In Europa wird so oft von Berufsaktivisten mit einem mahnenden Zeigefinger gewackelt oder aggressiv debattiert, dass man sich gefälligst Mainstream gemäß vegetarisch oder besser noch vegan ernähren muss, da man sonst schlicht nicht gesellschaftsakzeptabel sei. Da fragt man sich schon manchmal, ob man denn im europäischen Paradies keine anderen Probleme hat.

Es geht aber auch anders!

Im Rahmen eines wohl organisierten Ausfluges des DKT (Deutschsprachiger Kairo Treff) besuchten auch einige Mitarbeiter des Papyrus Teams die SEKEM Farm. Neugierig waren wir alle, hatten wir doch schon so viel gehört. Neugierig waren diejenigen, die seit vielen, vielen Jahren die Farm regelmäßig besuchen, (z.B. Gerda Amin, die an diesem Tag ihren 87.Geburtstag feierte) um Entwicklung und Expansion zu verfolgen, und auch wir „Neulinge“, die das erste Mal gespannt nach einer zweistündigen Fahrt die Füße in den Wüstensand setzten. Nachdem alle die steifen Glieder wieder in Form gebracht haben, fällt sofort eine wunderbare Ruhe auf.

Ruhig empfängt uns auch Yvonne Floride, um uns auf die ausgedehnte Führung vorzubereiten. Sie selbst ist Erzieherin, ihr Mann Maschinenbaumeister – beste Voraussetzungen, um eine aufstrebende, sozial und ökologisch engagierte Initiative mit Fachkenntnis zu unterstützen. Weg aus dem etwas öde gewordenen Deutschland – und warum nicht Ägypten. Aus damals vorsichtig angedachten drei Jahren sind nun 28 Jahre geworden. Yvonne trug mit Gudrun Abouleish maßgeblich mit zum Aufbau der Schulen bei und ist neben vielen anderen Tätigkeiten für den Kunstunterricht und überhaupt für Farben zuständig. Zwei ihrer vier Kinder sind in Ägypten geboren, alle haben in SEKEM das arabische Bildungsprogramm durchlaufen, haben studiert und sind nun junge, selbstständige Erwachsene.

Vier Kinder haben auch Helmy Abouleish und seine Frau Konstanze auf der Farm erzogen und vom Kindergarten an weiter in den SEKEM Schulen das arabische Abitur, Thanawaya, ablegen lassen. Vier Töchter: Sarah, Mariam, Soraya und Selma. Inzwischen sind auch Enkelkinder hinzugekommen und schmunzelnd erzählen Dr. Ibrahim und Helmy Abouleish, wie bunt es zuhause zugeht, wenn sich vier Generationen um den Mittagstisch versammeln. Man merkt jedoch, wie sehr sie dieses Leben, dieses für - und miteinander leben genießen. Sowohl die Töchter, als auch die bisher hinzugekommenen Schwiegersöhne haben in SEKEM verschiedene Bereiche in leitenden Positionen übernommen und tragen mit zur fortschrittsorientierten Zukunft von SEKEM und ihrem Heimatland Ägypten bei. Nicht laut, aber zäh und ständig.

In seinem Buch „Die SEKEM Vision“ erzählt Dr. Ibrahim Abouleish gefühlvoll von seiner behüteten Kindheit, von seinem geliebten Großvater, der alle Zeit der Welt für ihn hatte und ihm die Liebe zur Schönheit der Natur beim Betrachten von Blüten und Schmetterlingen ins Herz legte. Gärten mit Guaven, Mango, Granatapfel, Orangenbäumen, Tiere, die tägliche Butterherstellung, Geschichten, die am Abend erzählt wurden, Familienleben – all das prägten diese Kindheit und seine Entwicklung. Früh interessierte sich sein Vater für Industrialisierung und machte sich in Kairo mit verschiedenen Firmengründungen selbstständig. Ibrahim lernte sehr viel in den Fabriken seines Vaters, einer Seifen- und einer Süßwarenfabrik, die sich inmitten eines Judenviertels befanden. So wuchs er mit selbstverständlicher Toleranz auf. „Jude bedeutete für mich: Freund“. Sehr bald bemerkte Ibrahim gängige Klassenunterschiede und begann schon als Kind und Jugendlicher während der Sommerferien in seinem Heimatdorf Mashtul im Nildelta die Sorgen und Nöte der Dorfbewohner zu notieren, um bei seinem nächsten Besuch das Nötigste mitbringen zu können. Stoffe, Kleidung, Seife, Schuhe u. v. m. Um die Bewohner nicht zu beschämen, warf er seine Geschenke spätabends anonym durch die geöffneten Fenster. Eine der fünf Grundsäulen des Islam ist das Geben von Almosen, Zakat genannt. Für Ibrahim, den man sehr rasch respektvoll Ibrahim Effendi oder Ibrahim Bey nannte, ein besonders wichtiger Bestandteil seines Glaubens.

