Stefan Gerke

 

Religion und Kult in Theben zur Zeit des Neuen Reiches

 

 

 

Sobald wir von altägyptischer Religion hören, werden wir an viele verschiedene Gottheiten, Kulte, Rituale, Tempel und viele andere Dinge denken. Dieser Artikel hat die Zielsetzung, die Hauptgötter und deren Kult in Theben zur Zeit des Neuen Reiches vorzustellen. Da es zu komplex wäre über alle Gottheiten zu berichten, habe ich diesen Artikel in folgende Abschnitte unterteilt:

 

Der Gott Amun- Ra

Die Thebanische Triade

Der Kult des Month

Der Kult der Meresger

Der Kult von Amenhotep I. und Ahmes- Nefertari

Der Kult der Hathor

Der Kult des Ptah

 

Der Name Amun wurde sehr wahrscheinlich von dem Verb „jmn“ welches „verstecken“ bedeutet abgeleitet; Beinamen des Amun waren „Der Versteckte“ und „Der Unsichtbare“. Mit Beginn der 12. Dynastie waren viele Namen von königlichen und nichtköniglichen Personen mit dem des Amun verwandt, sie drückten Verbundenheit und Loyalität zu dem Gott aus. Diese Namen werden „Basilophore Namen“ genannt, hier einige Beispiele: Amenemhet = Amun ist an der Spitze, Amenhotep = Amun ist zufrieden, Amenmesu = Amun hat ihn geboren und Amenemnisut = Amun ist König. Der Name Amun kann noch heute z. B. im koptischen Namen Ammonius oder in Tell el Belamun, einem Dorf südlich von Damietta gefunden werden. Ein Teil der pharaohnischen Geschichte lebt also heute noch weiter.

 

 

Der Gott Amun wurde erstmalig in den Pyramidentexten (Spruch 446) erwähnt. Mit Beginn der 11. Dynastie war Karnak die Residenz des Amun, er gewann verstärkt Einfluss gegenüber dem damaligen Hauptgott von Theben, Month. Der Tempel von Waset (Luxor) mit dem Namen „jpt- rsjt“ (Südlicher Harem) und ein Temple in Medinet Habu waren weitere Kultorte. Diese drei Kultstätten legten die Grundlage für die Theologie des Gottes Amun. Amun wurde meist als Gott der Fruchtbarkeit und als Gott der Schöpfung verehrt. Er wurde meist in der Gestalt eines Menschen dargestellt, eine hohe Doppelfederkrone sowie Szepter und Flegel gehörten zu seinen Insignien. Seine Assimilation mit einem Widder zeigt ihn in der Gestalt eben dieses Tieres was zu seinem Beinamen „Der schöne Widder“ führte. Mit diesem Namen wurde er hauptsächlich in den westlichen Bergen von Theben verehrt.

(Amun als Widder, Graffito 1082) 

 

 

 

 

Die Stellung des Amun nahm an Bedeutung zu, die Größe und der Einfluss seiner Tempel wuchsen. Seit der 12. Dynastie trug Amun den Namen „Herr der beiden Throne der beiden Länder“, „Herrscher der beiden Länder“, „Oberster der Götter“ oder einfach „König“.

Mit Beginn des Neuen Reiches stieg Amun zum physischen Beschützer des Königs auf. Die Feldzüge beginnend mit dem Kampf gegen die Fremdherrscher in der 2. Zwischenzeit bis zur Schlacht von Kadesh unter Ramses II. wurden in seinem Namen geführt. Die Theologie des Amun führte zu einer immensen Zunahme seines Einflusses als Herrscher und als Gott der Schöpfung. Die Verbindung mit dem mächtigen Sonnengott Ra steigerte seine Bedeutung noch weiter.

 

Das folgende Kapitel ist der Thebanischen Triade gewidmet. Das Wort Triade stammt aus dem griechischen und steht für Dreiheit: drei Dinge die verbunden sind. Die Thebanische Triade bestand aus Amun, seiner Gemahlin der Göttin Mut und ihrem Sohn Chons. Sie wurden im gesamten Gebiet verehrt; die Tempel im Westen waren ihnen auf verschiedene Weisen gewidmet.

