Spannende und erschütternde Einblicke in die ägyptische Gesellschaft geben zwei der besten Polit-Thriller Ägyptens und eine auf Englisch verfasste Erzählung dreier Frauenschicksale. Ein deutscher Journalist bietet in seinem Rührstück mit Hilfe eines ägyptischen Unternehmers eine Lösung für das deutsch-europäische Flüchtlingsproblem. Abenteuerlich und atemberaubend sind die Berichte eines Rettungssanitäters in Riad und einer englischen Reisejournalistin unterwegs auf dem Motorrad durch den Iran. Beschaulicher aber dennoch faszinierend ist der Reisebericht zweier Deutscher, die 1959 durch Afrika radelten.

Vertigo

Achmad, Gesellschaftsfotograf in einem exklusiven Kairorer Hotel, fotografiert in der Hotelbar „Vertigo“ unbeobachtet ein brutales Attentat auf zwei rivalisierende zwielichtige Geschäftsleute. Dabei wird auch sein bester Freund, der zufällig Augenzeugen wird, ermordet. Nachdem Achmad sich unerkannt vom Tatort entfernen kann, spielt er das brisante Material einer Zeitung zu, die wegen ihrer furchtlosen Enthüllungen und skandalträchtigen Berichterstattung innerhalb kurzer Zeit zum Massenblatt avanciert war. Zunächst finden die Fotos jedoch keine Beachtung. Erst sehr viel später erkennt Achmad, dass der scheinbar fortschrittlich-kritische Chefredakteur eine tragende Rolle in den Manipulationen durch das politische System spielt. 

Wahre Abgründe an skrupelloser Korruption und ein alles durchdringendes Geflecht von Intrigen und Klientelpolitik bis in die höchsten Kreise offenbaren sich ihm.

Der Leser erhält weitreichende und detaillierte Einblicke in ägyptische Mentalität und Machtstrukturen. Der Erzähler portraitiert ein beeindruckend authentisches Portrait der jungen städtischen Erwachsenengeneration aus der Mittelschicht, für die Achmed und seine Freunde stehen. Aus der im Roman dargestellten Situation findet nur wenige Jahre später der Protest des arabischen Frühlings gegen die Rechtlosigkeit und skrupellose Willkür breite Unterstützung. Auch in diesem Krimi sind es die Helden aus dem Volk, die Verbrecher zur Strecke bringen, während die Staatsorgane ihren Verbrechen auf höherer Ebene frönen.

Der Autor Ahmed Mourad, selber einstmalig Hoffotograf des Präsidenten Mubarak und somit gut informiert, gilt mit seinem 2007 erschienen Roman „Vertigo“ als Begründer des ägyptischen Politthrillers. Das Buch wurde 2012 auch als Fernsehserie verfilmt.

Ahmed Mourad: Vertigo. Lenos-Verlag. Basel 2016. 398 Seiten. 22 Euro

Diamantenstaub

Taha hat Pharmazie studiert und verdient seinen Lebensunterhalt als recht erfolgreicher Pharmavertreter und mit seinem zweiten Job in einer Apotheke. Er lebt zusammen mit seinem Vater, der seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist. Seine Mutter hat die Familie vor längerer Zeit verlassen. Als Taha sich eines Nachts mit einem „Baltagi“ anlegt, beginnt für ihn ein lebensgefährliches Kriminalabenteuer. In bester Thriller-Manier öffnen sich ihm unerwartete Abgründe und Zusammenhänge, die bis in die frühe Jugend seines Vaters und Großvaters zurückreichen.

Ein spannender Thriller, der im Kairo kurz vor der Revolution von 2011 spielt.

Da die Hintergründe der Ereignisse bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts reichen, entfaltet sich dem Leser ein breites Sittengemälde der ägyptischen Gesellschaft und ihrer Veränderungen in der Neuzeit. Kritisch werden Korruption und mafiöse Strukturen in Politik und Polizei offengelegt.

