Wilfried Schäfer ist seit 2014 Lehrer an der DEO. Er stellt hier vier Menschen aus seiner Umgebung vor. Die Interviews führte er zusammen mit Hoda Saad El Din, Schülerin der Klasse 11d an der Deutschen Evangelischen Oberschule (DEO) in Kairo.

Der Rahmenmacher: Ahmed Mohammed

Ich heiße Ahmed Mohammed, ich bin am 21.6.1961 in Alexandria geboren und wohne seit meinem 9. Lebensjahr in Abou Etada, also seit nun fast 45 Jahren. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder: drei Söhne (30, 26 und 25 Jahre alt) und eine Tochter (17 Jahre alt) und auch schon zwei Enkelinnen. Ich bin in Alexandria zur Schule gegangen, habe sie aber nach der vierten Klasse verlassen, deshalb kann ich auch nur sehr schlecht lesen und schreiben.

Ich arbeite seit 1971 in dieser Werkstatt hier in der Sh. Dokki in Kairo, der frühere Besitzer hat mir alles gezeigt; seit er tot ist, gehört die Werkstatt seinen Kindern, für die ich arbeite. Ich liebe meinen Beruf, weil ich gerne mit den Händen arbeite, etwas herstelle. Das mache ich am liebsten alleine, denn nur dann weiß ich, dass ich alles selbst gemacht habe und dass es gut ist, denn auf die Ergebnisse meiner Arbeit, die gerahmten Bilder, will ich immer stolz sein!

Außer freitags bin ich jeden Tag von 10 bis 22 Uhr hier und ich bin stolz, dass ich von meiner Arbeit leben kann und keiner anderen Tätigkeit nachgehen muss. Wenn ich nicht hier bin, gehe ich in der Stadt spazieren, treffe Freunde, denke nach, ich bin auch gerne am Nil, den ich sehr liebe, genauso wie mein ganzes Ägypten!

Alexandria ist nur noch etwas für die Ferien, aber ich mag die Menschen dort, das Wetter, das Meer! Kairo dagegen bedeutet für mich Arbeit, Beruf und Leben.

Ich bin so erzogen worden und habe es auch gelernt, dass ich meine Arbeit lieben und stets mein Bestes geben muss. Leider fehlt diese Erziehung heute vielen Jugendlichen.

Es war zwar eine große Ehre für mich, als ich Bilderrahmen für den Diplomaten-Club in Downtown herstellen durfte und meine Kunden sehr zufrieden waren, doch am schönsten ist es für mich, wenn das, was ich gemacht habe, gelungen ist und es dem Kunden gefällt, wer immer er auch ist.

Die Studentin und Fitness-Trainerin: Rasha Ragab
Mein Name ist Rasha Ragab, ich bin am 27.4.1983 in Kairo geboren und lebe jetzt mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester immer noch hier, in Mohandessin.

Schon in der Schule, also etwa mit 17 Jahren, habe ich angefangen, Volleyball zu spielen und war erfolgreich, auch auf nationaler Ebene; ich habe ja auch eine ideale Größe (ich bin 1,85 m groß). Ich habe mich sehr auf den Sport konzentriert in dieser Zeit.

Seit fünf Jahren bin ich Trainerin für Aerobic, seit drei Jahren im Studio O2 hier in Dokki, wo ich Aerobic, Zumba und Bauchtanz unterrichte, das Ganze fünf bis sechs Tage in der Woche zu verschiedenen Zeiten, da wir immer eine weibliche Trainerin auf der Fläche haben, wenn nur die Frauen trainieren oder wenn es gemischte Trainings gibt. Einen Tag habe ich frei!

Mir macht es am meisten Spaß, wenn ich sehe, dass unter meiner Anleitung jemand abgenommen hat oder anderweitig das gemeinsam erarbeitete Ziel für seinen Körper erreicht hat. Dieser Erfolg macht mich sehr zufrieden. Für mich selbst trainiere ich separat hier im Studio.

Meine Biografie ist etwas ungewöhnlich, denn erst vor zwei Jahren habe ich (wegen der vorherigen Konzentration auf den Sport) mein BWL-Studium an der Universität Kairo begonnen. Ich bin mir noch nicht sicher, aber wenn ich das Studium beendet habe, kann ich mir durchaus vorstellen, einen ganz anderen Beruf auszuüben, aber das ist noch nicht konkret als Plan in meinem Kopf, es ist nur so eine Ahnung, dass da etwas sein könnte.

In jedem Fall möchte ich eine Familie gründen und auch weiterhin im Bereich Sport Neues  dazulernen.

Ach ja: Ich koche gerne, am liebsten traditionelle ägyptische Gerichte, die ich alle mag!

