Unser dritter
Stadtrundgang beginnt und endet nach etwa 6 km am Midan Ramsis (12) (Metrostation
Mubarak). Wir laufen zunŠchst sŸdwŠrts durch den Stadtteil ãTewfiqqiyaÒ in
Richtung des VergnŸgungsviertels am Midan Orabi (siehe Papyrus 5, Mai/ Juni
2010) und von dort durch den †bergangsbe- reich zwischen Alt-
und Neustadt, in dem sich viele Kirchen unterschiedlichster altorientalischer
Kir-chengemeinden entdecken lassen, zurŸck. Wir schauen uns dabei kein ãBahnhofsviertelÒ
an, wie wir es aus europŠischen StŠdten kennen. Zwar weist auch Tewfiqqiya
viele architektonisch hochwertige Ge- bŠude auf, die
zeigen, dass der Stadtteil sŸdlich des Hauptbahnhofs als ãEingangstorÒ zum
modernen Kairo ein Renommierviertel war und es gab hier seit Ende des 19.
Jahrhunderts bis in die 1950er-Jahre auch Hotels, GeschŠfte und Gastronomie,
die auf Reisende – vor allem westliche Touristen – ausgerich- tet
war. Aber seitdem diese mit dem Flugzeug ankommen, sind davon nur noch Relikte
zu sehen. Heute sind die meisten GebŠude stark sanierungsbedŸrftig. Das Viertel
ist jetzt geprŠgt von den sehr pragmati- schen
EinkaufsbedŸrfnissen der Bevšlkerung vom Lande, die gelegentlich fŸr
Erledigungen in die Met- ropole kommt. Hier gibt es vor allem Ersatzteile
fŸr Traktoren, Wasserpumpen und sonstige Metallwa- ren.
Ein ãtypischesÒ Bahnhofsmilieu oder gar ein Rotlichtviertel hat es hier nie
gegeben. Wohl aber zwei VergnŸgungsviertel weiter im Inneren der Neustadt:
Neben der schon beschriebenen Sharia Alfi die Gegend nšrdlich der
Ezbekiya-GŠrten.
ZunŠchst ist es
wichtig, sich vor Augen zu fŸhren, wie sich hier die geografische Lage Mitte
des 19. Jahrhunderts darstellte. Dazu Ÿberqueren wir nun die (durch HochhŠuser
beiderseits zur Stra§enschlucht gewordene) Sh. Ramsis mit ihrem gelegentlich
achtspurigen Verkehr und erreichen die El Fath Moschee (2). Sie steht
mit ihrem beeindruckenden Minarett – dem hšchsten in Kairo - an einer
Stelle, an der sich seit Jahrhunderten zwei Hauptverkehrsadern von Ÿberregionaler
Bedeutung kreuzten. Wenn wir gedanklich 1000 Jahre zurŸckgehen, befinden wir
uns im Hafenvorort Al-Maks, der hier kurz nach Er- richtung
der Palaststadt Al-Qahira entstand. Hier, also erheblich weiter im Osten als
heute, befand sich damals das Nilufer. SŸdwŠrts erstreckte sich bis zum
heutigen Sayeda Zeinab und der Insel Roda ein weites Gebiet, das periodisch vom
Nil Ÿberschwemmt wurde und daher nicht bebaut werden konnte. Nšrdlich des
heutigen Hauptbahnhofs lagen die Inseln Geziret el-Badran und Geziret el-Fil
(heute Shubra). SpŠter verschob sich das Nilufer mehrere hundert Meter
westwŠrts. Al-Maks konnte bis in das14. Jahrhundert per Schiff Ÿber einen
breiten Kanal angefahren werden, der vom Nil am sŸdlichen Rand des schnell
wachsenden neuen Hafenvororts Boulaq (ursprŸnglich ebenfalls eine Insel)
hierher fŸhrte. Mit zunehmender Bedeutung von Boulaq und dem Versanden des
Zwischenbereichs wurde Al-Maks aufgegeben. Mit dem Viertel Bab es-Sharquiya
wuchs nun ein breiter AuslŠufer der Altstadt Al Qahira bis hierhin.