Der ägyptische Krimiautor Ahmed Mourad schreibt sehr anschaulich und lebendig über ein facettenreiches Ägypten, insbesondere aber - in einen gut geschriebenen, spannenden Krimi verpackt - über politische und moralische Untiefen in einem von Korruption deformierten Staat. Ein unbedingt zu empfehlendes Buch für alle, die Ägypten näher kennenlernen wollen. Brillant übersetzt von Christine Battermann, die authentisch sehr gelungen die Besonderheiten der Originalsprache wiedergibt. Mit Glossar ist es auch für Neulinge gut verständlich.

Ahmed Mourad. Diamantenstaub. Lenos-Verlag. Basel 2016.407 Seiten. 14,90 Euro

Der gute Mensch von Assuan

Der Roman von Peter Kaspar hat nur wenig mit Assuan zu tun, sondern in erster Linie mit der Flüchtlingsproblematik in Deutschland. Er entstand als Gegenreaktion zur PEGIDA-Bewegung im Jahre 2015. Für Peter Kaspar sind Flüchtlinge kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein sich in Zukunft eher verschärfendes, das sich durch Abschottung nicht lösen lässt. Deshalb sucht er ein positives Modell.

In Berlin treffen per Zufall ein ägyptischer Milliardär und ein Flüchtling aus Ghana zusammen. Hieraus entsteht im Hinterland von Meck-Pomm ein Projekt, das – finanziell und ideell von dem Ägypter unterstützt – mehrfachen Nutzen trägt.

Die in Deutschland dringend benötigten Fertigkeiten der Flüchtlinge werden sinnvoll eingesetzt, Ausbildungsplätze für perspektivlose Neo-Nazis geschaffen und entvölkerte Dörfer wiederbelebt. Als Vorbild für seine Idee dient ihm der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris und seine autark funktionierenden Stadtgründungen wie z.B. in Hurghada, der Schweiz und Assuan.

Der Titel des Romans orientiert sich an dem ähnlich lautenden Titel eines Brechtschen Theaterstücks „Der gute Mensch von Sezuan“, dessen Kernfrage lautet, ob man gut sein kann, wenn man arm ist. Im Roman geht es entgegengesetzt darum, ob man gut sein kann, wenn man reich ist. Ähnlich wie bei Brecht, lautet die Antwort auf die Frage: Wir stehen selbst enttäuscht und seh‘n betroffen – Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Kaspar, Peter S. Der gute Mensch von Assuan. Carpathia-Verlag. Berlin 2017. 408 Seiten. 23,00 Euro

Fabulous Veils

True stories inspired from egyptian women’s everyday life

Drei Frauen aus drei verschiedenen Gesellschaftsschichten über drei Jahrzehnte:

Fathma, verheiratet, 4 Kinder, lebt in sehr armen Verhältnissen in Imbaba. Ihr Mann steuert kein Geld für die Familie bei, jeden Abend misshandelt und missbraucht er sie aufs brutalste. Durch Putzarbeiten verdient sie den Lebensunterhalt für ihre Familie. Das Unglück ihrer Tochter, die von ihrem Vater ignoriert und an einen ebenso gefühllosen Mann verheiratet wird, treibt sie um. Sie gerät dadurch aber immer weiter ins Unglück.

Gameela, Tochter aus einer ehemals wohlhabenden Mittelschichtfamilie, entflieht als junges Mädchen der strengen Kontrolle ihrer Mutter und heiratet die Liebe ihres Lebens, einen Mitstudenten, mit dem sie zwei Kinder bekommt. Sie lebt in guten Verhältnissen, baut sich auf Kosten ihrer Kinder erfolgreich ein eigenes Modegeschäft auf. Als ihr Ehemann sie zwingt, dieses Geschäft aufzugeben, wird sie seelisch krank.

Madiha stammt aus einer christlichen Familie, die zur gesellschaftlichen Elite des Landes gehört. Sie kämpft seit ihrer Kindheit gegen ihre dominante, gefühlskalte Mutter an, um ein eigenes Leben zu verwirklichen. Nach einer arrangierten Ehe, aus der zwei Kinder hervorgehen, erzwingt sie zunächst die Trennung von ihrem Mann, dann ihre Berufstätigkeit und letztendlich eine eigene Wohnung. Paradoxerweise übernimmt sie die gehassten Verhaltensweisen ihrer Mutter gegenüber ihrer heranwachsenden Tochter Mounira, der es jedoch letztendlich gelingt, sich zu emanzipieren.

