
In Kairo verbringen viele Golfaraber ihre Ferien und es floriert
die islamisch korrekte Form der Prostitution: Die Ehe auf Zeit. Je jŸnger die
Braut, desto mehr Geld lŠsst sich mit ihr verdienen.
Auf der Stra§e der Republik geht niemand unbeobachtet: ãGuck mal die da. Die sucht bestimmt einen
BrŠutigam. Die trŠgt ja genau das, worauf die MŠnner stehenÒ, sagt Minna
und deutet auf ein MŠdchen die mit grazilen Schrittchen Ÿber die staubige
Stra§e flaniert. Ein enggeschnittener schwarzer Mantel umschmiegt ihre Formen.
Dazu trŠgt sie ein Kopftuch, das den Hinterkopf ein wenig betont: Das ist
typischer ãSaudi-Arabien-StyleÒ.
Minna wippt auf ihrem Stuhl und ist in LŠsterstimmung. Mit ihrer Kollegin Mona
kommentiert sie jedes MŠdchen, das vorbeikommt. Die AnfangzwanzigjŠhrigen
– sie tragen modische KopftŸcher und grelles Make-Up - arbeiten als VerkŠuferinnen in einem
GeschŠft, das Brautkleider verleiht. In diesen ersten warmen Tagen ist es noch
ruhig auf der Stra§e der Republik im Dorf ãHawamdiaÒ.
Wenn es Sommer wird, dann kommen die MŠnner aus den reichen Golfstaaten und
gehen hier auf Brautschau. Dann kommt auch Betrieb in Minnas Laden. Hawamdia
ist fast ein Markenzeichen: Wie Adidas fŸr Turnschuhe, steht Hawamdia fŸr minderjŠhrige BrŠute und
dafŸr, dass deren Familien unkompliziert sind. Das hei§t konkret: Sie sind
bereit, ihre Tšchter fŸr umgerechnet 1000 bis 2000 Euro an alternde Herren aus
den reichen Golfstaaten zu verkaufen. Hawamdia
ist das bekannteste, allerdings bei weitem nicht das einzige Dorf im armen
Umland von Kairo, wo solche GeschŠfte geschlossen werden.
Offiziell dŸrfen MŠdchen in €gypten zwar erst ab 18 Jahren
heiraten, doch viele Familien haben keine Geburtsurkunden fŸr ihre Tšchter oder
tricksen sonstwie, damit der Standesbeamte bei der Hochzeit nicht merkt, dass
die Braut noch ein Kind ist. Und dann gibt es noch ein Problem bei dieser Art der
Ehe: Nicht alle MŠnner suchen eine Frau fŸrs Leben. Viele sind auf der Suche
nach einer Unterhaltung fŸr die Sommermonate. Sind die Ferien vorbei, wird das
MŠdchen wieder zu ihren Eltern nach Hawamdia
zurŸckgeschickt. Ein so ãbenutztesÒ MŠdchen findet nur schwer einen BrŠutigam,
der es ernst meint und so versucht die Familie, so schnell wie mšglich einen
neuen Golf-Mann zu finden. Die Grenzen zur Prostitution sind flie§end. Die Hawamdia-Ehen gibt es schon so lange,
wie reiche Golfaraber nach Kairo in den Urlaub kommen, doch jetzt ist diese Art
des Kinderhandels in die Schlagzeilen gekommen, denn €gyptens neue
Familienministerin Moushira Khattab hat den MŠdchenhŠndlern den Krieg erklŠrt.
Mit einigem Erfolg. Zumindest spricht man in Hawamdia nicht mehr gerne offen
Ÿber das HeiratsgeschŠft, seit einige zu GefŠngnis und Geldstrafen verurteilt
wurden.
ãDas Problem an diesen
Ehen ist, dass man sich nicht kenntÒ, sagt Hamdy al Shafai. Der wŸrdige
Alte in langem Gewand lŠsst kein gutes Haar an der Hawamdia- Ehe. Dabei lebt auch er vom HochzeitsgeschŠft. Er ist
Partyausstatter. In der Regel heiratet man in Hawamdia auf der Stra§e. Da wird dann eine BŸhne mit Sesseln fŸr
das Paar aufgestellt und alle feiern mit. Die Grundausstattung kostet bei Hamdi
Al Shafai umgerechnet 20 Euro.
