Meine erste Ankunft: Erinnerungen an Ägypten Ende der 50er Jahre

Als ich 1959 meine erste Reise nach Ägypten antrat, hatte man in Deutschland außer vom Staatsstreich der Freien Offiziere am 23. Juli 1952 und dem Sinai-Krieg im Oktober 1956 – dem Luftlandeangriff aus Großbritannien und Frankreich sowie der Besetzung der Halbinsel Sinai und des Gazastreifens – noch nicht viel über dieses Land gehört. Kairo hatte zur Zeit des Präsidenten Gamal Abdel Nasser gerade zwei Millionen Einwohner. Vergleicht man Kairo heute mit damals, so könnte man die Stadt von früher fast als menschenleer bezeichnen.

Ich kam nach Ägypten, von dem ich nur wenig wusste, um meinen Mann, den ich in Deutschland während seines Studiums kennen gelernt hatte, zu heiraten. Dass ich mit ihm in Ägypten leben würde, stand für mich von Anfang an außer Zweifel.

Meine besorgten Eltern versuchten anfangs einige Auskünfte über Lebensweise, Eventualitäten, Gebräuche und Sitten oder was auch immer über Ägypten zu erfahren und wendeten sich daher zuerst an das Auswärtige Amt in Bonn. Auf die telefonische Anfrage meines Vaters, ob er irgendwelche Informationen über Ägypten – schriftlich oder auch mündlich, er würde dafür sofort nach Bonn reisen – bekommen könne, hörte er verdutzt die spontane Antwort eines Sachbearbeiters am anderen Ende der Leitung:  „Verbieten Sie, verbieten Sie Ihrer Tochter nach Ägypten zu heiraten! Dies ist ein Ferngespräch, daher kann ich Ihnen per Telefon nicht alles erklären. Ich könnte Ihnen auch keine ausführlichere oder bessere Auskunft geben, wenn Sie vor mir sitzen würden, nehmen Sie einfach meinen Rat, und verbieten Sie Ihrer Tochter diese Reise!“

Andere positivere Informationen versprach sich meine Mutter von einem Themenabend eines Geistlichen, der in meiner Heimatstadt über seine Arbeit und seine Erlebnisse in Ägypten einen Lichtbild-Vortrag hielt. Leider war das Ergebnis noch verworrener. Der Missionar erzählte u.a., dass Ehefrauen aus Ägyptens ländlichen Gegenden, wenn sie mit ihren Ehemännern zusammen unterwegs wären, traditionsgemäß immer ein paar Schritte hinter dem Esel, auf dem der Ehemann vor ihnen her reiten würde, herlaufen müssten.

Für meine Informationsversorgung verantwortlich – wenn auch ungefragt – fühlte sich letztendlich noch ein Beamter des örtlichen Standesamtes, der mich,  während er mir ein paar Formulare über den Tisch zuschob,  kurz, knapp und sachlich fragte, ob mir auch klar sei, dass mein zukünftiger Mann vier Frauen heiraten dürfe und er mich jederzeit, auch ohne Grund, auf die Straße setzen könne. Man nenne sowas Verstoßung und sei legal. Nachdem ich bejahend mit dem Kopf genickt hatte, händigte er mir mein Ehefähigkeitszeugnis aus, ohne welches ich in Kairo nicht hätte heiraten können. Trotz dieser wenig ermunternden Auskünfte ließ ich mich von meinen Plänen, meinem Verlobten zu folgen, nicht abbringen.

Wir verlobten uns im Kreise meiner Familie, weil ich meinem Verlobten zu einem späteren Zeitpunkt folgen wollte, um ihn in Ägypten zu heiraten. Meine zukünftigen Schwiegereltern überwiesen rechtzeitig zur Verlobung einen größeren Geldbetrag, mit dem mein Verlobter mir ein Goldgeschenk - das in Ägypten traditionelle Schabka - kaufen sollte. Eine Verlobung ohne Schabka ist in Ägypten bis heute undenkbar. Als Nachkriegskind fand ich Goldschmuck zur Verlobung dagegen sehr unvernünftig und meinte daher, dass wir das Geld besser für unsere künftige Wohnung gebrauchen könnten. Mein Zukünftiger, überrascht von unseren ungleichen Traditionen, kaufte dann nur die Eheringe und eine Armbanduhr für mich. Nach unserer Verlobung flog er direkt nach Ägypten.

