die abends frisch gefüllt, angezündet und in dem gerade benutzten Zimmer an den Wänden aufgehängt wurden. Die Flammen der Lampen blieben übrigens des Nachts so lange brennen, bis das Petroleum aufgebraucht und verbrannt war.

Meistens saß die Familie dann abends in einem Zimmer zusammen. Diesmal aber nicht um ein Tablett mit Speisen, sondern um eine kleine, mit Holzkohle oder getrockneten Maiskolben gefüllte, tragbare Feuerstelle, auf der, während man sich dabei geruhsam unterhielt, Tee und/oder Wasserpfeife zubereitet wurde. Da man im Dorf gern und bequem auf dem Boden sitzt, wird jede Fußbekleidung, bevor man ins Zimmer tritt, vor der Tür abgestreift.

Mir gefielen das einfache Leben und die Traditionen auf dem Dorf. Nur einmal erschreckte mich eine unbekannte Sitte. Eines Morgens wurde ich nicht, wie üblich, von den Gesprächsfetzen der Frauen am Brunnen unter meinem Fenster geweckt, sondern ich hörte lautes Weinen. Neugierig öffnete ich einen der Fensterläden und sah unten auf der Straße eine fast biblische Szene. Drei Frauen gingen weinend und klagend langsam unter meinem Fenster vorbei. Sie bückten sich immer wieder ohne ihr Klagen zu unterbrechen, um Staub vom Weg aufzuheben und auf ihren Kopf zu werfen. Die Hände wischten sie in Abwärtsbewegung an ihren Gesichtern ab und zerrten und rissen danach an ihren Tüchern über der Brust, als ob sie diese zerreißen wollten. Erschrocken und staunend fragte ich Ahmed, ob da wohl jemand gestorben sei und ob das hier immer so ablaufe. Ahmed bejahte und erklärte mir dann, dass es nicht gern gesehen würde, wenn Frauen mit zur Grabstelle kämen, weil sie ihr lautes Weinen nicht unterdrücken könnten. Der oder die Verstorbene müssten jedoch in aller Ruhe zu Grabe getragen werden. „Werden diese Frauen da unten denn für ihr Klagen bezahlt?“, fragte ich - Erinnerungsfetzen aus der Bibel - „Nein“, kam die Antwort, diese drei Frauen seien wahrscheinlich aus der Nachbarschaft, während die Frauen aus der Familie des Verstorbenen bei solchen Gelegenheiten im Haus blieben.

Als eine schönere, auch heute noch übliche Dorf-Tradition empfand ich das gegenseitige Grüßen. Jeder grüßt jeden wenn man sich begegnet, oder aneinander vorbeiläuft, oder auch langsam vorbeifährt, man grüßt stets freundlich; und dafür muss man sich nicht unbedingt gut kennen.

Die Woche im Dorf ging ihrem Ende zu, viel zu schnell, und wir mussten zurück nach Kairo, um dort unsere Koffer zu packen und uns auf den Weg zu unserer gemeinsamen neuen Wohnung nach Assuan zu machen.

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