Andrea Görich-Fischer

 

Egyptian Media Production City – Eastern Hollywood in Kairo

 

 

Schon einmal, im Jahre 1996, besuchte ein Team des Papyrus-Magazins dieses unglaublich riesige Gelände vor den Toren Kairos. Damals war das Projekt Egyptian Media Production City (EMPC)“ noch im Bau befindlich und seine heutige Größe nur zu erahnen. Wie schon 1996 wurde das Papyrus-Team durch Herrn Sami Mohamed Badawi, Chief Executive Officer begrüßt und nach einer Einführung per Videosequenz in die treuen Hände seines Mitarbeiters, Herrn Amr, übergeben, der uns durch den Tag führte.

 

30 Kilometer von Kairo und 10 km von den Pyramiden in Giza entfernt, findet der interessierte Filmproduzent optimale Bedingungen für die Umsetzung seiner Projekte.

Diese „Traumfabrik“ (im Volksmund Eastern Hollywood genannt) erstreckt sich heute über ein Gebiet von 2 Millionen Quadratmetern. Eine weitere Million Quadratmeter (im folgenden „qm“) liegt sozusagen noch brach und bietet potentiellen Investoren und Visionären dieser Branche Raum für Entfaltungsmöglichkeiten. Vorrangig werden hier Filmserien  z. B. „Hagg Mitwalli“ mit Nour el Sherief, TV- und Kino-Filme aber auch Fernsehshows, wie „Mien yeksep el millyun“ (zu Deutsch: „Wer wird Millionär) produziert, wobei auch ausländische Filmproduzenten gern auf die EMPC zurückgreifen, die kanadische Produktion „Cairo Time“ zum Beispiel entstand auf diesem Areal. Die meisten der Filmserien und Soap Operas wurden und werden hier produziert und in die ägyptischen und/oder arabischen Fernsehkanäle direkt eingespeist. 365 Tage im Jahr mit zumeist schönem Wetter bei klarem Himmel erlauben das ganze Jahr Drehtage, ohne Schlechtwetterpausen. Die entsprechenden Kulissen und Drehareale sind inclusive Equipment zu mieten, abgerechnet wird nach Produktionsstunde. 8 Produktionsstunden entsprechen einem Drehtag. Auch die Möglichkeit der Kooperation mit der Media Production City besteht, hier wird der mit dem Film oder der Serie erzielte Gewinn im Verhältnis der Beteiligungen aufgeteilt. „Schirmherr“ der EMPC ist die Media Free Zone. Im Jahre 2000 beschloss das ägyptische Kabinett die Freigabe für diesen im wahrsten Sinne des Wortes „raumgreifenden“ Plan. Die EMPC ist die Hauptkomponente der Media Free Zone.

 

Unbestrittenes Herzstück dieser gigantischen Anlage ist der Mubarak International Studio Complex (Studiokomplex A)  mit allem, was man sich nur vorstellen kann und für die Prä- und Postproduktion von Filmprojekten nötig ist. Er umfasst über 400.000 qm mit 18 Studios. Die Studios sind sämtlich digitalisiert und mit allen technischen Raffinessen, wie Soundmixer, Spezialeffekt-Einheiten, digitalem Fotomixer, Bildschirmlesegeräten, Mikrophonen usw. ausgestattet. In den firmeneigenen Holz- und Metallwerkstätten wird jede erdenkliche Dekoration gebaut, anschließend gelagert und bei Bedarf „hervorgeholt“. Kommt der Ausstattungsverantwortliche eines Filmprojektes mit eigenen Ideen, werden auch diese exzellent umgesetzt.

 

So findet man auf einem meterlangen Flur im Hauptgebäude nicht nur Studios, sondern auch die themenweise sortierten Lagerhallen. Das erspart lange Wege und verkürzt die Produktionszeiten. Technische Laboratorien, in denen fertiges Filmmaterial geschnitten und tontechnisch abgemischt wird, aber auch altes Filmmaterial aus den goldenen Zeiten des ägyptischen Kinos wird hier restauriert sowohl in Ton und Bildqualität, als auch nachkoloriert, komplettieren diesen Gebäudekomplex. Natürlich liegen auch die Räumlichkeiten, die den Stars vorbehalten sind, in diesem Gebäude, ebenso die Cafeteria.

Ein weiterer Studiokomplex B mit 8 Studios und ein Studiokomplex C mit 3 Studios liegen außerhalb des Hauptgebäudes in unmittelbarer Nähe zu den Außendrehkulissen. Auch sie sind nicht minder komplett ausgestattet.

