Der Staatsstreich vom 23. Juli

 

von Christa Afifi

 

Geschichte

 

Um diese politische Wendung richtig einordnen zu können, muss man weit in die Vergangenheit Ägyptens zurück blicken. Die Dynastie des Mohamed Ali, aus der König Faruk entstammte, war albanischen Ursprungs. Sie war ebenso landesfremd wie die herrschende Klasse aus dem Völkergemisch des osmanischen Reiches. Noch bevor das türkische Reich (ca.1796) zusammen brach, hatten diese Feudalherren sich sämtliche Rechte an ägyptischem Boden gesichert.

Ein Großteil dieser vermögenden Oberschicht verfügte neben riesigen Ländereien, auch über eine ungewöhnlich starke, politische Macht. Diesen Machtanspruch missbrauchte sie ohne Skrupel, um die Ureingesessene Bevölkerung Ägyptens zu unterdrücken. Sie interessierte sich weder für soziale Gerechtigkeit noch für technischen Fortschritt, sie hatte nur Sinn für die Erträge, welche ihr Grundbesitz ihnen einbrachte.

Natürlich gab es unter den Großgrundbesitzern einige, die für das soziale Wohlergehen ihrer Angestellten und Bediensteten sehr bewusst Verantwortung übernahmen. Dafür gab es aber keine verpflichtende Regelung.

 

 

Bis 1952 hatten Arbeitslosigkeit und extreme Einkommens- und Vermögensunterschiede das Elend der Landbevölkerung und der städtischen einkommensschwachen Schichten unerträglich verschärft. Korruption der Regierung, in der Verwaltung und Armeeführung sowie ausschweifender Luxus am Hofe des Königs zeigten die Polarisierung der Gesellschaft. Es schien, daß nur eine gewaltsame Veränderung des Systems die Masse des Volkes aus dem Zustand dumpfer Ergebenheit befreien konnte. Eine Revolution war unvermeidlich, zu sehr litt das Volk unter der Feudalherrschaft des Königs und seiner Paschas

 

Aus kleinen Gruppen der bürgerlichen Schicht von Ärzten, Advokaten oder Lehrern, stieg Kritik über die soziale und politische Entwicklung Ägyptens hoch, sie verurteilten Misswirtschaft und soziale Gleichgültigkeit. Nur konnte Kritik allein nichts bewirken. Es war klar, das Bürgertum hatte keine Macht, etwas gegen die Monarchie und seinen Geldadel zu unternehmen. Und so blieb alles beim Alten.

 

Anfang des Jahres 1938 bildeten in einer kleinen Garnison Mankabad, in der Provinz Said, einige junge Offiziere ein Komitee, welches die Probleme Ägyptens und deren Verbesserung zum Thema machte. Die Männer verbanden ähnliche Jugend-Erfahrungen, sie waren in der Zeit der direkten und indirekten Herrschaft des Kolonialismus der Briten aufgewachsen. Gamal Abdel Nasser, der mit 21 Jahren zu dieser Gruppe stieß, kam mit einem festen Ziel. Er hasste den König und machte ihn für die Unwissenheit und Armut der Bevölkerung verantwortlich. Für Nasser war der König eine Marionette der Kolonialmächte. Ein Hemmnis für den Fortschritt am Nil. Nasser sprach sich daher unmissverständlich für eine Revolution aus. Seine Ziele waren klar und deutlich: Der gewaltsame Aufbau einer Republik, Vernichtung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Vormachtstellung der Paschas und Feudalherren und die endgültige Vertreibung der Engländer aus Ägypten. Kurz, die Befreiung von jeglichem politischen und wirtschaftlichen Imperialismus.

