Zu Gast in Kairos Unterwelt

Bernd Sandmann

 

ãHatschepsutÒ und ãNofreteteÒ nannten die Kairener die beiden gigantischen Bohrmaschinen, die sich Mitte der Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts einen halben Kilometer lang unter dem Nil hindurch durch den Nilschlamm fra§en, um das šstliche mit dem westlichen Nilufer auch unterirdisch zu verbinden. Bei dieser Namensgebung stand wohl der Gedanke Pate, dass wer bereits in der Antike vor rund 4.500 Jahren erfolgreich damit begonnen hat, mehr als 110 Pyramiden mit zum Teil gigantischen Ausma§en lŠngs des Nils aus dem WŸstensandboden zu stampfen, auch dieses Projekt mit Leichtigkeit stemmt.

 

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Die Rede ist von Kairos U-Bahnsystem, das hier ebenso stolz wie selbstbewusst Metro genannt wird, ganz so, wie die gleichnamige wesentlich Šltere Schwester in Paris. Diese Namensgebung wiederum ist vermutlich auf den Umstand zurŸckzufŸhren, dass Kairos U-Bahn in der Planungsphase der siebziger Jahre seine Existenz einem Joint Venture zwischen Šgyptischen und franzšsischen Beratergremien verdankt. TatsŠchlich Šhnelt sich bis heute das Fahrkartensystem beider U-Bahnen: Man kauft eine mit einem Magnetstreifen versehene Fahrkarte und muss diese durch einen Automaten hindurch ziehen, der dann die Sperren der Ein- und AusgŠnge von und zu den Bahnsteigen frei gibt.

 

Ansonsten hat die Metro Kairos mit der in Paris wenig gemeinsam: 16 Linien mit einer GesamtstreckenlŠnge von rund 212 km, die insgesamt 436 Stationen in Paris miteinander verbinden, stehen die 2 U-Bahnlinien Kairos mit einer GesamtlŠnge von nur 66 km gegenŸber. 55 vergleichsweise weit auseinander liegende Stationen lassen sich mit Kairos Metro anfahren. FŸr den Touristen, der ebenso wie in Paris die stŠdtischen SehenswŸrdigkeiten ausschlie§lich mit der Metro erreichen will, erweist sich Kairos U-Bahn als eher ungeeignet. Lediglich das Šgyptische Museum, Down Town, die Oper auf Zamalek, der Hauptbahnhof Ramsis Station und das koptische Viertel mit der Station Mar Girgis sind gut an das U-Bahnnetz angebunden. Wohl eher ein Zufall. Denn fŸr den Touristen ist dieses U-Bahnnetz nicht geschaffen worden. Es ging und geht um die Entlastung der oberirdischen Verkehrswege und darum, dem alltŠglichen Verkehrsinfarkt und den damit verbundenen stundenlangen Staus etwas entgegen zu setzen. Vielleicht auch darum, etwas gegen den allgegenwŠrtigen Smog zu tun, an dem die hierzulande všllig ungefilterten Autoabgase ebenfalls einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Um diesen Zielen wirksam gerecht zu werden, ist die Metro in ihrer heutigen Form aber eher so etwas wie der berŸhmte Tropfen auf dem hei§en Stein.

 

Aber immerhin: TŠglich mehr als 2,6 Millionen FahrgŠste befšrdert Kairos U-Bahn wŠhrend ihrer Betriebszeiten zwischen 5 und 24 Uhr tŠglich. Die Šltere der beiden Linien, die 1987 eršffnete Linie 1, verbindet das am nšrdlichen Stadtrand gelegene New El Marg Ÿber 44 km hinweg mit dem weit im SŸden gelegenen Industrievorort Helwan. Die 10 Jahre spŠter eršffnete Linie 2 sorgt fŸr die Anbindung der im Streckennetz 22 km voneinander entfernten Stadtteile Shubra im Norden und El Mouneeb westlich des Nils im SŸden der Stadt. Hatschepsut und Nofretete schlie§lich ermšglichten die Nilunterquerung etwa in Hšhe des Midan Al Tahrir Ÿber die SŸdspitze Zamaleks hinweg nach Dokki und sorgten damit fŸr eine Anbindung des Netzes an die westliche Nilseite bis nach El Mouneeb.