Vom Hafen aus wurde nicht nur Kairo – Ÿber die nšrdlichen Stadttore Bab Futuh und Bab en-Nasr – mit Waren beliefert. Hier kreuzten sich auch die wichtigsten Ÿberregionalen Handelsrouten. Per Schiff wurden europŠische GŸter von
Alexandria nach Boulaq und von dort per Karawane weiter nach Suez trans- portiert, also vom Mittelmeer zum Roten Meer. Umgekehrt wurden aus Indien und China kommende Waren auf dem Weg nach Europa hier umgeladen. 1847 begannen neue Zeiten, als Muhammad Ali den Bau des Hauptbahnhofs befahl, der 1855/56 fertig gestellt, jedoch schon 1882 abbrannte und zwischen 1891-1893 vom englischen Architekten
Edwin
Patsy im islamisierenden Stil neu errichtet wurde. Sein Sohn, der Khedive
Ismail, lie§ 1863 einen neuen Kanal graben. Dieser fŸhrte vom Nil am heutigen
Ramsis Hilton entlang der heutigen Hochstra§en Ÿber der Sh. Al-Galaa und
der Sh. Ramsis am Bahn- hof vorbei und
weiter nordwŠrts Ÿber Abbassiya nach Ismailiya und der Suezkanalzone. Dieser
Khalig al-Ismailiya, der Boulaq und Bab es-Sharkiya trennte, wurde 1900 wieder
zugeschŸttet und durch einen neuen Kanal nšrdlich von Shubra ersetzt. Heute
ver- lŠuft
im ehemaligen Kanalgrund die Metrolinie zwischen den Stationen Ghara und Sadat.
Nšrdlich und
sŸdlich des Kanals entstanden zwei PlŠtze: der spŠtere Bahnhofsvorplatz Midan
el-Mahatta und der Midan Bab el-Hadid, hier an der Moschee, unmittelbar am
Ausgang der Altstadt. Durch das Bab el-Hadid, das nordšstliche Stadttor der
Altstadt, fŸhrte der einzige Weg von der Altstadt zum neuen Hafenvorort Boulaq
Ÿber den Kanal. Durch die Bedeutung des Hafens fŸr den Handel wuchsen beide
Stadtgebiete hier allmŠhlich zusammen.
Nachdem der Khalig
zugeschŸttet worden war, entstand hier mit dem heutigen Midan Ramsis ein
riesiger neuer Platz. Benannt ist er nach der kŸrzlich nach Giza verlegten
monumentalen Ramses- Statue. An der Stelle unserer Moschee
lag damals das GelŠnde der britischen MilitŠrpolizei.
Den besten
†berblick Ÿber den Platz erhalten wir zum Abschluss dieses Rundgangs vom Balkon
des Everest Hotels (1). Aber auch von hier aus fasziniert der starke
Auto- und Passantenstrom, der aus dreiAltstadtstra§en rechts von uns (am
GebŠude mit der ÒBavariaÒ-Werbung auf dem Dach) auf den Platz ergie§t.
Seit dem Bau der
Neustadt mŸndet neben der Moschee auch die vom Abdin-Palast und dem Midan Ope- ra
kommende Nord-SŸd-Achse der Sh. Al-Gumhuriya auf den Platz. Hier
entstand 1869 die ãmoderneÒ Sabilanlage (Wasserreservoir) Kuttab al-Walda
(3). Jenseits wurde die Sh. Clot Bey vom Bahnhof in Richtung Midan
Ataba, dem ersten Pol der Neustadtentwicklung, durch die Altstadt geschlagen.
In der Epoche umfangreichster Neubau- und Zerstšrungsma§nahmen entstand sŸdlich
von hier im letzten Drit- tel des 19. Jahrhunderts eine neue
Stadt. Entlang dieser Verbindungsstra§en zwischen beiden Polen wuchsen
GeschŠftshŠuser und ein europŠisches Stra§enmuster. WŠhrend die Sh.
Al-Gumhuriya schon sehr deutlich beide Welten trennt, ist die Sh. Clot Bey nur
ein ãmodernerÒ Stra§endurchbruch durch traditionelle Bausubstanz. Vergleichbar
mit der vom Atabaplatz sŸdwŠrts zur Zitadelle strebenden Sh. Muhammad Ali,
braucht man hier nur zehn Meter in eine der einmŸndenden Stra§en hinein zu
laufen, um plštzlich wieder in der Altstadt zu sein und die Stra§enfront als
NeustadtschimŠre zu verstehen. Mit dem Bedeutungsverlust des Viertels, der mit
der Automobilisierung einsetzte, ist die Stra§e allerdings reorientalisiert
worden.