 

 Studios und Lagerhallen liegen sich auf diesem Flur gegenüber

 

Im selben Gebäude befindet sich die Akademie für Medienwissenschaften (International Academy for Media Science), hier lernen die über 200 Studenten in vier Jahren Studienzeit aus erster Hand zum einen im Bereich Werbung, Marketing und Produktion zum anderen das technische Handwerk, das für die Produktion eines Filmes notwendig ist. Auch Fortbildungskurse und Kurzseminare zum Thema „Film“ werden hier angeboten.

 

Aber das ist noch nicht alles. 15 sog. Outdoor Shooting Areas bieten auf dem Gelände der EMPC  ganz Ägypten im Kleinformat. Bis auf wenige Ausnahmen, so zum Beispiel das Gebäude der Alexandria Stock Exchange (Börse) in gleichnamigen Shooting Area wurden sämtliche Kulissen aus Holz gefertigt.

 

Eine Tatsache, die beim Betrachten der Kulissen kaum glaubhaft ist, und von den immensen handwerklichen Fähigkeiten der Werkstätten zeugt. Die Outdoor Shooting Areas präsentieren die verschiedenen historischen und politischen Epochen der ägyptischen Geschichte. In den meisten Außendrehkulisssen gibt es perfekt integrierte Gebäude, die kleine Innendrehs möglich machen sowie Make-up-Räume und sogar Hotels.

 

Da wäre z.B. die Islamic Area. Sie erstreckt sich über 76.000 qm und ist eine Variation von typischen Gebäuden der Mamelukken und Ottomanen. Man findet hier die in typischer Weise rund um einen Platz angeordneten Gebäude wie Zitadelle, Palast, Häuser, Shops u.ä.. Eine Nachbildung des Abul-Fotough-Tores, welches im Orginal im Old Cairo-District steht, darf hier nicht fehlen.

 

Die Rural Area, gebaut auf 723.000 qm zeigt die natürliche ländliche Seite Ägyptens. Unterschiedliche „Ortschaften“ stehen hier zur Auswahl. Da wäre zum einen Village A mit Eisenbahnstation, verschiedenen Zugformen und Bahnhöfen. Integriert ist hier ein Kanal mit Brücke. Dieser Kanal wird je nach Drehbedarf geflutet und macht, obwohl im Betonbett, dann einen ganz natürlichen Eindruck. Village B zeigt dann die dazugehörige Bebauung des Landlebens mit Qahwa (Coffee-Shop), Wohnhäusern, Moschee, das Haus eines „reichen“ Bewohners, einen Friedhof usw.. Dazugehörig  ist die Zefta Area, hier stehen die Polizeistation, die Post, die Mühle und einige Läden. Flächen für Haustiere sind ebenfalls angelegt worden. So bietet die Rural Area Ägyptens Landleben mitten im Herzen der EMPC.

 

Detail der Rural Area

Detailansicht Pharaonic Area

 

 

 

Der wohl schönste Außendrehort ist die Pharaonic Area mit 165.000 qm. Gegenwärtig werden nur 10% davon genutzt. Es hat fazinierende Gebäude in unterschiedlichen Ausführungen und Farben. Vorbild für die Pharaonic Area soll Tell el-Amarna, die Hauptstadt Echnatons sein.  Das reale Tell el-Amarna existierte nur 30 Jahre lang. Nach dem Tode Echnatons wurde die Stadt von rachedurstigen Thebanern fast völlig zerstört, Steine des Aton-Tempels wurden von Ramses II. für seinen Tempel in Hermopolis Magma wiederverwendet. Hier werden naturgegeben hauptsächlich historische Produktionen erststellt.

 

 

 

 

 

 

Mit 74.000 qm ist die Alexandria Area wohl eher einer der „kleineren“ Außendrehorte (wenn man bei diesen Ausmaßen überhaupt von klein sprechen kann), deshalb aber nicht minder beeindruckend.

Diese Area zeigt sowohl das historische als auch das zeitgenössische Alexandria. Peinlichst genau wurde auf die bauliche Ausführung der westlichen Gebäude und orientalischen Häuser im Stile der 40er Jahre geachtet. Beide geben einen Einblick in das Leben dieser Zeit. 80% des Gebietes werden derzeit genutzt. Hier ist noch Raum für „Filmvisionäre“.

