
Christa Afifi
Ägyptens Filmindustrie
Zwischen Kunst und Kommerz
Im Jahr 1927, welches als Beginn
des ägyptischen Films angesehen wird, gelang nach mehreren Anläufen der
Theaterschauspielerin Aziza Amir, den von ihr produzierten, ersten ägyptischen
Langspielfilm mit dem Titel „Laila“
zur Aufführung zu bringen.
1935 wurde das bis heute noch
genutzte „Studio Misr“ als erstes, wirklich modern ausgerüstetes
ägyptisches Studio eröffnet. Später kam das Studio
Al- Ahram hinzu. Die Studios ermöglichten seit ihrer Eröffnung, Tonfilmproduktionen
in größerem Maßstab zu
produzieren. Schon 1932 gelangte der erste Tonfilm mit dem Titel („Gesang des Herzens“ / Unsudat Al Fu`ad) ein Musik- bzw.
Gesangsfilm, zur Aufführung. Der Film war kein großer Erfolg, weil man es noch
nicht verstanden hatte, den langen, von Wiederholungen lebenden traditionellen Musikstil
und Gesang, dem filmsprachlichen Rhythmus anzupassen. Das blieb nicht lange so.
Musiker, wie der bekannte und überaus beliebte Sänger und Komponist
Abd-El-Wahab, sorgten durch Einführung von schnelleren, zum Teil westlichen
Rhythmen, für die Filmtauglichkeit des orientalischen Liedes. Abd-El-Wahab war
der Star vieler Musikfilme der 30er Jahre, die immer mit großer Melodramatik
von den gleichen unglücklichen, aber reinen Liebesgeschichten handelten.
Emotionalität, Theatralik der
Darsteller, Neigung zur Sprachkomik und musikalisch tänzerische Einlagen,
bestimmten das Genre des ägyptischen Films. Das Publikum, welches einfach nur
unterhalten werden wollte, kam voll auf seine Kosten.
Eine Untersuchung des
Filmhistorikers Galal El Charkawi bei 23 Filmen der Saison 1945/46 melodramatischen
Inhalts, ergab folgende Aufstellung: Neun verführte und zwei vergewaltigte Mädchen,
drei Ehebrüche, drei Selbstmörderinnen, zwei Selbstmordversuche sowie zwei Fälle
von Wahnsinn. Trotzdem machten hauptsächlich die im Libanon ansässigen Vertriebsfirmen
den ägyptischen Filmemachern das "Happy End" zur Pflicht. Außer
Melodramen und Musikfilmen verfilmte man komödiantische, erfolgreiche Bühnenstücke.
Der realistische Film
Der Schwülstigkeit müde,
eroberte der realistische Film bald die internationale Filmindustrie und machte
auch in Ägypten nicht Halt. Eine natürliche Motivation für den ägyptischen,
realistischen Film war das aufkeimende nationale Bewusstsein, welches aus dem
Sturz der Monarchie 1952 und dem endgültigen Abzug der Besatzungsmächte
erwachte. Die Nasser-Regierung begann auch sehr bald mit der Förderung und
Entwicklung von Kulturprogrammen. 1957 wurde eine staatliche Filmorganisation
ins Leben gerufen und 1959 eine Filmhochschule eröffnet. Zu den Aufgaben der
Filmorganisation gehörten u.a. Preisverleihungen, Film- und Vertriebsförderungen
sowie Kulturaustauschprogramme. Gesetze zu Produktion und Distribution wurden
erlassen und Zensurbestimmungen verändert.
Auf der Suche nach neuen Themen,
ging man dazu über, Literaten als Drehbuchautoren zu verpflichten, man wandte sich
z.B. an den realistischen Autor Nagib Mahfouz, der alsbald bei unzähligen
Filmen mitarbeitete. Die Arbeit mit Buchautoren führte zu einer entscheidenden
Verbesserung der Erzähl-techniken und Dramaturgie, welche dadurch allerdings teilweise
eine ungewohnte Sprachlastigkeit zur Folge hatte.
Getragen von revolutionärer
Euphorie wurden Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit thematisiert.