Wir gehen nun aber
zunŠchst die Sh. Gumhuriya hinunter. Es dominiert hier heute - anders als zu
Hoch- zeiten
des Bahnhofs - der Handel mit Industriebedarf, Werkzeugen und FahrrŠdern. Kurz
vor dem Mi- dan Quantarret ed-Dikka
(s. Titelfoto) lohnt sich auf der rechten Stra§enseite in Hausnummer 66 ein
Blick in die Lobby des ehrwŸrdigen Victoria Hotels (4), um ein GefŸhl
fŸr die Situation zur Kolonial- zeit zu bekommen.
Auf der anderen Stra§enseite findet sich eine Konzentration
von GeschŠften mit FeuerlšschgerŠten und Šhnlichem Spezialbedarf, fŸr den heute
der ganze Stadtteil steht. Zu mameluckischen Zeiten verlief hier inmitten von
GŠrten ein Kanal, der von einer BrŸcke Ÿberquert wur- de.
Hier gingen nicht nur die Kairener gerne spazieren, hier nahm der Sultan an
Festtagen auch von ei- nem Podium aus die Huldigungen des
Volkes entgegen. Daher der Name des Platzes: BrŸcke am Podi- um.
Im 19. Jahrhundert ist dieses ehemalige VergnŸgungsviertel všllig verŠndert
worden. Nur noch eine Bar ãElf LeilaÒ erinnert mit ihrem Namen an ã1001
NŠchteÒ.
Hinter dem Hotel
biegen wir rechts in die Sh. Naguib el-Rihany ab, passieren den
unscheinbaren Ein- gang der griechisch-katholischen St.
Georgs-Kirche und erreichen die Prachtstra§e Sh. Emad ed-Din, der
wir ein StŸck sŸdwŠrts folgen. Die GebŠude weisen hier eine hohe
architektonische QualitŠt auf. Dies gilt besonders fŸr den riesigen Komplex der
ãImmeubles KhediviauxÒ (5) beidseits der Stra§e. Er entstand um 1911 und
diente auf einer GrundflŠche von 9.025 qm Wohn, GeschŠfts- und VergnŸgungszwecken. Rund um die Stra§e
bis zum VergnŸgungsviertel der Sh. Alfy befand sich einst das
KŸnstlerviertel Kairos. Naguib el-Rihany war Ÿbrigens einer der Stars der
damaligen Szene in den 1940er-Jahren. Der heute verbaut wirkende mittlere
Bereich, der von vier markanten Kuppeln gekennzeichnet ist, beherbergt CafŽs, Bars, Kinos und ein Schauspielhaus. Verschwunden sind auch die vielen Kinoplakatemaler, die bis in die spŠten 1990er-Jahre in WerkstŠtten (unter anderem in der Sh. Khalig al-Ghani nahe der Sh. Ramsis) per Hand Unikate fŸr Kinos produzierten.

Wir sto§en nun auf die Sh. Suleiman al-Halaby und folgen dieser ein StŸck ostwŠrts bis wir am Midan Quantarret ad-Dikka wieder an der Sh. Gumhuriya herauskommen. Der Stra§enname Al-Halaby erinnert an den im syrischen Aleppo (Halep) gebŸrtigen AttentŠter, der Anfang des 19. Jahrhunderts den unter Napoleon dienenden berŸhmten General KlŽber erstach und damit zum Helden des nationalen Wider- stands gegen die Besatzer wurde. Viele GebŠude der Stra§e wurden im klassizistischen oder neo- Eingang zur St. Georgs-Kirche 50 barocken Stil erbaut, sind jedoch im Stadium des Zerfalls oder wurden bereits abgerissen und durch Neubauten (unter anderem einem Kraftwerk!) ersetzt. Zuletzt stŸrzte an der Ecke zur Sh. Orabi 2009 ein solches –bereits jahrelang mit StŸtzbalken gesichertes - GebŠude ein. Der gewaltige TrŸmmerhaufen (6) wartet seit vergangenem SpŠtsommer auf eine neue Bestimmung. Lediglich eine nachtrŠglich im hinteren Bereich eingebaute kleine Erdgeschoss- Moschee steht noch. Das abends hinter den wei§en TrŸmmersteinen sichtbare grŸne Licht wirkt fast wie ein unheimliches Menetekel. Es ist zu vermuten, dass hier ein weiterer moderner Zweckbau (oft Tankstellen) errichtet wird.
Wir folgen der Sh.