Interessiert an Kultur, Sozialem, Sport wie Rudern auf dem Nil und Fahrradfahren, (Fußball allerdings eher nicht), Musik, Kunst und Wissenschaft und auch Philosophie; gefördert durch die eigene Familie und deren Freunde, begann er sich immer mehr mit Europa zu beschäftigen. Auf Arabisch las er Gota (Goethe), „Die Leiden des jungen Werthers“ und fasste den Entschluss, in Europa zu studieren. Gegen den Widerstand seines Vaters, aber mit leiser Unterstützung durch seine Mutter, die ihrerseits keineswegs glücklich über Ibrahims Entscheidung war, machte er sich mit achtzehn Jahren mehr oder weniger heimlich über Alexandria, Neapel, Rom und Florenz auf den Weg nach Graz. Es war ein schmerzhafter Abschied. Seinem Vater hinterließ er einen Abschiedsbrief, in welchem Dr. Ibrahim Abouleishs Vision erstmals schon deutlich erkennbar war („Die SEKEM-Vision“, S. 30/31).

In relativ kurzer Zeit erlernte er die deutsche Sprache. Sein Studium im Fachgebiet Technische Chemie empfand er zwar als Horror, war aber wesentlich schneller damit fertig als viele seiner Kommilitonen. Während dieser oft einsamen Studienjahre und bis heute erfährt er Kraft durch seine Religion, die er für sich selbst immer in besonderer Art und Weise praktiziert. Er sieht sich nicht als frommen Menschen, sondern als „Übenden“, der noch immer täglich versucht, den 99 Namen Allahs näher zu kommen.

In Graz näher gekommen ist er der Familie von Kajetan Erdinger. Erst musikalisch durch den Musiker Kajetan, etwas später durch den Sprachunterricht von Frau Erdinger und schließlich heiratete er Gudrun Erdinger, eine der drei Töchter dieser Familie, die die Liebe zur Natur mit Liebe zur Musik gar trefflich verbinden konnte und somit Ibrahim mitten ins Herz traf. Für beide Familien war diese Verbindung völlig in Ordnung und alles Weitere würde sich finden.

Es fand sich. Nicht nur, dass die beiden Kinder Helmy und Mona jeweils geboren wurden, während er im hochoffiziellen Anzug Prüfungen ablegte, so entwickelten sich sehr enge Beziehungen zu seinen Professoren, die ihn, seinen Interessen gemäß, förderten. Und wie ein Schwamm sog Ibrahim alles auf. Intellektuell, sportlich – manchmal grenzwertig… mal mit, mal ohne Kinder, die oft genug auf ihren Vater verzichten mussten. Er betont deutlich, wie dankbar er Gudrun immer war und ist, die ihm den Rücken frei hielt und die Kinder in liebevoller Atmosphäre umsorgte und sich um wirklich alles kümmerte. Das war auch nötig, denn nach der Promotion in Technischer Chemie studierte Ibrahim Medizin mit Schwerpunkt Pharmazie und promovierte mal eben so über die Schilddrüse. Etwas enttäuscht, dass er Goethes Sprache inzwischen zwar beherrschte, aber die Gedichte und Dramen noch immer nicht wirklich verstand, schrieb er sich noch in der Philosophischen Fakultät ein. In seinem Buch beschreibt er berührend, wie er sich dadurch veränderte. Er war nicht mehr nur Ägypter oder Europäer, auch nicht im Glauben – er wurde zu einem Neuen, einem Dritten: „Ich erlebte eine echte Vereinigung von zwei Kulturen in mir und erlebte dies als herrliches Freiheitsgefühl und diese Augenblicke bedeuteten für mich höchstes Glück und größte Freude.“

