Die
€gypter feiern oft und gerne ãMulidsÒ, Feste zu Ehren von islamischen
Heiligen.
Das Taxi zur
Zitadelle von Kairo bleibt in einem Stau hŠngen. Nichts geht mehr, ãkullu
sachmaÒ: die Stra§e ist zu. Von weiter vorne dršhnen Trommeln. Es ist
besser, den Weg zu Fu§ fortzusetzen. Aus einer Seitenstra§e stršmt eine
Menschenmenge, ein unŸbersichtlich langer Zug, und biegt rechts ab. Die MŠnner
tragen Transparente, Fahnen und Bilder muslimischer Geistlicher. Sind wir in
eine fundamenta- listische Demonstration geraten? Nein,
die hŠtten die Schwarzjacken der Šgyptischen Polizei lŠngst auf- gelšst.
Es sind Sufis,
Mitglieder eines mystischen islamischen Ordens, kenntlich an stramm
gewickelten, wei- §en Turbanen. Und es handelt sich um
eine ãSaffaÒ, eine
Prozession zu Ehren des Heiligen Rifai, der in der gleichnamigen Moschee neben
Faruk, dem letzten Šgyptischen Kšnig und dem 1981 gestorbenen Reza Pahlawi,
vorerst letzter Schah von Persien, begraben liegt. Jedes Fahnenmeer gehšrt zu
einer bestimmten ãSufi-TuruqÒ, einer Bruderschaft; die roten Banner zur
Sekte der Ahmadiya, die grŸnen zu derjenigen der Burhamiya. Hier
aber dominieren Schwarze: Die der Rifai-Turuq.
Der Rhythmus der
Trommeln ist simpel, ebenso monoton skandieren die MŠnner immer wieder ãRifai,
RifaiÒ, oder ãAllah, AllahÒ. Alle paar Meter stockt der Zug.
Ekstatisch auf und ab springend, beginnt einTrommler, sich um die eigene Achse
zu drehen. Bald wirbelt er haltlos im Kreis. Mit den F٤en stamp- fend
dreht sich auch der Zirkel der Umstehenden, verzŸckt heben sie die Arme gen
Himmel: In Kairo ist wieder ãMulidÒ-Saison.
Die €gypter feiern
gern und sehr ausgelassen – das berichtete schon Herodot. Feste,
besonders zu Ge-burts- oder auch Todestagen von Verwandten und Heiligen waren
schon unter den Pharaonen willkommene AnlŠsse, der Langeweile des Alltags zu
entkommen. Eine solche Feier zu Ehren eines Heiligen oder religišsen MŠrtyrers
hei§t Mulid. Und Mulids gibt es nur in €gypten.
Sechs MŠnner tragen
ein gro§es, grŸnlich-wei§ er- leuchtetes Modell
einer viertŸrmigen Moschee. Inmitten der meist eintšnig dunkel gekleideten MŠnner
nŠhert sich jetzt eine bunte Frauengruppe. Das Farbenspiel der ultramarinblauen
und kirschroten Kleider fasziniert.
FrŸher
war eine Saffa meist erheblich spektakulŠrer, es gab FackeltrŠger,
Akrobaten und TanzmŠdchen, die allerdings unter Mohammed Ali Pascha von der
Szenerie verbannt wurden. Im 19. Jahrhundert sollen allein in und rund um Kairo
Ÿber 80 Mulids zelebriert worden sein. Die feierlustigen
Fatimiden brachten im 11. und 12. Jahrhundert die Relikte bedeutender Heiliger von
Bagdad und anderswo her nach Kairo, wo sie in teilweise prunkvollen Mausoleen
neu bestattet wurden. Es hei§t, dass sie den Brauch des Essens der SŸssigkeit ãhalawet
el-MulidÒ zum Geburtstag des
Propheten Mohammed einfŸhrten, um die €gypter fŸr sich zu gewinnen. Halawa
ist ein extrem sŸ§er Honigkuchen mit einer Vielzahl von NŸssen.