Die Popular District Area bietet auf über 67.000 qm eine lebensechte Nachbildung der Wirklichkeit.  Hier wurde Hara, das volkstümliche Leben in Vergangenheit und Gegenwart dargestellt. Komplettiert wird die Anlage durch eine Nachbildung des Gamaliya-Districtes in Kairo.

 

Ein weiteres Sahnestückchen der Outdoor Shooting Areas ist die naturgetreue Nachbildung der Emad El-Din Street. Die ersten Theater und Kinos waren hier zu Hause. Auch historisch bedeutende politische Ereignisse prägten einst diese Straße. Ein wenig gespenstisch mutet es dann doch an, diese Straße so menschenleer zu sehen.

 

Nachbildung der Emad El-Din Street

 

Natürlich darf auch eine Beduin and Desert Area nicht fehlen. Weitere 206.000 qm umfasst dieses Areal. Es zeigt auf eindrucksvolle Weise die Lebensart und Lebensgewohnheiten der Beduinen mit ihren Zelten und der dazugehörigen Landschaft. Nur 5% dieser Kulisse werden zurzeit genutzt, und interessierte Filmproduzenten können hier ihrer Kreativität bei der Errichtung eigener Filmsets freien Lauf lassen.

 

Im Coastel Area fühlt man sich wie in einer der Badeburgen an den Meeren.

Man ist versucht, zu sagen: „Das Hotel kenne ich, da war ich schon.“

 

Es ist einer der schönsten Aussendrehorte, nicht zuletzt durch die einladende Badelandschaft. Eingeteilt ist dieser Bereich in zwei Bereiche mit 400 und 600 qm. Die grössere der beiden Kulissen bietet neben einem Sandstrand ausserdem noch einen Kinderpool.

 

 

Ein Kapitel der ägyptischen Geschichte darf natürlich nicht fehlen: die Military Area. Nachgebaut wurde hier ein Teil der Bar-Lew-Frontline.

Diese Frontlinie existierte bis zur Überquerung des Suez-Kanals durch die ägyptische Armee während des Jom-Kippur-Krieges mit Israel im Oktober 1973.

Diese Area bietet Kulisse für alle möglichen Militärfilme mit verschiedenen militärischen Kulissensets.

 

Groß und wunderschön ist die Garden City Area anzuschauen. Es ist eine Nachbildung des berühmten Kairoer Distrikts in Down Town. Verschiedene Dramen wurden hier schon gedreht, und mit seinen liebevoll nachgebauten Häusern bietet es zugleich Einblick in die damaligen 40er Jahre

 

Die Outdoor Shooting Areas Historical Area und House of Nation zeigen nicht nur eindrucksvoll, wie das Leben damals war, sondern sind auch eine handwerkliche Meisterleistung als solches.  Sie wirken unglaublich real. In der  Historical Area Nazlat al-Semman findet man neben Straßen, Häusern und Shops auch eine perspektivisch interessante Darstellung der Sphinx und der Großen Pyramide. Wer schon einmal in Giza war, weiß, dass die Sphinx nicht unmittelbar vor der Pyramide steht. Hier trennen sie vielleicht 5 bis 10 m voneinander. Die erzielte Perspektive der Kulisse stimmt mit der Wirklichkeit weitgehend überein. Das Haus der Nationen erlangte seine Bedeutung während der Revolution 1919 gegen die Engländer. Saad Zaghloul, der Revolutionsführer, hatte hier seinen Sitz. Er setzte sich für die Unabhängigkeit Ägyptens ein.

 

Kulisse Haus der Nationen

 

Auch Abenteuerfilme können auf dem Gelände der EMPC gedreht werden. Ideale Bedingungen bietet hierfür die Jungle Area mit seiner reichhaltigen Pflanzenwelt auf 74.000 qm.

 

Zur EMPC gehört auch der Vergnügungspark Magic Land. Er bietet alles, was man mit dem Begriff Entertainment Park verbindet. Da wären das Mrs. Mubarak Information Centre, das Amphitheater mit über 100 Plätzen, das Dolphinarium mit 1200 Plätzen, den Dinosaurierwald, dem Verkehrsgarten und und und.

Aber das Magic Land soll nicht nur Familien Spaß und Erholung bieten. Es dient gleichzeitig als Kulisse für Kindersendungen, Shows u.ä. Gerade das Amphitheater mit seiner orientalischen Ausstattung bildet häufig den idealen Hintergrund für Unterhaltungsshows u.ä.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Magic Lands finden sich neben einem Hotel außerdem Konferenzräume und Ausstellungshallen.