 

 

(Die Thebanische Triade, Ramesseum, Photo: Stefan Gerke)

 

Im Vergleich zu anderen Gottheiten der altägyptischen Religionsgeschichte trat die Göttin Mut erst spät in Erscheinung. Es ist unbekannt wann und wie ihre Beziehung zu Amun entstand, ihr Name ist erstmalig in Karnak unter Pharao Amenhotep I. belegt. Mit Beginn der Regierungszeit von Hatshepsut nahm Mut als Begleitung des Amun ihre führende Position in der Götterwelt ein. Mut wurde als anthropomorphes Wesen mit dem Kopf eines Menschen oder eines Löwen mit einer Geierhaube dargestellt. Eine weitere Erscheinungsform zeigte sie mit ihren Sohn Chons auf dem Schoß sitzend. Die Geburt des heiligen Sohnes Chons wurde jährlich in Karnak gefeiert. Sie wurde als Begleitung von Schwangeren und als Helferin während des Gebärens angerufen. Ihr Beiname „wrt“ (Große) wurde oft ihrem Namen vorangestellt; ein weiterer Name war „Herrin von Asheru“, Asheru war der Name eines Sees in ihrer größten Kultstätte, dem Temple von Karnak.

 

Das dritte Mitglied der Thebanischen Triade war der Gott Chons. In der Zeitspanne vor dem Neuen Reich ist Chons nur selten belegt; er fuhr auf einem Schiff oder auf dem Halbmond im Himmel und verursachte Unheil und Krankheiten. Als Gott der Krankheiten konnte Chons auch heilen. Seine Erscheinungsform als der sich ständig erneuernde Mond ist mit seinem jugendlichen Charakter verbunden. Mit Beginn des Neuen Reiches wurde Chons in Gestalt einer Mumie die Flegel oder Szepter hält dargestellt. Als Gott der Jugend trägt er eine Jugendlocke und als Kopfschmuck den Mond. Die Hauptstätten seines Kultes waren in Memphis, Karnak, Edfu und Kom Ombo. Sein Charakter als zerstörerischer Gott veränderte sich: er wurde zum Gott der Lebenszeit, Gott der Heilung, Gott des Orakels und im besonderen Schutzgott gegen Krankheiten und wilde Tiere, dieses führte zu einer großen Popularität.

Es ist bemerkenswert das alle drei Mitglieder der Triade erst mit Beginn des Neuen Reiches populär wurden, vor dieser Zeit verfügten sie in Theben über eine nur geringe Bedeutung.

 

Wie bereits erwähnt, war der Gott Month vor dem Auftreten des Amun der Hauptgott des thebanischen Gaues.

(Month beschützt Thutmosis III., Streitwagen Cairo 46097)

 

 Seine wichtigsten Kultstätten die auch heute noch lohnende Exkursionen bieten waren Iunu (Armant) und Djerti (Tod) im Süden sowie Madu (Medamud) und Ipet- Isut (Karnak) im Norden. Wenn diese vier Orte mit einer imaginären Linie verbunden wurden, so bildeten sie die Grenzen eines schützenden Gebietes welches den thebanischen Gau umschloss.

 

Month wird meist falkenköpfig mit einer Sonnenscheibe und einem Federpaar dargestellt. Der Beiname „Herr mit starkem Arm“ verdeutlicht seinen kriegerischen Charakter: er ist der Gott des Krieges, er beschützt Pharao und Krieger und übereicht den Sieg. Mit Beginn der 18. Dynastie verlor Month drastisch an Bedeutung.

 

Der folgende Abschnitt stellt die Göttin Meresger vor. Ursprünglich war Meresger die Personifizierung der thebanischen Nekropole. Als „Herrin des Westens“ war sie hauptsächlich eine Schutzgöttin für die Verstorbenen. Später wurde sie Patrona der Arbeitersiedlung von Set Maat (= Stätte der Wahrheit = Deir el Medina über das separat berichtet wird). Der Kult von Meresger beschränkte sich meist auf das Gebiet von Set Maat, das Tal der Könige sowie das Tal der Königinnen in der ramessidischen Periode.

 

(Die Göttin Meresger, Stele Bordeaux 8635)

 

Meresger wurde meist schlangenartig dargestellt, eine weitere Form zeigt sie als Mensch mit dem Zeichen des Westens auf dem Haupt. Sie trägt die Beinamen „Die große Göttin der Nekropole“, „Die welche die Ruhe liebt“ oder „Herrin des schönen Westens“, die Arbeiter aus Set Maat widmeten ihr zahlreiche Stelen und Graffiti in den thebanischen Bergen.