Die Zeit bis zu meiner eigenen Abreise nutzte ich nun, um meine Aussteuer, die sich traditionsgemäß seit meiner Konfirmation aus Geschenken zu Geburtstagen und sonstigen Gelegenheiten angehäuft hatte, zu ordnen und zu verpacken. Diese Aussteuer, bestehend aus Tischwäsche, Bettwäsche, Töpfen, sogar einem Kaffeeservice und einigen kleineren Hausutensilien, ohne die damals in Deutschland kein Mädchen geheiratet hätte, fand zusammen mit einer Menge Büchern Platz in zwei großen Übersee-Koffern.

Zunächst aber benötigte ich eine Einreiseerlaubnis für Ägypten. Ein Visum zu erhalten, war damals komplizierter als heute, deshalb musste ich mich frühzeitig darum kümmern. Ich forderte also schriftlich beim ägyptischen Generalkonsulat in Bad Godesberg  die notwendigen Visa-Formulare an. Diese wurden mir auch umgehend in doppelter Ausführung - eins in deutscher und eins in englischer Sprache - zugeschickt. Nachdem ich diese Anträge sorgfältig ausgefüllt und mit zwei Passbildern, meinem Reisepass und dazu einem mit 90 Pfennig frankierten Briefumschlag für die Rücksendung versehen, an das Generalkonsulat zurückgeschickt hatte, begann ich die Reise mehr und mehr in meinem Bewusstsein zu realisieren. Ich machte lange Spaziergänge und veabschiedete mich auf diese Weise – etwas wehmütig – von einigen gewohnten, mir liebgewordenen Straßen und Plätzen unseres Viertels. „Wann würde ich hier wieder herlaufen?"

Nachdem die Fahrkarten gekauft, die Reisevorbereitungen erledigt und die Koffer gepackt waren, trat ich meine große Reise in meinen neuen Lebensabschnitt an. Ich fuhr mit der Eisenbahn über Rom - ein Besuch des Kolosseums und des Trevi-Brunnens waren selbstverständlich auch eingeplant  - nach Neapel, wo eine Schiffspassage auf dem Kreuzfahrtschiff Ausonia der italienischen Schifffahrtsgesellschaft Adriatica auf mich wartete. Da ich in Neapel bis zur Abfahrt des Schiffes noch ein paar Tage Zeit hatte, mietete ich in einer Pension ein kleines Zimmer. Voller Neugier spazierte ich in den darauf folgenden Tagen durch einige Gassen und Straßen von Neapels Altstadt. Auf einem dieser Streifzüge fand ich in einer kleinen Boutique ein paar hübsche, weiße Ledersandalen, die den Schick des von meiner Mutter angefertigten weißen Braut-Kostüms perfekt abrunden würden. Schuhe aus Italien waren Ende der 50er Jahre eine absolute modische Extravaganz.

Als der letzte Abschnitt meiner Reise näher rückte, verließ mich plötzlich der Mut. Ich wäre am liebsten sofort wieder nach Hause umgekehrt. Erste Zweifel an meinen Zukunftsplänen überwältigten mich. Ich war so jung und so allein! Fieberschübe, Magen- und Darmkrämpfe rüttelten in der letzten Nacht in Neapel an meiner anfänglichen Entschlossenheit. Längst nicht mehr so couragiert wie beim Einsteigen in den Zug nach Rom und immer noch etwas geschwächt und zittrig bezog ich am kommenden Tag, es war der 19. September 1959, dann doch meine Kabine auf der Ausonia. Diese, meine erste große Schiffsreise, empfand ich sodann als traumhaft schön. Ich erholte mich zusehends und wurde neugierig, was mich wohl in Ägypten erwarten würde. Auf dem Weg nach Alexandria legte das Schiff für mehrere Stunden in Piräus an. Ich nahm diese gute Gelegenheit auch noch wahr, einen Tagesausflug nach Athen und zur Akropolis zu machen.