Vor allem die
GrabstŠtten der direkten Nachkommen des Propheten wurden im 13. Jahrhundert zum
Schauplatz bedeutender Mulids. Ihre Namen kennen in €gypten noch heute
die meisten Kinder auswen- dig. Der Stammbaum Mohammeds ist auch
ein beliebtes Motiv der Saffa-Banner. Am wichtigsten sind noch immer die
Enkel des Propheten, Hussein und Sayeda Zeynab und die Kinder Husseins, Fatma
el- Nabawiya
und Zein el-Abdin.
Anfang Dezember drŠngen
sich wŠhrend einer Woche vielleicht eine Million Menschen durch die Gas- sen
des Kairoer Basars, um den Mulid des 680 n.Chr. in Kerbela im heutigen
Irak gestorbenen heiligen Hussein zu feiern. Sein Kopf wird in der nahen
Hussein-Moschee verehrt. Dieser Mulid und der von Sayeda Zeynab, der
Ende Februar gefeiert wird, sind die bekanntesten. Die meisten Besucher jedoch –
es sollen bis zu drei Millionen sein – kommen jeden Oktober nach Tanta
ins Nildelta. Hier liegt der ãAuslšserÒ der Mulid- Tradition
begraben, Sayed el-Badawi. Der Ma- rokkaner, dem
Wunderdinge nachgesagt wurden, lehrte in Mekka und €gypten, wo er 1239 starb. Das
Renommee des islamischen Gelehrten war so gro§, dass selbst aus Indien Pilger
nach Tanta kamen, um sein Grab zu besuchen. Bald bildete sich die Tradition
einer jŠhrlichen Feier an seinem Todestag – die Urmutter aller Mulids.
Die gro§e Masse
kleinerer und unbedeutender Mulids wird nur von wenigen hundert GŠsten
besucht und dauert lediglich einen Tag. Ein gro§er Mulid erstreckt sich
dagegen oft Ÿber zwei Wochen, wobei der Hšhepunkt, die ãleyla kebiraÒ,
die gro§e und letzte Nacht, ist.
Besonders der Mulid
von Sayeda-Zeynab ist ein Magnet fŸr Tausende von Fellachen aus dem Nildelta. Schon
Tage vor der ãleyla kebiraÒ kommen sie in die Hauptstadt und schlagen um
die gleichnamige Moschee im SŸden Kairos ihr Quartier auf. Segeltuchfetzen und
bunt bedruckte TŸcher werden Ÿber jede verfŸgbare Gasse gespannt. Riesige
rechteckige Zelte werden hochgezogen, in denen auf Matten oder Teppichen ganze
Gro§familien und sufische Bruderschaften Ÿbernachten. Sie haben tragbare
Gaskocher dabei, ein paar Tšpfe und TeeglŠser. Die Šrmsten der Pilger schlafen
auf der Stra§e. Der Platz ist festlich hergerichtet, Ÿberall hŠngen bunte
Fahnen und Lichtergirlanden. Minarett und Kupferkuppel der Moschee Šhneln einem
Weihnachtsbaum. Aus hell erleuchteten, roten Festzelten dršhnt von Lautsprechern
verstŠrkte, grelle, monotone Musik.
Ein Mulid
ist eine Mischung aus religišser Zeremonie und Karneval. Die bunten Pappmasken
und SpitzhŸte aus Silberpapier, die es Ÿberall zu kaufen gibt, werden nicht nur
von Kindern getragen. Es herrscht Kirmesstimmung. Und tatsŠchlich ist ein Mulid
nichts anderes als eine orientalische ãKirch- weihÒ: ein Fest zu
Ehren des Heiligen, dem die jeweilige Moschee geweiht ist. Auch auf einem Mulid
gibt es Schie§stŠnde, Schiffschaukeln und Figurentheater fŸr die Kleinen sowie
andere Mšglichkeiten der Unterhaltung. †ber der abendlichen Szenerie liegt ein
schwerer, sŸ§licher Geruch. Fliegende HŠndler bieten RŠucherstŠbchen und
Weihrauch an, der auf Kohleglut verbrannt wird.
