1-2-Polizei ... 3-4-Was will ich hier?

 

 Wolfgang Engelhorn

 

UnterhŠlt man sich mit €gyptern, so scheint die Welt am Nil nur aus Dieben, RŠubern und Schuften in ihrer Umwelt zu bestehen. Es gibt die tollsten "Pistolen", die in den Zeitungen kursieren, aber in unserem europŠischen Sinne steckt im Vergleich oft wenig an Kapitalverbrechen oder Šhnlichem dahinter, wenn man mal von Ehrenmorden in OberŠgypten oder den hei§blutigen Taten im Affekt absieht. Nicht dass viele Schlitzohren nicht ihren Vorteil im kleinen "Betrug" suchen und andere Ÿber das Ohr hauen, wenn sich die Chance bietet, aber im Vergleich zu den "Verbrechen", die in Europa passieren, ist €gypten - noch - eine Oase des Friedens – hamdullilah (†bers.: Allah sei Dank)!

 

Wehe aber dem, der im katastrophalen Autoverkehr seine Rochsa (†bers.: Zulassung) verliert, dem ein Schaden am Auto passiert oder dem irgendwelche Dokumente gestohlen werden, dem kann es wirklich schlecht ergehen. Nerven liegen blank, wenn man die entsprechenden Dokumente wieder beschaffen will - fast schlimmer als der eigentliche Diebstahl und die Trauer um den Verlust lieber Dinge.

 

Vor meiner Reise im Sommer nach Deutschland wollte ich noch das Licht meines Autos einstellen und den Schalter der Blinker, die nicht mehr zurŸckrasteten, reparieren lassen. Zu spŠt angeschoben sollte das Projekt in meiner Abwesenheit durchgefŸhrt werden. Meine RŸckfrage aus Deutschland wurde mit Mishkella (†bers.: Problem) beantwortet, denn der "lustige" Monteur Sameh wollte die Scheinwerfer an einem freien Platz auf Weite testen und wurde von der Polizei gestellt. Die Rochsa war weg!

 

Wer meine Geschichten Ÿber den Ramadan kennt, wei§ was es hei§t, im Ramadan etwas erreichen zu wollen - fast nicht mšglich, im Sommer eigentlich fast unmšglich, doch ohne Rochsa zu fahren, findet man als Deutscher auch nicht so nett. Kurzum ich schickte meinen Helfer Said zu Giza Traffic, um das Papier zurŸck zu erhalten. Die Strafe beglich er, denn es war auch gleich noch festgestellt worden, dass ich an meinem schwarzen Auto einen chromfarbenen massiven Grill vorne wieder hatte befestigen lassen, was nicht erlaubt ist, aber die Rochsa konnte nur ich selbst abholen. Ich liebe den Ramadan!

 

Automobile,Autos,Fahrzeuge,Fortbewegungsmittel,Limousinen,Transport,VerkehrSaid hatte den Grill natŸrlich zwischenzeitlich abmontieren lassen, denn mein Auto musste nun auch noch von einer Art T†V inspiziert werden. Er hatte auch einen dieser vielen guten pragmatischen Tipps auf Lager, die mich immer wieder faszinieren: Das Auto ist schwarz? Lasse also deinen Grill auch schwarz lackieren und du hast keine weiteren Probleme, denn als Autofarbe ist ja Schwarz eingetragen! Nun ja, Ÿbertreiben wollte ich das Spiel nicht, also erst einmal den Grill weggelassen und zu Giza Traffic. Dort wartete schon unter dem Sonnendach ein tŸchtiger Beamter, der durch mein "Deutschtum" und seine Kenntnisse von deutschen Autos sehr zugŠnglich war, die obligaten abkopierten Motoren- und Chassisnummer durch Falzen der Seiten so verglich, dass klar war, das ist mein Auto. Nun also nur noch in den zweiten Stock des GebŠudes, doch das war falsch, also wieder ins Erdgeschoss und die andere Treppe hinauf zu Schalter 15 - wo niemand war.

