Karin Vennewald “A
drop of history in every cup!“ (Costas
Motto) Costa,
Beanos, Segafredo…

Es scheint unser Glückstag zu
sein! Nach einem erfolgreichen Einkauf haben wir es nun auch noch geschafft,
eine der begehrten knappen Sitzgruppen, bestehend aus Tisch und vier bequemen
Sesseln zu ergattern. Kaum haben wir Platz genommen, steht auch schon eine
Tasse dampfenden Espressos vor mir und ein Macchiato
mit extra Milch vor meinem Mann. Man kennt uns und unseren Geschmack und so
brauchen wir, -welch ein Luxus- gar keine Bestellung mehr hier aufzugeben.
Bevor ich den ersten Schluck meines natürlich doppelten Espressos genieße, muss
ich zuerst die Tasse an meine neugierige Nase bringen, um damit in das köstliche
Aroma einzutauchen. Heiß muss er sein, damit Aroma und Geschmack ihr Bestes
geben können. Wie immer: ein kurzer Moment nur, eine Auszeit vom Alltag, Auftanken
und Wohlgefühl, ein Erlebnis, das gerne anhalten darf. Schade! Das war’s. Wie
bei allen schönen Ereignissen ist die Zeit auch hier zu kurz, viel zu schnell
vorbei. Dennoch spüre ich noch den „Energieboostereffekt“,
der mich wieder stark werden lässt für die noch wartenden Aufgaben und Anforderungen
des Tages.
Wenn ich mich so umschaue, in
den zahlreichen Cafés, die besonders in den letzten Jahren verstärkt Eingang in
den ägyptischen Markt gefunden haben, stelle ich fest, dass besonders Jugendliche
und junge Erwachsene damit einen Kommunikationstreffpunkt für sich gefunden
haben, und sei es auch nur per Laptop.
Bei einem Cappuccino mit
aufgeschäumter Milch und einem Herz aus Kakaopulver obendrauf lässt es sich ja
auch so herrlich quatschen und über Probleme austauschen, die nicht an die
Ohren gelangen sollten, welche in den Elternhäusern immer auf Empfang
geschaltet zu sein scheinen. Bei Costa, Beanos &
Co. schmilzt aber nicht nur die Schokolade des heißen Kakaos, sondern es
verschmelzen auch die Kulturen, wenngleich „Schmelztiegel“ hier doch nicht ganz
zutreffend ist, aber zumindest
eine Annäherung stattfindet. Ein Mikrokosmos, der selbst tief verschleierte
Frauen neben recht freizügig gekleideten modernen Ägypterinnen gelten lässt.
Cafés als Beitrag zur Völkerverständigung? Möglichkeiten wären genug gegeben:
Nationenvielfalt, Alt und Jung, weiblich wie männlich. Doch statt
Staatsterritorien gibt es die Abgrenzung durch Sitzgelegenheit, Augenblicke ersetzen
Sprache und aktiven Austausch. Beäugt wird jeder und von jedem: neugierig,
angstvoll, verächtlich, dominant, arrogant, bewundernd, schüchtern, fragend, überlegen…
Meine Blicke wandern wiederholt,
magnetisch angezogen, zu einer gänzlich verschleierten Frau, die mit
Ehemann und ungefähr 13-jährigem Sohn am Nebentisch sitzt. Zwischen den
Familienmitgliedern herrscht Schweigen. Der Sohn beschäftigt sich eifrig mit einem
überdimensionalen Eisbecher. Soweit ich es sehen kann, gibt es kaum einen
Blickkontakt zwischen den Eheleuten. Das Bild drückt für mich Konservativismus
in Reinform aus, Klischee? der ägyptisch-traditionellen Familie. Muss diese
Frau sich verschleiern? Zwingt ihr Ehemann sie dazu? Gehört er noch zu denen,
die Gewalt gegen ihre Frauen anwenden?“, geht es mir durch den Kopf und nährt
wieder einmal die immer noch bestehenden Vorurteile. Aber auch diese Familie
sitzt in einem modernen Café neben kichernden unverschleierten „Girlies“ und setzt sich meinem kritischen Blick aus. Ist
dies schon Entwicklung? Findet der gleiche Blick/Fragestellung-Prozess
auch in ihren Köpfen statt? Austausch über die imaginären Grenzen der
Sitzgruppen hinweg geschieht hier schweigend, ohne Aussicht auf Beantwortung.
