Christa Afifi

 

Ägyptens Filmindustrie

 

Zwischen Kunst und Kommerz

 Ägypten zählt mit zu den ältesten Filmnationen der Welt. Die ersten Filmvorführungen fanden gleichzeitig mit denen in Europa statt. 1896 wurden anfänglich in Alexandria, später in Kairo Filme der Gebrüder Lumière gezeigt. Schon im Jahre 1904 eröffnete man das erste Kino, dass sich allerdings im Besitz der französischen Firma Pathé befand. Indessen lagen Kinos und die Kurzfilmproduktion bis zu Beginn der 20er Jahre in den Händen der Europäer. Es dauerte hingegen nicht lange, bis die Ägypter, allen voran die Leute aus dem Theater, dieses Medium für sich entdeckten. Die Verfilmung erfolgreicher ägyptischer Bühnenstücke mit einheimischen Darstellern fand beim Publikum wesentlich stärkeren Anklang als die Bemühungen landesfremder Künstler.

 

Im Jahr 1927, welches als Beginn des ägyptischen Films angesehen wird, gelang nach mehreren Anläufen der Theaterschauspielerin Aziza Amir, den von ihr produzierten, ersten ägyptischen Langspielfilm mit dem Titel „Laila“ zur Aufführung zu bringen.

 

1935 wurde das bis heute noch genutzte „Studio Misr  als erstes, wirklich modern ausgerüstetes ägyptisches Studio eröffnet. Später kam das Studio Al- Ahram hinzu. Die Studios ermöglichten seit ihrer Eröffnung, Tonfilmproduktionen in  größerem Maßstab zu produzieren. Schon 1932 gelangte der erste Tonfilm mit dem Titel („Gesang des Herzens“ / Unsudat Al Fu`ad) ein Musik- bzw. Gesangsfilm, zur Aufführung. Der Film war kein großer Erfolg, weil man es noch nicht verstanden hatte, den langen, von Wiederholungen lebenden traditionellen Musikstil und Gesang, dem filmsprachlichen Rhythmus anzupassen. Das blieb nicht lange so. Musiker, wie der bekannte und überaus beliebte Sänger und Komponist Abd-El-Wahab, sorgten durch Einführung von schnelleren, zum Teil westlichen Rhythmen, für die Filmtauglichkeit des orientalischen Liedes. Abd-El-Wahab war der Star vieler Musikfilme der 30er Jahre, die immer mit großer Melodramatik von den gleichen unglücklichen, aber reinen Liebesgeschichten handelten.

 

Emotionalität, Theatralik der Darsteller, Neigung zur Sprachkomik und musikalisch tänzerische Einlagen, bestimmten das Genre des ägyptischen Films. Das Publikum, welches einfach nur unterhalten werden wollte, kam voll auf seine Kosten.

 

Eine Untersuchung des Filmhistorikers Galal El Charkawi bei 23 Filmen der Saison 1945/46 melodramatischen Inhalts, ergab folgende Aufstellung: Neun verführte und zwei vergewaltigte Mädchen, drei Ehebrüche, drei Selbstmörderinnen, zwei Selbstmordversuche sowie zwei Fälle von Wahnsinn. Trotzdem machten hauptsächlich die im Libanon ansässigen Vertriebsfirmen den ägyptischen Filmemachern das "Happy End" zur Pflicht. Außer Melodramen und Musikfilmen verfilmte man komödiantische, erfolgreiche Bühnenstücke. 

 

Der realistische Film

 

Der Schwülstigkeit müde, eroberte der realistische Film bald die internationale Filmindustrie und machte auch in Ägypten nicht Halt. Eine natürliche Motivation für den ägyptischen, realistischen Film war das aufkeimende nationale Bewusstsein, welches aus dem Sturz der Monarchie 1952 und dem endgültigen Abzug der Besatzungsmächte erwachte. Die Nasser-Regierung begann auch sehr bald mit der Förderung und Entwicklung von Kulturprogrammen. 1957 wurde eine staatliche Filmorganisation ins Leben gerufen und 1959 eine Filmhochschule eröffnet. Zu den Aufgaben der Filmorganisation gehörten u.a. Preisverleihungen, Film- und Vertriebsförderungen sowie Kulturaustauschprogramme. Gesetze zu Produktion und Distribution wurden erlassen und Zensurbestimmungen verändert.

