Freizeit / Lesestoff

„Das Halsband der Taube“ - unter diesem Titel präsentieren wir zwei neuzeitliche Romane und eine mittelalterliche Abhandlung zum Thema islamische Kultur. Ganz unterschiedliche Situationen junger Migranten, deren Eltern aus dem Iran, dem Libanon und Nordafrika nach Deutschland bzw. Frankreich geflohen sind, stellen die drei Romane „Nachts ist es leise in Teheran“, „Am Ende bleiben die Zedern“ und „Die Gierigen“ in sehr eindrücklicher Weise vor.  Ebenso gehören ein türkischer Krimi und eine Sammlung von binationalen Lebensschicksalen zu den Leseempfehlungen im Sommer 2017.

Das Halsband der Tauben

In einer alten heruntergekommenen Gasse im saudi-arabischen Mekka wird eine tote Frau gefunden. Inspektor Nassir soll die Identität der bis zur Unkenntlichkeit entstellten Toten ermitteln und den Mordfall aufklären. Schon bald offenbaren sich dem Inspektor die erschütternden Lebensgeschichten zweier vermisster Bewohnerinnen der Gasse sowie ihrer teilweise obskuren Mitmenschen. Während sich der Inspektor immer tiefer in ausufernde und verwirrende Stränge verstrickt, enthüllt sich den Lesern ein vielschichtig skizziertes Sittengemälde der heiligen Stadt mit ihren Tragödien, Geschäften und Spekulationen, historisch-kulturellen Wurzeln und religiösen Traditionen.

Mit beeindruckend poetischer Erzählkunst gelingt es der aus einer alteingesessenen Familie in Mekka stammenden Autorin ihren Roman, der mit seinen vielfältigen Perspektiven, Brüchen und Widersprüchen wie ein komplexes überdimensionales Puzzle wirkt, fesselnd zu erzählen. 

Der Kriminalfall bildet lediglich einen der Roten Fäden, der sich kreuzt und verknüpft mit Schicksalsfäden aus der Vergangenheit und paralleler Lebensgeschichten der Gegenwart. Die Verkettungen enthüllen Zusammenhänge zwischen dem mythischen Erbe dieser Geburtsstätte des Islams – die auch der Berührungspunkt der drei monotheistischen Religionen ist – einer verstörenden Gegenwart und der Zukunft dieses zur Zerstörung verurteilten Erbes.

„Das Halsband der Tauben“ ist ein mitreißenderRoman, den man nach dem ersten Lesen einfach nicht zur Seite legen kann. Er fordert geradezu eine wiederholte Lektüre, denn es ergeht einem wie mit den „Wimmelbilderbüchern“: Man entdeckt immer wieder neue, interessante und verblüffende Aspekte.

Der Schlussteil der Handlung spielt in Spanien und stellt eine Verbindung zu den liberalen Wurzeln des Islams her. In Andalusien veröffentlichte der islamische Gelehrte Ibn Hazem el-Andalusi im 11. Jahrhundert ein Traktat über die Liebe mit dem Titel „Das Halsband der Taube“. Mit der Wahl des Ortes und ihres Romantitels stellt Ranja Alem die heutigen Auswüchse eines fundamentalistischen und häufig missbrauchten Islams einer früheren sehr viel liberaleren islamischen Kultur gegenüber.

Raja Alem: Das Halsband der Tauben. Unionsverlag. Zürich 2013. 578 S. 14,95 Euro

Das Halsband der Taube

Von der Liebe und den Liebenden

Es handelt sich um eine Abhandlung in arabischer Poesie aus dem mittelalterlichen Spanien, erstmalig übersetzt ins Deutsche  im Jahre 1941. Sie beschreibt mit überraschender Offenheit und Authentizität die in der muslimisch-höfischen Gesellschaft des 11. Jahrhunderts kultivierte Liebe und Moral. Ibn Hazm al Andalusi oder Ibn Hazm aus Córdoba wurde 994 in Córdoba geboren. Der angesehene Universal-Wissenschaftler und Politiker gilt als Verfasser „des berühmtesten Buches über den Gegenstand der Liebe innerhalb der islamischen Kultur, das von einem spanischen Araber auf spanischem Boden gelebt, gedacht und geschrieben worden ist“, so der spanische Philosoph und Soziologe Ortega y Gasset.

