
Dr. Rainer Herret
Ägypten - Algerien ... und plötzlich
war‘s kein Spiel mehr
Fußball hat in
beiden Ländern einen ungleich höheren Stellenwert als in Deutschland. Quer
durch alle Schichten der Gesellschaft und abseits von politischen und religiösen
Anschauungen finden sich hier die Menschen auf einem gemeinsamen Nenner. Ein Ventil,
aus dem sich Freude und Frust gleichermaßen entladen. Anders als bei uns ergibt
sich für Ägypter und Algerier nur etwa alle 20 Jahre einmal die Chance bei
einer Fußballweltmeisterschaft dabei zu sein und der Welt zu zeigen, dass man
sich im Wettbewerb mit den ganz Großen behaupten kann.
So erklärt sich,
dass nach der unwahrscheinlichen Leistung des ägyptischen Teams in Kairo am 14.
November, das durch Tore in der 2. Minute und nach nervenaufreibendem Bangen in
der erlösenden 95. Minute ein Relegationsspiel erzwang, die ägyptische Nation
in einen Freudentaumel stürzte, den man in Worten nicht beschreiben kann und
einfach in den Straßen miterlebt haben muss. Gleichzeitig traf die algerische
Nation, die den sicheren Sieg vor Augen in letzter schrecklicher Minute das
entscheidende Gegentor erleben musste, ein Schock im entsprechenden negativen
Ausmaß.
Als Ägypten
schließlich beim entscheidenden Spiel im Sudan unterlag, ergab sich das
umgekehrte Szenario. Am Morgen danach erwachte Kairo in gespenstischer Stille.
Nun blieb es aber
nicht beim Sport. In Kairo flogen Steine auf den Bus des algerischen Teams,
welches danach den Medien deutliche Verletzungen dreier Spieler präsentierte
und in Algerien gingen Niederlassungen ägyptischer Investoren in Flammen auf.
Orascom erhielt im zeitlichen Kontext einen überraschenden Steuerbescheid über
fast 600 Millionen US-$ und ägyptische Fans berichteten zum Teil per Mobiltelefon
in eine laufende Talkshow des ägyptischen Fernsehens über „barbarische
algerische Horden“, die sie mit Messern und Schwertern verfolgten. 21 Verletzte
und ein ausgeschlagenes Auge bei einem Mädchen wurden der geschockten Öffentlichkeit
als das traurige Resultat präsentiert. Schließlich mussten Sondereinheiten von
Polizei die algerische Botschaft in Kairo und ägyptische Einrichtungen in
Algier schützen.
Eine nüchterne
Bewertung der Ereignisse fällt angesichts der emotionalen Aufladung der
Situation und den typischerweise widersprüchlichen Medienberichten schwer.
Sicherlich hat die Fußballrivalität Tradition. Bei der Qualifikationsrunde für
die WM 1990 hatte sich Ägypten siegreich gezeigt und seitdem gab es bei jedem
Aufeinandertreffen ägyptischer und algerischer Mannschaften Krawalle. Dennoch
liegt die Berichterstattung in Deutschland, die nur den sportlichen Aspekt beleuchtet
und Ägypten einfach als schlechten Verlierer darstellt, falsch.
Bevor nämlich die
Nachrichten über die Eskalation der Lage im Sudan Kairo erreichte, hatten ägyptische
Zeitungen bereits Glückwunschbotschaften an das siegreiche algerische Team
gedruckt, von denen einige zur Empörung der Leser auch erschienen, weil die
Auslieferung nicht mehr gestoppt werden konnte. Bei aller Enttäuschung
analysierten Experten die schwache Leistung der eigenen Mannschaft nüchtern und
kritisch.
Beide Nationen
haben Grund genug zur gegenseitigen Wertschätzung. Ägypten unterstützte in den
60er Jahren den algerischen Freiheitskampf und Algerien unterstützte Ägypten im
1973er Krieg gegen Israel. Die Sängerin Warda, als kulturelle Ikone in Ägypten
verehrt, hatte mit ihren legendären Liedern die größten Erfolge auf ägyptischen
Bühnen und stammt aus Algerien.
Diese
historischen Momente brüderlicher Gemeinsamkeit sagen aber der jungen
Generation der Gegenwart, aus der sich die Fans rekrutieren, wenig bis gar
nichts.
Für die war
entscheidend, was aktuell geschah, und hier hatten Medien eine höchst unrühmliche
Rolle gespielt.
Nach dem ersten
Hinspiel in Algier erfuhren die entsetzten Ägypter aus ihrer Presse von
Todesopfern unter ägyptischen Fans. Nach dem Spiel in Kairo berichteten
algerische Zeitungen von Morden an algerischen Fans und lösten damit grenzenlose
Wut aus. Beides war gleichermaßen schlicht die Unwahrheit. Die Dementis der jeweiligen
Botschafter vor Ort wurden aber von den angestachelten Massen gar nicht mehr
zur Kenntnis genommen.
Extrem war und
ist der online Schlagabtausch in Facebook
und den diversen Blogs. Besonders die
moderierende Israelpolitik Ägyptens und die Schließung der Grenze zum
Gazastreifen während der letzten israelischen Invasion werden der „Mutter der
Welt“ am Nil übel genommen. Da streitet man sich um die Führungsrolle in der
arabischen Welt, darüber, wer ein guter Moslem ist und wer nicht. Algerien wird
die Eigenschaft ein arabisches Land zu sein aberkannt, und obwohl auch das ägyptische
Volk die Israelpolitik seiner Regierung nicht unkritisch sieht, finden sich sogar
bislang völlig undenkbare Ansichten wie, ob man nicht mit einem israelischen
Bruder besser bedient sei, als mit einem arabischen.
Angesichts des
Infragestellens der großen panarabischen Idee und hätten die Völker jetzt und
nun das Sagen, würden beide liebend gern die diplomatischen Beziehungen
beenden, wundert es nicht, dass beide Regierungen Zeichen des Einlenkens geben.
Obwohl sich seine Söhne eher für entschlossene Reaktionen aussprachen, hat Präsident
Mubarak es klug vermieden, bei seiner Verurteilung der diversen Vorfälle
Algerien ausdrücklich zu erwähnen und Algerien signalisiert Bereitschaft, über
eine Entschädigung ägyptischer Investoren zu reden. Pikant ist die „Bereitschaft“
Gaddafis zu vermitteln, nicht ohne Brisanz die Verstimmung Sudans wegen ägyptischer
Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen und sehr unglücklich das zufällige Zusammentreffen
mit der Dubai-Krise, die auch an ägyptischen Investitionen nicht spurlos vorüber
gehen dürfte.
Von einem Rückzug
Ägyptens, als einer der größten ausländischen Investoren aus Algerien würde
keine Seite profitieren, und auch von diplomatischen Friktionen lassen sich
allenfalls kurzfristig innenpolitische Lorbeeren ernten. Peinlich wäre auch,
wenn der Konflikt auf die weltweit vertretenen ägyptischen und algerischen
Auslandsbevölkerungen überschwappen würde.
Schließlich haben
die Politiker Grund, ihre Medien einer Begutachtung zu unterziehen, die
leichtfertig einen kaum kontrollierbaren Geist aus der Flasche entlassen haben.
Auch das soziale Spannungspotential muss zügig beseitigt werden, denn schon
beim African Nations Cup 2010 könnten sich beide Mannschaften wieder begegnen
und bis dahin muss ein Weg gefunden werden, die Rivalität auf dem Spielfeld
auszutragen und nicht auf der Straße.
Titelfoto:
http://loft1.weltfussball.de