 

Der Eintritt in Kairos Unterwelt kostet die vergleichsweise bescheidene Summe von 1 LE und berechtigt zur Nutzung des gesamten Netzes mit einer Umsteigemšglichkeit. Bis zu vier Waggons sind ausschlie§lich Frauen vorbehalten. Diese Waggons sind inzwischen mit gut sichtbaren Aufklebern oberhalb der WaggontŸren kenntlich gemacht, damit kein mŠnnlicher Zeitgenosse sich mehr unbeabsichtigt dorthin verirren kann.

 

Kairos U-Bahn ist aber auch fŸr echte Superlative gut: Mit seiner Metro besitzt Kairo das bislang einzige voll ausgebaute U-Bahnnetz Afrikas. Und auch die Nildurchtunnelung ist bislang auf dem afrikanischen Kontinent beispiellos geblieben. Zu Recht kšnnen die Kairener also stolz auf ihre U-Bahn sein. Und sie sind es auch. Vielleicht ist gerade das der Grund dafŸr, dass die meisten offiziellen StreckenplŠne eine dritte Linie ausweisen, die einen in westšstlicher Richtung verlaufenden Streckenabschnitt beschreibt, den es bislang noch gar nicht gibt. Geplant ist diese Linie AppleMark
3 bereits seit 1973. Andere PrioritŠtensetzungen und Geldmangel haben den Ausbau bislang allerdings verzšgert.

 

Inzwischen gibt es sehr viel weiter reichende PlŠne: Sie sehen eine Anbindung des internationalen Flughafens in Heliopolis und einen Ausbau des Streckennetzes in Mohandesin vor, das bislang nur durch zwei weit auseinander liegende Stationen Ÿber Zamalek und Dokki zu erreichen ist. Ein Neubau von drei weiteren Linien, der Linien 4, 5 und 6, nach Nasr City und Maadi ist ebenfalls in Planung. Bis dahin dŸrfte allerdings noch viel Wasser den Nil hinunter flie§en: Der Planungshorizont fŸr die Realisierung dieser Bauvorhaben reicht immerhin bis 2022.

 

Wie dem auch sei, fŸr den verkehrsgeplagten Kairo Neuling mag eine Fahrt mit der U-Bahn auch jetzt schon eine wahre Offenbarung sein: Steigt man die Treppen der mit dem Metro Logo gut sichtbar ausgestatteten U-Bahnstationen hinunter, umfŠngt einen bald eine vergleichsweise ungewohnte Stille. Kein VerkehrslŠrm, kein Hupen, keine ršhrenden Motoren und auch die allgegenwŠrtigen Abgasschwaden verlieren sich zunehmend in den GŠngen der unterirdischen Stationen. Nicht dass es absolut still wŠre in der Kairoer Unterwelt. Aber die GerŠuschkulisse unter Tage ist durch ein vielfaches abgemildert und ertrŠglicher als in der quirligen Oberwelt. Wie in einer U-Bahn Station eben.

 

Anders als Ÿber Tage, wo sich der MŸll bisweilen auf Stra§en und Gehwegen hŠuft, prŠsentieren sich die U-Bahnstationen Kairos wie geleckt in absoluter Sauberkeit. Kein Abfall liegt in den GŠngen und Bahnsteigen, keine Graffities verunzieren die gefliesten WŠnde, auf denen sich altŠgyptische Motive wie z. B. mal auch eine stilisierte Kleopatra prŠsentieren. Eigens hierfŸr abgestelltes Servicepersonal  und eine Stationsaufsicht sorgen dafŸr, dass diese Sauberkeit von Dauer ist

 

NatŸrlich kennt auch Kairos U-Bahn ihre rush hour. Die GŠnge und Bahnsteige sind dann voll von Menschen. Es wird gedrŠngelt und geeilt. An den WaggontŸren wird unter Einsatz von Ellbogen geschubst und gesto§en. Aber rush hour in der U-Bahn ist eben nicht gleich bedeutend mit dem dann einsetzenden Verkehrsinfarkt Ÿber Tage, dem absolutem Stillstand jeglicher Fortbewegung unter gleichzeitigem Hupen und Schwaden von Abgasen. Die ZŸge fahren in Spitzenzeiten im 210 Sekunden Takt. Selbst ein 150 Sekunden Takt wŠre mšglich, wenn denn in ausreichendem Ma§e ZŸge zur VerfŸgung stŸnden. Die Zeit fŸr das Erreichen eines Ziels wird aber auch ohne 150 Sekunden Takt im Gegensatz zum Verkehrsgeschehen Ÿber Tage kalkulierbarer.