Die Ausonia brauchte vier Tage und drei Nächte bis sie schließlich, am 23. September, in den Hafen von Alexandria einlief. Ich stand an der Reling und sah zu, wie das Schiff langsam in den Hafen fuhr. Unter den Reisenden verbreitete sich schnell eine ungeduldige Ankunfts- und Aufbruchsstimmung. Die Passagiere drängten zur Ausgangstreppe. Schon wurden freudige Willkommensrufe zwischen den Wartenden am Kai und den Passagieren auf dem Schiff gewechselt. Nachdem nahezu alle Passagiere das Schiff verlassen hatten und der Kai sich mehr und mehr leerte, stand ich noch immer wie gelähmt an der Reling und versuchte aus der Höhe meines Standorts, meinen Verlobten unten an der Anlegestelle zu finden. Dann sah ich ihn. Da stand er, allein, wie verloren. Er blickte angespannt zur Treppe, wartend. Ich rief ihn, aber er hörte mich nicht, er blickte in die falsche Richtung. Schließlich löste ich mich von der Reling und rannte zur Treppe, während ich wieder und wieder seinen Namen rief. Endlich hörte er mich und sah hoch. Als wir uns dann gegenüberstanden, verschwanden plötzlich meine Zweifel. Hatte ich die panikartige Schwäche in Neapel wirklich erlebt? Oder hatte ich alles nur geträumt?

Nachdem sämtliche Einreise- und Passkontrollen erledigt waren, nahmen wir eine Taxe zum Bahnhof von Alexandria und setzten uns in den nächsten Zug nach Kairo. Die zwei Übersee-Koffer mussten wir im Zoll zurücklassen, weil sie erst nach der Zollkontrolle freigegeben werden konnten. Das Zug-Abteil war, bis auf eine Bäuerin mit einem kleinen Stoffbündel im Arm, leer. Als aus dem Stoffbündel kleine Babylaute ertönten, bedeckte die Frau zuerst ihr Gesicht mit einem dunklen Tuch, legte ihre Brust frei, wickelte sorgsam das quakende Bündel aus und legte den winzigen Säugling, der zum Vorschein kam, an ihre Brust. Das hatte ich zuhause noch nie gesehen.

Es war fast Abend als wir in Kairo im Ramses-Bahnhof ankamen. Mein erstes Ooh-Erlebnis ließ dann auch nicht lange auf sich warten. In dem Moment, in dem wir aus dem Bahnhofsvorplatz hinaus auf die Straße traten, hatte ich das Gefühl, als schlügen das unbeschreiblich bunte Menschengetümmel, das Gedränge, das Geschiebe und das Rufen der Händler zusammen mit den unablässig hupenden Autos wie ein nicht enden wollendes Feuerwerk von Optik, Schall und Tönen über meinem Kopf zusammen. Wie betäubt ließ ich mich von Ahmed zu einer wartenden Taxe führen. Das war nur der Anfang von ungewohnten, fast zu vielen neuen Eindrücken.

Endlich am Ziel in Ahmeds Elternhaus wurde ich herzlich und natürlich auch voller Neugier von meiner zukünftigen Schwiegerfamilie empfangen. Meine Schwiegermutter drehte sich, nachdem sie mich liebevoll umarmt hatte, plötzlich zu ihrem Sohn herum und fragte ihn, wo denn mein Verlobungsschmuck sei und warum ich ihn nicht trüge. Sie wirkte plötzlich ungehalten und verließ das Zimmer mit den Worten, dass sie keinen Sohn habe, der seiner Braut kein Goldgeschenk macht. Wie sähe sie denn vor allen Leuten aus, wenn ihre einzige Schwiegertochter kein traditionelles Schabka vorzuzeigen hätte! Wenig später kam sie zurück und drückte Ahmed eine Handvoll Geldscheine in die Hand mit der Aufforderung, am darauf folgenden Tag mit mir zum Bazar zu gehen und Schmuck zu kaufen.