Iman Refaat ermöglicht ihren Lesern einen Blick in die Abgründe familiärer Verstrickungen, in das Leiden unter tyrannischen und emotional verkrüppelten Menschen. Sie zeigt damit keine für Ägypten typische, aber durchaus mögliche Szenarien: Traditionen und Konventionen, enge soziale Kontrolle, Ruf und Ehre, Glaube und Aberglaube, gesetzliche Diskriminierungen fesseln die Frauen und liefern sie tyrannischen, willkürlich handelnden, emotional verkrüppelten Partnern aus. Der Roman ist mitreißend und spannend geschrieben. Neben den ägyptischen Verhältnissen wird auch der Paradigmenwechsel in der neuen Generation der Kinder deutlich: für die wohlhabenden westlich orientierten und gebildeten Menschen und für die armen ungebildeten und religiösem Fanatismus ausgelieferten Frauen.

Iman Refaat. Fabulous Veils – True stories inspired from egyptian women’s everyday life. Paradigm Shift. Cairo 2016. 305 Seiten. 12 $

Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren

….was passierte, als ich es trotzdem tat

Im Dezember 2011 hatte das Ansehen des Iran nach dem Sturm auf die Britische Botschaft in Teheran einen Tiefpunkt erreicht: islamistische Fundamentalisten und Terroristen, verbitterte und fanatische Feinde, mit heimlichen Atomwaffenprogrammen gegen die westliche Kultur und Herrschaft kämpfende Volksmassen. Die von den Mullahs betriebene Abschottung gegen alles „unislamische“ wurde verschärft durch den von westlichen Staaten verhängten Boykott. 

In dieser Situation erhält die englische Reisejournalistin Lois Pryce von einem unbekannten Iraner in London eine Einladung, dieses Land zu besuchen und die Vorurteile zu bekämpfen.

Obwohl Frauen im Iran nicht Motorrad fahren dürfen, gelingt ihr die Einreise und sie fährt 5000 km auf ihrem Motorrad, mit Helm und Hidschab  durch das fremdartige Land. Mit ihrer Unerschrockenheit überwindet sie hohe äußere Hürden, wie Bürokratie und Drohungen, aber auch die eigenen inneren, wie ihre Angst angesichts der Schreckensszenarien und tatsächlichen Gefahren. Sie schafft dank der Unterstützung wohlwollender Mitmenschen die Herausforderungen dieser ungewöhnlichen Reise. Was sich ihr und dem Leser dieses ungewöhnlichen Reiseberichts offenbart, verändert ihr Leben: Sie erlebt ein faszinierendes Land voller echter Menschlichkeit, natürlicher Herzlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft, gesellige, lebenslustige, geradezu extrovertierte Menschen. Sie sind vor allem damit beschäftigt, mit einem unbeugsamen Selbstbewusstsein das beste aus der Situation zu machen und ihre persönlichen Freiräume in einer von religiösen Dogmen, willkürlicher Gewaltherrschaft und Korruption geprägten Gesellschaft zu nutzen und zu genießen. Es geht alles, man muss nur wissen, wie. Bei vielen Begegnungen spürt die Autorin eine verklärte Sehnsucht nach der „alten“ Zeit. Ihre täglichen Erlebnisse hinterlegt sie mit Informationen zur Geschichte des Iran. Sie trifft jedoch auch auf die dunklen Seiten der Gesellschaft wie hohe Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven, verschärfte Drogenprobleme, Denunziation und Verrat.

Ein empfehlenswertes Buch mit vielen authentischen Erlebnissen, die spannend und interessant aus einer wohlwollenden und um Unvoreingenommenheit bemühten Sicht der Engländerin erzählt werden. Nicht durch den Titel abschrecken lassen, sondern einfach lesen!

