Stefan Gerke
Deir el Medina – Geschichte einer autarken Kommune
im zweiten Jahrtausend vor Christus in Theben

Viele
der Papyrus- Leser haben vom Tal der Könige in Luxor gehört, gelesen oder haben
es besucht. Die meist prächtigen und künstlerisch sowie architektonisch
aufwändig gestalteten Felsgräber sind ein Wahrzeichen, das weit über Ägypten
hinaus bekannt ist.
Wer hat
diese Gräber geplant, gebaut und künstlerisch verziert? Beim Besuch der Gräber
in Theben zeigt sich dem Interessierten sofort, dass hier sehr gut ausgebildete
Fachkräfte gearbeitet haben. In dieser Ausgabe werde ich eben über diesen
Personenkreis berichten.
Das
Thema meines Artikels lautet: „Deir el Medina-
Geschichte einer autarken Kommune
im zweiten Jahrtausend vor Christus in Theben“. Der besseren Übersicht wegen
habe ich dieses Referat in drei Abschnitte unterteilt:
1.) Geschichte und Quellen
2.) Struktur, Organisation und Zusammensetzung
3.) Aufgaben und Arbeitsweise der Kommune
Die Arbeiter von Deir el Medina
waren Sklaven, die den Auftrag hatten, Königsgräber zu bauen. Nach
Fertigstellung der Gräber wurden sie entweder getötet oder eingeschlossen und
mussten qualvoll verhungern. Erst kürzlich behauptete ein Absolvent einer
hiesigen Fakultät mit vollem Ernst, dass die Arbeiter mit verbundenen Augen zu
ihrem Arbeitsplatz geführt worden wären.
Der Name
des Dorfes Deir el Medina bedeutet aus dem Arabischen
übersetzt „Kloster der Stadt“, was auf koptische Einflüsse zurückzuführen ist.
Im alten Ägypten hieß Deir el Medina „Set Maat“, Stätte der Wahrheit.
Set Maat liegt auf der Westseite der ehemaligen Hauptstadt Theben, dem heutigen Luxor. Die Ortschaft ist durch eine zentrale Straße zweigeteilt und von einer Mauer umgeben. Das am Rande der Berge angesiedelte Dorf ist von verschiedenen Totentempeln wie z.B. die von Hatschepsut, Ramses II., Merenptah und Ramses III. umgeben.

Deir el Medina wurde etwa 1520 v.
Chr. von dem Mitbegründer des Neuen Reiches Pharao Amenophis
I. und seiner Mutter Ahmose-Nefertari gegründet. In
späteren Jahren, im Besonderen zur Ramessidenzeit
(etwa 1100 v. Chr.) wurden die beiden vergöttlicht
und hatten in Deir el Medina einen eigenen Kult als
Schutzgottheiten der Kommune.
Pharao Amenophis I. verfolgte mit der Gründung des Dorfes das
Ziel, Handwerker verschiedener Fachrichtungen zusammenzufassen, um so einen
angemessenen Grabbau für die königliche Familie zu gewähren.
In der
Zeit der 18. Dynastie (1550 bis 1292 v. Chr.) wurde das Dorf stetig vergrößert.
Dabei gewannen die Arbeiter und Künstler stetig an Erfahrung, was sich dann in
den königlichen Gräbern manifestierte. Der Bau der „Häuser der Ewigkeit“ erfuhr
im Laufe der Zeit einen Wandel und wurde, wie es sich in den Gräbern von Hatschepsut, Thutmosis III. und Horemheb dem Besucher heute zeigt, immer perfekter.
Zu
Beginn der 19. Dynastie wurde unter Pharao Sethos I.
(1290 bis 1278) die Arbeiterschaft von Set Maat verstärkt. Sie bauten dem
Pharao das längste Grab mit über 60 m Länge, das bis heute noch nicht
vollständig erforscht ist.
Eine erneute
Vergrößerung erfuhr die Kommune unter Pharao Ramses II., der 67 Jahre regierte.
