1-2-Polizei ...
UnterhŠlt
man sich mit €gyptern, so scheint die Welt am Nil nur aus Dieben, RŠubern und
Schuften in ihrer Umwelt zu bestehen. Es gibt die tollsten
"Pistolen", die in den Zeitungen kursieren, aber in unserem europŠischen
Sinne steckt im Vergleich oft wenig an Kapitalverbrechen oder Šhnlichem
dahinter, wenn man mal von Ehrenmorden in OberŠgypten oder den hei§blutigen
Taten im Affekt absieht. Nicht dass viele Schlitzohren nicht ihren Vorteil im
kleinen "Betrug" suchen und andere Ÿber das Ohr hauen, wenn sich die
Chance bietet, aber im Vergleich zu den "Verbrechen", die in Europa
passieren, ist €gypten - noch - eine Oase des Friedens – hamdullilah (†bers.: Allah sei Dank)!
Wehe
aber dem, der im katastrophalen Autoverkehr seine Rochsa (†bers.: Zulassung) verliert, dem ein Schaden am Auto
passiert oder dem irgendwelche Dokumente gestohlen werden, dem kann es wirklich
schlecht ergehen. Nerven liegen blank, wenn man die entsprechenden Dokumente
wieder beschaffen will - fast schlimmer als der eigentliche Diebstahl und die
Trauer um den Verlust lieber Dinge.
Vor
meiner Reise im Sommer nach Deutschland wollte ich noch das Licht meines Autos
einstellen und den Schalter der Blinker, die nicht mehr zurŸckrasteten,
reparieren lassen. Zu spŠt angeschoben sollte das Projekt in meiner Abwesenheit
durchgefŸhrt werden. Meine RŸckfrage aus Deutschland wurde mit Mishkella (†bers.: Problem) beantwortet,
denn der "lustige" Monteur Sameh wollte die Scheinwerfer an einem
freien Platz auf Weite testen und wurde von der Polizei gestellt. Die Rochsa war weg!
Wer
meine Geschichten Ÿber den Ramadan kennt, wei§ was es hei§t, im Ramadan etwas
erreichen zu wollen - fast nicht mšglich, im Sommer eigentlich fast unmšglich,
doch ohne Rochsa zu fahren, findet
man als Deutscher auch nicht so nett. Kurzum ich schickte meinen Helfer Said zu
Giza Traffic, um das Papier zurŸck zu erhalten. Die Strafe beglich er, denn es
war auch gleich noch festgestellt worden, dass ich an meinem schwarzen Auto einen
chromfarbenen massiven Grill vorne wieder hatte befestigen lassen, was nicht
erlaubt ist, aber die Rochsa konnte
nur ich selbst abholen. Ich liebe den Ramadan!
Said hatte den Grill natŸrlich zwischenzeitlich
abmontieren lassen, denn mein Auto musste nun auch noch von einer Art T†V
inspiziert werden. Er hatte auch einen dieser vielen guten pragmatischen Tipps
auf Lager, die mich immer wieder faszinieren: Das Auto ist schwarz? Lasse also deinen Grill auch schwarz lackieren
und du hast keine weiteren Probleme, denn als Autofarbe ist ja Schwarz
eingetragen! Nun ja, Ÿbertreiben wollte ich das Spiel nicht, also erst
einmal den Grill weggelassen und zu Giza Traffic. Dort wartete schon unter dem
Sonnendach ein tŸchtiger Beamter, der durch mein "Deutschtum" und
seine Kenntnisse von deutschen Autos sehr zugŠnglich war, die obligaten
abkopierten Motoren- und Chassisnummer durch Falzen der Seiten so verglich,
dass klar war, das ist mein Auto. Nun also nur noch in den zweiten Stock des
GebŠudes, doch das war falsch, also wieder ins Erdgeschoss und die andere
Treppe hinauf zu Schalter 15 - wo niemand war.
Unser
Warten und unsere Nachforschungen blieben ohne Erfolg. Leute, die neben mir gewartet
hatten, befanden sich plštzlich glŸckstrahlend auf der anderen Seite des
Schalterraumes, charmierten mit den Beamten und steckten das obligate
Bakschisch zu - das Leben im Ramadan kostet ja nun besonders viel - und die
BeamtengehŠlter sind bekannterma§en gering. Auch wir "schmierten",
bekamen ein Papier, das wieder hinunter zu dem freundlichen Beamten auf der
Stra§e gebracht werden musste, der darauf bestŠtigte, dass alles in Ordnung
war.