Lois Pryce. Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren….was passierte, als ich es trotzdem tat. DuMont Reiseverlag. Ostfildern 2017. 330 Seiten. 16,99 €

Der Retter von Riad

Als Sanitäter in Saudi-Arabien - wo Tradition mehr zählt als Menschenleben

Ein junger deutscher Rettungsassistent bewirbt sich aufgrund einer Stellenanzeige als Notarzt beim Roten Halbmond in Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens. Er hofft auf Abwechslung und Abenteuer, während er gleichzeitig vielen Menschen helfen möchte. Auf einer Rettungsstation im Süden Riads arbeitet er als einziger westlicher Nichtmoslem in einem Team von Saudis, Ägyptern und Jordaniern.

Bei ihren Einsätzen wird er mit härtesten, konfliktreichsten und skurrilsten Situationen konfrontiert. Für den Sanitäter aus Überzeugung, für den an erster Stelle die Rettung von Menschenleben steht, stellt das starre, von Traditionen dominierte System in Saudi-Arabien und ein daraus resultierender Menschen verachtender Umgang miteinander eine traumatisierende Erfahrung dar. So wird z.B. ein brutaler Ehrenmord durch Enthauptung offiziell als Selbstmord dargestellt. Immer wieder muss er sich damit arrangieren, dass Menschenleben nur einen Wert haben, wenn sie die saudische Nationalität haben. Gleichzeitig erfährt er im persönlichen und kollegialen Umfeld große Wertschätzung, Sympathie und lebenslange Freundschaften. Nach einem Jahr der Extreme – extrem schlimm, aber auch extrem schön – kehrt er nach Deutschland zurück, weil er das Leben in Saudi-Arabien nicht erträgt, Riad bleibt aber seine zweite Heimat.

Die Erlebnisschilderung ist mitreißend und spannend geschrieben und gibt intensive Einblicke in die abgeschottete saudi-arabische Gesellschaft. Lesenswert wird das Buch auch durch die persönlichen, mitfühlenden, jedoch auch humorvollen Schilderungen, die dem Leser nahegehen und die Verarbeitung der immer wieder schockierenden Ereignisse des Rettungsarztes nachvollziehen lassen.

Stefan Bauer: Der Retter von Riad – Als Sanitäter in Saudi-Arabien - wo Tradition mehr zählt als Menschenleben. Bastei-Lübbe-Verlag. Köln 2017. 303 Seiten. 10,00 Euro

Frühling der Barbaren

In einer kleinen, weit abgelegenen tunesischen Oase, die zu einem exklusiven Touristenresort umgestaltet ist, feiern reiche Yuppies aus der Londoner Finanzelite eine große standesgemäße Hochzeit. In der Hochzeitsnacht verkündet England seinen durch die Spekulation eben jener bedenken- und skrupellosen Finanzeliten verursachten Staatsbankrott. Die dadurch ausgelöste weltweite Finanzkrise reißt im Dominoeffekt alles mit sich, löst in Tunesien eine Revolte aus, in der Oase katalysieren sich die Geschehnisse in der überdrehten Gruppe der Hochzeitsgäste in einer barbarischen alles vernichtenden Reaktion.

Augenzeuge dieser dramatischen Entwicklung ist ein Schweizer Industrieller, der zufällig oder wegen seiner ausbeuterischen Geschäfte wohl eher zwangsläufig in dieses Geschehen geraten ist. Während seines späteren Aufenthaltes in einer psychiatrischen Anstalt erzählt er einem Bekannten dieses verrückte tunesische Abenteuer.

In Form einer Novelle, in der der Bekannte des Industriellen wiederum dem Leser gegenüber als Erzähler auftritt, wird „eine Geschichte voller unglaublicher Wendungen, abenteuerlicher Gefahren und exotischer Versuchungen“ geboten. Die eigentliche Handlung in der tunesischen Wüste wird durch eine novellistische Erzählstruktur und durch auf verschiedenen Erzählebenen ausgeweitete Erklärungen und Kommentare mehrfach gebrochen. Der altmodisch wirkende Schweizer tritt lediglich als hilflos Betroffener und Beobachter auf, der sich in dieser Welt nicht mehr zurechtfindet. Seine wichtigste Rolle ist, Beständigkeit zu verkörpern. Bizarre Ereignisse und bis zur Karikatur überzeichnete Personen prägen die schockierende, jedoch auch immer wieder komische, ja geradezu klamaukhaft anmutende Handlung in der Wüste Tunesiens. Durch eine bis ins Klischee gesteigerte Sprache zeichnet der Autor ein überspitztes, aber sicherlich treffendes Blitzlicht unserer globalisierten, entmenschlichten und gewissenlos agierenden Gesellschaft. Durch atemberaubende Details und widersprüchliche Beobachtungen erleuchtet er die bizarren Geschehnisse und entlarvt die Fassaden und den Schein einer zutiefst unmoralischen Welt.