Mit den umfassenden
Verstaatlichungen großer Besitztümer setzte eine allgemeine Vergangenheitsbewältigung
ein, die sich endlich auch mit der Situation der unterprivilegierten Schichten
befassen konnte. Der realistische Film war das Ergebnis, aber auch zum Teil
Motor dieser Entwicklungen.
Tatsächlich kann man dies von
dem ersten realistischen Film aus dem Jahre 1939, („Der Wille“ / Al
Azima) von Kamal Selim behaupten. Inhaltlich griff der Film in seinen Intentionen schon auf die Nasser-Zeit
zu. Er sollte ursprünglich die „Gasse“
heißen und handelte von einem jungen Mann, dessen Werdegang eng mit dem Leben
in der Gasse verknüpft ist. (Protagonist)
Mohamed soll nach seinem Hochschulabschluss eine Beamtenlaufbahn antreten, kann
jedoch keine Arbeit finden, was
wiederum seine Familie in eine große finanzielle Krise stürzt und seine
Heiratspläne zunichte macht. Der Stoff wurde vom Autor geschickt dazu genutzt,
auf aktuelle Probleme hinzuweisen. Erstens lag das freie Unternehmertum fast
ausschließlich in ausländischer Hand, weil das ägyptische Kleinbürgertum die
sichere Regierungsanstellung immer noch den Gewinnen der freien Wirtschaft vorzog,
und zweitens wurden nach wie vor Eheschließungen primär von wirtschaftlichen Überlegungen
geleitet, während Liebesheiraten eher eine Seltenheit waren.
Dem Regisseur Salah Abu Seif fiel bei der Entwicklung der neuen
realistischen Haltung eine entscheidende Rolle zu. Seine Arbeit umfasste höchst
unterschiedliche Filme, darunter Kriminalfilme wie „Rajah und Skina“ (1953) über ein Alexandriner Frauenmörderduo, oder
Komödien im Stil von („Die zweite Frau“
/Al Zauga Al-Tania 1967). Abu Seif
galt mit über 30 Filmen als der
Altmeister des realistischen Films und gleichzeitig machte er sich als der
volkstümlichste ägyptische Regisseur einen Namen. Seine Filme waren reich an
einfacher Symbolik und hintergründigem Humor. Eingeflochten in spannende Erzählungen
fanden sich darin Alltäglichkeiten wie Feste, Lieder, Kinderspiele und
Puppentheater. Die Produktion seines ersten Films realistischer Ausprägung („Der Tag der Abrechnung kommt“ / Lak Youm
Ja Zalim, 1951) gelang ihm nur unter erheblichen Mühen. Hier seine Aussage dazu:
„So erarbeitete ich das Drehbuch zu einem
Film, der in den Gassen von Kairo im Kreis der kleinen Leute und nicht der
gehobenen Schichten handeln sollte. Aber niemand wollte einem solchen Projekt
eine Chance geben. Daher war ich gezwungen, alle Mittel selbst aufzutreiben.
Sogar der Schmuck meiner Frau
musste daran glauben. Ich setzte alles aufs Ganze. Geht es schief, sagte ich
mir selber, hängst du das ganze Kinohandwerk an den Nagel.“ Er hatte großen Erfolg und musste
nichts mehr an den Nagel hängen.
Shadi Abdel Salam, Zeitgenosse
von Omar Sharif, Adnan Kashoggi
und Youssef Chahine, welche zu der vor-revolutionären Generation von Ägyptern
gehören, die gleichzeitig vom Bildungsideal der britischen Besatzungsmacht und
einem elitären arabischen Nationalismus geprägt wurden, hat in seinem Film „Alexandria – Warum?“ ein Bild dieser Jugend gezeichnet. Nach
kurzem Aufenthalt in England, wo er Theaterluft geschnuppert hatte, besuchte Shadi
Abdel Salam in Kairo die Hochschule für Bildende Künste und studierte
Architektur. Nach seinem Examen arbeitete er als Assistent neben Ramses Wissa
Wassef (Haraneya) und den inzwischen bekanntesten Regisseur Salah Abu Seif.
1968 war Shadi Abdel Salam
selber weit genug, um ein Werk in eigener Regie drehen zu können.