 

Unser Warten und unsere Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Leute, die neben mir gewartet hatten, befanden sich plštzlich glŸckstrahlend auf der anderen Seite des Schalterraumes, charmierten mit den Beamten und steckten das obligate Bakschisch zu - das Leben im Ramadan kostet ja nun besonders viel - und die BeamtengehŠlter sind bekannterma§en gering. Auch wir "schmierten", bekamen ein Papier, das wieder hinunter zu dem freundlichen Beamten auf der Stra§e gebracht werden musste, der darauf bestŠtigte, dass alles in Ordnung war.

 

Die Unruhe des frŸhen Dienstendes war schon zum Greifen nahe, denn es wurden bereits die Treppen Ÿberschwemmt, aber es war ja nur noch die Rochsa abzuholen- eigentlich ein Kinderspiel! Im ersten Stock fŸhlte sich noch immer niemand fŸr den Schalter 15 zustŠndig, wir eilten andere Schalter entlang, Schulterzucken, leere - bakschischlose - Blicke. Nur noch wenige Kunden sŠumten die schmutzigen BŠnke und abgegriffenen Schaltertresen, als mir die Galle stieg und ich in wŸsten Beschimpfungen Ÿber die "unfŠhige, servicelose Dienstauffassung" vor Ort ausbrach. Erstaunte Blicke Ÿber meine Unverfrorenheit machten die Runde, als mich ein scheinbar mitleidiger Beamter um die Ecke zum ChefbŸro lotste. Der Ÿberwachte per Monitor die ganze Schalterhalle, "pfiff" nach meinem Bericht die herbeizitierten Beamten zusammen und erklŠrte mir, nachdem er erzŠhlt hatte, dass er schon einmal in Deutschland gewesen war, dass ich in 10 Minuten meine Rochsa haben wŸrde.

 

Fingerabdruck,Fingerabdruck nehmen,FingerabdrŸcke,MŠnner,MŠnnliche Personen,Menschen,Menschen bei der Arbeit,Polizeiamt,Polizeibeamte,Polizeistationen,Polizisten,Recht und Ordnung,Reviere,VerdŠchtige Ich kenne 10 Šgyptische Minuten, aber kann man diesen Augen misstrauen? Da sa§ ich nun und beobachtete, wie sich die BŸros leerten, alle Beamten beim Chef antanzen mussten, der seine Untergebenen fŸnf Minuten warten lie§, um sie dann huldvoll mit einer Armbewegung zu entlassen - ich mitten drin. Nach 15 Minuten - ich glaubte es eigentlich nicht mehr - kam ein mir bisher unbekannter Beamter mit leidvoller Miene "hereingedackelt", wurde umgehend "zur Sau gemacht", denn er hatte sich bereits vor Dienstschluss - Ramadan ist anstrengend - auf den Heimweg nach Ain Shams gemacht (der Weg ist ja weit). Mit der Metro zurŸckgeholt, war meine Rochsa nach 3 Minuten auf dem Tisch und ich glŸcklich von dannen gewandelt.

 

Sicher wurden in den abendlichen Iftars die Geschichte von dem durchgedrehten AuslŠnder zum Besten gegeben. Aber ich hatte auch ein zufriedenes LŠcheln auf dem Gesicht des Chefs gesehen, der einmal mehr gezeigt hatte, dass auf die gehobene Beamtenschaft trotz kleinerer Verzšgerungen Verlass ist. Sa?

Nur behielt ich die Rochsa nicht lange bei mir, denn mir wurde mein Geldbeutel mit Papieren in der Metro gestohlen. Aller Aufwand umsonst!