In dieser Periode wurden u. a. Gräber für Ramses II., seine Große Königliche
Gemahlin Nefertari, seine zahlreiche Nachkommenschaft sowie das größte Grab im
Tal der Könige für die königlichen Prinzen (KV 5), das erst kürzlich
ausgegraben wurde, geschaffen.
Im RJ 29
von Pharao Ramses III. (1158 v. Chr.) ist der erste dokumentierte Streik in der
Geschichte der Arbeiterbewegung belegt:
Am 21.
Tag des 2. Monats Peret hielt der Schreiber Amenemope fest: „20
Tage sind vergangen, dass uns keine Rationen erreicht haben“. (O. Berlin 10633) Die Versorgung
von Set Maat, auf die ich später noch zurückkommen werde, war nicht mehr
gewährleistet. Schließlich streikten die Arbeiter im 2. Monat der 2.
Jahreszeit.
Kurze
Zeit darauf wurde die Versorgung von Set Maat wieder gewährleistet, die
Arbeiter und Künstler konnten sich wieder auf ihre ursprüngliche Aufgabe konzentrieren.
Wir
befinden uns nun in der 20. Dynastie (1186 - 1096 v. Chr.). Die Nachfolger von
Ramses III. regierten jeweils nur kurze Zeit, die Kommune von Set Maat wurde
nach und nach verkleinert und erlebte ihre letzte Blüte unter Ramses IX. (1125-
1103 v. Chr.). Nach diesem Pharao sorgten politische Wirren und Machtkämpfe für
den Verfall der Ordnung und anarchische Zustände im gesamten Land.
Die
Bewohner von Deir el Medina flüchteten vor Plünderern
in den benachbarten Totentempel von Ramses III. in Medinet Habu. Mit dem
letzten Herrscher des Neuen Reiches Ramses XI. hörte auch die Kommune von Set
Maat auf zu existieren.
Woher
wissen wir heute so genau, was sich vor über 3000 Jahren zugetragen hat?
Der
heutigen Ägyptologie, die sich mit der Geschichte und Organisation von Deir el Medina befasst stehen zahlreiche Quellen zur
Verfügung:
1.)
Grabinschriften
Zahlreiche
Bewohner der Gemeinschaft bauten ihre eigenen Gräber die sich fast ausnahmslos
in Deir el Medina befinden. In diesen Gräbern finden
sich wertvolle Hinweise bezüglich der Genealogie und vitae enarratio der jeweiligen Verstorbenen.
2.)
Inschriften auf Statuen und Statuetten, Gefäßen, Grabbeigaben und Gewichten
In den
Ruinen der Häuser von Deir el Medina sowie in den
Gräbern wurden besagte Objekte, die teilweise beschriftet waren aufgefunden.
3.)
Papyri
Der oben
zitierte Papyrus Turin ist nur einer
von vielen, die sich in zahlreichen Museen befinden. Diese oft sehr
umfangreichen Dokumente befassen sich mit organisatorischen, rechtlichen,
religiösen sowie ökonomischen Aspekten.
4.) Ostraka
Im alten
Ägypten war das Schreibmaterial Papyrus teuer und aus diesem Grund nicht für
jedermann zugänglich. Diesen Umstand umging man, indem man Tonscherben oder
flache Kalksteinfragmente beschriftete, sogenannte Ostraka.
Etwa 400
Meter von Deir el Medina entfernt befindet sich ein
großes etwa 30 Meter tiefes „Loch“, in dem die Bewohner vergeblich nach Wasser
gegraben hatten. Dieses „Loch“ wurde anschließend als Gelegenheit genutzt, um
Abfall zu entsorgen. 1951 begann der französische Ägyptologe Bernard Bruyère
eben diesen „Grand Puit“,
wie er ihn bezeichnete, auszugraben. Nach und nach kamen Tausende von Ostraka zu Tage worauf das „Loch“ in „Literarische
Müllkippe“ umbenannt wurde. Diese Scherben geben wertvolle Auskünfte über das
tägliche Leben, Handel, Gerichtswesen, Genealogien und Arbeitmethoden der Bewohner
von Set Maat.