Gartenanlage am Nil © M. Hablas

Nun wurde ich fast täglich mit speziellen Leckerbissen der ägyptischen Küche gefüttert. Ahmed und ich hatten bis zur Hochzeit dann noch genügend Zeit, um die Stadt und ihr Nachtleben kennen zu lernen. Neben Besichtigungen, Kino- und Theaterbesuchen – ich verstand kein Wort – gingen wir gern zum Abendessen in eines der großen Hotels. Zu der Zeit war es dort für einen Mann noch ratsam, im einfachen schwarzen Abendanzug oder einem Diner-Jackett zu speisen. Für die Damen empfahl es sich, mit Cocktailkleid oder kleinem Abendkleid zu erscheinen. Ich besaß zwar kein Abendkleid, hatte aber mein Kleines-Schwarzes mitgebracht. Das Kleine-Schwarze – korrekter Konfektionsname für ein Kostüm – war Ende der 50er Jahre ein schlicht gearbeitetes Kostümchen, welchem man zu verschiedenen Anlässen mithilfe fantasievoller Accessoires ein jeweils neues Aussehen verleihen konnte. Auf diese Weise war frau zu jeder – sogar festlichen – Gelegenheit immer richtig angezogen.

Gemeinsamer Abend im "Baumcasino"© M. Hablas

Zu den abendlichen Unterhaltungen in Kairo gab es außer Theater, Oper, Kino oder Nachtklubs noch das „Baumcasino" gegenüber dem heutigen Hotel Conrad an der Corniche el Nil. Es war zu dieser Zeit ein bekanntes und beliebtes Tanzlokal, wo eine italienische Band LIVE zum Tanz aufspielte. Auch hier ließen wir gern – tanzend – die Abende ausklingen. Eine Kleiderordnung wie in den Hotels gab es dort nicht, aber die jungen Mädchen oder Frauen waren nach der damaligen internationalen Mode gekleidet. Sie trugen leichte Sommerkleider, schulterfrei oder mit Spagettiträgern, ausgeschnitten oder hoch geschlossen, sowie Petticoats unter weiten schwingenden Röcken. Dazu wurden hochhackige Pumps oder leichte, flache Ballerinas getragen.

Nachtleben © M. Hablas

Da ich gewissermaßen, trotz Einbettung in der Familie, zu den Individualreisenden zählte, hatte ich einen ähnlich befremdlichen ersten Eindruck von Ägypten wie andere europäische Reisende, die in diesen frühen Jahren Ägypten besuchten. Von zuhause war man an die Schönheit der europäischen Natur, die Berge, die Täler, die Seen und Wälder gewöhnt, darum haben mich bei meinem ersten Besuch an den Pyramiden die zerklüfteten, beigefarbenen, tristen Sand- und Gesteinsflächen kaum beeindruckt. Der Anblick der mächtigen Pyramiden von Gizeh hingegen ließ auch mir den Atem stocken. Ein Kameltreiber, dessen Kamel auf den Namen Bismarck hörte, trottete ständig, ununterbrochen schwatzend hinter uns her. Bismarcks Besitzer bemühte sich sehr um uns. Er führte uns zur Cheops-Pyramide, ließ uns bis zum Eingang hoch klettern und führte uns in die Grabkammern innerhalb der Pyramide. Ab und zu rief er laut in meine Richtung: „Eile mit Weile!“, und ließ mich, um touristische Fotos machen zu können, immer wieder auf Bismarck sitzen. Bismarck und sein Besitzer begleiteten uns auch zur Sphinx. Die Sphinx war damals noch nicht vollständig ausgegraben, sie steckte noch so tief im Sand, dass man sie berühren oder auf ihren mächtigen Steinpranken sitzen konnte.