 

Die Gruppe von Mankabad, die später als die „Freien Offiziere" bekannt wurde, gründete schon 1939, eine revolutionäre Gemeinschaft. Unter den Mitgliedern befanden sich außer Gamal Abdel Nasser, Anwar Al Sadat, Salah Salin und Hosein Schafahi. Mohamed Nagib dagegen stieß erst während des Palästinakrieges zu ihnen. Drei Jahre später 1942, teilte sich das Komitee in Sektionen, um eine totale Geheimhaltung zu garantieren. Jede Sektion bestand aus je fünf Mitgliedern, deren Kopf nur einer der Männer einer anderen Sektion kannte. Alle Stränge liefen in einem Zentralkomitee von 10 Offizieren zusammen. Diese 10 Offiziere bildeten später, nach dem erfolgreichen Staatstreich vom 23. Juli 1952 den Revolutionsrat, dem Gamal Abdel Nasser vor stand

 

Die Revolution

 

Am Vorabend des 23. Juli 1952 traf sich der Geheimbund der „Freien Offiziere“ zum letzten Mal zu einer Besprechung. Der König sollte am nächsten Tag gestürzt werden. Zu lange hat er auf Kosten des Volkes ausschweifend gelebt. Ausschlaggebend für die militärische Gesinnung der Männer waren vor allem die Ereignisse des Jahres 1948, d.h. vier Jahre zuvor, als Ägypten an der Seite von Palästina gegen Israel gekämpft hatte. Die Waffen, mit denen die ägyptischen Soldaten kämpfen mussten, töteten mehr Ägypter als Feinde. Die abgefeuerten Schüsse gingen sehr oft nach hinten los und töteten oder verletzten die eigenen Soldaten. Dem König war bekannt, dass es sich bei diesen Waffen um Billigware handelte. Trotzdem, hatte er ohne Rücksicht auf die hohen Verluste, die im eigenen Lager dadurch entstehen würden, die Waffen einsetzen lassen. Gerade dieses Verhalten des Königs gegenüber seiner Streitmacht, war der auslösende Funke für die Revolution.


Am 23. Juli 1952 erhielt der König ein Schreiben der „Freien Offiziere“, indem sie ihm eine Frist von 24 Stunden gewährten, um Ägypten verlassen zu können. Gleichzeitig wurde der

Palast von der revoltierenden Armee umstellt. Weitere wichtige Gebäude wurden besetzt. Höchste Priorität hatte die Beschlagnahme des Mediengebäudes, damit keine beunruhigenden Nachrichten ausgestrahlt werden konnten. Man wollte eine Revolte vermeiden. Daher war es ebenfalls möglich, überraschend und zeitgleich alle einflussreichen Verbündeten Faruks unter Haus-Arrest zu stellen.

 

Endlich war der Moment gekommen, in dem Anwar Al Sadat - der spätere ägyptische Präsident - über das Radio verkünden konnte, dass der Staatsstreich unblutig und erfolgreich gelungen sei. Nach dieser Nachricht brach in den Straßen brausender Jubel aus.

 

Drei Tage später, am 26. Juli 1952, verließ König Faruk Ägypten und ging ins Exil nach Italien. Schon ein knappes Jahr nach dem Sturz der Monarchie hatten die Revolutionäre ihr Ziel erreicht und proklamierten am 18. Juni 1953 die Republik im Namen Mohameds Nagibs, der nun der erste Staatspräsident Ägyptens wurde. General Mohamed Nagib, war der einzige, der aus der anonymen Gruppe der Revolutionäre an die Öffentlichkeit getreten war. Er zeichnete sich für die Abdankung des Königs verantwortlich und vertrat die Pläne und Ideale, die sich die "Freien Offiziere" an Stelle des Pascha-Regimes gesetzt hatten.

Mohamed Nagib

 

 Doch General Mohamed Nagib, der älteste unter den Offizieren, der auch den höchsten militärischen Rang innehatte, blieb nicht lange an der Macht. Seine moderaten Vorstellungen von der Umsetzung der Ziele zur neuen Republik stimmten nicht immer mit denen der "Freien Offiziere" überein. Er wollte schon bald die Führung des Landes vom Militär trennen und wieder den Politikern überlassen. Eine Chance, für korrupte Cliquen und alte Parteien der Wafd, sich unverzüglich in den Vordergrund zu drängen. Für den Revolutionsrat, mit Gamal Abdel Nasser an der Spitze, wurde es höchste Zeit einzugreifen, wenn er nicht alles verlieren sollte, wofür er 14 Jahre gekämpft hatte. Endlich, nach zweimaligem Versuch, gelang es Gamal Abdel Nasser, den vom Volk geliebten General Mohamed Nagib, zu entmachten.

