http://farm3.static.flickr.com/2192/2556615850_059c4a3c39.jpg?v=0 

Karin Vennewald

 

Aufstieg und Fall einer Ikone

Omar Effendi

 

 “I like going to Omar Effendi because the experience is so surreal!” Eine Aussage mit stark sarkastischem Unterton über Einkaufen 2006 im alt-ehrwürdigen ehemaligen Vorzeigekaufhaus des Nilstromlandes sagt es treffend: Ein Kaufvergnügen nach modernen Maßstäben findet dort wahrlich nicht statt. Der Muff  ist überall: Von der Ausstattung bis zum Personal drängen sich Assoziationen an vergangene sozialistische Zeiten auf. Alles schreit förmlich nach Auffrischung und mehr Attraktivität. Dabei zeichnete sich das Omar Effendi in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts durch elegantes Ambiente und moderne Markenprodukte aus, das die gut betuchte ägyptische wie internationale Gesellschaft anzog und gerne dafür zu bezahlen bereit war. Eine wechselvolle Geschichte weist diese Kaufhauskette mit nunmehr 82 Filialen auf, gestoßen durch politische Systeme  und somit stärkstem Wandel unterworfen, ist sie bereits stark geschwächt, trotzt aber bis heute einem endgültigen Todessturz, aber wie lange noch?

 

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ce/Orosdi-back-6.jpg Adolf Schnabel, später Adolf Orosdi, ehemaliger jüdischer Offizier in Diensten des ungarischen Freiheitskämpfers Lajos Kossuth war gezwungen, nach der Niederschlagung des ungarischen Unabhängigkeitskrieges in die Türkei zu fliehen und gründet 1855 sein erstes Bekleidungsgeschäft in Galata. Zusammen mit der Back Familie, ebenfalls jüdisch und von österreich-ungarischer Abstammung kommen bald weitere Läden in Ländern wie Türkei, Libanon, Syrien, Rumänien, Irak, Tunesien, Iran ja selbst in Japan unter dem Namen Orosdi Back hinzu. Hermann Back sowie Léon Orosdi, Sohn von Adolf Orosdi konvertieren in Paris zum Katholizismus und verheiraten ihre Töchter in das gehobene französische Bürgertum. Jetzt beginnt auch der Siegeszug von Orosdi Back in Ägypten. Nicht nur Kairo und Alexandria, sondern auch Port-Saíd, Tanta und Zaqziq, sind Standorte neuer exklusiver Warenhäuser. Der dortige Manager aus der Familie, Philip Back trägt durch finanzielle Unterstützung zur Entwicklung der Stadt bei, indem er z.B. die Synagoge „Chaar Hachamayim“ in der Adli Straße mit zu erbauen hilft. Ebenso tritt er als Förderer großer Ausgrabungen in Ägypten auf.

 

1909 eröffnet Orosdi-Back eine Filiale im Mouski-Viertel und bietet dort wie in den übrigen Häusern seine Waren zu Festpreisen an, eine bis dahin ungewöhnliche Praxis. „Nouveautés“ und „Articles de Paris“, europäische Konfektionsware für Damen, Herren und Kinder, „p̭rêts-à-porter“ Kleidung, die aber immer noch zu hohen Preisen veräußert werden. Aus dem schon reichhaltigen Angebot werden bevorzugt Hüte für Damen und „Tarbouches“ für die Herren erstanden. Später wird das Warenangebot noch um einiges mehr erweitert: Von Stiefeln über Reiseartikel, Möbeln bis hin zu Modeschmuck, der den bis dahin üblichen Goldschmuck ablöst, ja selbst Musikinstrumente und Grammophone. Das Unternehmen Orosdi-Back produziert 1908 sogar Schallplatten des damals bekannten ägyptischen Sängers Yusuf-al-Minyalawi und während des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts konnte Orosdi-Back eine Schweizer Uhrenfabrik sein Eigen nennen.