Auf dem Kamel um die Pyramiden © M. Hablas

Gerne fuhren wir abends zu den Pyramiden, um in einem der gemütlichen Restaurant-Zelte auf dem flachen Plateau vor den Pyramiden beim Abendessen das großartige Farbenspiel der untergehenden Sonne erleben zu können. In Europa geht die Sonne entweder hinter Bäumen, hinter Bergen oder hinter Häusern unter, man kann sie nur beobachten, wenn sie im Meer versinkt. In der Wüste hingegen ist der Sonnenuntergang geradezu spektakulär. Man kann sich diesem Erlebnis, dem großartigen Hinweggleiten der Sonne hinter den Horizont, nicht entziehen. Der Himmel leuchtet zunächst in einem durchsichtig scheinenden blau-grauen, kräftig leuchtenden orangenen Farbgemisch. Bald darauf lässt das intensive rote Glühen der Sonne den Himmel langsam ins Violette hinüberdunkeln und schon ein wenig später kann man die klaren Sterne am nächtlichen Himmel strahlen sehen.

In Kairo von Ort zu Ort zu gelangen, war damals leicht und problemlos. Wer nicht zu den Haltestellen der öffentlichen Busse und Straßenbahnen laufen wollte, konnte eine der an allen Orten bereitstehenden Taxen herbeiwinken. Wer dagegen Zeit hatte, stieg in die sauberen, öffentlichen Busse, in denen die letzten drei Sitzreihen nur für Frauen reserviert waren.

Einen sogenannten Kulturschock, über den heute zuweilen gesprochen wird, habe ich damals nicht erlebt. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Alexandria und Kairo ähnelte dem Europas. Zudem hatten die Frauen gerade ihren Sieg im Kampf für die absolute Gleichberechtigung in allen politischen sowie sozialen, kulturellen und ökonomischen Bereichen errungen. Sie kleideten sich wie die meisten Frauen in Europa. Die gängigen westlichen Modejournale lagen auch in Kairos Kiosken und Büchereien aus. Keine Frau trug ein Kopftuch und die Pumps „made in Egypt“ waren  elegant und qualitativ derart gut gearbeitet, dass ich später in Deutschland oft gefragt wurde, wo ich diese schönen Schuhe denn gekauft hätte.

Mein eigener Kulturschock war von ganz anderer Art. Es ist mir anfangs sehr oft passiert, dass bei Einladungen zum Dinner oder auch zu Tisch im Kreise der Familie mein Teller immer und immer wieder gefüllt wurde. Irritiert und mit wachsender Mühe habe ich diese Teller auch jedes Mal brav leer gegessen. Doch ich bekam bald eine Abneigung gegen diese, wie ich es verstand, aufdringliche Fürsorge, und meine Laune sank schon, sobald ich mich an den Tisch setzte. Bis Ahmed mich eines Tages fragte, warum ich eigentlich immer so viel esse. Die Erklärung, warum man mir so viel auf den Teller lud, war einfach, aber für mich mit meiner Nachkriegserziehung schwer zu verstehen. Während ich als Kind dazu erzogen wurde, meinen Teller immer leer zu essen, lässt der Ägypter einen kleinen, gern auch großzügigen Rest auf dem Teller, was bedeutet: „Ich habe genug, danke!“

Wirtschaft und Lebensstandard in Ägypten haben sich seit Gamal Abdel Nassers Präsidentschaft sehr geändert. Das lässt sich nicht nur anhand des damaligen Umrechnungskurses erkennen. Für 1 Ägyptisches Pfund (LE) bzw. 100 Piaster bezahlte man damals 11 Deutsche Mark. Und für 1 Pfund konnte man mindestens dreimal zum Abendessen in einem der großen Hotels gehen.