Auf der Suche nach neuen Themen, ging man dazu über, Literaten als Drehbuchautoren zu verpflichten, man wandte sich z.B. an den realistischen Autor Nagib Mahfouz, der alsbald bei unzähligen Filmen mitarbeitete. Die Arbeit mit Buchautoren führte zu einer entscheidenden Verbesserung der Erzähl-techniken und Dramaturgie, welche dadurch allerdings teilweise eine ungewohnte Sprachlastigkeit zur Folge hatte.

 

Getragen von revolutionärer Euphorie wurden Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit thematisiert.

Mit den umfassenden Verstaatlichungen großer Besitztümer setzte eine allgemeine Vergangenheitsbewältigung ein, die sich endlich auch mit der Situation der unterprivilegierten Schichten befassen konnte. Der realistische Film war das Ergebnis, aber auch zum Teil Motor dieser Entwicklungen.

 

Tatsächlich kann man dies von dem ersten realistischen Film aus dem Jahre 1939,  („Der Wille“ / Al Azima) von Kamal Selim behaupten. Inhaltlich griff  der Film in seinen Intentionen schon auf die Nasser-Zeit zu.  Er  sollte ursprünglich die „Gasse“ heißen und handelte von einem jungen Mann, dessen Werdegang eng mit dem Leben in der Gasse verknüpft ist.  (Protagonist) Mohamed soll nach seinem Hochschulabschluss eine Beamtenlaufbahn antreten, kann jedoch keine Arbeit  finden, was wiederum seine Familie in eine große finanzielle Krise stürzt und seine Heiratspläne zunichte macht. Der Stoff wurde vom Autor geschickt dazu genutzt, auf aktuelle Probleme hinzuweisen. Erstens lag das freie Unternehmertum fast ausschließlich in ausländischer Hand, weil das ägyptische Kleinbürgertum die sichere Regierungsanstellung immer noch den Gewinnen der freien Wirtschaft vorzog, und zweitens wurden nach wie vor Eheschließungen primär von wirtschaftlichen Überlegungen geleitet, während Liebesheiraten eher eine Seltenheit waren.

 

Dem Regisseur Salah Abu Seif  fiel bei der Entwicklung der neuen realistischen Haltung eine entscheidende Rolle zu. Seine Arbeit umfasste höchst unterschiedliche Filme, darunter Kriminalfilme wie „Rajah und Skina“ (1953) über ein Alexandriner Frauenmörderduo, oder Komödien im Stil von („Die zweite Frau“ /Al Zauga Al-Tania 1967). Abu Seif galt  mit über 30 Filmen als der Altmeister des realistischen Films und gleichzeitig machte er sich als der volkstümlichste ägyptische Regisseur einen Namen. Seine Filme waren reich an einfacher Symbolik und hintergründigem Humor. Eingeflochten in spannende Erzählungen fanden sich darin Alltäglichkeiten wie Feste, Lieder, Kinderspiele und Puppentheater. Die Produktion seines ersten Films realistischer Ausprägung („Der Tag der Abrechnung kommt“ / Lak Youm Ja Zalim, 1951) gelang ihm nur unter erheblichen Mühen. Hier seine Aussage dazu: „So erarbeitete ich das Drehbuch zu einem Film, der in den Gassen von Kairo im Kreis der kleinen Leute und nicht der gehobenen Schichten handeln sollte. Aber niemand wollte einem solchen Projekt eine Chance geben. Daher war ich gezwungen, alle Mittel selbst aufzutreiben. Sogar  der Schmuck meiner Frau musste daran glauben. Ich setzte alles aufs Ganze. Geht es schief, sagte ich mir selber, hängst du das ganze Kinohandwerk an den Nagel.“  Er hatte großen Erfolg und musste nichts mehr an den Nagel hängen.

 

Shadi Abdel Salam, Zeitgenosse von Omar Sharif,  Adnan Kashoggi und Youssef Chahine, welche zu der vor-revolutionären Generation von Ägyptern gehören, die gleichzeitig vom Bildungsideal der britischen Besatzungsmacht und einem elitären arabischen Nationalismus geprägt wurden, hat in seinem Film „Alexandria – Warum?“  ein Bild dieser Jugend gezeichnet. Nach kurzem Aufenthalt in England, wo er Theaterluft geschnuppert hatte, besuchte Shadi Abdel Salam in Kairo die Hochschule für Bildende Künste und studierte Architektur. Nach seinem Examen arbeitete er als Assistent neben Ramses Wissa Wassef (Haraneya) und den inzwischen bekanntesten Regisseur Salah Abu Seif.