In jeder Beziehung durchgeknallt, aber absolut zu empfehlen! 

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren. C.H.Beck. München 2015. 125 Seiten. 14,95 Euro

Fernweh

Mit dem Fahrrad durch Afrika

WolfgangFreund

Frühjahr 1959. Der hier Schreibende war gerade mal 20 Jahre alt und lebte seit ein paar Monaten aus Studiengründen in Kairo. Es war Gamal Abdel Nassers Ägypten. Aber in den großen Städten des Landes war das alte kosmopolitische Flair weiterhin in Resten spürbar. In besseren Gesellschaftskreisen sprach man immer noch gerne Französisch, mit rollendem R wie in der Bretagne und jenen häufig skurrilen vokabularen und grammatikalischen Veränderungen, die Jean-Jacques Luthi in seiner Studie „Egypte, qu’as-tu fait de ton français“ nicht ohne hintergründigen Humor eingefangen hat.

Doch zurück ins Frühjahr 1959: Ich stand Schlange vor einem Schalter des Kairoer Hauptpostamtes am Midan Ataba, um Luftpostbriefe ins heimatliche Europa aufzugeben. Plötzlich hörte ich vor mir Deutsch reden, mit schwäbischem Akzent, meinem eigenen elsässisch-badischen nicht allzu fern stehend. Zwei junge Deutsche standen vor mir in einer Art Tropenuniform, obwohl dafür im gerade nachwinterlichen Kairo noch keine besondere klimatische Veranlassung gegeben war. Auch hatten die beiden Fahrräder bei sich, an denen eigenartige Gegenstände befestigt waren. Wir kamen sofort zusammen ins Gespräch.

Fritz Kortler und Franz Krieger, zwei junge Leute etwa meines Alters, waren aus dem „bayerischen Schwaben“, Region Ulm und um Ulm herum, nach Kairo gekommen, und zwar per Fahrrad via Balkan und Nahostroute: Türkei, Syrien, Jordanien, Ägypten. Schon seit Monaten waren sie unterwegs, und das Ganze war erst der Anfang eines unglaublichen Abenteuers. Denn ihr Endziel war Südafrika, Kapstadt, und das alles auf dem Drahtesel. Zwei Jahre waren für das Unternehmen vorgesehen. Finanzieren taten sich „Fritz und Franz“ durch eigene Arbeit unterwegs. Mit örtlichen Zeitungen ihrer Heimat hatten sie regelmäßige Berichterstattung vereinbart, und das brachte schon einiges Geld. Auch konnten beide da und dort auf größeren Baustellen vorübergehend arbeiten; denn Fritz Kortler war ausgebildeter technischer Zeichner, und Franz Krieger hatte einen ähnlich gearteten Beruf. Englisch sprachen beide gut genug, um damit in all den mehr oder minder anglophonen Ländern, die sie zu durchqueren hatten, zurechtzukommen. Zwar schwammen sie damit nicht gerade im Luxus, hatten aber immer das notwendige Kleingeld in der Tasche, um zu überleben und weiterzukommen. Geschlafen wurde entweder als Gäste bei irgendwelchen Einheimischen oder auf Polizeistationen oder im Zelt, das sie huckepack mit sich führten.

Das Unternehmen glückte und kam in Kapstadt zum erwünschten Abschluss. Auch der gesteckte Zeitrahmen wurde in etwa eingehalten. Die Reise selbst - nach Ägypten ging es weiter durch den Sudan und die nachfolgenden Länder der ostafrikanischen Nord-Südlinie - erforderte die Bezwingung unvorstellbarer „logistischer“ Probleme und brachte die schwäbischen Abenteurer oft an den Rand physischer und moralischer Belastbarkeit. Aber „Fritz und Franz“ schafften es; denn, wie der Volksmund weiß, „Schwaben im Ausland“ gehen bekanntlich nie unter ...

