Liebe Leserinnen und Leser,
„eine Attacke auf alle Sinne“ sei Kairo, so wurde ich von ortskundigen Kollegen auf meinen Einsatz in Ägypten eingestimmt. Die Eindrücke seit unserer Ankunft im August bestätigen diese Einschätzung. Der herausfordernde Alltag mit dem ständigen Lärm der Menschen und Fahrzeuge, die staubige und schadstoffhaltige Luft, die diesjährige sommerliche Hitzewelle …

Freitagmorgen auf dem Weg zum Gottesdienst in der All Saints‘ Cathedral: Vor der Moschee an der Ecke wird der Gehweg gekehrt, der Bawab am Haus gegenüber reinigt in aller Ruhe die Treppen vor dem Haus, am öffentlichen Wasserspender vor dem Nachbarhaus nimmt ein junger Mann einen Schluck aus dem angeketteten Blechbecher – so wie es wahrscheinlich Dutzende anderer Passanten an diesem Tag ebenfalls tun werden, auf seinem robusten Fahrrad kommt der Nana-Verkäufer schlingernd entgegen und preist laut seine frische Ware an, für das Freitagsgebet werden grüne Teppiche auf der Mittelinsel der 26.-Juli-Straße ausgelegt, der Gemüsehändler in der Nebenstraße sortiert seine morgendliche Auslage, in einem Mauervorsprung vor der bewachten Botschaft hat sich der Sicherheitsbeamte eine kleine Küche eingerichtet und bereitet gerade frisch-dampfenden Tee zu. Ich liebe Kairos Quirligkeit und Vielschichtigkeit, die Gastfreundschaft und Neugierde der Bewohner, die alltäglichen Überraschungen … und zugleich empfinde ich diese Stadt als höchst anstrengend, nervig und kräftezehrend.

Nach einer ausgiebigen Suche, die offenbar vielen Neuankommenden nicht erspart bleibt, haben meine Frau und ich eine schöne Wohnung auf Zamalek gefunden. Fußläufig vom Büro aus zu erreichen und mich ein wenig an meine Zeit in Berlin-Mitte erinnernd. Die herrschaftlichen Häuser mit zum Teil klassizistischen oder jugendstilgeprägten Türen und Eingangsbereichen, die breiten, oft baumbestandenen Straßen, auf denen auch am späten Abend noch reges Treiben herrscht. Zugegeben, ein wenig mediterraner als in Berlin ist es schon.

Meinen Arbeitsplatz als Landesdirektor der GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH) habe ich am nördlichen Rand des Gezira-Parks. Wahrscheinlich ist dies weltweit das einzige GIZ-Büro mit Blick auf einen Golfplatz in Kombination mit einem täglich zwölfstündigen Hupkonzert der sich vor dem Haus dahinquälenden Autoschlange.

Unsere Projekte führen wir vor allem für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durch. Dabei geht es um ein breites thematisches Spektrum: öffentliche Infrastruktur für Wasser, Abwasser, Abfall sowie Strom aus Wind und Sonne, die Förderung von Privatwirtschaft, beruflicher Bildung und Beschäftigung, die Entwicklung benachteiligter Stadtgebiete, die Frauenförderung sowie die Verbesserung der Governance durch eine effiziente Verwaltung und bürgernahe öffentliche Dienstleistungen.
In den derzeit über 20 Projekten geht es insbesondere darum, die Mitarbeiter sowie die Strukturen der staatlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, mit denen wir hier in Ägypten  zusammenarbeiten, zu stärken. Ziel dieser Bemühungen ist es, die Lebensbedingungen im städtischen und  ländlichen  Bereich  zu  verbessern,  die  Verantwortung  von  Staat  und  Bürgern  zu  stärken, Privatwirtschaft und Beschäftigungsmöglichkeiten zu fördern und dadurch besonders für junge Menschen Zukunftsperspektiven zu schaffen.

Auch andere Ministerien der Bundesregierung, wie etwa das Auswärtige Amt und das Umweltministerium, sind an der Zusammenarbeit mit der GIZ interessiert; ebenso stellen die EU und weitere Finanziers Mittel für die Projektdurchführung zur Verfügung. Betrachtet man die Anzahl der laufenden Projekte, deren finanzielles Volumen sowie die mehr als 250 nationalen und internationalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, so steht die GIZ derzeit auf dem Höhepunkt ihrer mehr als 40-jährigen Arbeit in Ägypten; und dies trotz mancher aktuellen politischen und praktischen Herausforderung.

Was mich persönlich nach Ägypten und zu dieser Aufgabe gebracht hat? Wegbereitend war sicherlich meine langjährige Arbeitserfahrung in Jordanien und der MENA-Region wie auch die mehrjährige Verantwortung für die Personalrekrutierung in der GIZ. Ich denke, die Kombination einer in jeder Hinsicht spannenden Region mit der Möglichkeit zur Begegnung mit interessanten und interessierten Menschen hat für mich den Schritt nach Kairo besonders attraktiv gemacht. Zudem kannte ich Ägypten von früheren Dienstreisen und einem Familienurlaub, den wir vor gut zehn Jahren mit unseren damals drei pubertierenden Kindern (überraschenderweise völlig entspannt J) auf einem Nilschiff verbracht haben.

Seit unserer Ankunft habe ich zusammen mit meiner Frau Maria bisher vor allem das breite und bunte kulturelle Angebot in Kairo genutzt und den einen oder anderen Stadtbezirk näher erkundet. Zwar führten in dieser Zeit auch kurze Reisen nach Assuan und El-Alamein, aber von der Vielfalt und Schönheit des Landes dazwischen haben wir bisher eigentlich herzlich wenig gesehen. Ich hoffe sehr, dass sich dies in den nächsten drei Jahren ändern wird. Deswegen konzentrieren wir uns demnächst bei unseren Entdeckertouren auf alles, außer Kairo.