 

 

Gamal Abdel Nasser

 

Anfangs kannte niemand den jungen Oberst, der plötzlich an der Spitze der politischen Macht erschien. Er zog erst die Aufmerksamkeit der Weltpolitik auf sich, als er auf der ersten Afroasiatischen  Konferenz, die vom 18. bis zum 24. April 1955 Bandung (Indonesien) stattfand, als einziger Delegierter eine Resolution durchsetzte, die die Forderung nach Unabhängigkeit für Marokko, Algerien und Tunesien thematisierte.

Diese Konferenz war ein Ereignis von großer Bedeutung. 600 Delegierte aus 23 asiatischen und 6 afrikanischen Ländern, die sich gegen den Kolonialismus erhoben, suchten einen gemeinsamen Weg, aus ihrer politischen und wirtschaftlichen Ohnmacht, um ein angemesseneres Leben für ihre Völker zu erlangen. Sie waren zusammen gekommen, um solidarisch den Kampf gegen Rassendiskriminierung und Kolonialismus aufzunehmen und gleichzeitig kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit aufzunehmen.

 

Als Gamal Abdel Nasser an die Macht kam, war er der jüngste Ministerpräsident der Welt. Man sagt, daß niemand, der ihn je kennen gelernt hat, ob mit Ablehnung, Hass oder Anerkennung, ihm Idealismus, Energie oder Schaffenskraft abgesprochen hat.

 

Außenpolitisch sicherte Gamal Abdel Nasser seine Entwicklungsstrategie mit der Politik des positiven Neutralismus ab, die er gemeinsam mit dem indischen Ministerpräsidenten Nehru und Jugoslawiens Staatschef Tito entwickelte.

 

Die "Freien Offiziere" wollten ihre Ziele ohne neue Abhängigkeiten von fremden Mächten erreichen. Für ihre Entwicklungsplanung holten sie sich die besten Experten aus Ost und West. Nasser bemühte sich ebenso um die nötige Entwicklungshilfe, denn viele Projekte überstiegen bei weitem Ägyptens Zahlungsfähigkeit.  

 

Epilog

 

Heute gibt es auch kritische Stimmen unter den Ägyptern, besonders aus der jüngeren Generation, welche die Nasser-Ära als eine Zeit politischer Unfreiheit und wirtschaftlichen Mangels anklagen. Diese Kritiker vergessen aber, dass die meisten von ihnen den eigenen sozialen Aufstieg dem massiven Ausbau des Erziehungswesens und der Arbeitsplatzgarantie der Nasser-Zeit verdanken.

 

Owohl mit der Revolution das Gefüge der ägyptischen Wirtschaft grundlegend verändert und die Verantwortung nun bei den einheimischen Geschäftsleuten lag, war das ägyptische Pfund stark: (Kurs: 1 Ägyptisches Pfund /L.E. = 12,07 DM / 50 Piaster = 6,-- DM / 10 Piaster = 1,20 DM).

 

Gamal Abdel Nasser war der Wegbereiter, welcher dem ägyptischen Volk Würde, und zum ersten Mal auch die Gewissheit gegeben hat, dass soziale Gerechtigkeit ein reales politisches Ziel sein kann.

Mit der Revolution von 1952 wurde aus Ägypten eine von jeglicher Fremdherrschaft unabhängige Republik.

 

 

 

Quellen:

- Gisela Bonn "Neue Welt am Nil"

- Ägypten verstehen (Sympathie Magazin)

- Studienkreis für Tourismus (Friedemann Büttner)

- Lexas.net

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