Christa Afifi
Jugend in Ägypten
„Ich
möchte Fußball in einer Mädchenmannschaft spielen, aber dazu muss man Mitglied
in einem Klub sein und da rein zu kommen ist schwierig und teuer“, sagt die
23-jährige Jasmin. Ihre Antwort verblüfft nicht wenig, denn sie ist ein
zierliches Mädchen, mit sanftem Blick, ungeschminkt, dunkelhäutig und
nonnengleich in ein langes Gewand gehüllt und die Haare fest unter dem Kopftuch
versteckt. Neben ihr sitzt ihre Schwester, 17 Jahre alt, Schülerin in Jeans und
T-Shirt. Auch Nevine antwortet auf die Frage, was sie am liebsten in ihrer
Freizeit täte: Sport. Sie möchte Karate lernen, aber auch sie kann es sich
nicht leisten in einem der Kairoer Sportklubs Mitglied zu sein.
Der
Vater der beiden Mädchen ist Koch und ihre Mutter Putzfrau. Jasmin hat das
ägyptische Abitur und arbeitet seit drei Jahren in einer staatlichen
Eiscremefabrik, im Sommer 12 Stunden! Von 7 bis 19 Uhr, im Winter von 7 bis
14:30 Uhr. Früher wollte sie Lehrerin werden, aber dazu reichten ihre Noten
nicht. Jetzt wäre sie gern Sekretärin: „raus aus der Fabrik“. Schreibmaschine
kann sie, doch um eine Arbeit zu bekommen fehlen ihr die Beziehungen, meint
sie. Was ist für sie die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Leben?
„Ein Zeugnis um arbeiten zu können“. Auch bei Heirat, wollen beide berufstätig
bleiben. Und heiraten wollen sie, aber nicht vor fünf Jahren, dann wäre Jasmin
28. Wovor haben sie am meisten Angst? Vor Krieg, einen Mann zu heiraten, der
sie schlecht behandelt, dass den Eltern etwas zustößt und sie allein zurück bleiben.
Jugend
in Ägypten
Wenn man Jugendliche, Bekannte oder Verwandte befragt,
ist ihre Aussage nicht repräsentativ für die Jugend in Ägypten. Untersuchungen
gibt es nur wenige. Zu verschieden ist der Verhaltenskodex der vielfältigen
sozialen Schichten. Wer ist eigentlich Jugendlicher? Der 11-jährige Junge, der
schon seit Jahren über acht Stunden täglich arbeitet, ist er noch ein Kind? Ist
die 19-jährige Fellachentochter, die seit drei Jahren verheiratet ist und
ebenso viele Kinder hat, noch Jugendliche?
Jugend ist vorwiegend ein Phänomen moderner
Industriegesellschaften, heißt es in der Encyclopedia Britannica und definiert
das Alter der Jugend von der Pubertät bis zur Volljährigkeit. Andererseits verlängert
sich die Zeit der Jugend durch die immer längere Zeit der Ausbildung. Deutsche
Untersuchungen über Jugendliche befassen sich mit der Altersgruppe 15 –
bis 25-jähriger. Jugend in Ägypten umfasst statistisch laut „Higher Council of
Youth and Sport“ das Alter 15 bis 30 Jahre.
Zum
Beispiel Ahmed aus Embaba: Mit neun Jahren wurde er
von seinem älteren Bruder nach Zamalek mitgenommen, um dort in einem Geschäft
zu arbeiten, zu putzen und Tee und Kaffee für die Angestellten zu besorgen.
Zwar war er ein paar Jahre zur Schule gegangen, hatte aber so gut wie nichts
gelernt. Überfüllte Klassenräume sind die Regel.
Die
neue Umgebung weckte seinen Ehrgeiz. Er ging zurück zur Schule, und als er
anfing bei einem Elektriker zu arbeiten, besuchte er die Abendschule. Heute,
23-jährig, hat er drei Jahre Militärdienst hinter sich und noch zwei Jahre
Schule bis zum Abitur vor sich. Sein Geld verdient er als selbständiger Elektriker
und durch den Verkauf von Holzgegenständen wie Becher, geschnitzte
Kugelschreiber, Gebetsketten usw. die er abends mit zwei anderen Jugendlichen
anfertigt und an Touristenläden verkauft. Was wünscht er sich? Viel zu arbeiten
und viel Geld zu verdienen, um heiraten zu können, um später nicht mehr so viel
arbeiten zu müssen.