ãWenn an den Golf
geheiratet wird, dann darf es natŸrlich auch mehr sein.Ò Da kassiert er
schnell ein paar hundert Euro fŸr den Luxus-Brautsessel. Dennoch sieht er die
Ehen an den Golf sehr kritisch. ãDa
kommen MŠnner, von denen wir gar nichts wissen. Nicht ob sie gut sind oder
schlecht und wer ihre Familien sind. Wir sehen nur das Geld. Das ist Haram
– islamisch verbotenÒ, sagt er. ãAlle
hoffen darauf, dass der Ehemann gro§zŸgig sein wird und das MŠdchen viel Geld
an ihre Familie schicken wirdÒ, sagt er. Schlie§lich werde das Leben immer
teurer; und ganz besonders das Heiraten. FrŸher lag es am BrŠutigam, der Braut
eine angemessene Morgengabe zu bieten und zudem fŸr eine Wohnung und deren
Einrichtung zu sorgen. Ohne vollmšblierte Wohnung wird am Nil nicht geheiratet.
Doch das kann sich heute kaum ein junger Mann leisten. So beteiligen sich in
der Regel die Eltern der Braut und spendieren dem jungen Paar die Einrichtung
der KŸche mit ElektrogerŠten oder €hnlichem. Umgerechnet 5000 Euro wird er wohl
hinlegen mŸssen, um seine Tochter unter die Haube zu bringen, schŠtzt Al
Shafai. Er deutet mit dem Finger auf die HŠuser in seiner Stra§e: ãFast jede Familie hier hat eine Tochter am
Golf. Manchmal sieht man es richtigÒ, sagt er und deutet auf die frisch
gestrichene Fassade eines Hauses. ãUnd
wieso die Menschen das tun? Das ist doch einfach: Wir sind arm. Sehr arm!Ò,
sagt er.
ãUnd die leidtragenden
sind die MŠdchenÒ, sagt Minna. ãSie
werden von ihren Familien einfach geopfert. Wenn man erst vierzehn ist, kann
das ganz schšn weh tunÒ, sagt sie. Allerdings seien die meisten MŠdchen,
die zu ihr kŠmen, um ihr Kleid auszusuchen noch Feuer und Flamme. ãSie hoffen
darauf reich zu werden und vor allem hier
herauszukommenÒ, sagt sie und ihre
Handbewegung umfasst, die staubige Stra§e der Republik, die viel zu dicht
gebauten mehrstšckigen HŠuser und das GedrŠnge der Menschen. Dann kommt Marwa
in den Brautladen. KŸsschen links, KŸsschen rechts. Hšfliche
Belanglosigkeiten. Marwa trŠgt ein mehrlagiges Kopftuch,
Ršhrenjeans und Tingeltangelketten. Es ist ihr anzusehen, anzumerken, dass sie
etwas Besseres ist. Marwa verdient sich als Schlepperin etwas dazu, das hei§t,
sie redet ihren Freundinnen gut zu, sich doch an den Golf verheiraten zu
lassen.
Oft werden die Hawamdia-Ehen
von MŠdchen-Maklern eingefŠdelt. Marwas Nachbarin ist so eine und Marwa bekommt
von ihr Provision. Sie hŠlt die Augen nach hŸbschen, jungen MŠdchen offen und
beschwatzt sie dann. ãIch wei§ gar nicht,
was die MŠdchen hier habenÒ, sagt sie und deutet auf Minna und ihre
Kollegin: ãIch finde die MŠnner vom Golf
charmant und gutaussehend und die Vorstellung in einem anderen Land zu leben,
ist doch aufregend. Was haben wir hier schon zu erwarten und zu verlierenÒ,
sagt sie. Die beiden anderen schŸtteln die Kšpfe: ãNee, nee, das ist nichts fŸr unsÒ, sagen sie. Aber, fŸr die richtig
fiesen GeschŠfte, bei denen die Maklerin viel verdient, sind die beiden ja
sowieso schon zu alt. Die Makler sind die Ansprechpartner der suchenden MŠnner
und prŠsentieren ihnen dann mehrere Kandidatinnen. Zum Teil kommt der Kontakt
Ÿber Internet zu Stande, aber oft geht es noch den altmodischen Weg: Man trifft
sich in der Lobby einschlŠgiger Hotels. Wenn der Deal klappt, kassieren die
Makler – so erzŠhlt Minna spŠter, Marwa will sich zu solchen Details
lieber nicht Šu§ern - 5 bis 10.000 Euro, also sehr viel mehr
als die Familien der MŠdchen.