 

Einen großen Teil der Beschäftigten sind Juden aus guter Familie, die Sprachkenntnisse in Arabisch, Englisch, Italienisch, manchmal Griechisch und natürlich Französisch vorweisen müssen. Dabei werden die Kunden ausschließlich von kundigen Verkäuferinnen bedient. So gelingt dem Unternehmen Orosdi-Back die Inthronisierung zur Königin der Warenhäuser, die erste Kaufhauskette, die auch über die eigenen Grenzen hinaus in Ländern wie Syrien, Irak oder Tunesien operiert, nach der Revolution sogar bis in die Golfstaaten expandiert.

 

Neue Eigentümer bringen 1920 den neuen und noch heute gültigen Namen „Omar Effendi“ mit und prägen seitdem auf Jahrzehnte die Identifizierung des Begriffs „Kaufhaus“ mit diesem: „unsere ägyptische Version von „Macy’s, unser Macy’s!“, äußert sich stolz ein Blogteilnehmer.

 

http://www.businesstodayegypt.com/imageview.aspx?ID=12762Doch bereits in den Dreißiger Jahren scheint der Erfolgsgipfel erreicht, die Filialen in Tanta und Zagazig müssen geschlossen werden. Der wachsende wirtschaftliche Nationalismus führt zu zeitweisem Boykott europäischer Ware und begünstigt rein ägyptische Läden. Weiteren Vorschub leistet die Revolution der Freien Offiziere 1952 mit ihrer Ausrichtung auf Stärkung der ägyptischen Identität und der langsamen Verdrängung vieler internationaler Warenimporte sowie die Vertreibung der ausländischen Elite. 1957 folgt die unausweichliche Verstaatlichung der mittlerweile auf 69 gestiegenen Filialen unter Präsident Gamal Abdel Nasser. Für die einstmals hoch angesehenen Kaufhäuser beginnt damit eine Zeit der Mittelmäßigkeit, hauptsächlich Waren schlechter Qualität gehen über den Ladentisch. Klagen über zu hohe Preise häufen sich, ebenso die unverkäuflichen Lagerbestände. Dennoch kann Omar Effendi seinen Platz behaupten und ist sogar in der Lage seine Filialen auf 82 aufzustocken.

 

In den Siebziger Jahren jedoch, ändern zum einen die Politik der Öffnung unter Präsident Anwar al Sadat sowie zum anderen Warenimporterleichterungen den Lauf der Dinge.  Ein stärker werdender Wettbewerb, hauptsächlich durch die immer mehr fortschreitende Globalisierung, anhaltende Rezession, Missmanagement und zu viel und vor allen Dingen unqualifiziertes Personal setzen „Omar Effendi“ sehr zu und führen zu einem unaufhörlichen Niedergang. Shopping Malls erobern mehr und mehr das einstige Herrschaftsgebiet und bieten das ultimative Einkaufsevent mit attraktiveren Stores, einer größeren Produktpalette und vor allen Dingen: einem besseren Service. Der Zug in die Moderne wird verpasst.

Die Ikone befindet sich im freien Fall und sucht die rettende Hand, die die öffentliche nicht mehr sein kann und will.

 

Privatisierung heißt das Überlebens- wie Schönheitselixier für die welke Dame und nach einem vierzehn Jahre dauernden Hin- und Her nimmt sich schließlich der saudi-arabische Anwal Konzern ihrer an. Dieser erwirbt im Februar 2007 Omar Effendi für fast 600 Millionen EGP, übernimmt Verbindlichkeiten ebenfalls in Millionenhöhe, finanzielle Pensionsabfindungen sowie eine 40 Millionenspritze für den Renovierungsprozess; es wird viel erhofft und noch mehr versprochen:

http://www.internile.com/images/portfolio/omar.gif

Omar Effendi promises a quality shopping experience where you can buy the latest in cosmetics, everything you need for dinner, a brand new outfit for a night out and a new lazy boy for your living room, all wrapped up in a delicious, inviting and tantalizing package, making for a quality shopping experience. Combining the latest in fashion, sophistication and style in a unique environment, is just what the doctor ordered, and Omar Effendi is a very fabulous remedy.”