Nach all diesen Studienjahren arbeitete er erst in einem Heilmittelbetrieb in Lannach als Forschungsleiter und ab 1972 in einem größeren Arzneimittelunternehmen in St. Johann. Dort durchlief Dr. Ibrahim Abouleish in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eine steile Karriere. Er „übte“ das Verhandeln mit Fonds und Forschungszentren, arbeitete nach kurzer Zeit weltweit, forschte und entwickelte Arzneien, für die er Patente erhielt, die auf seinen Namen lauteten. Zu dieser Zeit lernte er auch Martha Werth kennen, die erst ihn und später auch seinen Sohn Helmy mit den anthroposophischen Ideen Rudolf Steiners bekannt machte. Auch zeigte sie ihm, dem Ägypter, Mitte der siebziger Jahre das alte Ägypten und ihre Sicht der Dinge. Sensibilisiert betrachtete Dr. Ibrahim Abouleish die Veränderungen in Ägypten. Und was er sah, gefiel ihm überhaupt nicht. Wirtschaft, insbesondere Landwirtschaft, Bildung, Gesundheitswesen – das war nicht mehr das Ägypten, das er kannte und liebte. Mehr und mehr beschäftigte er sich mit Anthroposophie, vermehrt in Bezug auf biologisch–dynamische Landwirtschaft, lernte über Martha Werth Georg Merckens kennen, bereiste mit ihm Italien und lernte, lernte, lernte…

Seine Vision bekam eine neue Gestalt und entschlossen betrieb er seine Rückkehr nach Ägypten. Womit er nicht rechnete, war die Begeisterung seiner Familie über diesen Schritt. Helmy könnte in der Wüste Motorrad fahren und Mona könnte ihn dort stundenlang mit einem Pferd verfolgen. So reiste die Familie mit drei gekauften VW-Bussen aus: Vorne Ibrahim, hinten Gudrun und in der Mitte Helmy, der zwar erst sechzehn Jahre alt, aber ein talentierter und auch geübter (Papa Ibrahim machte es möglich) Autofahrer war. Natürlich gab es Tränen, das österreichische Paradies zu verlassen, aber: „Ich habe mich entschieden, Österreich zu verlassen, um in Ägypten eine Farm in der Wüste mit einem auf Ganzheitlichkeit ausgerichteten Entwicklungsimpuls für das Land und die Menschen zu gründen. Die Ursache für diese Entscheidung sehe ich unter anderem in der Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft. Sie hat meinen Wirkungskreis tief beeinflusst.“

Wo leben wir hier und wer würde zweifeln? Natürlich gab und gibt es immer wieder heftige Widerstände, Ärger, Rückschläge und Katastrophen. Auch glaubte 1977 niemand, wirklich niemand, dass, nach langer Suche, ausgerechnet ein Gebiet um Ismailia geeignet sein könnte….

Heute wissen wir es besser. Visionen können geträumt, studiert, erforscht und umgesetzt werden. Und vor allen Dingen auch gelebt. Die Vision eines jungen Mannes ist Wirklichkeit geworden. Die SEKEM Farm geht unmittelbar ins Herz.

Heute ist SEKEM Ägyptens Marktführer in den Bereichen biologischer Landwirtschaft und pflanzlicher Heilmittel, und die Verwendung von Pestiziden beim Baumwollanbau ist in Ägypten durch Forschung und Experimentieren der Familie Abouleish um ca. 90% zurückgegangen. Kräuter und Tees können inzwischen beinahe überall im Land gekauft werden und auch SEKEM Gemüse und Obst wird unter dem Namen ISIS www.isisorganic.com in den meisten größeren Supermärkten angeboten.

Während unserer Führung werden wir vor Staunen und Ehrfurcht ganz klein. Wir sehen riesige Lagerhallen voll mit Kräutern und Gewürzen, die nach einer strengen Qualitätskontrolle u. a. von Demeter in Deutschland vertrieben werden. Der betäubende Duft in diesen Hallen ist kaum zu beschreiben. Wir sehen die „Kamillekinder“ bei der Arbeit. Natürlich fragen wir nach, was dies denn bedeutet. Kinderarbeit ist ein heikles Thema. Weltweit ohnehin und auch hier in Ägypten. SEKEM hat eine Möglichkeit gefunden, die Kinder der Dörfer ringsherum mit leichten Arbeiten wie dem Pflücken von Ringelblumen, Kamille, Eukalyptus zu beschäftigen und auch zu bezahlen. Dafür müssen (!) sie aber auch am Bildungsprogramm teilnehmen, die sogenannte „Community School“ besuchen und hier den staatlich anerkannten Mittelstufenabschluss ablegen. Dies bedeutet nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen, was unabdingbar ist für bessere Zukunftsaussichten, nein, sie müssen – ebenso wie ihre Eltern, die auf der Farm arbeiten – auch Bildung in Form von Musik, Malerei und vielem mehr erlernen. Dies ist einer der Ansätze, die Dr. Ibrahim Abouleish für ungemein wichtig befindet, um die nachfolgenden Generationen zum Denken und Nachfragen zu gewinnen. Nur über Bildung würde sich ein fortschrittlicher Prozess entwickeln, der tatsächlich zum Überleben all dieser Millionen Menschen beitragen könne.