 

Alles in allem ist die EMPC ein schon monumental anmutender Komplex, der dem potentiellen Film- und Fernsehproduzenten von der Kulisse bis zum Equipment, von der Technik bis zur Ausstattung alles bietet. Nur die Story muss der Produzent noch „mitbringen“.

 

Große Filme wie z.B. Hassan und Markus (mit Omar Sharif und Adel Imam in den Hauptrollen) wurden hier produziert. Fernsehserien werden täglich gedreht, vor allem in der Popular District Area.

 

Insgesamt ein interessanter, wenn auch kurzer Einblick in die ägyptische Film- und Fernsehindustrie, deren stärkster Konkurrent Marokko ist. Dieses Gelände bietet ungeahnte Möglichkeiten für jedes Filmgenre. Allerdings war mir z. B. nicht bekannt, dass Ägypten über ein Film- und Fernsehzentrum dieser Größe und Art verfügt. Ich kenne wohl Hollywood und auch das indische Gegenstück Bollywood, zumindest dem Namen nach. Aber ich glaube die ägyptische MPC ist nur ausgesprochenen Insidern oder wirklichen Cineasten ein Begriff.

 

 

 

 

 

 

 

Im Anschluss an diese wirklich überaus beeindruckende Tour durch die EMPC hatte das Papyrusteam Gelegenheit Herrn Youssef Cherif Rizkallah (s. Foto) seines Zeichens Head of International Cooperation zu treffen und ein Gespräch zu führen. Assistiert wurde Herr Rizkallah durch Herrn Ahmed S. Badawi. Er stand uns als Übersetzer, wenn nötig, bei diesem Gespräch zur Verfügung.

Auf die Frage, welche Filme auf keinen Fall hier gedreht werden würden, antwortete er: „Pornographische Filme und politische.“, gemeint sind hier wohl eher gesellschaftskritische Filme.

Der Produktionsschwerpunkt der EMPC liegt demnach eindeutig auf dem klassischen Familienfilm, Soap Operas, Abenteuerfilmen und der Produktion von Unterhaltungsshows.

 

Dennoch verschließt sich die EMPC in ihren Produktionen heiklen Themen, wie Vergewaltigung und sexuelle Belästigung nicht ganz. Deutlich wird dies in dem Film „Quadiyat rai el am“ (mit Youssra in der Hauptrolle). Auch die täglichen Soap Operas lassen hin und wieder Rückschlüsse auf gesellschaftliche Probleme zu, unabhängig von der in der jeweiligen Serie agierenden gesellschaftlichen Schicht. Nicht immer vordergründig und daher gerade für europäische Zuschauer nicht auf den ersten Blick zu erkennen.

 

Anfragen aus dem Ausland gehen mit Regelmäßigkeit bei Herrn Youssef Cherif Rizkallah ein. So zum Beispiel auch aus Deutschland. Hier plant eine Produktionsfirma aus Köln eine historische Serie, der Arbeitstitel lässt die Schlussfolgerung zu, dass das Thema dieser Produktion in den Anfängen der pharaonischen Geschichte liegt. Man darf gespannt sein.

 

Auch mit Russland, Frankreich und Großbritannien gibt es regen Email-Verkehr. Vorwiegend handelt es sich auch hier um historische Serien, die allerdings nicht auf die Pharaonenzeit festgelegt sind. So plant eine britische Gruppe eine Serie über den letzten König Ägyptens König Farouk und ein russisches Team will die Konferenz der Großen Drei (Roosevelt, Churchill, Stalin) von Teheran 1943 wieder aufleben lassen. Ramses II. ist Thema einer französischen Produktion.

 

Das Zensurverhalten der EMPC und damit der Media Free Zone will ich hier nicht werten. Ich bin in diesem Land „nur“ Gast auf Zeit und muss die allgemeinen gesellschaftspolitischen Bedingungen auch als solcher akzeptieren. Geworben wird jedenfalls mit einer Art Zensurfreiheit.

 

An dieser Stelle noch einmal Dank an die EMPC, vertreten durch Herrn Youssef Cherif Rizkallah, Herrn Sami Mohamed Badawi, Herrn Ahmed S. Badawi und Herrn Amr. Sie haben diesen Artikel überhaupt erst möglich gemacht.

 

 

 

 

Quellen:

-       Informationsmaterial der Egyptian Media Production City (EMPC);

-       White Star Publishers, Reihe Kunst und Archäologie „Altes Ägypten“, deutsche Ausgabe;

-       www.wikipedia.org

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung der EMPC

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