Karin Vennewald
Einfach in die Tonne kloppen? – Wohin mit dem Müll?
„Und wohin jetzt damit?“, frage ich mich, in der einen
Hand meine gerade ausgetauschten alten Batterien aus der Fernbedienung, in der
anderen ein Faltblatt mit Tipps zur Mülltrennung in Kairo.
Es wird verteilt von der Association for the
Protection of The Environment (A.P.E.), einer bereits 1984 gegründeten Nichtregierungsorganisation mit dem
Ziel, das Leben der Zabbalin, der Müllsammler Kairos
zu verbessern.
„What You Can Do At Home“, heißt es hier unter der Überschrift,
also was ich von zu Hause aus tun kann, um eventuell ein wenig zum Schutz der
besonders in Kairo strapazierten Umwelt beizutragen? Ein kleiner Haushalt, ein
kleines Faltblatt, das in wievielfacher Ausführung an
internationale Haushalte gelangte, soll helfen, ein Problem in Angriff zu
nehmen, an dem sich Regierung, internationale von ihr unter Vertrag genommene
Firmen, die Zabbalin und nicht zuletzt die Schweine
bereits die Zähne ausgebissen haben?
Letztere haben u.a. dafür ihr
Leben lassen müssen, Märtyrer des Mülls; ihre Geschichte ist bekannt. Mit der Tötung
der Schweine habe Ägypten auch ihre Müllabfuhr abgeschafft, schreibt dazu ein
deutsches Magazin. Ein seit fast sechzig Jahren angewandtes Recycling-System,
bei dem der Müll nicht nur die Schweine, sondern auch viele Menschen einigermaßen
ernähren konnte, ist nun in seiner Basis erschüttert, viele an diesem System
Beteiligte ihrer Existenz bedroht. Gibt es für sie Alternativen?
Der durch die Straßen Kairos gemächlich
rumpelnde Eselskarren mit seiner kaum zu bewältigenden Last bestehend nur aus
erst einmal wertlosem Müll ist ein vertrauter Anblick und gehört zum Leben in
der lärmenden und ansonsten hektischen Metropolis. Aber auch Kinder und
Erwachsene nehmen die Rolle des Esels ein, schnallen sich Riesensäcke auf den Rücken
und arretieren sie mit einem Band um die Stirn. Lastwagen nehmen später das so
Gesammelte auf und transportieren es direkt zu den Häusern der Zabbalin selbst, wo der Abfall nach Glas, Plastik, Kartonagen,
Papier, Aluminium, Kupfer, Blech,
und anderen Stoffen sortiert wird, zumeist von den Frauen und Mädchen.
Das meiste Organische wird seit der Schweinekeulung
nicht mehr berücksichtigt. Das Gesundheitsrisiko ist nicht nur für die direkt
mit dem Müll arbeitenden Menschen sehr hoch, Spritzen aus dem Klinikabfall liegen
herum, Kinder finden Tabletten, die sie bedenkenlos schlucken, das Grundwasser
ist verseucht, sämtliche Schadstoffe aus dem Müll sickern ungefiltert in den Boden.
Die mangelnden Hygienebedingungen tun ebenfalls ihr Übriges. Hautkrankheiten,
Leber- und Nierenschäden, aber auch Tetanus sind Begleiter ihres Lebens, dessen
Erwartung deutlich unter dem der ägyptischen Bevölkerung liegt.
Die
verschiedenen Wertstoffe werden zur Weiterverarbeitung an die Maalim (Zwischenhändler) gegeben, die sich
jeweils auf bestimmte Rohstoffe spezialisiert haben und den Weiterverkauf an die
Endabnehmer organisieren. Bezahlt wird dabei nach Gewicht der gelieferten Ware.
Bis zu
13.000 Tonnen Müll fallen täglich in Kairo an, ungefähr 7.000 davon werden von
den Zabbalin „entsorgt“, und bis zu 80 % dem
Recycling-Prozess zugeführt. Die daraus entstehenden Produkte werden verkauft
und ernähren die bis zu 25.000 Einwohner aus dem Mokattamgebiet.
Für das Müllsammeln bekommen sie nichts. Eigens die Recyclingarbeit belohnt
finanziell ihre Mühen. Es sei die „most efficient recycling industry in the world“, so die Organisation A.P.E..