Die
Unruhe des frŸhen Dienstendes war schon zum Greifen nahe, denn es wurden
bereits die Treppen Ÿberschwemmt, aber es war ja nur noch die Rochsa abzuholen- eigentlich ein
Kinderspiel! Im ersten Stock fŸhlte sich noch immer niemand fŸr den Schalter 15
zustŠndig, wir eilten andere Schalter entlang, Schulterzucken, leere -
bakschischlose - Blicke. Nur noch wenige Kunden sŠumten die schmutzigen BŠnke
und abgegriffenen Schaltertresen, als mir die Galle stieg und ich in wŸsten
Beschimpfungen Ÿber die "unfŠhige, servicelose Dienstauffassung" vor
Ort ausbrach. Erstaunte Blicke Ÿber meine Unverfrorenheit machten die Runde,
als mich ein scheinbar mitleidiger Beamter um die Ecke zum ChefbŸro lotste. Der
Ÿberwachte per Monitor die ganze Schalterhalle, "pfiff" nach meinem Bericht
die herbeizitierten Beamten zusammen und erklŠrte mir, nachdem er erzŠhlt
hatte, dass er schon einmal in Deutschland gewesen war, dass ich in 10 Minuten
meine Rochsa haben wŸrde.
Ich kenne 10 Šgyptische Minuten, aber kann man
diesen Augen misstrauen? Da sa§ ich nun und beobachtete, wie sich die BŸros
leerten, alle Beamten beim Chef antanzen mussten, der seine Untergebenen fŸnf
Minuten warten lie§, um sie dann huldvoll mit einer Armbewegung zu entlassen -
ich mitten drin. Nach 15 Minuten - ich glaubte es eigentlich nicht mehr - kam
ein mir bisher unbekannter Beamter mit leidvoller Miene
"hereingedackelt", wurde umgehend "zur Sau gemacht", denn
er hatte sich bereits vor Dienstschluss - Ramadan ist anstrengend - auf den
Heimweg nach Ain Shams gemacht (der Weg ist ja weit). Mit der Metro zurŸckgeholt,
war meine Rochsa nach 3 Minuten auf
dem Tisch und ich glŸcklich von dannen gewandelt.
Sicher
wurden in den abendlichen Iftars die
Geschichte von dem durchgedrehten AuslŠnder zum Besten gegeben. Aber ich hatte
auch ein zufriedenes LŠcheln auf dem Gesicht des Chefs gesehen, der einmal mehr
gezeigt hatte, dass auf die gehobene Beamtenschaft trotz kleinerer Verzšgerungen
Verlass ist. Sa?
Nur
behielt ich die Rochsa nicht lange
bei mir, denn mir wurde mein Geldbeutel mit Papieren in der Metro gestohlen. Aller
Aufwand umsonst!
Das hie§:
Vor der Ausstellung der neuen Papiere musste ein Bericht bei der Polizei
angefertigt werden. Ich kenne ja die Polizeistation in Dokki, also ans Tor und
von einem Beamten nicht zu den Schaltern in den Keller, sondern zum Chef
geschleppt. €gyptische BŸros lohnen immer die Betrachtung. Meist sind sie
voller alter Schreibtische und noch gefŸllter mit Menschen. Dort - in der alten
Villa am Nil - ein hoher Raum, zwei massive Schreibtische und - nichts auf den
Tischen au§er Aschenbecher, Fernbedienung fŸr den laufenden Flachbildschirm mit
Šgyptischen Soaps, einem Kugelschreiber und zwei Handys. Ich vergesse: hinter
einem Paravant ein zerknautschtes Bett(!), kein Tageslicht, die Klimaanlage auf
16 Grad heruntergekŸhlt, dass mir Angst und kalt um meine zarte Gesundheit
wurde.
Freundlich
wurde ich begr٤t, sachkundig befragt, dann wurde entschieden, dass ich ein
Protokoll in englischer Sprache ausfertigen sollte. Zwischenzeitlich wurden
andere Anliegen behandelt, denn stŠndig kam jemand in die Amtsstube, Haltung
annehmend, HŠnde auf den RŸcken, ServilitŠt im Blick, obwohl die beiden jungen
Offiziere ohne Uniform nicht als solche zu erkennen waren. Ich beobachtete
interessiert, wie deren Ton eine SchŠrfe annahm, die sie mir gegenŸber všllig
fehlen lie§en. Die Gesten wurden herrisch und fast schon anma§end, obwohl die
Besucher wesentlich Šlter waren und eigentlich Hilfe erwarten durften. Halb
erstarrt vor KŠlte gingen wir das Protokoll des Diebstahls meines Portemonnaies
in der Metro noch einmal durch, dann wanderte das Papier in die MŸhlen der
Polizeistation, mir wurde in 10 Minuten die †bersetzung und Lšsung des Problems
versprochen und der scheinbar erste Offizier verlie§, befriedigt von seinem
geleisteten Tagewerk, die Chipchip zu Schuhen wechselnd, den Dienst. Ich
wartete.
Der
andere Offizier bestellte einen Cafe, Ÿbergab seine eigene Kaffeepackung an den
Cafeboy, die dieser mit einem stark aussehenden GetrŠnk in der Hand bald
dienstfertig zurŸck brachte. Ich wartete. Der Offizier bediente seine Handys,
trank Cafe, fertigte neue Besucher ab und verschwand. Ich wartete weiter. Halb
erfroren lag ich schon auf meinem Platz und harrte des Papiers, das nicht
kommen wollte. Aus Verzweiflung šffnete ich die TŸr, besah mir das
heruntergewirtschaftete GebŠude und hoffte...