 

Das hie§: Vor der Ausstellung der neuen Papiere musste ein Bericht bei der Polizei angefertigt werden. Ich kenne ja die Polizeistation in Dokki, also ans Tor und von einem Beamten nicht zu den Schaltern in den Keller, sondern zum Chef geschleppt. €gyptische BŸros lohnen immer die Betrachtung. Meist sind sie voller alter Schreibtische und noch gefŸllter mit Menschen. Dort - in der alten Villa am Nil - ein hoher Raum, zwei massive Schreibtische und - nichts auf den Tischen au§er Aschenbecher, Fernbedienung fŸr den laufenden Flachbildschirm mit Šgyptischen Soaps, einem Kugelschreiber und zwei Handys. Ich vergesse: hinter einem Paravant ein zerknautschtes Bett(!), kein Tageslicht, die Klimaanlage auf 16 Grad heruntergekŸhlt, dass mir Angst und kalt um meine zarte Gesundheit wurde.

 

Freundlich wurde ich begrŸ§t, sachkundig befragt, dann wurde entschieden, dass ich ein Protokoll in englischer Sprache ausfertigen sollte. Zwischenzeitlich wurden andere Anliegen behandelt, denn stŠndig kam jemand in die Amtsstube, Haltung annehmend, HŠnde auf den RŸcken, ServilitŠt im Blick, obwohl die beiden jungen Offiziere ohne Uniform nicht als solche zu erkennen waren. Ich beobachtete interessiert, wie deren Ton eine SchŠrfe annahm, die sie mir gegenŸber všllig fehlen lie§en. Die Gesten wurden herrisch und fast schon anma§end, obwohl die Besucher wesentlich Šlter waren und eigentlich Hilfe erwarten durften. Halb erstarrt vor KŠlte gingen wir das Protokoll des Diebstahls meines Portemonnaies in der Metro noch einmal durch, dann wanderte das Papier in die MŸhlen der Polizeistation, mir wurde in 10 Minuten die †bersetzung und Lšsung des Problems versprochen und der scheinbar erste Offizier verlie§, befriedigt von seinem geleisteten Tagewerk, die Chipchip zu Schuhen wechselnd, den Dienst. Ich wartete.

 

Der andere Offizier bestellte einen Cafe, Ÿbergab seine eigene Kaffeepackung an den Cafeboy, die dieser mit einem stark aussehenden GetrŠnk in der Hand bald dienstfertig zurŸck brachte. Ich wartete. Der Offizier bediente seine Handys, trank Cafe, fertigte neue Besucher ab und verschwand. Ich wartete weiter. Halb erfroren lag ich schon auf meinem Platz und harrte des Papiers, das nicht kommen wollte. Aus Verzweiflung šffnete ich die TŸr, besah mir das heruntergewirtschaftete GebŠude und hoffte...

 

Eingesperrt,Gefangen,Gefangener,GefŠngnisse,HŠftlinge,Justizvollzugsanstalten,Kriminelle,MŠnner,MŠnnliche Personen,Menschen,Polizeibeamte,Polizisten,Recht und Ordnung,VerschlussIrgendwann, als ich es nicht mehr zu wagen glaubte, erhielt ich tatsŠchlich mit klammen Fingern ein Papier mit der Anweisung, am nŠchsten Tage wieder zu kommen. Auf dem "Wisch" fand sich nur eine Verwaltungsnummer... dann sollte alles ganz schnell gehen. Zwei Stunden Warten fŸr eine Registriernummer??? Zornig ob der in der KŠlte vergeudeten Zeit schimpfte ich - ohne Erfolg - und stakste steif vom GelŠnde - trŸbe Gedanken sinnend.