Verblüfft stehen wir inmitten des 1996 eröffneten Medical Centers, das durchweg europäischen Ansprüchen genügt. Die Tagesklinik birgt sämtliche medizinische Fachrichtungen sowie die notwendigen diagnostischen Einrichtungen (EKG, Ultraschall, Endoskopie, Röntgen, Labor). Auch eine Apotheke ist vertreten. So wurden im vergangenen Jahr über 41 000 Schüler, Mitarbeiter und Menschen der ländlichen Umgebung betreut und zusätzlich gesundheitshygienetechnisch aufgeklärt.

1997 wurde das SEKEM Berufsbildungszentrum gegründet. Die Abschlüsse sind staatlich anerkannt. Junge Menschen aus der Umgebung SEKEMs können Berufe erlernen, die im lokalen Markt gebraucht werden. Theoretischer Unterricht, praktisches Lernen, verwendbare Produktion sind Bestandteile der Ausbildung. Auch hier werden durch künstlerische Kurse die seelische Entwicklung und Kreativität gefördert. Die Ausbildung findet statt in Elektrotechnik, Schreinerei, Mechanik, Buchhaltung, Installations- und Landwirtschaftstechnik, Landwirtschaft, Metallverarbeitung (Schweißerei), Schreinerei und Schneiderei . Die komplette Schreinerei wurde von einem Besucher aus der Schweiz organisiert und gespendet. Vermutlich war er ebenso von der SEKEM Initiative begeistert wie wir.

Wir sehen auch die heilpädagogische Einrichtung und fühlen uns wohl. Hier hat man alle Zeit der Welt. In Ägypten ohnehin ein eigener Begriff – aber hier noch einmal ein Moment zum Eintauchen. Man möchte verweilen und den restlichen Tag mit diesen liebenswerten Menschen Kerzen ziehen. Kerzen, Holzarbeiten, Orangenmarmelade und Honig werden voller Stolz von Schülern präsentiert und verkauft.

Jeden Donnerstag nach der gearbeiteten Woche trifft man sich in der Aula. Und jeden Donnerstag um diese Zeit wird ein Programm vorgeführt. Musik, Gesang, Gruppen oder Solisten, völlig egal. Sehr, sehr deutlich wird gezeigt, wie wichtig gerade dieser Bereich in SEKEM gepflegt wird. Helmy Abouleish steht auf der Bühne und macht … gar nichts. Er steht dort und wartet. Er wartet auf Ruhe. Nur dies. Und es wird ruhig. Dann erst beginnt das Programm mit einer Sure aus dem Koran. Später folgen u. a. englisch gesungene Lieder. Alle anwesenden Schüler grüßen am Ende der Veranstaltung ihre Lehrer und auch Helmy Abouleish, der alle beim Namen nennt. Eine sehr familiäre Atmosphäre. Dann schwingt er sich auf seinen Motorroller, um am Viergenerationentisch Mittag zu essen.

Wir Besucher sind alle ein bisschen verzaubert – leben wir alle doch in und oder am Rande eines gewaltigen Molochs und werden nun auch noch zum Mittagessen in das firmeneigene Kongresshotel geladen. Leicht, liebevoll und höchst geschmackvoll angerichtet genießen wir die frische Kost. Die gewonnenen Eindrücke müssen sich erst einmal setzen.

Die Arbeitsbereiche und Bedingungen der Textilfirma NatureTex, die von Helmys Frau Konstanze gegründet wurde, begeistern erneut. Helle, luftige Hallen, fröhliche Frauen und Männer, die an modernen Maschinen schnell und geübt Babykleidung und Spielzeug aus Bio-Baumwollstoffen fertigen. Alles wird nach Entwürfen von Designern aus den USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz genäht. In Deutschland z. B. kann man diese Produkte unter dem Label „Alana“ über die Kette dm kaufen.

Ein letzter Spaziergang führt uns noch zu den Tieren. Sind wir noch in Ägypten? Eine große Herde Allgäuer Braunvieh mustert uns während des Wiederkäuens. Leider treten wir bei der Kontaktaufnahme immer wieder mal in ihren „Speiseteller“ am Rande. Wir merken uns dies für unseren nächsten Besuch. Denn wiederkommen werden wir ganz sicher.

Im Jahr 2003 wurde Ibrahim Abouleish für die SEKEM-Initiative mit dem Right Livelihood Award, dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. 2012 wurde nun auch die Universität für nachhaltige Entwicklung eröffnet.

SEKEM – eine altägyptische Hieroglyphe – bedeutet sonnenhafte Lebenskraft.