Ibn Hazem hat zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen hinterlassen, in seinen religionshistorischen Werken versucht er mit für diese Zeit ungewöhnlicher Liberalität, Vernunft und Glauben zu verbinden. Den fundamentalistischen Strömungen aller Glaubensrichtungen muss dieses Gedankengut als subversiver Verrat gelten. „Das Halsband der Taube“ ist sein mit Abstand bekanntestes Werk.

Hier findet sich eine detaillierte Rezension von Walter Boehlich aus dem Jahre 1962.

Erhältlich ist das Büchlein in verschiedenen Ausgaben antiquarisch.
Ibn Hazm al Andalusi: „Das Halsband der Taube“ – Von der Liebe und den Liebenden.Insel-Verlag. Frankfurt 1995.

Das Halsband der Taube

Im Jahr 1231 wird Ludwig von Bayern durch einen Assassinen-Anschlag getötet. Rätselhafterweise ist der Mörder ein Mitglied des Templer-Ordens. Sein Zwillingsbruder, ebenfalls Templer, wird zur Aufklärung dieses Rätsel als Spion in den Assassinen-Orden eingeschleust.

Der Erzähler entführt den Leser in einem spannungsreichen und von Details überbordenden historischen Roman in die Zeit der Kreuzzüge, insbesondere in die Lebens- und Gedankenwelt zweier religiös begründeter Orden, die sich feindlich gegenüberstehen. Die christlichen Templer und die islamischen Assassinen sind trotz ihrer Unterschiede im Glauben gleichermaßen gefürchtet wegen ihrer kompromiss- und furchtlosen Unterwerfung unter ihren Auftrag und ihre Führer.

Die Selbstmordattentäter der Assassinen betrachten den Tod als Erfüllung und Ziel zum - vor allem auch sexuell motivierten - Paradies. Wirksamer Terror wird nicht nur durch Töten, sondern insbesondere durch das Erzeugen von Todesangst möglich. Faszinierend ist das breite Spektrum naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Ansätze in dieser Zeit, von Mythen und Ritualen dieser fremden Kulturen.

Der Titel dieses Buches geht ebenfalls zurück auf die gleichnamige Abhandlung des moslemischen Gelehrten Ibn Hamza al Andalusi. Halsband der Taube nennt man die vom Täuberich während der Paarung verursachten Hackspuren am Hals der Taube, die häufig zu ihrem Tod führen. Das Symbol steht somit für eine tödliche sexuelle Leidenschaft. In Heines Roman erscheint es darüber hinaus als Motiv für den Verrat und insbesondere für den Zusammenhang von Sexualität, Religion und Macht. Ein mitreißendes Buch, das 1994 die Bestsellerlisten erreichte. Heute ist es antiquarisch und als e-book bei verschiedenen Anbietern erhältlich.

Ernst W. Heine: Das Halsband der Taube. Btb-Verlag. München 2006. 17,95 Euro

Nachts ist es leise in Teheran

Vier Familienmitglieder erzählen über vier Jahrzehnte ihre iranisch-deutsche Familiengeschichte: 1979 schildert der militante kommunistische Lehrer Behsad nach der Absetzung des Schahs von seinem Kampf und seinen Aktionen für eine neue gerechte Gesellschaft im Iran. Er verliebt sich in seine Mitstreiterin Nahid und heiratet diese. 1989 erzählt Nahid von ihrer Flucht mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern vor den Mullahs, die die Macht im Iran übernommen haben. Die Familie ist in Deutschland untergekommen, wo sie voller Angst um ihre Familien und ihre verfolgten Freunde aber in der Hoffnung auf eine Rückkehr versuchen sich ihr Leben einzurichten. 1999 schreibt die älteste Tochter Lahla von ihrer ersten Reise nach Teheran, die sie nach den ersten innenpolitischen Lockerungen gemeinsam mit ihrer Mutter wagt.  