ãDie MinderjŠhrigen-Ehe
ist kein Šgyptisches PhŠnomenÒ, sagt die Ministerin Moushira Khattab. Es
sei vielmehr eine Folge, ein Auswuchs der Globalisierung und des GefŠlles von
Arm und Reich in der arabischen Welt. ãDas
Einzige, was gegen diese Praktiken hilft, ist MŠdchenbildungÒ, sagt sie: ãWir mŸssen dafŸr sorgen, dass die MŠdchen so
etwas nicht mit sich machen lassen und au§erdem, dass sie spŠter auch nicht auf
die Idee kommen, ihre Tšchter zu verkaufenÒ, sagt sie. Sie hat ein Projekt
aufgelegt, das besonders MŠdchen in armen Dšrfern fšrdern soll. Darauf ist sie
stolz und darauf dass es ihr im zŠhen Kampf gelungen ist, ein Gesetz mit auf
den Weg zu bringen: Bis 2007 lag das Heiratsalter fŸr MŠdchen bei 16 Jahren. ãDa konnte man natŸrlich einfacher schummeln.
Eine 14jŠhrige lŠsst sich vielleicht noch
als 16jŠhrige ausgeben, aber als 18jŠhrige geht sie nicht durchÒ, so die
Ministerin. Zudem hat sie sich zum
Ziel gesetzt, dass jedes Kind eine Geburtsurkunde haben soll, damit die Eltern
die Geburt ihrer Tochter nicht einfach vordatieren kšnnen, wenn sie den Ehevertrag aufsetzen.
Diese Ma§nahmen, ebenso wie die BemŸhungen um mehr
Gesundheitsversorgung und ArmutsbekŠmpfung, die sich die Ministerin auf die
Fahnen geschrieben hat, brauchen Zeit. Viel Zeit.
Solange will die Ministerin nicht warten und so hat sie das
Thema Kinderehe in die Schlagzeilen gebracht. Einige spektakulŠre FŠlle von
MŠdchenhandel wurden jetzt vor Gericht gebracht, Zeitungen
Was den Hochzeitsmaklern allerdings noch stŠrker das GeschŠft
vermasselt als die BemŸhungen der Ministerin, sind neue Gesetze in den
Golfstaaten. Auch dort sind die Hawamdia-Ehen
nicht gern
gesehen; selbst dann nicht, wenn die Braut volljŠhrig ist und
die Ehe also legal nach Šgyptischen Recht geschlossen wurde. Sie gelten als Dumping-Ehen, welche die Brautpreise fŸr
einheimische Frauen drŸcken und viele zudem unverheiratet lassen. Auch am Golf
wird vom Mann eine Brautgabe und zudem eine gutausgestattete Wohnung erwartet,
wenn er auf Brautschau gehen will. Das kostet ihn sehr viel mehr als die 10-20
000 Euro, die er in Hawamdia fŸr
Makler, Familie und Hochzeitsfeier bezahlen muss. Zum Schutz der einheimischen
Braut haben deswegen viele Golfstaaten die Einreisebestimmungen fŸr BrŠute
verschŠrft. Sie bekommen nicht mehr automatische eine Aufenthaltsgenehmigung
und die Vereinigten Arabischen Emirate beispielsweise geben ihre gro§zŸgigen
Familienzuwendungen nur, wenn auch die Braut einen Emiratischen Pass hat.
ãDas fŸhrt dazu, dass die
MŠdchen aus Hawamdia gar nicht mehr mit an den Golf kommenÒ, erzŠhlt Minna:
FrŸhere Freundinnen von ihr lebten jetzt statt in Saudi Arabien in einer
Wohnung in Kairo. ãIch wei§ nicht, wie
ihr Leben jetzt ist, ob sie bekommen haben, wovon sie trŠumen, denn sie sind ja
durch ihre Hochzeit aufgestiegen. Sie reden jetzt nicht mehr mit einfachen
MŠdchen so wie unsÒ, sagt Minna. Klingt da etwa Reue mit? HŠtte sie
vielleicht doch nicht nein sagen sollen, als sie kŸrzlich einen Antrag von
einem Mann aus Kuwait bekam? ãEr war gar
nicht so schlecht. Nicht so altÒ, sagt sie. Aber sie wolle nicht verkauft
werden, und warte lieber noch ein bisschen. Vielleicht passiert ja ein Wunder
und plštzlich taucht der richtige Mann auf, der von hier stammt, Geld hat und
sie heiratet. Wenn er kommt, er wird ihr nicht entgehen, denn sie hat die
Stra§e der Republik fest im Blick.
Wir danken Frau Kristina Bergmann
(Korrespondentin der NZZ) fŸr die †berlassung der Fotos
Foto 1: Der Hochzeitsausrichter von Hawamdiya
mit seinem "Katalog".
Foto 2: HochzeitskleidergeschŠft in H. mit
Strasse.
Julia Gerlach ist Journalistin und lebt in
Kairo.