Wechselkurs von 2 Mark : 20 Piaster © M. Hablas

Politischer Wechsel, Bevölkerungswachstum und nicht zuletzt das Satelliten-Fernsehen haben weitere maßgebliche Zeichen und Spuren hinterlassen. Sogar Hochzeiten feiert man heute anders. Fast könnte man die Feiern von früher gegenüber den Hochzeiten von heute bescheiden nennen. Während man gegenwärtig gern in größeren gemieteten Sälen mit Buffet, Discjockey und vielen, vielen Gästen feiert und sogar kleinere Orte in ländlichen Gegenden über eigens für größere Veranstaltungen zu mietende Säle verfügen, fanden früher Hochzeiten und andere Familienfeste ausnahmslos zuhause statt.

Ein Abendessen in einem guten Hotel kostete 30 Piaster © M. Hablas

Auch meine Hochzeit wurde im Haus meiner Schwiegereltern vorbereitet und gefeiert. Tagelang dauerten die Vorarbeiten. Einladungen an die zahlreichen Gäste wurden telefonisch oder per Boten übermittelt. Die Frauen der Familie, selbst Nachbarinnen halfen – jede in ihrer eigenen Küche und auf eigenen Spirituskochern mit je einem Topf pro Kocher – beim Zubereiten aller haltbaren Speisen. Ge-und Überbackenes brachten sie im Rohzustand zum Brotbäcker.

Doch das Herrichten des Hauses war schnell getan. Für die zwei traditionellen, mit Blumen aufwändig geschmückten Brautstühle holte meine Schwiegerfamilie nur ein paar Sessel aus ihrem guten Salon, denn die Brautstühle bekamen ihren leicht erhöhten Platz an der Rückwand des Zimmers, wo sie von den eintretenden Besuchern auch sofort gesehen werden konnten. Der gute Salon in Ägyptens Wohnungen ist ohnehin nur spärlich möbliert. Denn er dient im Alltag eigentlich nur dem Zweck Gäste zu empfangen und sich dort auch mit dem Besuch zu unterhalten. Darum ist der Salon, außer mit Sesseln und Sofas, einem Couch-Tisch und Beistelltischchen zum Abstellen der Getränke bzw. des Gebäcks nicht weiter eingerichtet.

Lediglich dieser Brauch, dass das Brautpaar die eingetroffenen Gäste auf diesen thronähnlichen Sesseln sitzend begrüßt, um alle Glückwünsche, Küsse und Umarmungen der Gäste gebührend in Empfang nehmen zu können, ist  bis heute erhalten geblieben; dabei ist es gleichgültig, ob die Hochzeit im Haus oder in einem Hotel gefeiert wird.

Meine Schwiegerfamilie verfügte außer über den traditionellen guten Salon noch über ein geräumiges Flachdach von der Größe der darunter liegenden Wohnung. Dort genossen wir an warmen Sommerabenden bei erfrischenden Getränken und Gesprächen den kühlenden Abendwind. Auf dieses Dach der elterlichen Wohnung stellten wir zu unserer Hochzeit zahlreiche, eigens für Festlichkeiten zu mietende Stühle; und um die Feier zur Straße hin abzuschirmen, befestigten wir an den Eckpfeilern und Mauern eine große Zeltumrandung aus bunt zusammengenähten Stoffresten, wie sie heute noch von den Ramadan-Zelten bekannt ist.

Normalerweise fanden und finden bis heute Eheschließungen zwischen ägyptischen Paaren mit islamischer Konfession vor allen Gästen und einem Standesbeamten, Maasoun genannt, statt. Dieser hat die vorbereiteten Eheverträge dabei, in denen Teile des Hausrats, den jede Familie in den jungen Haushalt einbringen muss, aufgelistet und bezeugt werden. Er zelebriert die Eheschließung des Paares vor den beiden Familien und den Augen der jeweiligen Geladenen. Auf diese Weise können alle zusammen mit den zwei männlichen Zeugen die Heiratszeremonie mit den jeweiligen Vertragsbedingungen ebenso bekunden.