 

2009 beschreibt ihr Bruder Mo, Student in Deutschland, den Ausbruch der Grünen Revolution in Irans Hauptstadt, während gleichzeitig an den deutschen Unis vergleichsweise banale Demonstrationen gegen Studiengebühren stattfinden. Im Epilog, der ohne Zeitangabe in eine mögliche Zukunft verweist, leuchtet mit der  jüngsten Schwester Tara und ihrem internationalen Engagement ein kleiner Hoffnungsschimmer in diesem eher traurigen Roman der Veränderungen auf.

Shida Bazyar erzählt mit ihrem biographischen Debütroman eine mitreißende und erschütternde Familiengeschichte, die einerseits empfindsam und authentisch die persönlichen Schicksale mitfühlen lässt, andererseits sehr politisch und exemplarisch die großen gesellschaftlichen Umbrüche in Teheran und ein treffendes Bild des aktuellen Deutschlands darstellt.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran. KIWI. Köln 2016. 288 Seiten. 19,99 Euro

Am Ende bleiben die Zedern

Samirs Eltern flohen 1982 vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon nach Deutschland. Hier kommen Samir und seine jüngere Schwester zur Welt. Nachdem die Familie scheinbar Fuß gefasst hat, verschwindet völlig unerwartet der Vater. Dieser Verlust hat für den achtjährigen Jungen traumatische Folgen. Als Erwachsener reist er auf der Suche nach seinem verschollenen Vater in den Libanon. Bei der Konfrontation mit der Realität geht es bald um die Suche nach der Wahrheit über den Vater, seine Identität und die Geschichte dieses vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes mit den unterschiedlichen Perspektiven und Wahrnehmungen seiner 18 politischen und religiösen Gruppierungen. Samirs eigene Identität verändert sich mit der Erkenntnis, dass das Land längst nicht mehr das Land aus der Kindheit seines Vaters ist und dass sein Vater die Realität in seinen heißgeliebten orientalischen Schelmen-Geschichten versteckt und verklärt hat, um sie für sich und seine Landsleute erträglicher zu machen.

„Am Ende bleiben die Zedern“ ist der 2016 erschienene Debütroman von Pierre Jarawan, der selber mit seinen Eltern aus dem kriegsgeschüttelten Libanon fliehen musste. Er wuchs in Deutschland auf und gehört seit einigen Jahren zu den bekanntesten Poetry-Slammern Deutschlands. Sein Roman breitet eine ganze Anzahl von Themen aus: Das persönliche Schicksal von Flüchtlingen und Kindern, die ihre Eltern verlieren, verknüpft er mit der Geschichte des Libanons. Dabei bringt er vielfältige Informationen über das libanesische Kriegsdrama ein und stellt die Zerrissenheit der Menschen dar. Deutlich werden der alte Libanon, die bunte, kosmopolitische, angstfreie Welt seines Vaters, genauso wie die Ansätze zu einem zerbrechlichen Frieden und Bemühungen um Gemeinsamkeiten der Nachkriegszeit. Geschrieben ist der Roman in einer in Sprache und Stil an orientalische Schelmengeschichten erinnernden Blumigkeit, Übertreibung und Wiederholung.