Leila
ist 19 Jahre alt und studiert englische Literatur. Ihr Vater ist selbständiger
Geschäftsmann und viel unterwegs, ihre Mutter ist Direktorin einer Firma.
Während des Semesters steht sie früh auf und fährt mit ihrem eigenen Auto zur
Universität, wo sie meist bis 17 Uhr bleibt. Wieder zuhause lernt sie weiter
oder sieht sich DVD-Filme an. Ausgehen darf sie nur donnerstags.
In
der Freizeit geht sie in den Klub und macht morgens Aerobic und Jogging und
trifft sich abends mit ihren Freunden. Manchmal hilft sie ihrem Vater im Büro, manchmal
kocht sie – wenn sie Lust hat. Den Sommer über verbringt die Familie im
Sommerhaus in Agami oder in Europa.
Wie
sehen ihre Zukunftspläne aus? Erst will sie ihr Studium fertig machen, dann
ihren Freund heiraten und eine große Familie gründen. Will sie nicht arbeiten?
„Etwas will ich schon tun, aber keine langweilige Stelle von 8 bis 15 Uhr.“ Am
liebsten möchte sie als Designerin zu Hause arbeiten, darum nimmt sie jetzt an
einem Designerkurs teil.
Weiter
spreche ich mit Mohamed: Mohamed studiert im dritten Jahr Flugzeugingenieur.
Sein Vater ist Geschäftsmann, die Familie lebt in Zamalek, Mohamed arbeitet
nicht neben seinem Studium, er nimmt Taschengeld von seinem Vater. Nicht übertrieben
natürlich, denn er ist sehr preisbewusst. Er fährt einen kleinen Jeep, ein
Geschenk des Vaters für gute schulische Leistungen. Mohamed bastelt gern an Motoren
und Maschinen (bei seinem Auto macht er keine Ausnahme) und macht sich auf
diese Weise zuhause und bei seinen Freunden nützlich.
Die
Sommermonate verbringt die Familie im eigenen Haus in Agami in der Nähe des
Strandes. Dort trifft er sich mit seiner „Clique“ (Sommernachbarn aus Agami).
Abends geht diese Gruppe, bestehend aus Jungen und Mädchen, oftmals in eine Disco
zum Tanzen. Zu Hause in Kairo trifft er immer ein paar Bekannte im Gezira Klub,
mit denen er die freie Zeit verbringt.
Mohameds
Träume sind fest umrissen. Er sieht als Anfänger nach seinem Studium keine
Chance in
Ägypten,
so aufzusteigen, dass er sich finanziell von seinem Vater lösen könnte. Also hat
er sich entschlossen, nach der Militärzeit in den USA sein Studium zu
vervollständigen und auch dort seine berufliche Laufbahn zu starten. Er will
viel Geld sparen, um sich danach in Ägypten eine Existenz aufzubauen.
Anders
ist es bei Hussein. Husseins Vater ist Regierungsbeamter. Die Familie wohnt in
Giza, Hussein studiert im zweiten Jahr Feinmechanik. Seine Familie kann es sich
nicht leisten, den Sommer in Alexandria zu verbringen. Man bleibt in Kairo. Er
hat kein Auto, nimmt aber auch von seinem Vater Taschengeld. Zusätzlich
verdient er sich mit Bastelarbeiten etwas dazu. Er hat schlechte Erfahrungen
damit gemacht, neben dem Studium in Firmen zu arbeiten, man zahlt schlecht und
das auch noch zögernd, darum hat er sich entschlossen, kleine Gegenstände, wie
Lampenschirme oder Bilderrahmen herzustellen und zu verkaufen. Hussein ist ein
Einzelgänger. Er nimmt an keinem der Ausflüge teil, die die Universitäten
veranstalten. Er liebt keine Gruppenvergnügungen, bei denen er alles
vorgeschrieben bekommt. Darum geht er meistens allein in den Klub zum Joggen
oder zum Schwimmen.
