Wolfgang Freund

Café Riche

Beethoven gehört auch dazu

 

 

Beeindruckend, wie sich im Stadtbild von Kairo altes „Kolonialgebaren“ aus den beiden vergangenen Jahrhunderten immer von neuem zu reproduzieren scheint, so als ob es zu den Genen, zum ADN-Bild der Stadt gehöre, derartiges ständig in aktualisierter Form auszuschwitzen. Auf den Kaffeeterrassen und in den Gärten der Fünfsterne-Nobelherbergen entlang der Corniche El-Nil sitzen sie aufgedonnert oder im sportlichen doch nicht minder teueren „Wüstendress“ und schlürfen türkischen Kaffee, Tee, Ice Cream Soda oder etwas Hochprozentiges: die feinen Herrschaften aus dem Westen. Damit meine ich jene Ägyptenbesucher, die sich eine Reise an den Nil ein bisschen Taschengeld kosten lassen können: englisch, französisch, deutsch, mehr und mehr auch russisch parlierende Europäer und Nordamerikaner.  Man ist halt doch etwas Besonderes, und die um sie herumschwänzelnden, d.h. bedienenden und kassierenden Service-Ägypter, führen sich auf, als ob dieses Publikum durchweg aus kleinen britischen Hochkommissaren der tempi passati bestünde. „Herrenmenschen“ auf Zeit, für zwei, drei Wochen, vielleicht auch nur für ein paar Tage von einem einschlägigen Reisebüro ins Land der Pharaonen gebracht. Eine andere, hier Master-Dasein zelebrierende Kategorie von „Westlern“ sind die auf Zeit in Ägypten lebenden Diplomaten, Experten, Spione und Geschäftsleute. Auch ihnen geht es wohltuend um den Bart, sobald sie von unten nach oben bedient werden. Das massive, überall gut sichtbare Polizeiaufgebot, abgestellt zum Schutze der attentatsgeschüttelten Landschaften - Taba, Dahab, Scharm El-Scheich, Luxor wie auch Kairo selbst waren bislang die Epizentren des islamistisch explosiven „Dschihadismus“ gewesen - vermittelt dem ausländischen Besucher eine zusätzliche Befriedigung, sich hier an der Wiege unserer euro-orientalischen Zivilisationen besonders gewichtig aufplustern zu dürfen.

 

In Kairos Innenstadt, dort wo Avenuen wie Tala’at Harb, Kasr El-Nil und Mahmoud Bassiouni sternartig zusammenführen, und wo auf mehreren runden Plätzen eiserne Männchen - örtliche Berühmtheiten aus näherer oder fernerer Vergangenheit - mahnend den Zeigefinger erheben, geht es schon authentischer zu. Myriaden von jungen und weniger jungen Mädchen, Jeans - oft hauteng, man kann dann alles erahnen - und islamisches Kopftuch modisch vermischend, quirlen zusammen mit örtlichen Vertretern des „starken“ Geschlechts über die Trottoirs. Dort sitzt auch jene, in tiefes Schwarz gehüllte Fellachen-frau, zusammen mit ihrer Bücherauslage, auf welcher islamistische, antisemitische, nazistische und neonazistische Schriften in arabischer Sprache angeboten werden. Hitlers Mein Kampf ist mit im Angebot. Ein eifriger Verleger in Gisa, dort wo die Pyramiden stehen, sorgt für ständigen Nachschub. Die „Bibel“ der deutschen Nazis ist beim ägyptischen Publikum nach wie vor gefragt. Hetlarr kwais ( = Hitler gut) sagt grinsend der Taxichauffeur, sobald er glaubt, in mir einen Deutschen erkannt zu haben.

In diesem Ambiente fallen die ausländischen Nobeltouristen und  -residenten  schon weniger auf. Und plötzlich steht man vor dem Café Riche, gegründet im Jahre 1908, direkt am Platz Tala’at Harb gelegen. Nostalgie-Punkt, an eine andere Epoche des modernen Kairos erinnernd, jene der Monarchie bis 1952, als eine kosmopolitische Kairo-Gesellschaft mehr französisch als irgendetwas anderes gesprochen hatte.  Das Café Riche gehörte damals einem Griechen, wie so vieles aus Gastronomie und Lebensmittelbeschaffung, und war schon immer ein Treffpunkt für litterati und politisch Aufmüpfige gewesen. Diese „Berufung“ rettete sich sogar in die diktatorische Nasser-Zeit hinüber.  Das Café Riche hat einen Keller, wo Umstürzler aller Couleurs getagt und dort sogar eine handbetriebene Druckmaschine besessen hatten, mit Hilfe derer sie nächtens ihre Flugblätter ausdruckten. Kam oben plötzlich die Polizei, warnte der Patron schnell nach unten, und die Weltveränderer in spe verdampften rasch durch geheime Ausgänge in den umliegenden Straßen.  Heute ist dieser „Revolutionskeller“ zu einer Kaffee- und Teestube zurechtgemacht.

 

Doch auch oben, im eigentlichen Café-Restaurant, kann man sich gütlich tun.  Die Speisekarte mit vernünftigen Preisen bietet eine gelungene Mischung aus ägyptischer, griechischer und europäischer Küche. Man isst vorzüglich und fühlt sich, wenn die Rechnung kommt, nicht geneppt. Die oberägyptisch-sudanesischen Kellner betreuen die Gäste mit jener stillen und zuvorkommenden Freundlichkeit, die nichts Unterwürfiges oder „Geschäftliches“ an sich hat. An den Wänden hängen Dutzende von Fotos bedeutender ägyptischer Künstler, Schriftsteller und Politiker. Stars, wie könnte es anders sein, sind die Porträts von Literatur-Nobelpreisträger Nagib Mahfouz sowie von Oum Kalthoum, der Grand Old Lady des ägyptischen Chansons.  Auf dem Ölgemälde im Café Riche ist sie aber noch gar nicht old sondern gerade 20 Jahre alt.

 

Mitten zwischen den Gästetischen steht ein Klavier, und auf diesem thront die Büste von … Ludwig van Beethoven. Das alles stammt eben aus einer Zeit, als Kairo eine faszinierende kosmopolitische Weltstadt gewesen war und kein brodelnder Hexenkessel von 18, vielleicht sogar 20 Millionen Einwohnern.

 

Allerdings, faszinierend ist dieser „Hexenkessel“ auch heute noch, möchte ich hinzufügen.

 

Das Café Riche war längere Zeit geschlossen, wurde renoviert und erst kürzlich wiedereröffnet. Wolfgang Freunds Schilderungen stammen aus dem Jahre 2006. Besucht man das Café heute, stellt man fest, dass sich kaum was verändert hat. (WUE)


 

 

 

 

zurück