Dennoch gibt es auch bei diesem System eine Restmenge, die von den
Zwischenhändlern nicht angenommen wird, dieser Restmüll muss gegen Bezahlung
auf Müllkippen in die Wüste gebracht werden. Meistens wird jedoch im eigenen
Viertel verbrannt, was übrig geblieben ist, denn selbst dieses Geld können die Zabbalin nicht aufbringen. Dadurch ergeben sich noch einmal
zusätzliche Schadstoffe, die sich besonders toxisch auf die Umgebung auswirken.Doch mittlerweile gibt es einige Projekte
verschiedener Institutionen und Gruppen, die versuchen, die harte Existenz der
Müllsammler von Kairo nachhaltig sichern zu helfen, und Bedingungen zu
schaffen, die ein menschenwürdigeres Leben möglich machen sollen.
Der
Afrika-Freundeskreis e.V. hat 2003 ein Rehousing Bauprojekt in Ezbet el Nakhl gestartet, das einfache Wellblechhütten durch
Steinhäuser mit Trinkwasserversorgung und Stromanschluss ersetzt, um dadurch
eine gesunde Trennung von Wohn- und Arbeitsbereich herzustellen. Nur 10% der
Kosten müssen von den Zabbalin-Familien selbst getragen
werden, 75% das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), 15%
vom Freundeskreis.
Das ECRED (Experimental Center for Recycling and Environmental Development)
arbeitet ebenfalls in Ezbet el Nakhl und
versucht seit 1992 mit 23 Angestellten, Sozialarbeitern, Jugendleitern und Ersthelfern
Anlauf- und Ausbildungsstelle für die Kinder, Jugendliche und jungen
Erwachsenen aus diesem Müllsammlergebiet zu sein, denen normalerweise der Zutritt
zu den organisierten Zentren verwehrt ist, aus Geldmangel einerseits oder sie bekommen
an einer staatlichen Schule keinen Platz, trotz gesetzlicher Schulpflicht. Es
gibt für diese Kinder und Jugendlichen ein Jugendzentrum, die „Mehaba School“, eine Gesundheitsstation sowie
32 kleinere Fabriken zur Verarbeitung von Hartplastik, in denen Jugendliche angestellt
sind, die durch ECRED betreut werden.
Den
UN-Habitat Preis: „Best Development Practices“ erhält 2006 A.P.E. für das Kattameya Recycling Center, einen Industriepark, der unter
anderem eine lukrative Kompostierungsanlage beinhaltet, die Essensreste in hochwertigen
Kompost umwandelt, eine Recyclingfabrik zur Produktion von Plastikröhren, Abdeckungen,
Rampen sowie Containern, eine Näherei, die Overalls, Pullover, Sisalmatten
sowie Stickereiprodukte herstellt. Außerdem gibt es eine technische Ausbildungseinrichtung,
ein Kulturzentrum sowie einen Kinderclub.
Der Konzern „Procter & Gamble“ unterstützt die Zabbalin
in Manshiet Nasser durch eine Schule, die den Schülern
kostenlosen Unterricht bietet. Dafür müssen die Schüler leere Flaschen und
Tuben der von dem Konzern vertriebenen Marken einsammeln und in der Schule
abgeben, um so zu verhindern, dass diese Flaschen neu aufgefüllt mit „Fake“-Inhalt als
Original verkauft werden können. Die jugendlichen Schüler granulieren die
Flaschen und anderes Plastik und verkaufen das Granulat an die umliegenden
Recycling-Manufakturen. Aus den Erlösen werden dann die Lehrer bezahlt und die Familien der Schüler
ebenfalls unterstützt. So ergibt sich eine Win-Win-Situation, die einerseits
den Kindern zu Bildung und Verdienst verhilft und andererseits die Marken der
Konzerne vor Missbrauch schützt. In dieser Schule lernen sie nicht nur
Schreiben und Lesen, sondern sie bekommen auch Buchhaltungs- und betriebswirtschaftliches Know-How vermittelt, um so gut gerüstet in ihr späteres
Berufsleben einsteigen zu können und gleichermaßen als Multiplikator zu fungieren.
Solar C.I.T.I.E.S (Connecting Community Catalysts
Integrating Technologies for
Industrial Ecology Solutions), ebenfalls eine
Nichtregierungsorganisation, baut 2007 mit finanzieller Hilfe von USAID (United States’
Agency for International Development)
30 Solaranlagen für die Betreibung eines Heizgerätes für Familien in der Zabbalinregion wie in El-Darb El Ahmar, dem benachbarten hauptsächlich von Muslimen
bewohnten Armutsviertel. Die Ersparnis beträgt
dadurch ungefähr 60% der monatlichen Stromrechnung.