Als
Beispiel möchte ich hier das O. BM 5634 auszugweise zitieren:
Dieser Ostrakon ist in das Jahr 40 von Ramses II. datiert und
beinhaltet eine sogenannte Absentenliste, elche die
Fehlzeiten und –gründe der einzelnen Arbeiter festhält, also mit unseren
heutigen Personallisten durchaus vergleichbar ist:
Pendua: I. Akhet 14 Sauferei
mit Chons
Harnefer: Mit seinem Chef an sechs verschiedenen Tagen
Siwadjet: IV. Akhet 16 Gemahlin
hat die Monatsregel
I. Peret 14 Anbeten des Gottes
I: Peret 24 Weihen der Grabmöbel seines Vaters
Haremwia: II. Akhet 8 Brauen von
Bier
Hehnekhu: II. Shemu 17 Die Mutter
musste das Bett hüten
Aapahte: Dieser Kollege war der Alptraum eines jeden
Vorarbeiters: Er war in drei
Monaten elf Tage krank, meist vor oder nach dem Wochenende.
5.) Ritzinschriften
In den thebanischen Bergen und Wadis
befinden sich Tausende von Ritzinschriften (Graffiti), die zum größten Teil von
den Bewohnern von Set Maat angebracht wurden. Diese Inschriften, die teils mit hieratischen und teils mit hieroglyphischen Zeichen
geschrieben wurden, geben oft detaillierte Auskunft über einzelne Personen und
deren Familien. Ich möchte als Beispiel hier das Graffito 1143 anführen: „Jahr
16 des Pharaoh Ramses III., dritter Monat des Akhet, der Wesir To beförderte den Umrisszeichner
Amennacht, Sohn des Ipuy zum Schreiber der Nekropol“.
Es ist
erstaunlich, wie genau wir heute über die Organisation und Struktur der Arbeitergemeinschaft
von vor 3200 Jahren informiert sind.
Der
Titel dieses Artikels lautet: „Deir el Medina-
Geschichte einer autarken Kommune im zweiten Jahrtausend vor Christus in
Theben“. Ich frage sie nun: was bedeutet das: eine autarke Kommune?
In Bezug
auf Set Maat ergeben sich folgende Fakten: Die Stätte der Wahrheit war eine in
sich geschlossene, von der Umwelt völlig abgeschottete Gemeinschaft, die über
eine eigene Gewaltenteilung und Logistik verfügte. Ich werde nun im Einzelnen
auf diese Punkte eingehen:
Die Arbeiter waren in zwei „Mannschaften“ eingeteilt, was
den Vorteil hatte, dass gleichzeitig an zwei verschiedenen Projekten gearbeitet
werden konnte. Diese Mannschaften waren diejenigen, welche die Gräber bauten.
Damit sich die Arbeiter sowie deren Familien voll und ganz auf ihre Aufgabe konzen-rieren konnten, gab es zwei sogenannte „smdt“ Mannschaften, die zur Aufgabe hatten, die Gemeinschaft
mit allem zu versorgen, was zum Arbeiten und Leben benötigt wurde. Die
folgenden Schemata verdeutlichen die perfekte und ökonomische Organisation der
Kommune:

1. Organisation der Arbeiterschaft: |
|
Senior Schreiber |
|
Linke Mannschaft |
Rechte Mannschaft |
| Je 1 Schreiber
|
|
2. Logistik: |
|
Linke Mannschaft |
Rechte Mannschaft |
Smdt-Schreiber |
smdt-Schreiber |
Wasserträger |
Wasserträger |
Holzfäller |
Holzfäller |
Wäscher |
Wäscher |
Träger |
Träger |
Gärtner |
Gärtner |
Fischer |
Fischer |
Hirten |
Hirten |
Töpferer |
Töpferer |
Schmiede |
Schmiede |
Hersteller von Gips |
Hersteller von Gips |
Weibliche Dienerinnen |
Weibliche Dienerinnen |
Auf die
einzelnen Titel der Arbeiter und Künstler einzugehen würde den Rahmen dieses
Artikels sprengen, der Interessierte sei auf die Literaturangaben verwiesen.
