Noch immer gibt uns die Musik der alten Pharaonen viele
RŠtsel auf, keine Nation, keine musiktheoretischen Schriften sind Ÿberliefert.
Nach welchen Prinzipien waren die Melodien und ZusammenklŠnge aufgebaut, nach
welchen rhythmischen Gesetzen gegliedert? Unser schmales Wissen Ÿber das
Tonsystem beruht auf Vermutungen und AnalogieschlŸssen. Und doch bleibt noch
viel Ÿbrig fŸr ein Bild, das wir uns von einer hoch entwickelten Musikkultur
machen kšnnen, von der die alten Griechen viel gelernt haben. Die
musikwissenschaftliche Literatur zum Thema ist nicht unbetrŠchtlich. Aus
welchen Quellen der Erkenntnis kann sie schšpfen?
Das alte €gypten kennt keine Streichinstrumente, wohl aber eine Vielfalt von Zupf-, Blas-, Schlag- und Rasselinstrumenten. Daneben wurden HŠndeklatschen, Fu§stampfen und Klirren des Tanzschmucks instrumental eingesetzt.
Zu den Šltesten Schlaginstrumenten gehšren die klappern. Sie
sind aus Holz, Knochen, Elfenbein, Nilpferdzahn und finden sich in
verschiedensten Formen, von einfachen GegenschlagstŠben Ÿber paarweise Haken-,
Kolben-, Gazellen- und Hasenkopfklappern bis zu solchen mit kunstvoll
geschnitzten MŠnnerkšpfen. Manche sind in form von HŠnden ausgebildet.
Die Rasseln stehen ihnen an Alter nicht nach. Manche sind
FrŸchten nachgebildet, manche bestehen aus bauchigen, durchlšcherten
Tonflaschen, die mit Rasselkšrperchen gefŸllt sind (GefЧrasseln). Ein fŸr das
alte €gypten typisches Rasselinstrument, das sich spŠter bei Griechen und
Ršmern wieder findet, ist das Sistrum. Es tritt als Naos- oder BŸgelsistrum
auf, von denen hier das letztere beschrieben sei. Es besteht aus einem
Handgriff, der nach oben in einem Hathorkopf endigt, auf dem ein
hufeisenfšrmiger MetallbŸgel befestigt ist. In dessen WŠnden gleiten
MetallstŠbe hin und her und erzeugen beim SchŸtteln ein metallisch klirrendes
GerŠusch. Es gibt auch AusfŸhrungen, bei denen die MetallstŠbe festsitzen und
ihrerseits bewegliche KlangplŠttchen tragen. Der Hathorkopf am oberen Griffende
und die Ausformung des Naos-Sistrums als Kapellchen (Naos) weisen auf den
religišsen Bezug hin: Isis und Hathor wurden mit diesen Instrumenten verehrt.
Der jugendliche Gott des Sistrumspiels hei§t Ihj.
Aber auch eine erotisierende Wirkung scheint vom Klang
dieser Instrumente auszugehen: ãSingend und das Sistrum schŸttelnd nahen sich
die Frauen dem Gebieter, um ihm Liebeshuld und Freude zu bereiten.Ò (Wegner)
Au§er Klappern und Rasseln gibt es ein- oder zweifellige Rahmen- und Ršhrentrommeln aus Holz oder Metall. AuffŠllig ist eine viereckige Rahmentrommel mit konkav geschwungenen RŠndern, in deren Innern Klangsaiten gespannt sind.
- Die mannshohe Benetharfe aus dem Alten Reich, mit ihrer schaufelartigen Klangmulde;
- die im Stehen und fast senkrecht gespielte Standharfe, mit langezogenem Schallkasten (Mittleres Reich);
- die buckelig gekrŸmmte, niedrige und gedrungene Kesselharfe, (Mittleres Reich), das Instrument der blinden HarfensŠnger, das sie auf dem Boden hockend spielten;
- die Schwebeharfe (Neues Reich), eine weiterentwickelte Kesselharfe, die sich des besseren Klanges wegen mit einer geschwungenen StŸtze vom Boden abhebt;
- die leichte und zierliche Schulterharfe mit ihren 3 – 4 Saiten, die auch im Schreiten gespielt werden konnte (neues Reich);
- die verschiedenen Spielarten der Winkelharfe, die sich – Gelehrtenstreit – entweder aus der Bogenharfe in €gypten selbst entwickelt hat oder aus Vorderasien eingefŸhrt wurde.
Alle Harfen wurden in €gypten ohne Plektron, das hei§t mit blo§en Fingern gespielt.
WŠhrend wir die Harfe – in verŠnderter Form – auch in unseren neuzeitlichen Orchestern finden, kennen wir die Leier, bei uns
nur als sprichwšrtliches Instrument der Dichter und SŠnger. Orpheus wird mit
ihr abgebildet und Christian Morgenstern lŠsst sein Nasobehm aus seiner Leier
ans Licht kriechen, wie er sich ausdrŸckt.