 

Ich fahre mit der Linie 1 von der Sadat Station am Tahrir Platz nach Helwan. Nur so zum Spa§, um U-Bahn Feeling in Kairo hautnah zu erleben. Eher untypisch fŸr eine U-Bahn beziehen die ZŸge der Linie 1 ihren Strombedarf aus einer Oberleitung. €hnlich einer S-Bahn sind die Sitzreihen hier quer zur Fahrtrichtung aufgestellt. Die Linie 2 wirkt da schon eher wie eine gewohnte U-Bahn mit Stromzufuhr per Stromschiene und lŠngs der Fahrtrichtung aufgestellten Sitzreihen.

 

Aber ob U-Bahn oder Vorortzug: Die quirlige Oberwelt spiegelt sich hier in Kairos Unterwelt wie in einem Mikrokosmos wieder. Da gibt es den Angestellten mit Aktenkoffer im nadelgestreiften Anzug, die geplagte Hausfrau und Mutter mit Einkauf auf dem Kopf und quengelnden Kindern an der Hand, den vollbŠrtigen, frommen Muslim mit Stirnfleck, in traditioneller Galabeia gekleidet, der halblaut aus seinem Koran rezitiert, den Kopten, der gedankenverloren seine Holzperlenkette mit chtistlichem Kreuz durch die Finger gleiten lЧt, die Studentinnen und Studenten mit ihrem BŸcherpaketen unter dem Arm, die der Station Helwan University entgegenstreben, die Malocher, die auf der Fahrt nach Hause bereits im Stehen zu schlafen scheinen, junge MŠnner, die es nicht mŸde werden, sich die neuesten Klingeltšne ihrer neu erworbenen Handys vorzuspielen, junge Frauen, die trotz hiesiger Kleidungskonventionen es auf 1001 Art schaffen, ungemein sexy daher zu kommen. Und wie bei den 1001 Farbnuancen eines Regenbogens gibt es in der Unterwelt Kairos genauso wie Ÿber Tage alle Facetten, die dazwischen liegen.

 

Ein Bettler betritt den Waggon. Eine wei§e Binde Ÿber dem linken Auge, der Kopf ist mit schmutzigen VerbŠnden verunstaltet. Er trŠgt eine schmuddelige Galabeya. Ein Bettler, wie aus dem Bilderbuch. Eine der fŸnf SŠulen des muslimischen Glaubenbekentnisses besteht in der Verpflichtung, den Armen Almosen zu geben. Ein letztlich auch uns EuropŠern gelŠufiger sozialer Gedanke, der schlicht darin besteht, dass Eigentum nun mal zu sozialer Mitverantwortung verpflichtet.

 

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FŸr die €rmsten der Armen ist der Spottpreis von 1 LE fŸr den Eintritt in die Unterwelt Kairos oft eine wohl kalkulierte Investition. ãEnta kwaiesÒ – ãDu bist gutÒ appelliert der versehrte Bettler an die Gutherzigkeit seiner wohlhabenderen Mitmenschen im Abteil. Diesmal geben sie nichts. Offenbar ist die Aufmachung unseres Mitfahrgastes zu offensichtlich. An der nŠchsten Haltestelle verlŠsst er das Abteil und steigt in das nŠchste ein, um sein GlŸck dort zu versuchen.

 

Betteln scheint hierzulande weitgehend verpšnt. Immer mal wieder kann man Aufrufe lesen, die dazu auffordern, Bettlern keine Almosen zu geben, weil dies unislamisch sei. Wegen funktionierender staatlicher Sozialsysteme sei das Betteln letztlich reine Abzocke, wird argumentiert. Wie auch immer geartete Dienstleistungen anzubieten, ist deshalb eine andere Methode, die U-Bahnfahrt zum Gelderwerb zu nutzen.

 

An der nŠchsten Haltestelle steigt eine alte Frau zu. Sie bietet PŠckchen mit PapiertaschentŸchern an. Man kann sie fŸr etwa 50 Piaster in jedem Supermarkt kaufen. Hier in Kairos Unterwelt kosten sie ebenso wie Ÿber Tage 1 LE. Immerhin eine Gewinnmarge von 100%, fŸr den sich die Investition fŸr eine Fahrkarte durchaus lohnen mag. Die PapiertaschentŸcher finden denn auch schnell ihre Abnehmer. Und oft genug beobachte ich, dass nur der Geldschein seinen Besitzer wechselt. Das muslimische Sozialsystem funktioniert also. So oder so.