 

1968 war Shadi Abdel Salam selber weit genug, um ein Werk in eigener Regie drehen zu können.

Mit „Die Mumie“ schuf er auf Anhieb ein international anerkanntes Meisterwerk. In dem Film schildert er den seelischen Zwiespalt, in den ein Junge aus dem Stamm alteingesessener Grabräuber in Oberägypten gerät, wie er schmerzhaft  das Unrecht begreift, welches seine Familie als „Beruf“ dem nationalen Erbe seines Volkes zufügt.

 

Shadi Abdel Salam war entflammt von der glanzvollen Vergangenheit Ägyptens und wollte das kulturelle Erbe seinen gegenwärtigen Mitmenschen nahe bringen.

In einem Interview erklärte er:  

„Ägypten bekennt sich nicht zu seinem vor-islamischen Erbe. Ich wehre mich gegen diesen Brauch. Mit dem Kino will ich der jungen Generation helfen, ihre uralte Vergangenheit zu verstehen, damit sie ihre tief greifende Identität wieder gewinnt und die Gewissheit ihrer edlen Herkunft. Wie können wir wir-selbst-sein, wenn wir einen Teil unserer Geschichte zurückweisen!“

 

Eine Sonderstellung innerhalb des realistischen Films muss man dem 1932 geborenen Youssef Chahine einräumen. Chahines filmsprachliche Innovationen markierten die besondere Entwicklung die er innerhalb des realistischen Films genommen hatte. Bis zuletzt galt er in Ägypten als Individualist und Exzentriker obwohl zwei der bedeutendsten realistischen Werke, („Kairo-Hauptbahnhof „/ Bab Al Hadid 1958) und („Die Erde“ / Al-Ard, 1968) von ihm stammen.

 

Nach dem epischen Werk „Die Erde“, einer respektvollen Hommage an den ägyptischen Bauern, schilderte  Chahine in („Die Wahl“/ Al-Ichtijar, 1970) mittels der Persönlichkeitsspaltung eines Schriftstellers die zerrissene Situation des ägyptischen Intellektuellen. Und mit dem beeindruckenden Film  („Der Sperling“ / Al Asfur, 1973) gelang es Chahine  atmosphärisch genau die Faszination des Nasserismus und die enttäuschten Gefühle nach der Niederlage im 6-Tage-Krieg wiederzugeben.

 

Obwohl das ägyptische Kino in einer Krise steckt, sind die Filmstudios fast überlastet. Das ägyptische Fernsehen ist inzwischen die große Konkurrenz des Kinos. Seit dem zweiten Golfkrieg 1991 sind wie überall in der arabischen Welt viele Satellitenkanäle entstanden, die vom staatlichen Fernsehen mit finanziert  werden.

 

Seit dieser Satellitenkanäle gibt es riesigen Bedarf an Unterhaltungsmaterial und vor allem an Werbung. Diese Entwicklung hat sich auf die freischaffende Filmindustrie  negativ ausgewirkt. Die Filmstudios sind überlastet und ausgebucht. Für Außenaufnahmen gibt es nicht genug Platz. Inzwischen sieht man Filme und Fernsehstücke, deren Außenaufnahmen fast ganz außerhalb Ägyptens gemacht wurden.

 

Melodramen, Musikfilme und Komödien sind wieder überaus beliebt. Sie haben den Vorteil, dass sie einen starken lokalen Charakter haben. Die Themata  beschäftigt sich mit aktuellen Problemen, mit den Sorgen und Freuden der Ägypter. Der neue Film spricht die junge Generation an. Die Stücke spielen häufig in bourgeoisen Verhältnissen und es geht fast immer um das Liebesleben der jungen Leute.

 

Auf eines aber kann auch das junge, engagierte Kino nicht verzichten. Auf Starkult. Schauspieler, die sich in den täglich ausgestrahlten Fernsehserien hochgedient und dort ihre Beliebtheit unter Beweis gestellt haben, müssen immer noch als Zugpferde dienen, zumal die Kinofilme keinerlei staatliche Unter-stützung bekommen.

 

Quellen:

Papyrus Magazin (Viola Shafik)

Wickipedia

Al Magam Magazin

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