Das vorliegende Buch ist die Geschichte dieser Reise, geschrieben in der Sprache und Spontanität dieser jungen Abenteurer vor 60 Jahren. Es ist die Stärke und Schwäche dieses Buches; denn die Texte sind im Wesentlichen nichts anderes als die Reiseberichte, die Fritz Kortler, der „Literat“ des Unternehmens, während der ganzen Zeit an die Redaktionen seiner Heimatzeitungen geschickt hatte: handschriftlich, per Luftpost von einem Ort, wo die Briefe eine Chance hatten, weiterbefördert zu werden. Internet und Soziale Medien gab es nicht, und auch zu spärlich gesäten Telexanschlüssen hatten „Fritz und Franz“ keinerlei Zugang. Alles blieb handwerklich, „vorsintflutlich“ ... ya hasra, das waren noch Zeiten!

Fritz Kortler war im Jahr 2017 auf einen alten Ordner gestoßen, worin diese Zeitungsartikel des afrikanischen Fahrradtrips gesammelt waren, und da schlug ein Geistesblitz bei ihm ein: Warum nicht ein Buch daraus machen und heute etwas vorstellen, das es längst nicht mehr gibt? Auf der vierten Umschlagsseite bringt er es mit einem Satz auf den Punkt: „Die Länder, Völker und Stämme, wie wir sie gesehen und erlebt haben, sind heute nur noch Erinnerung.“

Das Ganze ist in einer lebendigen Sprache geschrieben, die ihre jugendlichen Ungeschicklichkeiten behalten hat, aber eben dadurch auch ihre Frische und Glaubwürdigkeit. Der Autor hatte lange darüber nachgedacht - sich hierzu auch mit dem hier berichtenden Rezensenten ausgetauscht - ob die Texte von damals wohl sprachlich zu überarbeiten wären oder nicht. Er entschied sich für Letzteres, und ich meine, er tat gut daran.

Angeberisch, d.h. taktisch-strategisch, „lügen“ tat Fritz Kortler nirgendwo. Daher ist sein Buch für jeden Forscher zu zeitgenössischen „Vorgängen“ ein ungemein wertvolles Dokument.

Eine derartige Reise mit dem Fahrrad quer durch den Nahen Osten und ganz Afrika wäre heute kaum noch durchführbar. Zahlreiche Länder, die „Fritz und Franz“ Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre, noch mehr oder minder pannenfrei durchradeln konnten, haben sich heute weitgehend gegeneinander abgeschottet oder vegetieren chaotisch vor sich hin. Allein in Syrien oder auch schon vorher in Erdogans Türkei wären die beiden Radler bereits mit großer Wahrscheinlichkeit in die Luft geflogen. Es „geht“ einfach nicht mehr. Politische Fanatismen und Besessenheiten haben solchem Jugendmut einen nahezu unaufbrechbaren Riegel vorgeschoben. Totalerstickung, Regression, Fortschritt „nach hinten“ auf der ganzen Linie! Neue Aufbrüche in eine „freiere“ Zukunft sind kaum auszumachen, wohin immer man blicken mag. Dass saudiarabische Frauen demnächst Auto fahren dürfen, bringt’s auch nicht. Das eigentliche Chaos sitzt tiefer. Man ahnt es beim Lesen von F. Kortlers jugendlichen Zeilen.

Fritz Kortler bietet derzeit sein „Fernweh“ im Eigenverlag an denkt jedoch daran, das Buch einem auswärtigen Verlagshaus zur weiteren Verbreitung vorzuschlagen. Die besten Erfolgswünsche des Rezensenten begleiten ihn. Sein Buch verdient es.

Fritz Kortler: Fernweh - Mit dem Fahrrad durch Afrika. Eigenverlag:  F. Kortler, Bürststr. 32, D-89257 Illertissen (Au), Germany. 2018. 250 Seiten. 19,00 € plus Versandkosten