Gumhuriya sŸdwŠrts, vorbei am heute mit der Zentralbank und anderen BŸrogebŠu- den
bebauten GrundstŸck des berŸhmten, in Revolutionsjahren abgebrannten, Shepheards
Hotels (7) zur Sh. Ali El-Kassar (ehem. El-Guenina). Die nach
einem Kinoschauspieler benannte Stra§e am Nordrand des Ezbekiya-Parks war wie
die Sh. Clot Bey mit durchlaufenden Arkaden als zeitgenšssische Kopie der Rue
de Rivoli in Paris angelegt worden. Gut erhalten ist dies nur noch am Ende der
Stra§e. WŠhrend die in den nahen Hotels untergebrachten EuropŠer und die
Angestellten der vielen hier angesiedelten Konsulate hier ehedem in
Stra§encafs europŠische Zeitungen lesen konnten, dominiert heute der Handel
mit Elektroteilen
und Werkzeugen. Hier in der Gegend, im nahen Haret El- Khazindara,
konnte Mann auch das Abenteuer einer ãVisitaÒ bei Damen unternehmen. In der
Haret el-
Arbakhana dagegen legten sich Pferde und Esel zur Nachtruhe,
die tagsŸber Touristen vom Bahnhof in die Stadt transportiert hatten.
Wir erreichen den Midan
Khazindan mit dem gro§en Bau des ehedem renommierten Kaufhauses Sednaoui
(8), das wie das Tiring-Building 1913 an der damaligen Hauptachse der
Passantenstršme zwischen Ataba-Platz und Hauptbahnhof entstand. Die BrŸder
Sednaoui waren eine der wenigen nicht- jŸdischen
Kaufhausinhaber der Belle Epoque. Die Syrer waren Rivalen der sephardischen
Kaufleute Cicurel, Chemla und Omar Effendi. ZunŠchst hatten sie in der Sh.
Muski nahe des Basars eine Nieder- lassung. Einer
Anekdote zufolge nahm ihre Erfolgsgeschichte durch eine besondere Begegnung
einen entscheidenden Schwung vorwŠrts. Nachdem Palastangestellte des Khediven
dort entweder zu viel bezahlten oder ihr Wechselgeld verga§en, lief einer der
BrŸder den hochherrschaftlichen Kunden hin- terher, um das
MissverstŠndnis auszuklŠren. Was diese als erstaunliches Erlebnis mit einem
ehrlichen (!)
syrischen Khawaga im Palast erzŠhlten. Von dem Tag an, so will es die Anekdote
(oder ist es eine Legende?), zŠhlte das Sednaoui zu den bevorzugten
Einkaufsorten der Hofdamen. Als Tewfiqqiya entstand, bauten die Sednaouis ihren
neuen Einkaufstempel nicht an der renommierten Avenue Kšnig Fuad (der heutigen
Sh. 26 Julio), sondern eben hier am Midan Kazindar. So gr٤ten sie die vom
Hauptbahnhof in die Innenstadt stršmenden Menschen vom Lande als erste mit den
Wundern industriell gefertigter Ware. Sie waren einfallsreich, boten Auktionen
und Modeschauen sowie – als Besonderheit – eine Art
Winterschlussverkauf, zu dem sich auch Angehšrige weniger wohlhabender
Schichten einen Einkauf leisten konnten.