Irgendwann, als ich es nicht mehr zu wagen glaubte,
erhielt ich tatsŠchlich mit klammen Fingern ein Papier mit der Anweisung, am nŠchsten
Tage wieder zu kommen. Auf dem "Wisch" fand sich nur eine
Verwaltungsnummer... dann sollte alles ganz schnell gehen. Zwei Stunden Warten
fŸr eine Registriernummer??? Zornig ob der in der KŠlte vergeudeten Zeit
schimpfte ich - ohne Erfolg - und stakste steif vom GelŠnde - trŸbe Gedanken
sinnend.
Der nŠchste
Tag kam, die Sonne schien, ich besuchte das Revier, das mir nun schon so
vertraut war, traf noch den ersten Offizier, der mich wie immer freundlich mit
einem Bediensteten weiter in den Keller schickte. Dort sa§ in einem
Gitterverschlag die "Verbrecherwelt" Kairos, die Beamten tranken
Cafe, rauchten und spielten auf ihren Handys. In solchen Situationen verstehe
ich kein Arabisch, so dass mir nach einiger Wartezeit ein Offizier in
halsbrecherischem Englisch klar zu machen versuchte, dass ich am nŠchsten Tag
wieder kommen sollte, da der Verantwortliche mit dem Stempel nicht mehr
anwesend sei. Nun war es wirklich genug mit meiner Langmut. Auch auf die Gefahr
hin, zu den "Verbrechern" eingesperrt zu werden, erregte ich mich
diese Mal Ÿber die mangelnde Kooperationsbereitschaft, Dienstauffassung und das
zurŸckgebliebene DienstverstŠndnis der Polizei. Das war natŸrlich ein
"Versuchsballon", denn ernsthaft kann man nicht damit rechnen, Šgyptische
BŸrokratie mit Schimpfen zu beeindrucken. Die ist wie eine Gummiwand.
Aber
irgendwie gelang es doch. Telefonate mit irgendeinem Chef wurden mir angekŸndigt
und ausgefŸhrt, um Geduld wurde gebeten und ich wartete die obligaten "ten minutes" wie gewohnt. Mich Ÿberkam
nun eine gro§e Ruhe und Gelassenheit, obwohl mir deutlich angekŸndigt wurde,
dass ich ein Pfund fŸr den Stempel bezahlen mŸsse. Hat sich bis zur
Polizeiwache in Dokki noch nicht herumgesprochen, dass Ÿberall die GebŸhren
gestiegen sind oder sollte da ein Rabatt fŸr AuslŠnder gelten? Dieser Preis
beeindruckte mich kaum, wenn sonst AuslŠnder Ÿberall die doppelten oder bis zu
10fachen Preise zahlen mŸssen! Wunder am Nil - und das mir. Nach 10 Minuten
hatte ich das Papier mit Stempel tatsŠchlich in der Hand, wir waren alle gute
Freunde geworden. Ich hŠtte auf der Stra§e tanzen kšnnen, wenn da nicht dieser
ruchlose Verkehr um mich herumgebraust wŠre.
Am nŠchsten
Tag schnell und triumphierend zu unserem Mitarbeiter, der meine neuen Papiere
bei Giza Traffic auslšsen sollte, denn noch einmal wollte ich dieses Theater
dort nicht erleben. Doch wehe! Es fehlten die Nummern der beiden verlorenen
Dokumente, die ich eigentlich auch nicht hŠtte haben dŸrfen, denn meine Kopien
sind eigentlich hšchst staatsgefŠhrdend, da nicht original. Wohin fŸhrte mich
mein erneuter Weg? Niemand wird es mir glauben, aber die Polizeistation
leuchtete mir freundlich am Ende der Stra§e entgegen. Nicht in den Keller zu dem
provisorischen GefŠngnis trieb mich mein Gang, sondern in das "KŠltebŸro"
zu meinen Offizieren, die auch sofort ihre Arbeiten unterbrachen, mich
erkannten und freundlich nach meinen WŸschen fragten. Ach "wie schšn ist
das panamasche" €gypten. Ein schneller Anruf, ein Begleiter, der mich
brachte und die Auskunft, dass alles nur eine Minute dauern werde, fŸhrten mich
erneut in ein KellerbŸro, wo bereits ein anderer Offizier auf mich wartete, die
Nummern hinzufŸgte, einen tollen Stempel aufdrŸckte und mir wissend zulŠchelte,
als wollte er sagen: "Na, siehste, hier lŠuft`s wie am SchnŸrrchen!"
Ich
warte bis jetzt auf meine neuen Papiere, aber das kann kaum noch dauern,
...wenn auch Herr Magdi bedeutungsschwanger verlautete, dass ich eventuell
einen Sehtest oder Šhnliche Sicherheitsgeschichten machen mŸsse! Ob diese Leute
wissen, auf wen sie sich da einlassen? Auch das werde ich meistern, denn ich
bin ruhig und der nŠchste Ramadan ist ja noch fern!