Dies
sind nur einige der Initiativen, um das Zabbalin-Müllsystem
zu stützen und zu verbessern, denn es gibt noch keine weitere wirklich
funktionierende Müllabfuhr. Ansätze haben gezeigt, dass die von der Regierung
unter Vertrag genommenen multinationalen Unternehmen völlig mit der Aufgabe überfordert
und zudem sehr teuer sind. Von den
ursprünglich eingeführten 45.000 Plastikmülltonnen wurden 39.000 gestohlen und
nicht ersetzt. Der Müll sollte zu den Mülltonnen oder anderen Containern von
den Verursachern gebracht werden; das wird vom Kairoer Bürger nicht akzeptiert,
haben doch die Zabbalin den Müll direkt von der Haustür
abgeholt. So wird der Müll auf die Straße gekippt und nicht nur die Müllberge
wachsen dort, sondern natürlich auch Massen von Ratten und anderem krank machenden
Getier. Die multinationalen Müllentsorger recylceln zudem nur 20% ihres
eingesammelten Mülls; der Rest wird auf Mülldeponien verbracht.
Müllsammeln,
Müllsortieren, Müllrecycling sind funktionierende Instrumente für die Erreichung
einer Nachhaltigkeit bei der Verbesserung im Umgang mit Umwelt, sozialer
Verantwortung sowie ebenfalls unter wirtschaftlichen Aspekten. Anfang der 80er
Jahre lieferte besonders EQI (Evironmental Quality
Investment), ein Consulting-Unternehmen,
spezialisiert auf Umwelt- und Abfallmanagement, durch die Elaborierung
von Studien im Bereich Lebensbedingungen und wirtschaftliche Perspektiven für
die Moquattam-Gemeinde, die nötigen Basiszahlen und
Empfehlungen. Seit dem gibt es eine stetige Weiterentwicklung nicht nur auf dem
Gebiet von Müllmanagement, sondern ebenfalls einer Fokussierung auf Bildung und
weiterer Ausbildung, um diese Nachhaltigkeit für die Zukunft zu gewährleisten.
Doch
liegt die Verantwortung für den Müll und seine Entsorgung in Ägypten nicht nur
dort, sondern bei jedem Einzelnen. Dieses Bewusstsein, für die Erhaltung ihrer
Umwelt mit sorgen zu müssen, fehlt in Ägypten - und nicht nur dort - fast völlig
und die Erziehung zu einem sorgsamen Umgang mit Ressourcen aller Art ist von
besonderer Dringlichkeit; hier sind besonders Regierung und Medien gefragt, die
die meisten Zielgruppen erreichen können. Der Blick über
den Zaun kann dabei hilfreich sein, Fernsehsender z.B. in Dubai weisen täglich
durch zwischendurch laufende Clips darauf hin, eine harte Gesetzgebung gegen Verstöße incl. notwendiger
Kontrolle zeigen ebenfalls einen Erziehungseffekt. In den Schulen und Kindergärten
sollten sensibilisierte Lehrer/innen und Erzieher/innen vorleben und lehren.
Das fängt
beim Wasser und Strom sparen an, Müllvermeidung z.B. durch Weglassen unnötiger
Verpackungen, sowie der im Übermaß verbrauchten Plastiktüten, bis hin zu einer
ordentlichen Mülltrennung mit anschließender qualifizierter Entsorgungskette;
dadurch wäre schon einmal ein Umdenken initiiert.
Ach ja,
das Faltblatt! „Reduce, Re-Use, Recycle“,
heißt es auch hier mit der Empfehlung, den Müll zu reduzieren, Einkaufskorb und
–tasche wieder zu aktivieren, Altes/Gebrauchtes
wiederzuverwenden wie z.B. durch Spenden von Altkleidung, Haushalts- und
Elektroartikeln aber auch Essbarem, und zum Schluss die Trennung des
Haushaltsabfalls. Unterschieden wird zwischen Biomüll/Nass- und Trockenabfall
sowie Giftmüll. Zum Nassabfall zählt alles Organische wie Essensreste incl.
Eierschalen und Knochen sowie Kaffeemehl und –filter.
Dies dient dann zum Teil als Futter für die Schweine und anderem Nutzvieh
(wobei das Schwein ja in Kairo mittlerweile ausfällt) und wird zum Teil zu
hochwertigem Dünger oder Biogas verarbeitet. Ebenfalls organisch, aber extra zu
entsorgen sind: „Haare, Pelze, Federn, Asche, sämtlicher Haustierabfall, Trocknerflusen, gebrauchte Hygieneartikel incl. Windeln,
Zigarettenreste, Pflanzen, Blumen und Erde“, die anders entsorgt werden müssen,
aber auch entweder recycelt oder kompostiert werden.