3. Exekutive

Die
Gräber mußten natürlich vor Räubern und anderen
Personen geschützt werden. Es war die Aufgabe der Medjay unter ihrem Obersten,
denen diese Aufgabe oblag. Sie stellten Patrouillen, sicherten markante Beobachtungspunkte
an strategischen Höhen und kontrollierten den Zugang zum Dorf. Das Dorf Set
Maat selbst wurde von zwei hauptberuflichen Torhütern sowie von wechselnden
Wächtern gesichert.
4.
Legislative
Die
rechtliche Stellung der Gemeinschaft von Set Maat war eigenartig für damalige
Verhältnisse: Sie waren Pharao direkt bzw. dessen Stellvertereter,
dem Wesir (politisch) und dem Bürgermeister von Theben-West (organisatorisch)
unterstellt. Der Senior Schreiber diente als Mittler zwischen den Vorgesetzten
und der Gemeinschaft.
5.
Judikative
Ebenfalls
einzigartig war die Judikative in Set Maat. Nur bei Kapitalverbrechen wie
Grabraub oder Mord wurde der Wesir belangt, alle anderen Streitfälle wie
Eigentumsdelikte, Säumnisse, Gewalt und Ehestreitigkeiten wurden im Dorf
entschieden. Dieses geschah entweder durch ein Orakel, in dem der angerufene
Gott durch eine Körperbewegung entschied oder durch das Dorfgericht. Dieses
Gericht setzte sich aus dem Senior Schreiber sowie drei wechselnden Beisitzern
zusammen, es war in der Lage selbstständig Urteile zu sprechen und vollziehen
zu lassen.
Die
Hauptaufgabe der Kommune bestand darin Gräber für die Könige und Königinnen im
Tal der Könige und im Tal der Königinnen zu bauen.
Gearbeitet
wurde an acht Tagen, auf die zwei freie Tage folgten. Um Zeit auf dem längeren
Weg ins Tal der Könige zu sparen, wurde auf dem Bergsattel, der das Dorf von
dem Tal der Könige separiert, eine einfache Siedlung aus Steinhütten errichtet.
Nach getaner Arbeit stiegen die Arbeiter vom Tal zur Siedlung auf um dort zu
nächtigen. Ihre Familienangehörigen sowie das smdt-Personal
stellten die Versorgung mit Lebensmitteln und Werkzeugen sicher.
Die
Familien von Set Maat waren im Großen und Ganzen fast vollständig miteinander
verwandt. Ein Ergebnis meiner Recherchen ist eine genealogische Tabelle, die
etwa 1400 Personen umfasst und deren verwandtschaftliche Beziehungen über einen
Zeitraum von 200 Jahren dokumentiert.
Es bestand eine streng hierarchische Struktur vom Auszubildenden bis zum Senior Schreiber.
Die Rolle der Frauen war keineswegs eine untergeordnete.
Neben der Führung der Haushalte in der Abwesenheit der Ehemänner sind einige
der Frauen als „Sängerinnen des Amun“ belegt, die im
nahe gelegenen Tempel Kulte für z.B. die Schutzpatrone ausübten.
So weit
mein Artikel über Deir el Medina. Der interessierte
Leser sei hiermit zu einem Besuch ins schöne Luxor eingeladen, um all dieses
selbst zu erleben: das Tal der Könige, das Dorf, die Gräber, die Inschriften
und letztendlich die herrliche Natur mit den Bergen und Wadis.
Literatur:
Ĉerný, A community of workmen at Thebes
in the Ramesside period
Davies,
Who's who at Deir el Medina
Gutgesell, Die Datierung der Ostraka
und Papyri aus Deir el Medina
Helck, Die datierten und datierbaren Ostraka,
Papyri und Graffiti aus Deir el Medina
Janssen,
Village Varia; Egyptologische
Uitgaven XI.
McDowell,
Jurisdiction in the workmen's community of Deir el
Medina
McDowell,
Village life in ancient Egypt
Katalog Louvre, Les artistes
de Pharaon