 

Vor einer anderen Methode des Gelderwerbs in Kairos Unterwelt wird in ReisefŸhrern immer wieder gern gewarnt: Dem Taschendiebstahl. Und in der Tat, die drangvolle Enge, die zu Sto§zeiten in den Waggons herrscht, muss auf Taschendiebe anziehend wie ein El Dorado wirken. Denkt man. TatsŠchlich ist die KriminalitŠtsrate fŸr eine Stadt der Grš§enordnung Kairos aber eher gering. Die Chance, Opfer eines Taschendiebs in Kairos Metro zu werden, ist sicherlich nicht grš§er als in Paris, Berlin, New York oder sonstwo auf der Welt. Wahrscheinlich sogar eher geringer.

 

Wer einmal einen Taschendiebstahl am eigenen Leibe miterlebt hat, und ich kann da aus eigener leidvoller Erfahrung –wenn auch nicht gerade in der U-Bahn- durchaus mitreden, wird schnell begreifen, dass diese Leute ihr Handwerk geradezu meisterhaft verstehen. Sie benštigen Menschenansammlungen, wie die in den U-Bahnwaggons wŠhrend der rush hour, nicht um erfolgreich ihrer Arbeit nachgehen zu kšnnen. Ein kurzes heftiges Anrempeln verbunden mit einem schnellen geŸbten Griff nach der Geldbšrse, ein wirkungsvolles Ablenkungsmanšver eines zweiten Mannes und schon ist es passiert, ohne dass man Ÿberhaupt bemerkt hŠtte, dass man gerade Opfer eines eingespielten Teams von Taschendieben geworden ist. Effizienten Schutz vor derartigen Misslichkeiten des Lebens gibt es wohl nicht, au§er man lŠsst die wirklich wertvollen Dinge eben zu Hause.

 

Auf ihrem Weg nach Helwan verlŠsst die Linie 1 schon zwei Stationen nach Sadat Station bei der Station El Malik Al Saleh die unterirdische StreckenfŸhrung und setzt ihre Fahrt Ÿber Tage fort. Die U-Bahn mutiert hier wieder zum Vorortzug, aus dem sie letztlich auch entstanden ist.  Lediglich die StreckenfŸhrung im Innenstadtbereich zwischen den Stationen Mubarak im Norden und Sayeda Zeinab in sŸdlicher Richtung verlŠuft unterirdisch. Dieses im September 1987 eršffnete TeilstŸck im Herzen Kairos verband die bis dahin existierenden Zugverbindungen nach El Marq im Norden und der in entgegegesetzter Richtung immerhin seit 1877 bestehenden Eisenbahnverbindung nach Helwan. Es machte aus den VorortzŸgen die heutige U-Bahnlinie 1.

 

Meine kleine Reise nach Helwan wird so zu einer wenn auch eher unspektakulŠren Sight Seeing Tour. HŠuserzeilen reihen sich an HŠuserzeilen, Blicke auf Hinterhšfe, Kaffeestuben  und kleine GemŸsemŠrkte eršffnen sich. Irgendwann rei§t die Bebauung ab, WŸstenlandschaft mit Industriestandorten ziehen vorbei. Die Studentinnen und Studenten verlassen den Zug an der Station Helwan University. Dann ist der Kopfbahnhof von Helwan erreicht. Endstation. Die ZŸge verschnaufen hier eine Weile, bevor sie die RŸckfahrt nach El Marq antreten.

 

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Das Ende der Linie 1 mŸndet auf einen dieser bunten, quirligen MŠrkte €gyptens, in denen fŸr fast Alles gesorgt ist, was der Mensch so im Alltag benštigt: Obst und GemŸse, Prepaid Karten fŸr das Handy, GewŸrze, Fleischwaren, BŸcher und Zeitschriften, preiswerte Schuhe, Kleidung, Kinderspielzeug und vieles mehr. Und es gibt etwas zu bestaunen, von dem ich dachte, dass es lŠngst der Vergangenheit angehšrt: Eine Frau verkauft nichts anderes als flŸchtigen Rauch: Weihrauch. Ihre Dienstleistung besteht im Schwenken eines qualmenden WeihrauchgefЧes Ÿber VerkaufsstŠnde mit z. B. dekorativ pyramidenfšrmig aufgestapelten Orangen. Als Entgelt wechselt ein kleiner Piasterschein den Besitzer.

 

 Endstation Helwan: FŸr Hunderttausende auch der Start in die nšrdlich gelegenen Stadtteile Kairos. Von 5 bis 24 Uhr tŠglich, im 210 Sekundentakt, 365 Tage im Jahr.

 

 

 

 

 

 

 

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