Wir gehen nun
zurŸck in Richtung Bahnhof durch das Ezbekiya-Quartier. ZunŠchst laufen wir in
der Sh. Naguib el-Rihani wieder durch eine GeschŠftswelt, die zunŠchst
auf Waschmaschinen, Wasserpumpen, Kompressoren und andere Motoren, spŠter auf
FahrrŠder spezialisiert ist. Der Knick, den die Stra§e am Midan Quantarrat
ad-Dikka macht, ist durch das damalige Ufer einer Lagune bedingt, an deren
Stelle spŠter die Ezbekiya-GŠrten entstanden. Dieser Stra§enabschnitt gehšrt zu
den ersten ausgebauten Stra§en der Neustadt. Die Stra§e wirkt in ihrer Bebauung
bescheiden, zum Teil auch
Šrmlich. Schaut man genau hin, entdeckt man einen
Schatz von baugeschichtlich sehr interessanten Beispielen von Bauten aus dem19. und frŸhen 20. Jahrhundert. Der Architekturprofessor Mohammed Scharabi
schrieb 1989: ãDie hochgradig verstaubten Fassaden und die unsachgemЧe
Verwendung ihrer Architektur- Immeubles
Khediviaux elemente kšnnen die Stilmerkmale des Ÿberwiegend italienisch
geprŠgten Klassizismus und Neobarock, des Jugendstils und Neoklassizismus nicht
verbergen, deren formale Konsequenz man bewundern mu§Ò. Wir biegen rechts am
Platz in die Sh. Al-Kinisa al-Murkussiya ab, die uns eine neue Welt
erschlie§t. Die durch AltstadtgelŠnde fŸhrende Stra§e ist nach der in den
1860er-Jahren anstelle einer Šlteren Kirche erbauten St. Markus Kathedrale
(9) benannt. Zu diesem Komplex gehšrte bis 1968 auch das koptische
Patriarchat. Mit dem Bau einer neuen Kathedrale in Abbassiya wurde es dorthin
(2 km nordšstlich von hier) verlegt. Wer hier aufmerksam die GeschŠfte
betrachtet, wird jedoch noch eine Vielzahl von auf koptisch-religišsen Bedarf
ausgerichteten LŠden finden, zum Beispiel Taufkleider.
Wir erreichen einen
kleinen Platz am schon angesprochenen Stra§endurchbruch der Sh. Clot Bey (auch:
Khulud Bey), welcher nach jenem franzšsischen Arzt namens ãClaudeÒ benannt ist,
dem das Land die ersten Hygienema§nahmen zu verdanken hat. Hier lie§en sich Ende des 19. Jahrhunderts
vor allem neu zugezogene EuropŠer nieder und gingen in den expandierenden
modernen GeschŠftsstra§en weiter im SŸdwesten ihren AktivitŠten nach. Bis 1907
war vor allem die Zahl der in der kolonialen Neustadt, Zamalek und Garden City
lebenden AuslŠnder auf Ÿber 75.000 angewachsen. Bei einem Tee in einem der
vielen TeehŠuser im Viertel lohnt ein Reflektieren darŸber, wie die Dynamik der
Stadtentwicklung mit der enormen Zuwanderung seit einem halben
Jahrhundert
diese europŠische Stadt ŸberprŠgt hat. Die meisten ArkadengŠnge sind
verschwunden. Es gibt viele Hotels und TeehŠuser fŸr anspruchslosere Kunden
(bis in die 1980er-Jahre aber auch Tanz- und Gesangsagenturen sowie
MusikgeschŠfte).
Auch die
Handelswaren der Stra§e zeigen den Wandel: SŸdwŠrts dominieren Billigtextilien,
Waschmaschinen und Ventilatoren, nordwŠrts in Richtung Bahnhof finden sich vor
allem HŠndler von Waschmaschinen, KŸhlschrŠnken und Gaskochern. Weiter sŸdwŠrts
in der Seitengasse Al Gami al-Ahmar bieten dutzende LŠden Plastikcontainer und
AltglasbehŠlter. †berall in den Nebengassen des Viertels finden sich
spezialisierte Betriebe der Metallverarbeitung. In besonderer Konzentration ist
das im weiteren Verlauf der Sh. Bein el-Harat der Fall, in die wir nun
rechts abbiegen. ZunŠchst aber Ÿberrascht eine Konzentration von GeschŠften mit
SŸssigkeiten, Sirup und TŸten, inmitten derer in merkwŸrdigem Kontrast
Armeestoffe und Kleidung fŸr Rekruten angeboten werden. Das Viertel der
ZuckerhŠndler und Konfisserien ist besonders zu Zeiten des Mulid en-Nabi voller
Menschen. Denn: Hier bekommt man auch die Puppen, die zum Geburtstag des
Propheten verschenkt werden. Der Name der Strasse (ãzwischen den ViertelnÒ)
verdeutlicht ihre besondere Lage am Verlauf der (heute beidseitig verbauten)
Stadtmauer, die seit dem 12. Jahrhundert von Al-Qahira zum Nil fŸhrte. Auch der
Name der nahen Sh. Bab al-Bahr benennt sehr schšn, dass diese Stra§e zu
einem Tor am Flu§ (wšrtlich: am Meer) fŸhrte.
†ber einen
ehemaligen ãDurchgangÒ durch die Stadtmauern, die Sh. Al Burg, erreichen
wir ãante portasÒ nicht nur das Kairener SanitŠrwarenparadies der Sh. Kamel
Sidki, sondern auch das stark christlich geprŠgte Neustadtviertel Faggala.