Mit „Die Mumie“ schuf er auf Anhieb ein international anerkanntes Meisterwerk.
In dem Film schildert er den seelischen Zwiespalt, in den ein Junge aus dem
Stamm alteingesessener Grabräuber in Oberägypten gerät, wie er schmerzhaft das Unrecht begreift, welches seine
Familie als „Beruf“ dem nationalen Erbe seines Volkes zufügt.
Shadi Abdel Salam war entflammt
von der glanzvollen Vergangenheit Ägyptens und wollte das kulturelle Erbe
seinen gegenwärtigen Mitmenschen nahe bringen.
In einem Interview erklärte
er:
„Ägypten bekennt sich nicht zu seinem vor-islamischen Erbe. Ich wehre
mich gegen diesen Brauch. Mit dem Kino will ich der jungen Generation helfen,
ihre uralte Vergangenheit zu verstehen, damit sie ihre tief greifende Identität
wieder gewinnt und die Gewissheit ihrer edlen Herkunft. Wie können wir
wir-selbst-sein, wenn wir einen Teil unserer Geschichte zurückweisen!“
Eine Sonderstellung innerhalb
des realistischen Films muss man dem 1932 geborenen Youssef Chahine einräumen.
Chahines filmsprachliche Innovationen markierten die besondere Entwicklung die
er innerhalb des realistischen Films genommen hatte. Bis zuletzt galt er in Ägypten
als Individualist und Exzentriker obwohl zwei der bedeutendsten realistischen
Werke, („Kairo-Hauptbahnhof „/ Bab Al
Hadid 1958) und („Die Erde“ / Al-Ard,
1968) von ihm stammen.
Nach dem epischen Werk „Die Erde“, einer respektvollen Hommage
an den ägyptischen Bauern, schilderte
Chahine in („Die Wahl“/
Al-Ichtijar, 1970) mittels der Persönlichkeitsspaltung eines Schriftstellers
die zerrissene Situation des ägyptischen Intellektuellen. Und mit dem
beeindruckenden Film („Der Sperling“ / Al Asfur, 1973) gelang
es Chahine atmosphärisch genau die
Faszination des Nasserismus und die enttäuschten Gefühle nach der Niederlage im
6-Tage-Krieg wiederzugeben.
Obwohl das ägyptische Kino in
einer Krise steckt, sind die Filmstudios fast überlastet. Das ägyptische
Fernsehen ist inzwischen die große Konkurrenz des Kinos. Seit dem zweiten
Golfkrieg 1991 sind wie überall in der arabischen Welt viele Satellitenkanäle
entstanden, die vom staatlichen Fernsehen mit finanziert werden.
Seit dieser Satellitenkanäle
gibt es riesigen Bedarf an Unterhaltungsmaterial und vor allem an Werbung.
Diese Entwicklung hat sich auf die freischaffende Filmindustrie negativ ausgewirkt. Die Filmstudios
sind überlastet und ausgebucht. Für Außenaufnahmen gibt es nicht genug Platz.
Inzwischen sieht man Filme und Fernsehstücke, deren Außenaufnahmen fast ganz außerhalb
Ägyptens gemacht wurden.
Melodramen, Musikfilme und Komödien
sind wieder überaus beliebt. Sie haben den Vorteil, dass sie einen starken
lokalen Charakter haben. Die Themata
beschäftigt sich mit aktuellen Problemen, mit den Sorgen und Freuden der
Ägypter. Der neue Film spricht die junge Generation an. Die Stücke spielen häufig
in bourgeoisen Verhältnissen und es geht fast immer um das Liebesleben der
jungen Leute.
Auf eines aber kann auch das
junge, engagierte Kino nicht verzichten. Auf Starkult. Schauspieler, die sich
in den täglich ausgestrahlten Fernsehserien hochgedient und dort ihre
Beliebtheit unter Beweis gestellt haben, müssen immer noch als Zugpferde
dienen, zumal die Kinofilme keinerlei staatliche Unter-stützung bekommen.
Quellen:
Papyrus Magazin (Viola Shafik)
Wickipedia
Al Magam Magazin