Auch Sympathie und Antipathie veranlassen weitere Formen einer stillen Kommunikation.
Mimik des Gesichtes oder ein Lächeln, das manchmal mehr zu erreichen vermag als
Diskussion und Wort mit Sprachbarriere.
So spielt sich vieles an
interaktiver interkultureller Kommunikation in den Cafés ab, ohne unbedingt
offensichtlich zu sein. Bewusstes Beobachten lässt außerdem Rückschlüsse über
Kultur, Verhaltensnormen oder auch Erziehungsstile, falls vorhanden, zu. Dies lässt
sich besonders an Familien mit noch kleineren Kindern erkennen. Während es an
einigen Tischen ruhiger zugeht, die Kinder sitzen bleiben und glücklich über
Eisbecher und bunte Getränke sind, gibt es an anderen nur „action“,
die sich in Rennwettbewerben, Schießereien mit Strohhalmpapierkügelchen äußert,
Grenzen der Belastbarkeit der eigenen Stimmbänder werden ausgetestet oder aber
das Servicepersonal wird einer harten Geduldsprobe unterzogen. Man lässt fallen,
ohne wieder aufzuheben, und hinterlässt ein Schlachtfeld. Ob es den Begriff „Rücksicht“
in der arabischen Kultur nicht zu geben scheint? Sicher, auch in unserer
westlichen hapert es oft daran,
dass viele Erwachsene den Kindern nicht vorleben, was doch für die Entwicklung
einer sozialen Kompetenz so wichtig ist, aber in solch einer Anhäufung ist es
mir noch nicht begegnet. Dabei ist es völlig unabhängig, welcher sozialen
Gruppe diese Kinder und ihre Eltern angehören.
Und wieder muss ein Wischmop her, um Verschüttetes der „lieben Kleinen“ mit
einem geduldigen Lächeln wieder aufzunehmen. Die Eltern würdigen diese Handlung
keines Blickes, setzen ignorant ihre Unterhaltung fort; kein „Shukran!“ (Danke!)
kommt über die Lippen.
Ich ertappe mich dabei, wie ich
dieses Benehmen auf das Schärfste verurteile, und in mir Aggressionen
hochsteigen, wie ich werte, ohne aber wirklichen Einblick zu haben. Dieses zu
akzeptieren oder zumindest zu tolerieren wird man lernen müssen, sonst ist man
in Ägypten fehl am Platz und verschleudert seine Kräfte, denn umerziehen müssen
sie sich selbst. Wir können auch nur vorleben, zeigen, dass es auch anders
geht, zum Wohle der aufeinander angewiesenen Gesellschaftsmitglieder.
Wieder einen Tisch weiter sitzt
ein junger Mann in die Arbeit mit seinem Laptop versunken, um ihn herum einige
Papiere verteilt. Inmitten dieses stark frequentierten Ortes ist er noch in der
Lage zu arbeiten. Ist es hier immer noch ruhiger und besser als in seinem Büro
oder in seinem Zuhause? Oder möchte er nur nicht allein sein, braucht er die
vielen Menschen um sich herum? Für ihn scheint es zu funktionieren.
Die modernen „Café“-Hausketten
sind mittlerweile in allen Ecken der Welt zu finden. „Cilantro“, „Starbucks“
und „Einstein“, um noch drei zu
nennen, die besonders bei Jugendlichen im Trend liegen, sie alle unterscheiden
sich durch eigene Produktlinien und Qualitäten sowie ein unterschiedliches
Preis/Leistungsverhältnis. Die Anzahl steigt rapide. Allein im Konsumtempel City Stars gibt es mittlerweile drei
Costa Filialen, drei Starbucks, zwei Beanos…
Mittlerweile haben auch unsere „Kinder“
ihre Kaffee-Köstlichkeiten „Cappuccino Primo“ sowie „Frescato Vanilla“ beendet und es wird Zeit, nach einem wieder
einmal lehrreichen Café-Aufenthalt in Sachen arabischer wie internationaler
Kultur, in unsere eigene Welt zurückzukehren.