 

So nun die Beschreibung des im Jahre 2008 mit dem neuen und teuren Designerkleid versehenen Kaufhausunternehmens auf der ebenfalls neu und zeitgemäß gestalteten Webseite des neuen selbstbewussten Omar Effendi. In einem „Himmel“- Blau erstrahlend, das den gleichen verspricht, Blau als Symbol für Nil, Rotes- und Mittelmeer, soll diese ausgewählte Farbe aber auch Repräsentanz des Landes Ägypten sein, soll Stolz auf dieses Land ausdrücken sowie eine neue Blütezeit für die Zukunft verheißen, auf die das neue  Omar Effendi hinzielt.

http://www.omareffendi.com.eg/RadControls/Files/Omar%20Effendi%20logo.JPG

Ein neues in ebenfalls gleichem Blauton kreiertes Logo musste her, um an dem „Makeover“ der ehemaligen Vorzeigediva nicht nur aus Nassers Zeiten mitzuwirken.  Leidenschaft, Kreativität und Unabhängigkeit, eine neue anvisierte Identität, die Omar Effendi wieder unverwechselbar werden lässt. Eine bekannte Designer-Firma wird angestellt, dieser Aufgabe gerecht zu werden und das nebenstehende runde Ergebnis versprach eine runde Sache zu werden, ließ hoffen, dass neben dieser „reinen Formsache“ auch der Inhalt ein entsprechend ansprechendes Gesicht erhalten würde, um erneut als wiederauferstandene Ikone eines nun globalisierten Ägypten zu reüssieren. Die 40 Millionenspritze für die Mammut-Schönheitsoperation werden von der „International Financing Corporation“ (IFC) zur Verfügung gestellt, so dass das neue Management die Herausforderung annehmen kann, aus der „home-slut“ Mubaraks, wie es ein Teilnehmer in einem Blog formuliert, wieder die „Grande Dame“ zu modellieren.

 

Neben einem Neuarrangement des veralteten Skeletts sollen nun auch neue und international bekanntere Marken implantiert werden, um Omar Effendi wieder zur Lichtgestalt über ganz Ägypten erstrahlen zu lassen. Dabei sollen alle „lifestyles“ bedient werden. Von „low budget“ bis zu teuren Konsumgütern wird ein für alle verfügbares Angebot angestrebt, allerdings nur 5 – 10 von den insgesamt 69 Filialen sollen als „Flagship Stores“ für die „Higher Class Clientèle“ auch so eingerichtet werden. Unter diesen auch das von vom französischen Architekten Raoul Brandon 1905-6 im Rokoko-Stil erbaute sechsstöckige Gebäude, das bereits als erstes Warenhaus auf der Ecke zwischen der Abdel-Aziz und Rushdie Pasha Straße und auch schon für die gut betuchte ägyptische wie internationale Gesellschaft Kairos seine vielfältigen Waren anpries. Das Gebäude ist auch heute noch sehr schönes Zeugnis einer Baukunst, die als historisch architektonischer Meilenstein gilt. Im Frühjahr 2008 wird auch hier ein notwendiges „facelifting“ vorgenommen.

 


http://weekly.ahram.org.eg/2005/768/_eco04.jpgVielversprechend sind die Fassaden am Ende zwar aufgehübscht, doch hinter diesen klaffen bereits wieder neue Risse, neben nur übertünchten alten. Statt zugesagter Qualitätsprodukte zu erschwinglichen Preisen wird das Lager nur unzureichend ausgestattet, mit Gütern weit unter Standard. Ein Mitarbeiter weiß zu berichten, dass ein Kunde sein soeben gekauftes Produkt zurückgegeben habe, da es an Plastiktüten mangelte, um die Ware einzupacken. Tiefe Narben hinterlassen außerdem Umstellungen des Einkaufs nicht mehr ägyptischer, sondern mehr und mehr chinesischer Güter wie Baumwollprodukte oder Teppiche, so dass die Risse sich ebenfalls durch die ägyptische Wirtschaft ziehen, und diese zu schwächen drohen.