Über
seine Zukunft hat er sich auch schon Gedanken gemacht. Obwohl er von seinem
Vater eine Wohnung bekommen wird *, will er sich noch lange nicht binden. Er
will erst mal herausfinden, wie man sein Leben allein einrichten kann ohne
Verantwortung für andere, danach wird er sich nach einer Frau umsehen. Da man
hier verlobt sein muss, um allein miteinander ausgehen zu können, besteht er
auf langer Verlobungszeit. Er will die Zukünftige richtig kennen lernen:
„Heirat ist für das ganze Leben, da muss man sich schon gut verstehen.“
Osama
ist ein ganz anderer Mensch als Mohamed oder Hussein. Sein Vater ist Ingenieur.
Er ist in Mohandessin zu Hause. Osama studiert im letzten Jahr Bauingenieur. Er
ist sehr fromm, auf eine angenehme glaubwürdige Weise. Er fährt im Gegensatz
von Hussein gern mit seinen Freunden an freien Tagen oder Wochenenden in die
Oasen um zu zelten.
Er
glaubt, dass alles im Leben vorgeschrieben ist. Darum wird er heiraten, wenn die
Zeit dafür gekommen ist. Er würde auch ein Mädchen nehmen, welches ihm seine
Mutter aussucht. Selbstverständlich legt er großen Wert auf gegenseitige
Übereinstimmung, sei es Herkunft, Lebensweise oder Denkungsart. Um sie besser
kennen lernen zu können, „würde er mit ihr nur an öffentlichen Plätzen sitzen.
Er will dem Mädchen den gleichen Respekt entgegenbringen, den er von anderen
Jungen gegenüber seinen Schwestern erwartet.“ (Diese Haltung ist typisch und
sehr natürlich für einen wohlerzogenen ägyptischen jungen Mann aus guter Familie).
Zum
Schluß hatte ich noch Gelegenheit mit Dina zu sprechen. Dina, die Tochter eines
Ingenieurs, studiert Betriebswirtschaft im zweiten Jahr und wohnt in
Heliopolis. Das Studium nimmt ihre Zeit voll in Anspruch. Sie kann von Ferien
in Europa oder Alexandria berichten. Man fährt nicht jedes Jahr in Urlaub. Auch
Dina trifft sich oft im Klub mit Freunden und Freundinnen aus der Uni oder aus
dem elterlichen Bekanntenkreis. Am liebsten spielt sie Squash. Wie sie sich
ihre Zukunft vorstellt? Absolut gar keine Idee. „Wenn ich genau wüsste, was ich
will, würde ich wahrscheinlich etwas anderes studieren.“ Bevor sie aber weitere
Pläne macht, will sie erst einmal ihr Studium gut abschließen, „das ist
wichtig“. Dann wird man weiter sehen.
Das
ägyptische Schul- und Universitätssystem beruht hauptsächlich auf Pauken und
Auswendiglernen. Es bleibt dabei nicht viel Zeit für Langeweile oder Freizeit.
Weil die Jugendlichen fast
ausschließlich bei ihren Eltern wohnen, verbringen sie ihre Freizeit mit ihnen
und den zahlreichen Familienzusammenkünften oder sie gehen zu Freunden, oder
ziehen gemeinsam durch die Stadt. Sportklubs sind ebenso ein wichtiger
Treffpunkt für junge Leute. Ihre Ehepartner wollen die Jugendlichen, mit denen
ich gesprochen habe, selbst wählen. Heiraten würden
sie aber nur mit Einverständnis der Eltern. Das westliche System der
Partnersuche ist ihnen kein Vorbild. Nicht weil man es nicht gut finde, sondern
weil man die Sicherheit im eigenen Familienverband nicht missen möchte.
Fazit:
Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit,
Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern sind nicht das Problem der Studenten
und Jugendlichen. Ältere, besonders die Eltern, werden respektiert.
Jeder
wünscht sich Arbeit in seinem Spezialgebiet. Aber wenige glauben daran.
Arbeitslosigkeit, zu teure Wohnungen und politische Probleme werden sehr ernst
genommen, wecken Unzufriedenheit und bieten verantwortungslosen Reformern einen
idealen Nährboden.