 

Der nŠchste Tag kam, die Sonne schien, ich besuchte das Revier, das mir nun schon so vertraut war, traf noch den ersten Offizier, der mich wie immer freundlich mit einem Bediensteten weiter in den Keller schickte. Dort sa§ in einem Gitterverschlag die "Verbrecherwelt" Kairos, die Beamten tranken Cafe, rauchten und spielten auf ihren Handys. In solchen Situationen verstehe ich kein Arabisch, so dass mir nach einiger Wartezeit ein Offizier in halsbrecherischem Englisch klar zu machen versuchte, dass ich am nŠchsten Tag wieder kommen sollte, da der Verantwortliche mit dem Stempel nicht mehr anwesend sei. Nun war es wirklich genug mit meiner Langmut. Auch auf die Gefahr hin, zu den "Verbrechern" eingesperrt zu werden, erregte ich mich diese Mal Ÿber die mangelnde Kooperationsbereitschaft, Dienstauffassung und das zurŸckgebliebene DienstverstŠndnis der Polizei. Das war natŸrlich ein "Versuchsballon", denn ernsthaft kann man nicht damit rechnen, Šgyptische BŸrokratie mit Schimpfen zu beeindrucken. Die ist wie eine Gummiwand.

 

Aber irgendwie gelang es doch. Telefonate mit irgendeinem Chef wurden mir angekŸndigt und ausgefŸhrt, um Geduld wurde gebeten und ich wartete die obligaten "ten minutes" wie gewohnt. Mich Ÿberkam nun eine gro§e Ruhe und Gelassenheit, obwohl mir deutlich angekŸndigt wurde, dass ich ein Pfund fŸr den Stempel bezahlen mŸsse. Hat sich bis zur Polizeiwache in Dokki noch nicht herumgesprochen, dass Ÿberall die GebŸhren gestiegen sind oder sollte da ein Rabatt fŸr AuslŠnder gelten? Dieser Preis beeindruckte mich kaum, wenn sonst AuslŠnder Ÿberall die doppelten oder bis zu 10fachen Preise zahlen mŸssen! Wunder am Nil - und das mir. Nach 10 Minuten hatte ich das Papier mit Stempel tatsŠchlich in der Hand, wir waren alle gute Freunde geworden. Ich hŠtte auf der Stra§e tanzen kšnnen, wenn da nicht dieser ruchlose Verkehr um mich herumgebraust wŠre.

 

Am nŠchsten Tag schnell und triumphierend zu unserem Mitarbeiter, der meine neuen Papiere bei Giza Traffic auslšsen sollte, denn noch einmal wollte ich dieses Theater dort nicht erleben. Doch wehe! Es fehlten die Nummern der beiden verlorenen Dokumente, die ich eigentlich auch nicht hŠtte haben dŸrfen, denn meine Kopien sind eigentlich hšchst staatsgefŠhrdend, da nicht original. Wohin fŸhrte mich mein erneuter Weg? Niemand wird es mir glauben, aber die Polizeistation leuchtete mir freundlich am Ende der Stra§e entgegen. Nicht in den Keller zu dem provisorischen GefŠngnis trieb mich mein Gang, sondern in das "KŠltebŸro" zu meinen Offizieren, die auch sofort ihre Arbeiten unterbrachen, mich erkannten und freundlich nach meinen WŸschen fragten. Ach "wie schšn ist das panamasche" €gypten. Ein schneller Anruf, ein Begleiter, der mich brachte und die Auskunft, dass alles nur eine Minute dauern werde, fŸhrten mich erneut in ein KellerbŸro, wo bereits ein anderer Offizier auf mich wartete, die Nummern hinzufŸgte, einen tollen Stempel aufdrŸckte und mir wissend zulŠchelte, als wollte er sagen: "Na, siehste, hier lŠuft`s wie am SchnŸrrchen!"

 

Ich warte bis jetzt auf meine neuen Papiere, aber das kann kaum noch dauern, ...wenn auch Herr Magdi bedeutungsschwanger verlautete, dass ich eventuell einen Sehtest oder Šhnliche Sicherheitsgeschichten machen mŸsse! Ob diese Leute wissen, auf wen sie sich da einlassen? Auch das werde ich meistern, denn ich bin ruhig und der nŠchste Ramadan ist ja noch fern!

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