Ein sehr interessanter und spezifischer Kult ist der des verstorbenen Pharao Amenhotep I. und seiner Mutter Ahmes- Nefertari. Der Ursprung dieses Kultes liegt in der frühen 18. Dynastie als die Gemeinschaft von Set Maat von Amenhotep I. gegründet wurde. Zahlreiche Heiligtümer im Westen waren ihm und seiner Mutter gewidmet, er diente in vielen Privatgräbern als Motiv. Ein Ostrakon (Beschriftete Tonscherbe oder Stein) beschreibt das jährliche Fest das ihm zu Ehren abgehalten wurde: „Jahr 7 (Von Ramses IV.), 3. Monat des Winters, Tag 29. Das große Fest von König Amenhotep I., Leben, Wohlstand, Gesundheit, der Herr des Dorfes wurde gefeiert. Die Mannschaft vergnügte sich für vier Tage, sie tranken zusammen mit ihren Frauen und ihren Kindern. Sie waren 60 von innerhalb (Des Dorfes) und 60 von außerhalb“. (Quelle: O. Cairo 25234)

 

Als Patron von Set Maat und des Tals der Könige wurde Amenhotep I. immer mit königlichen Insignien auf einem thron sitzend oder stehend dargestellt.

 

 

(Gottkönig Amenhotep I., Statuette Louvre 443)

Obwohl eng mit dem Kult von Amenhotep I. verbunden, verfügte Ahmes- Nefertari über einen eigenen Kult. Geschmückt mit Federn und dem Kopfschmuck der Hathor ist sie häufig in Gräbern und auf Tempelreliefs dargestellt.

 

Die Göttin Hathor gehört zu den meist bekannten und diskutierten Gottheiten des alten Ägypten. Einige Wissenschaftler übersetzen ihren Namen mit „Meine Heimat ist der Himmel“ während andere „Haus des Horus“ erkennen zu meinen. Da die Ikonographie und Interpretation dieser Göttin zu komplex ist, werde ich mich auf ihren Kult in Theben beschränken.

Hathor wird meist in Form einer weiblichen Gestalt mit einer Sonnenscheibe zwischen einem Paar Hörnern auf ihrem Haupt dargestellt. Als Totengöttin wird sie kuhgestaltig hauptsächlich von der Arbeiterschaft aus Set Maat verehrt.

 

(Die kuhgestaltige Hathor, Graffito 1)

 

Das Heiligtum der Hathor in Deir el Bahri zeigt die Göttin in Gemeinschaft mit Amun wo sie Hatshepsut als legitime Herrscherin bestätigt. Als Zusammenfassung möchte ich herausstellen, dass Hathor in Theben in zwei verschiedenen Manifestationen belegt ist: 1.) Als Göttin der Verstorbenen und der Berge in Set Maat und 2.) als Göttin des Himmels and als Baumgöttin, nicht auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt wie ihre erste Manifestation.

 

Der letzte Abschnitt befasst sich mit dem Gott Ptah. Als relativ junger Gott wird Ptah immer in menschlicher Form gezeigt. Er wird als mumifizierter Körper mit Bart, enger Kappe, ohne Kopfschmuck und mit einem Szepter dargestellt. Ptah, dessen Hauptkultort in Memphis war, war der Gott der Künstler und Handwerker was sein Beiname „Gestalter“ belegt.

Die Göttin Meresger und der Gott Ptah verfügten über einen gemeinsamen Aspekt: ihre Verbundenheit zu Höhlen (Meresger) und dem Inneren der Erde (Ptah). Aus diesem Anlass wurde ihnen ein gemeinsames Sanktuar zwischen Deir el Medina und dem Tal der Königinnen geschaffen. In der Zeit von Ramses III. wurde dieses Heiligtum offiziell „Ptah von Ta Set Neferu“ (Ta Set Neferu = Ort der Schönen = Tal der Königinnen) genannt.

 

(Sanktuar des Ptah und der Meresger, Photo: Stefan Gerke)

 

Er wurde als Gott der Handwerker von der Arbeitergemeinschaft aus Set Maat verehrt, als Schöpfer der Künste diente er als Schutzgott der lokalen Zunft. Weitere Kultstätten des Ptah waren in Medinet Habu und in Karnak.

 

Das Thema Religion und Kult im alten Ägypten ist so komplex das bereits zahlreiche Bücher darüber geschrieben wurden. Obwohl sich dieser Artikel auf die Region von Theben und die Periode des Neuen Reiches beschränkt, möchte ich jedoch klar herausstellen, dass dieser Artikel nur eine kurze Einsicht gewährt; der interessierte Leser sei auf die Quellenangabe verwiesen. Was nun in den Tempeln geschah, wie der Kult praktiziert wurde und welche Rolle die Priester innehatten ist das Thema eines zukünftigen Artikels.

 

Literatur:

Bonnet, Reallexikon der ägyptischen Religionsgeschichte

Davies, Who’s Who in Deir el Medina

Helck, Die datierten und datierbaren Ostraka, Papyri und Graffiti aus Deir el Medina

Lexikon der Ägyptologie

McDowell, Village Life in ancient Egypt

Reeves, The complete Valley of the Kings

Strudwick, Thebes in Egypt

Catalogue Louvre, Les artistes de Pharaon

 

 

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