"Netzwerken"
von Matthias Kundt
Ein Land mit einer sehr
reichen Geschichte, dieses Ägypten. Und sehr vielen für die damalige Zeit fortschrittlichen
Errungenschaften. Die Pyramiden z.B.: Meisterwerke der Architektur vor mehreren
tausend Jahren. Man weiß zwar, wer sie erbaut hat, aber nicht wie sie erbaut
wurden. Auch heute ist Ägypten das Land, in dem Ideen reifen; lange, bevor sie
um die Welt gehen. In Ägypten setzt man sehr auf soziale Kontakte und darauf
baut auch vieles auf. Und so wundert es nicht, dass sog. social
networks hier florieren und absolut „in“ sind.
Eigentlich kein Wunder,
oder? Man könnte sogar sagen, dass networking
oder auf Neudeutsch „Netzwerken“ sei in Ägypten erfunden worden. Wenn man
mit offenen Augen durch die Welt geht, kann man das sehr gut beobachten. Ägypter
sind „Netzwerker“ par excellence, von denen man in
vieler Hinsicht etwas lernen kann. Ein modernes „get together“, eng verwoben, simultan und zielstrebig. Ein
breitgefächertes, gut sitzendes Beziehungsgeflecht, das für manchen
„Nichtnetzwerker“ sehr schnell unübersichtlich werden kann. Ein Sehen und
Gesehenwerden. Dafür braucht man hierzulande nicht einmal Seminare und teure Parties.
Sie sind die wahren
Erfinder des aus dem Basketball bekannt gewordenen „no look
pass“. Die linke Hand weiß, was die rechte gerade tut und anders herum. Mit
einem blinden Verständnis achtet jeder auf jeden. Und meistens funktioniert das
auch überraschend gut. Nur manchmal entstehen daraus eher festgefahrene
Gespräche, die mit Mühe und Not wieder entzweit werden. Moderne Karambolagen
sozusagen. Z.B. gibt es Uhrzeiten, in denen das „Netzwerk“ der sozialen
Beziehungen ausgesprochen aktiv und mit Leidenschaft gepflegt wird. Ob in der
Früh' oder am Abend, mal kürzer, mal länger; in Ägypten hat man eben Zeit oder
nimmt sie sich. Da wundert es nicht, dass hier jeder (fast) jeden kennt, was in
einer Stadt von schätzungsweise 18 Mio. Menschen wie Kairo gar nicht so einfach
ist.
„Netzwerken“ in Ägypten
bedeutet nämlich sich Zeit zu nehmen, um Gespräche zu führen. Meistens recht
entspannt und gelassen, aber manchmal auch mit einer Leidenschaft, die einen
erstaunen lässt. Mal von Tür zu Tür, mal auch im Freien. Abwechslungsreich und
innovativ. Und mehr noch: wenn zwei „Netzwerker“ oder auch mehr in eine
Besprechung verwickelt sind, können sie sich kaum voneinander trennen und machen
aus ihrem 4-Augen-Gespräch eine Lehrstunde der modernen Kommunikation und des
Miteinanders. Alle anderen „Netzwerker“ sind so fasziniert von diesem exzellenten
und gestenreichen Vortrag, dass sie sich sogar aus ihren eigenen Besprechungen
lösen und wie gebannt den beiden Hauptakteuren zuschauen. Das ist so spannend,
dass sie sogar manchmal vergessen, an ihre eigenen Termine zum „Netzwerken“ zu
denken. Aber auch das ist modernes Miteinander: Kaum denkt ein „Netzwerker“ mal
nicht daran, dass er eigentlich noch zu weiteren Netzwerkgesprächen“ verabredet
ist, wird er freundlich, manchmal energisch daran erinnert. Da achtet jeder auf
jeden. Vorbildlich könnte man sagen. Zeit ist Geld. In Ägypten sollte man
flexibel sein und Zeit zum „Netzwerken“ und für Gespräche haben. Ob im
4-Personen-Meeting oder auch im größeren Kreis. Und wer nicht flexibel ist und
seine Zeit gut eingeplant hat, auch für mitunter sehr spontane
„Netzwerkgespräche“, wird erkennen, wie unbedacht er war.
„Netzwerker“ in Ägypten
sind überall zu finden und von jung bis alt, aus allen Schichten vertreten. Das
nennt man Gleichberechtigung. So funktioniert eine moderne Gesellschaft. Es
gibt Teppichhändler, Gemüseverkäufer, Viehhändler, Gasluftballonaufpumper,
Kühlschrankvertreter, Menschen mit einem gewissen Lebensstil, Handwerker und
noch viele mehr. Auch so mancher Ausländer ist unter ihnen zu finden, der sich
in modernem „Netzwerken“ übt. Meistens erfolglos. Eines haben alle „Netzwerker“
gemein: Sie fotografieren gerne und werden fotografiert; tagsüber, aber
überwiegend abends. Und fast jeder unter ihnen ist ein Musiker. Der eine ist
eher im Jazz zu Hause und ein Meister der freien Improvisation, der andere eher
mit klassischen Melodien. Und so entsteht Tag und Nacht ein wahres Konzert,
tausendmal geübt und verfeinert, eine große Symphonie. Auch hier gilt: manchem
„Nichtnetzwerker“ bleibt diese messerscharfe Logik und das Filigrane verborgen.
So lange, bis er selbst seinen Einsatz probt. Wer in Ägypten „Netzwerken“
gelernt hat, wird nirgendwo anders auf der Welt Probleme im „Netzwerken“ haben.
Und noch eine letzte
Bemerkung: Anders als bei den Pyramiden und ihren Erbauern, weiß man beim modernen
„Netzwerken“ meist nicht, wer eine „Netzwerksitzung“ einberufen hat. Man weiß
auch nicht, wie sie entstanden ist, d.h. nach längerem „Netzwerken“ kann man
vereinzelt erkennen, wer sie einberufen hat. Und weil man sich nett unterhalten
möchte, grüßt man mit einem geprobten Einsatz des modernen Waldhorns. Ein
weiterer Punkt verbindet modernes „Netzwerken“ mit uralter ägyptischer Geschichte:
damals baute man Pyramiden, um von einem Leben zum anderen überzutreten. Heute
geschieht dies zwar eher ungewollt und ist als Schicksalsschlag zu verstehen,
dafür ist man aber kostensparender und effektiver.
Es sagte:
„Ein Komma am falschen Ort kann unglaublich
geschwätzig sein.
Henry de Montherlant
Französischer Schriftsteller
(1896 - 1972)
„Die einzige Sprache, die ein Mensch versteht, ist die
Sprache des Gesichts."
Ernst Bloch,
Deutscher Philosoph (1885 -
1977)