In einer Seitenstrasse der Sh. Bustan al-Maqs (heute: Sh. Quasr el- Loloa)
steht die 1891 geweihte Kirche der heiligen Familie (10) der
Jesuiten. Im Inneren des gelb-wei§ gestreiften Baus lohnt eine Betrachtung der
schšn gestalteten Fenster sowie des 1965 fertig gestellte neuen Altarfreskos.
Nebenan steht die 1922 entstandene koptisch-evangelikale Kirche, die
1992 vom Erbeben stark getroffen und 1994 renoviert worden ist. Zu dem Komplex
gehšrt ein Waisenhaus mit Schule fŸr MŠdchen. Wir erreichen die
Sh. Ramsis (an der weiter rechts die 1924-27 entstandene armenische Kathedrale
von St. Gregor dem Illuminator (11) steht). Eine Šhnlich hohe Konzentration
an Kirchen findet sich unmittelbar hinter dem Hauptba
hnhof in Shubra.
Nachdem wir die mšglicherweise grš§te zusammenhŠngende AsphaltflŠche Afrikas auf Fu§gŠngerbrŸcken Ÿberquert haben, kšnnen wir im Hauptbahnhof (12) im ãCairo Station Coffee ShopÒ (rechter Bereich der Halle) etwas trinken und die AtmosphŠre auf uns wirken lassen. ZurŸck auf dem Midan Ramsis orientieren wir uns an dem 15-stšckigen GebŠude, das rechts der El-
Fath
Moschee den Platz beherrscht. Dazu queren wir die BahnbrŸcke nach Shubra und
die Sh. Al-Saptiyya, die nach Boulaq fŸhrt. Eingangs der Sh. Al-Saptiyya
ist linkerhand die ehemalige Markthalle des ãMarch du GareÒ zu entdecken. Wir
kommen am schšn gestalteten Restaurant ãDonia Al MaakolaiÒ vorbei,
queren unter der Hochstra§e der Stadtautobahn die Sh. Al-Galaa und erreichen
das genannte Hochhaus ãImarat RamsisÒ, in dessen 14. und 15. Stock das ãEverest
HotelÒ (1) unbedingt einen Besuch lohnt. Das in den 1950er-Jahren
errichtete Haus ist – Šhnlich den zeitgleich in Frankreich umgesetzten
Konzepten von Le Corbuisier – eines der frŸhesten Kairener Beispiele fŸr
ein neues ãMassenwohnkonzeptÒ mit Tiefgarage, Kellern (!) und anderen
Gemeinschaftseinrichtungen.
Um den Aufzug zu
erreichen, muss man inmitten von Fruchtsaftanbietern und dem Azouz Coffee Shop
eine der beiden Passagen ins Innere finden (neben dem blauen Iberchem- oder dem
orangefarbenen Mobinil-Laden). †ber einen Querflur zwischen beiden Passagen
gelangen wir zum schmutzigen Aufzugbereich. Hier hei§t es vor allem abends
lange zwischen Liebespaaren warten, ehe man hochfahren kann, ist doch nur noch
ein Aufzug (mit betagtem Liftboy) funktionstŸchtig. Das Hotel bietet einen
langgestreckten Balkon mit šffentlich zugŠnglichem CafŽ, von dem aus man einen
faszinierenden weiten Blick Ÿber den Platz mit seinen Werbeschildern, den
Norden der Stadt, den heute durchwanderten Stadtteil bis hin zu den Felsen von Moqattam
und westwŠrts bis zu den Skyscrapern der Nilfront hat.

Quellen:
o Gabra,
Gawdat / van Loon, Gertrud J.M: The Churches of Egypt. From the Journey of the
Holy Family to the
Present Day,
AUC-Press, Cairo/ New York, 2007
o Morgan,
Ihab: Kairo. Die Entwicklung des modernen Stadtzentrums im 19. und frŸhen 20.
Jahrhundert, Bern/
Berlin/ BrŸssel/
Frankfurt/M/ New York/ Wien, 1999
o Das
opulente Standardwerk zur Neustadt: Scharabi, Mohamed: Kairo. Stadt und
Architektur im Zeitalter des
europŠischen
Kolonialismus. Verlag Ernst Wasmuth, TŸbingen 1989
o Viaud,
GŽrard: Le secrt des mystŽrieuses rues du Caire, Kairo 1990