Da ich aber keine Ägypterin bin, mussten Ahmed und ich vormittags mit Unterstützung eines deutschsprachigen Rechtsanwalts, welcher uns von Freunden empfohlen wurde, zum Hohen Gericht in der 26. Juli-Straße, um unseren Ehevertrag schreiben und amtlich legalisieren zu lassen. Wir wurden in eine der Kanzleien geleitet. Mehrere Schreibtische, vor denen jeweils bis zu 15 Besucher in Schlangen warteten, füllten den Raum. Es war es laut, der Straßenlärm tat sein Übriges, und die Luft war trotz der geöffneten Fenster stickig und warm. An der Seite an einem dieser Schreibtische fanden wir drei Sitzplätze. Vor dem Schreibtisch warteten ebenso mehrere Besucher, die gleichzeitig laut, übereinander und durcheinander gestikulierend dem Beamten ihre jeweiligen Wünsche zuriefen. Nachdem er die Männer abgefertigt hatte, konnte er sich endlich auf uns konzentrieren. Und während er den riesigen Ehevertrag im Din-A3-Format handschriftlich ausfüllte, beobachtete ich einen Uhrmacher, der neben dem Beamten auf einem niedrigen Hocker sitzend, eine kleine Lupe ins rechte Auge geklemmt, eine Taschenuhr reparierte. Schließlich durften wir nach dem üblichen „Ja, ich will!“ den Ehevertag unterscheiben. Da wir ohne Zeugen gekommen waren, stand der Beamte auf und rief laut in den Raum, ob sich zwei Männer mit gültiger Identitätskarte bereit erklären würden, eine – diese, er deutete auf uns – Ehe zu bezeugen. Zwei uns unbekannte Männer erklärten sich bereit, und schnell waren wir entlassen. Etwas benommen stolperten wir aus dem dunklen Gebäude auf die helle, sonnenheiße Straße. Ich erinnere mich noch genau an meine ersten Gedanken, während ich in die Sonne blinzelte: „Jetzt bin ich also verheiratet, …hm, das war meine Heirat…!“

Hochzeitsfoto © M. Hablas

Abends, zur eigentlichen Hochzeitsfeier, konnte ich mein weißes Brautkostüm auspacken und anziehen. Ahmed trug einen dunklen, speziell für die Hochzeit angefertigten Anzug. Nachdem wir uns in die großen Prunk-Sessel gesetzt hatten, ließen die Gäste auch nicht lange auf sich warten. Ich wurde umarmt, geküsst und man begutachtete gebührend mein Schabka. Man gratulierte, fabulierte und feierte. Ich wurde herumgereicht, konnte kein Wort verstehen und fühlte fast nichts zwischen den mir fremden Menschen mit mir unbekannter Tradition. Ich schmiegte mich eng an meinen Mann, den einzigen Vertrauten in dieser Fremde.

Trotz allem, es war meine, unsere Hochzeit, auf die wir so lange gewartet hatten. Es war ein Kommen und Gehen, immer wieder Küsse und Umarmungen, und natürlich wünschte jeder jedem das Gleiche: Glück für die geborenen und sogar für die noch ungeborenen Kinder. Wir hatten, ebenso wie Familie und Gäste, einen schönen, unvergesslichen Abend.

Schade, dass meine Eltern im fernen Deutschland nicht erleben konnten, wie ihre Tochter in Ägypten aufgenommen worden war und geheiratet hatte. Denn außer einem telegraphischen „bin gut angekommen“, konnten sie sich anfangs nur an kurzen Informationen aus Postkarten-Grüßen orientieren. Ein telefonisches Ferngespräch musste damals bei einem größeren Postamt in Deutschland, ebenso wie in Ägypten, angemeldet werden. Man bekam einen Termin für das Gespräch. Dieses wurde dann an das jeweilige Haustelefon weitergeleitet. Es konnte aber durchaus vorkommen, dass man bis zu einer Woche auf das Zustandekommen einer Gesprächsverbindung warten musste.

Obwohl meine erste Ankunft in Ägypten noch nicht so lange zurückliegt, erscheint sie doch wie aus einer fernen Epoche.

zusammen mit Freunden © M. Hablas