Zum
Trockenabfall gehören Verpackungsmaterial, Papier, Pappe, Plastik, Metall und
Glas. Dieses Material kann zu einem großen Teil wiederverwertet werden. Hier
sollte darauf geachtet werden, dass weder Nassabfall noch Giftmüll wie Klebstoffe,
Lösungsmittel, Tinten, Leuchtstofflampen, Batterien damit in Berührung kommen
kann, da Giftstoffe aller Art wie z.B. das Quecksilber aus den ansonsten sparsamen
Leuchtstofflampen, nicht nur die mit dem Müll in Berührung kommenden Menschen
gefährdet, sondern zudem die Umwelt stark belastet.
Aber selbst
wenn wir nun die Empfehlungen des Faltblatts beherzigen wollen und alles in
separate Tüten packen, um diese dann anschließend vor die Tür zu stellen, wie
geht es dann - insbesondere heute nach der verhängnisvollen Schweinekeulung
- weiter?
Grundsätzlich ist die Mülltrennung ein Schritt zum
Umdenken, aber im Moment nicht wirklich praktikabel, die
Weiterleitungs-/Verarbeitungskette ist durch die Schweinetötung empfindlich gestört,
da immerhin der größte Teil des Nassabfalls, der 50% des Hausmülls ausmacht, an
die Schweine gegeben werden konnte. Ein Umsteigen auf andere Nutztiere
funktioniert nicht, da z.B. Schafe erkrankten und starben. Die teilweise durch
die Regierung gezahlten Entschädigungen der Regierung waren gering und schnell
aufgebraucht. Jetzt halten sich einige Zabbalin durch
das Entwenden von bereits in Containern gesammeltem Abfall über Wasser oder sie
ziehen los, um Plastikflaschen von den Müllhändlern zu kaufen und diese dann für
einen Minimalgewinn an Recyclingbetriebe weiterzuverkaufen.
Auch
hier, wie in vielen anderen Ländern ist die Müllindustrie ein mafiöses Geschäft, an dem auch die Wahiya,
die einstigen Vorgänger der Müllsammler einen großen Anteil haben. Diese
organisieren und verwalten die Zabbalin und gehören heute
meistens dem Müllkontraktor- Verband an. Eigentlich
offizielle Interessensvertreter der Zabbalin sorgen
sie dafür, dass sich kein Außenstehender in das Müllkontraktergeschäft
einmischt.
„Schwein
gehabt!“ hat in diesem Zusammenhang eine ganz entgegengesetzte
Bedeutung. Nicht Erleichterung, sondern Entsetzen über die weitreichenden Folgen
einer Aktion, die in vielerlei Hinsicht als verabscheuungswürdig bezeichnet werden
muss. Sicher, es gibt Alternativen durch moderne technische Anlagen und Methoden
zur Herstellung z.B. von Biogas, aber bis diese eingesetzt bzw. bezahlt werden
können, wird wieder viel Zeit ins Land gehen, Zeit, die der Erhaltung unserer Umwelt
noch teurer zu stehen kommt.
Immer
noch ratlos mit Blick auf die Batterien frage ich mich: „Und? Wohin jetzt
damit?“
Quellen:
Faltblatt Association for Protection of the Environment (A.P.E).
www.ape-egypt.com, Cairo’s
Informal AreasBetween Urban Challenges and Hidden
Potentials: Facts. Voices. Visions., gtz, Cairo 2009,
Müllkonzept Kairo in: Möglichkeiten der Müllentsorgung und Wiederverwertung
in Deutschland, Hausarbeit David Vennewald,
2008, Sarah Carr, The road to a culture of sustainability, in: Daily News Egypt
2009, www.Ekir.de/aegypten/ez-bet_el-nakhl/ECRED/ecred.htm, Heba
El-Sherif, Sustainability reaches Cairo’s Slums
Through Solar Heaters; in: Daily News Egypt, 30. November 2009, Lorraine
Tinsley, Charity Spotlight: The Kattameya Recycling
Center; in: www.livinginegypt.org , http://www.focuswelten.de/infos/focuswelten-team.htm,
www.geo-reisecommunity.de/Reisebericht/35586/2, Martin Wittmann,
Die Drecksarbeit; in: FAZ online Oktober
2009