Je nŠher die ãleyla
kebiraÒ rŸckt, desto mehr Menschen stršmen allabendlich auf den Platz, um
die be-
sondere AtmosphŠre eines Mulids zu spŸren. †berall im
Viertel rund um die Moschee herrscht fršhli- ches Treiben. Reich
und arm, Sufis und Fellachen, Fundamentalisten und Touristen – in der
Menge ver-
schwimmen alle Unterschiede und Hierarchien. Auf manchem Mulid
sollen noch Feuerschlucker zu beobachten sein. Die traditionellen Šgyptischen
GeschichtenerzŠhler allerdings gibt es kaum noch. Sie wurden generell von
Fernsehserien abgelšst.
Langsam, von Nacht
zu Nacht, steigert sich die Stimmung. An einer Stra§enecke hat der Besitzer
eines Teehauses ein Zelt aufgebaut. Etwa 50 GŠste sitzen auf klapprigen HolzstŸhlen
in ausgestreutem SŠge- mehl, trinken Tee oder nuckeln an der
Wasserpfeife. Ihnen gegenŸber sitzen die Musiker. Drei MŠnner spielen auf der ãMizmarÒ,
einer Art Klarinette mit Rohrblatt und bis zu acht Grifflšchern. Begleitet wer- den
sie von zwei Trommeln. Sehr konzentriert, die Arme erhoben, beginnt ein schwarz
bekleideter Mann sich zur Musik zu bewegen. In einem anderen Zelt tanzt ein
ganz in wei§ gekleideter €gypter einen kunstvoll bedŠchtigen Stocktanz.
Oft wird die Musik abrupt unterbrochen, erst gegen Mitternacht steigert sich die Stimmung. Begleitet von rhythmischen TrommelschlŠgen und Anrufungen Allahs drehen sich jetzt viele MŠnner im Kreis. ãSikrÒ hei§en diese religišsen TŠnze, die von den tanzenden Derwischen in der TŸrkei bekannt sind. Das Ziel ist es, in der letzten Nacht den Zustand des ãJasbÒ zu erreichen,
sich in eine ekstatische Trance zu wirbeln
und so die Last der Erde abzuschŸtteln. Die Seele soll sich ganz vom Kšrper und
Verstand lšsen, eins werden mit dem Universum und einer hšheren geistigen Kraft – dazu dient der Tanz. Im Jasb konzentriert sich der TŠnzer nur
noch auf Gott, will IHN erfahren. ãLa illaha illa-llahÒ singt er, es
gibt keine Gottheit au§er Allah.
Immer wieder hat es
konservative islamische Gelehrte gegeben, die besonders die Feiern zum Ge- burtstag
des Propheten mit Fatwas zu unterbinden versuchten. Es handele sich um eine
religišs nicht legitime Neuerung, die im Gegensatz zur Ÿberlieferten reinen
Lehre stehe. Diese Stimmen sind eher verstummt. Mulids werden als Teil
des ãVolksislamÒ toleriert – zu tief sind die Feste im Kulturleben verwurzelt.
Zudem kennen auch die Kopten, die €gypter christlichen Glaubens, eigene Mulids.
Das bedeutet aber nicht, dass beide Religionen getrennt feiern, im Gegenteil.
Kopten besuchen ebenso gerne islamische Mulids, wie Muslime die der
Kopten. Ein gutes Beispiel dafŸr ist der Mulid Abu al-Haggag in Luxor,
der dieses Jahr am 22. September stattfindet.
FŸr viele €gypter
ist selbst der Geburtstag des Propheten, der Mulid al-Nabi, nicht mehr
nur ein strikt religišses Fest, eher schon eine folkloristische Angelegenheit.
Auch die Kopten beschenken ihre Kinder zu diesem Anlass mit Halawa-S٤igkeiten,
ein Brauch, der ursprŸnglich nur Muslimen vorgeschrieben war. Der Mulid
al-Nabi wird als einziger landesweit und in der gesamten islamischen Welt
gefeiert. Ein Vergleich mit dem christlichen Weihnachtsfest, dem Gedenken an
die Geburt Jesu, fŠllt nicht schwer.
Aktualisierter und
leicht Ÿberarbeiteter Text, der am 12.12.1989 in der SŸddeutschen Zeitung
abgedruckt wurde.
Weitere Literatur:
Aly Shawky, Amany: Taste of Egyptian Mulid from Cairo, 02.03.2010
(http://www.israinternational.com/tasty-sweets-Mulid-in-cairo.html,
Abruf am 21.06.2010)