Würde ich etwas anders machen, wenn ich nochmal „von vorne anfangen“ könnte? Nein, ich bin zufrieden mit meinem Leben, so, wie es war, war es genau richtig!

Die Geschäftsfrau: Hanan Saad

 Ich treffe die 50-jährige Hanan Saad in einem ihrer drei Läden in Zamalek (die beiden anderen liegen in Mohandessin und in der Media-City in der 6.-Oktober-Stadt). Sie bieten Salate, Sandwiches und Desserts an.

In der Sh. Hassan Essam liegen auch das Hauptbüro und die Zentralküche, denn neben den drei Geschäften betreibt Hanan vor allem einen erfolgreichen Catering-Betrieb, der mit einem reichhaltigen Angebot von Lunch-Boxen für Firmen bis zum 500-Personen-Event alles liefern kann. Neben einer bereits im Angebot befindlichen eigenen Diät-Linie „choose2loose“ soll ein glutenfreies Menü entwickelt werden.

Hanan wurde in Kairo geboren, besuchte die DEO bis zur 8. Klasse (damals noch in Zamalek)und wechselte dann zur Deutschen Schule der Borromäerinnen, wo sie das Abitur machte. Studiert hat sie danach Marketing und PR in Montreal/Kanada, wo sie insgesamt 15 Jahre blieb, arbeitete und  ihren jetzt 20-jährigen Sohn bekam. Seit 1998 ist sie wieder in Kairo zuhause.

In unserem lebhaften Gespräch wechselt Hanan, besonders als ihr Vater, ein Kopte, dazu kommt, zwischen Arabisch, ihrer Muttersprache, Französisch, der Sprache, in der ihre Mutter, eine griechisch- katholische Melkiter, mit ihr gesprochen hat, Englisch und Deutsch, die sie an DEO und DSB gelernt hat, hin und her; sie bezeichnet sich selbst als „easily adapting“, weshalb ihr auch der Wechsel zwischen den sehr unterschiedlichen Lebensweisen in Kanada und Ägypten leicht gefallen sei. Hanan gefällt in Kairo das Wetter; die Menschen sind ihr lieb und teuer, nerven sie aber auch gleichzeitig, wenn sie sich allzu offensichtlich nicht an Regeln halten, sie mag den Nil und Zamalek, weil man dort gut zu Fuß unterwegs sein kann.

Auf meine Frage nach ihrer Freizeit lächelt sie nur: Sie habe keine, denn sie sei auch noch Partnerin in einer Agentur für grafisches Design und arbeite aktiv bei der Caritas Ägypten mit. Seit 15 Jahren besucht sie regelmäßig das Lepradorf in Abu Zaabal. Die Unterstützung bei dem Wiederaufbau von Kindergarten und Schule, bei der Betreuung im Hospital und der Arbeit im Garten ist ihr ein besonderes Anliegen.

Ihr Ziel für die Zukunft sieht sie in einem Ausbau ihres Ernährungsgeschäfts. Das, so meint sie nach kurzem Zögern, „sauge einen schon auf.“

Der Pensionär und Visionär: Nabil Saad

Als Nabil Saad, Hanans Vater, das Geschäft betritt, ist mir schnell klar, dass dieses Interview ein schwieriges Unterfangen wird, denn der 82-Jährige sprüht nur so vor Temperament und einem immensen, auch im  Detail präsenten Wissen.

1933 in Kairo geboren, besucht Nabil Saad zunächst von 1938 bis 1951 die Jesuiten-Schule neben der Ramses-Station, deren Schul- Magazin im Übrigen auch „Papyrus“ geheißen habe, studiert dann von 1951 bis 1956 an der Kairo-Universität Pharmazie und Pharmazeutische Chemie, graduiert als Bachelor. Über 36 Jahre ist er von 1965 bis 2000 als Geschäftsführer der Bereiche Chemie und Medizin in Ägypten für das Pharmaunternehmen Merck/Darmstadt tätig.

Als Nabil sich die erste Zigarette anzündet, fällt ihm eine Anekdote ein, die sich auf Helmut Schmidt, den Bundeskanzler und überzeugten, bisweilen starrsinnigen Raucher, bezieht: Bei Merck habe es einen gleichnamigen Kollegen gegeben, dem er einst einen Brief geschrieben habe, der aber aufgrund der Namensgleichheit des Empfängers an das Bundeskanzleramt geschickt, dort geöffnet, wieder verschlossen und schließlich nach Darmstadt zugestellt worden sei. Der Brief war mit der Briefmarke des Kanzlers versehen!

Von Helmut Schmidt geht es im Gespräch weiter zur Revolution 1952, dann zurück in die 40er Jahre, von dort in die Geschichte der Familie seiner Frau.