 

Die zwar wohlgenährte, aber doch sterbenskranke Vorzeigediva musste sich harten Abspeckprozeduren unterziehen; das Unternehmen trennt sich von 2.800 Mitarbeitern, ohne aber ihnen die per Vertrag zugesagte finanzielle Kompensation zukommen zu lassen, so die Aussagen einiger ehemaliger Angestellter. Ebenfalls werden Arbeitskontrakte von Zeitarbeitern nicht erneuert, aber neue unter wesentlich schlechteren Bedingungen abgeschlossen. Beschwerden führen schnell zur Entlassung. Dabei sollten Fortbildungsmaßnahmen helfen, das Personal vom immer noch sozialistisch geprägten auf modernen Verkaufskurs zu bringen. Statt einer Motivation der Mitarbeiter, die das Rückgrat eines funktionierenden Kaufhausunternehmens bilden, die abhängig von Kommissionen sind, ein für sie unverzichtbarer Bestandteil des monatlichen Gehaltes, führen Einschüchterungen und ungenügende Bezahlung zu einer Demotivation, ja sogar Resignation, die wie ein Schlag in das frisch dekorierte Gesicht der angestrebten positiven Identität wirkt.

 

Nach einem letztmaligen Aufbäumen geht sie langsam in die Knie, die so ausgehungerte Alte, mit gebrochenem Rückgrat und erneut bröckelnder Fassade. Wieder einmal stellt sich für Ägypten die bange Frage: „Kann man ihr wieder auf die Beine helfen?“ Oder ist am Ende schon das Millionengrab ausgehoben, wo nicht nur Omar Effendi, 150-jährige Diva einer selbstbewussteren Ära Ägyptens, Königin in Nassers Zeiten und historische Ikone beerdigt wird, sondern gleichermaßen die Hoffnung vieler Arbeitnehmer auf einen Arbeitsplatz mit Zukunft und ihres Landes, mit einer wiedererstarkten eigenen Kaufhaustradition neue Impulse für ein ebenso wiedererstarktes Selbstbewusstsein gegeben zu haben trotz nicht ägyptischer Eigentümer.

 

So kann man statt einer glorreichen Auferstehung der einstmals „Grande Dame“ nun ihrem traurigen Hinscheiden beiwohnen.

Quellen:

 

Abdel-Razek, Sherine: “What’s in store for Omar Effendi?” In: Al-Ahram Weekly, 10-16 Nov 2005

Hassan, Hassan: „Welcoming The New Omar Effendi“. In: Business Today, Juli 2007

Carr, Sarah: “Workers on Strike! Omar Effendi faces major crisis!” In: Daily News Egypt, Mai 2009

Wallis, William: “Egyptians in revolt as faded diva of retail is put on sale”. In: The Fianancial Times Limited, März 2006

http://egyptianchronicles.blogspot.com/2008/05/tale-of-omar-effendi.html

Kupferschmidt, Uri M.: “Orosdi Back. Une Belle Histoire nostalgique” .  In: http:// womenslens.blogspot.com//womenslens.blogspot.com/2008/10/orosdi-back.html

http://omareffendi.com.eg

El-Fiqi, Mona: “Anwal clenches Omar Effendi”. In: Al-Ahram Weekly, 28 September-4 Oktober 2006

Fotos: http://womenslens.blogspot.com, Al Ahram Weekly, 10-16 Nov 2005, official website Omar Effendi, http://flickr.com

zurück