Die Revolution und die Kultur von Angelika Marks

In ihrer Autobiographie
erinnert sich Jehan Sadat an die Tage kurz nach der Revolution von 1952 mit der
Überlegung, dass nun zum ersten Mal seit dem Jahr 522 v. Chr. Ägypten von Ägyptern regiert werden
würde. Keine ganz unproblematische
Feststellung, bedenkt man, dass hier sämtliche islamischen Herrscher ebenso wie Franzosen und
Engländer zu den Besatzern gerechnet werden. Ganz unbewusst wird hier ein ikonographisches Programm
beschworen, das nicht nur der bürgerlichen Elite vor Augen stand: die überlebensgroße
Granitskulptur „Nahdat Misr - das Erwachen Ägyptens“ - von Mahmoud Mukhtar grüßte seit 1928 jeden Bahnreisenden
und wurde während der Nasserzeit auf seinen heutigen Platz vor der Universität
Kairo verlegt. Diese erste
kolossale Granitskulptur der Neuzeit vereinigt die beiden Aspekte Ägyptens, die
pharaonische Tradition in Form einer Sphinx mit der Personifizierung Ägyptens als „Fellachin“,
die vertrauensvoll der Zukunft
zugewandt ihren Schleier lüftet. Symbolisch wurden der Schulterschluss
zwischen Moderne und Antike unter Ausschluss aller anderen islamischen
Traditionen und die erste Personifizierung Ägyptens als Frau verbildlicht. Nicht umsonst wählte sich die junge Frauenbewegung Ägyptens dieses
Motiv als ihr Emblem.
Rund dreißig Jahre später wird ein populärer
Schnappschuss, der ganz ähnlich
das personifizierte Ägypten mit der realen Sphinx in einem Bild vereinigt, zum
ikonographischen Programm der Revolution.
Allerdings suggeriert das Medium, in diesem Fall die Fotografie,
entsprechend der herrschenden Stilrichtung einen gewissen Realismus, und die Person ist keine abstrakte
Größe, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut: die weltberühmte Sängerin Umm
Kulthum. Aber Umm Kulthum zeigt
sich hier nicht als verschleierte junge Frau, sondern im besten Alter mit
moderner amerikanischer Hochsteckfrisur und einer leicht koketten Sonnenbrille,
die sie jedoch nicht aus Eitelkeit, sondern wegen ihrer Augenkrankheit zu
tragen gezwungen ist. Aus
einfachen Verhältnissen stammend und berühmt geworden durch ihre einzigartige
Wiedergabe gesungener Koransuren, bedeutete ihre uneingeschränkte Unterstützung
für die Regierung Nasser nicht nur in Ägypten, sondern in der ganzen
panarabischen Welt einen unschätzbaren Prestigegewinn.
Mahmoud Mukhtar NahdatMisr
Misr „Nahdat Misr
Gefragt
nach dem Lebensgefühl jener Zeit, erinnert sich so mancher an ihre legendären
Radiokonzerte, die jeden ersten Donnerstag im Monat für mehrere Stunden und
ununterbrochen von Nachrichtensendungen vom ägyptischen Staatssender übertragen
wurden. Man rauchte, trank Kaffee oder Whisky, fuhr zum Strand oder sperrte nur
den Laden ab. Es war ein Fest, das nicht nur in Ägypten, sondern in der ganzen
arabischen Welt gefeiert wurde. Religiöse Spiritualität vertrug sich mit
populärer Kultur und bedurfte nicht des demonstrativen Schleiers, um als solche
erkannt zu werden. Die Moderne orientierte sich nicht mehr an Europa, die alten
Kolonialmächte hatten seit der Suezkrise ausgedient, sondern am
amerikanischen „way of life“. Die „Scharia“ war noch nicht Bestandteil des Gesetzes,
und vieles, was im Laufe der Islamisierung des Landes undenkbar wurde, erfreute sich einer stillschweigenden
Tolerierung.
Als Ausdruck dieser zunächst positiven Haltung gegenüber dem technisch fortgeschrittenen Westen, von dem man sich die Unterstützung zu den wichtigen Infrastrukturprogrammen nicht zuletzt dem Staudamm in Assuan erhoffte, wurde das „Nile- Hilton Hotel“ am neu benannten „Midan al-Tahrir -Platz der Befreiung“ errichtet. Eine luxuriöse Symbiose zwischen westlichem Komfort und der Hollywood Variante des alten Ägypten, die sich bald als Illusion erwies und damit anderen Strömungen weichen so