Deren Urururgroßvater, ein Antoine Abu-Takeya, sei ein so reicher Mann gewesen sei, dass Napoleon im Jahre 1779, als er nach dem erfolglosen Ägyptenfeldzug und der Zerschlagung seiner Mittelmeer-Flotte bei Abou Kir durch Lord Nelson seinen Soldaten keinen Sold mehr zahlen konnte, mit ihm einen schriftlichen Kredit-Vertrag  geschlossen  habe  über die  damals  ungeheure  Summe von 1,3 Mio. Francs. Noch im  selben  Jahr  flüchtete  Napoleon  heimlich  aus  Ägypten  nach Frankreich, überließ seine Soldaten ihrem Schicksal unter der Herrschaft der Türken ohne Unterstützung durch das Mutterland, bis die gesamte Armee schließlich 1801 evakuiert wurde.

Sein Enkel Ibrahim Abu-Takeya schließlich beantragte 1853 vom französischen Staat  die  Rückzahlung des einst geliehenen Geldes, legte den alten Vertrag vor, den das Kabinett auch anerkannte. „Ibrahim traf 1854 einmal mit Napoleon III. zusammen, woraufhin Napoleon III. seiner Regierung den  Auftrag  erteilte,  sich  um  die  Angelegenheit  zu  kümmern;  als  sie  sich  1855 erneut trafen, verlieh der Herrscher ihm und  seinen  Nachkommen  die  französische  Staatsbürgerschaft und übergab einige  Geschenke.  Der  Herrscher  schrieb  ihm  auch  einen  Brief  und informierte ihn,  dass gemäß dem Code Napoleon die Verjährungsfrist  abgelaufen sei und dass  aus Sicht der französischen Regierung diese Summe als spezielle Steuer für die Kopten betrachtet worden sei, die sein Großvater bezahlt habe. Napoleon der III. wies die Regierung an, Ibrahim die Auslagen für den zweijährigen Aufenthalt in Paris in geschätzter Höhe von 45 000 Francs zu erstatten.“

Nabils Schwiegervater studierte Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris Jura und Wirtschaft, arbeitete kurz als Rechtsanwalt in Ägypten und wurde dann durch diverse Immobiliengeschäfte sehr reich – bis in der Folge des Konfliktes um den Suez-Kanal 1956 das gesamte Vermögen von Juden, Briten, Franzosen und anderen Ausländern konfisziert wurde, auch das des Schwiegervaters. Aus Zorn und Enttäuschung gab dieser  die französische Staatsbürgerschaft zurück, so dass von da an die Familie nur noch ägyptische Pässe hatte.

Angesprochen auf die Probleme des heutigen Ägyptens nennt er als deren Quelle und Ursache die demografische Explosion: Probleme mit Wohnungen, der Versorgung, der Infrastruktur und des Verkehrs, des Bildungswesens seien die Folge, so dass heute etwa 40% der Ägypter in Slums und informellen bzw. illegalen Behausungen wohnen; zusammen mit der Mentalität, dem Wertesystem (dem  Glauben)   und   der   sozialen   Herkunft   vom   Land   stellten   diese   Bedingungen   eine   fast unüberwindliche Hürde beim Versuch dar, diese Explosion zu bremsen. Ein weiteres Problem sei die hohe Zahl  der  Staatsbediensteten:  Während  man  heutzutage  davon  ausgehe,  dass  etwa  5%  der Arbeitsbevölkerung im Staatsdienst sein dürften, was bei 24 Millionen  Ägyptern  im  arbeitsfähigen Alter 1,5 Millionen sein sollten, seien es tatsächlich 7 Millionen!

Zwei Lösungsvisionen hat Nabil für das Bevölkerungsproblem: Eine ist das Prinzip „Qualität geht vor Quantität“ (zum Beispiel weniger Kinder durch die Erhöhung des Heiratsalters), die andere ist ein System materieller Anreize, die aus den Sozialversicherungen finanziert werden könnten, um Familien mit einer geringeren Kinderzahl zu belohnen. „Jede Familie mit nur einem Kind nach fünf Jahren Ehe erhält eine Belohnung, nach zehn Jahren mit nur zwei Kindern eine weitere Belohnung... der Punkt ist, dass in diesem Alter dann wahrscheinlich nicht noch weitere Kinder zu erwarten sind.“

Es wird spät und wir beschließen, das Interview zu beenden, ohne wirklich zu einem Ende gekommen zu sein! Es ist sicher nicht das letzte Gespräch mit dem jungen 82-jährigen Pensionär, der seit 2009 auch Präsident der ägyptischen Caritas ist, die im Moment zusammen mit der UNHCR vor allem Flüchtlinge unterstützt.