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern. Berlin-Verlag. Berlin 2016. 448 Seiten. 22,00 Euro

 

Die Gierigen

Drei junge Franzosen sind während ihrer Studentenzeit eng befreundet: Samir, dessen Eltern aus Tunesien stammen und der ohne Vater in einem Pariser Elendsviertel aufgewachsen ist, Samuel, Sohn einer mittelständischen jüdischen Familie und Nina. Beide Männer lieben Nina. Daran zerbricht ihre Freundschaft. Während Samuel und Nina heiraten, aber beruflich und privat wenig erfolgreich sind, schafft der ehrgeizige und karrierebesessene Samir unter falscher Identität einen steilen beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg in den USA. Durch seine Berühmtheit kommen sie zwanzig Jahre später wieder in Kontakt. Aus ihrem neuerlichen Zusammentreffen entwickelt sich eine unbändige Dynamik, die ihr bisheriges Leben gnadenlos aus der Bahn wirft.

Die universellen Themen Liebe, Leidenschaft, Eifersucht, Ehrgeiz, Gier, Neid und Rache werden in einem zeitgenössischen Rahmen umgesetzt. 

 

Von Krieg und Gewalt unterhöhlte Demokratien in unseren modernen Metropolen, von Unglück und Hass geprägte Kindheit und Jugend ohne kulturelle Wurzeln, ohne soziale Sicherheit und Zugehörigkeit führen für die Individuen zu einer Identitätssuche, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Integration und bitteren Erfahrungen der Diskriminierung, was letztendlich in einem wetteifernden Vergleich zwischen jüdischer und arabischer Diskriminierung gipfelt. Die Autorin erzählt in rasanter Weise und in einem über weite Teile atemlos anmutenden Stil eine wilde Story und malt dabei ein furioses Sittengemälde der heutigen Zeit.

Karine Tuil: Die Gierigen. Aufbau-Verlag. Berlin 2014. 479 Seiten. 19,95 EUR

Patasana

Mord am Euphrat

Ein deutsch-türkisches Archäologen-Team findet in der Nähe des südostanatolischen Antep sensationelle Tontafeln aus der 2700 Jahre zurückliegenden Zeit der Hethiter. Sie sind beschriftet mit einem unbekannten Epos, das die Kultur und den Untergang eines ganzen Volkes schildert. Während der Ausgrabung ereignen sich in den umliegenden Dörfern mysteriöse Morde, deren Aufklärung die politischen Brennpunkte der neuzeitlichen Türkei offenbart.

Ahmed Ümits Krimi wird in zwei parallel verlaufenden Handlungssträngen erzählt: Der hethitische Hofschreiber Patasana schildert das grausame historische Schicksal seines Volkes und seine eigene Tragödie. Gleichzeitig verdeutlichen die Ausgrabungsarbeiten und die Aufklärung der aktuellen Morde in der Gegenwart des heutigen Anatoliens Verquickungen und Konflikte der bis in die Gegenwart hineinreichenden jüngeren Vergangenheit. Ümit offenbart in weit auseinander liegenden Zeiten Liebe, Rache und Verrat als grundlegende Motive der menschlichen Seele.

Ahmet Ümit: Patasana – Mord am Euphrat. Unionsverlag 2013. 416 Seiten. 13.95 Euro

Mein Mann ist Ägypter:

15 Frauen erzählen aus ihrem Leben

15 Frauen, die allesamt als Ausländerinnen mit ihrem ägyptischen Mann in Ägypten leben, erzählen ihre Lebens- und Ehegeschichte. Annelies Ismail, die selbst fast 50 Jahre mit einem Ägypter verheiratet ist, sammelte und veröffentlichte die Geschichten aus ihrem Bekanntenkreis. Ihre Erfahrungen in Ägypten und ihre Bewertung sind für diese Frauen so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten. Für alle war jedoch ihr Lebensabenteuer sowohl eine große Herausforderung, als auch eine Bereicherung.

Annelies Ismail: Mein Mann ist Ägypter: 15 Frauen erzählen aus ihrem Leben. Glaré-Verlag. Februar 2008. 282 Seiten. 15,90 Euro  

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