Im pharaonischen €gypten taucht das Instrument unvermittelt
in Neuen Reich auf, wohl von Beduinen aus dem Zweistromland mitgebracht. Es
besteht aus einem Schallkšrper, von dem zu beiden Seiten geschwungene Arme nach
oben fŸhren. Sie sind verschieden lang und tragen eine schrŠge Jochstange, von
der aus die 5 – 9 Saiten zum Schallkšrper laufen. Stets sind es Frauen,
die die Leier spielen, mit beiden HŠnden, im Stehen oder Schreiten ãindem die
Linke mit blo§en Fingern eine arte Melodie zupft und die Rechte mit dem
Plektron ãden BordunÒ schlŠgt. (Wegner)
ãBordunÒ ist die Bezeichnung fŸr gleich bleibende, immer mitklingende
Grundtšne. ãPlektronÒ hei§t das PlŠttchen zum Anrei§en der Saiten. Die
Amarna-Zeit (Echnaton 1377 – 1360) steuert eine riesige etwas pompšse und
unorganisch geformte Standleier als Neuerung bei.
Als drittes Saiteninstrument des alten €gypten begegnet uns am Beginn der Neuzeit die Laute. Sie weicht freilich von der uns vertrauten Form ab: ein langer, dŸnner Hals steckt in einem zierlichen mandel- und muldenfšrmigen Resonanzkšrper, der mit Tierhaut Ÿberspannt ist. Die wenigen, vielleicht nur 2 oder 3 Saiten werden mit dem Plektron angerissen. In der BlŸtezeit des Lautenspiels, in der 18. Dynastie, wird sie mitunter auch von MŠnnern gespielt, meistens jedoch finden wir sie in der Hand von MŠdchen. Auf einem Fresco aus der 18. Dynastie sind eine kleine TŠnzerin und die Lautenspielerin nackt dargestellt, die Spielerinnen der Harfe und flšte jedoch bekleidet. Ein Hinweis vielleicht darauf, dass die Laute als Instrument von Dienerinnen und Sklavinnen, die in der Regel unbekleidet gemalt werden, von minderem Rang war?
Das Kapitel ãBlasinstrumentÒ bietet uns ein gutes Beispiel fŸr die Unsicherheit der Musikwissenschaft bei der Bewertung archŠologischer Funde:
- So erwŠhnt Wšrner fŸr das Alte Reich neben der LŠngsflšte auch die Doppelklarinette und unter den Instrumenten, die im Neuen Reich aus Kleinasien eingedrungen seien, die Doppeloboe.
- Engel spricht ebenfalls von der LŠngsflšte und Doppelklarinette im Alten Reich, lŠsst aber die Doppeloboe bereits im Mittleren Reich auftauchen, was im Extremfall einen Zeitunterschied von 1500 Jahren bedeuten kšnnte!
- Bei Hickmann kommt die Doppelklarinette weder im Alten noch im Neuen Reich vor.
-
Wegner schlie§lich weist darauf hin, dass sich
in der bildlichen Darstellung kaum jemals der Unterschied zwischen Flšte und
Oboe erkennen lasse und verwendet deshalb ausschlie§lich den neutralen Begriff
ãPfeifeÒ.
Wir kšnnen aus alle dem nur schlie§en, dass es in jeder
Pharaonischen Epoche Instrumente gegeben hat, die wir nach heutigem
Sprachgebrauch zu den Holzblasinstrumenten zu rechen haben und dass sich diese
Instrumente in Bauart, Grš§e, Anzahl der Rohre und Spielweise (lŠngs, schrŠg,
quer, bei Doppelinstrumenten auch parallel oder abgewinkelt) teilweise
unterscheiden. So findet sich schon auf Abbildungen der 5. Dynastie eine
Langpfeife, die im VerhŠltnis zu dem Mann der sie spielt mehr als einen Meter
lang sein muss. Sie hat 3 – 4 Grifflšcher und musste mit weit
ausgestreckten Armen gespielt werden. Sie ist bereits in frŸhdynastischer Zeit
nachgewiesen, ebenso, wie eine Heultrompete, eine Art Sprachrohr, das die
Nilschiffer bei der †berfahrt der Verstorbenen auf den Totenbarken benutzten.
Daneben gibt es im Alten Reich noch eine Kurzpfeife mit einem paralllen
Doppelrohr.
Im Mittleren Reich scheinen keine neuen Blasinstrumente
dazugekommen zu sein. Zu Beginn des Neuen Reiches, wo die politische
Machtentfaltung auch die Kultur zu einer HochblŸte bringt, finden wir neben
einer Vielzahl von anderen Instrumenten auch eine Doppelpfeife, deren beide
Rohre im spitzen Winkel gehalten werden. Die HŠnde greifen unabhŠngig
voneinander, die Rechte vermutlich die Melodie, die Linke eine art Bordun dazu.
Auch taucht in dieser Zeit erstmals die Trompete auf, ein langes Rohr aus
Metall mit einer ausgeprŠgten StŸrze (Schalltrichter). Sie wird nicht
eigentlich zum Musizieren, sondern als Signalinstrument bei TruppenaufmŠrschen
und FestzŸgen verwendet (Wegner). Im Grabschatz des Tut-ench-Amun wurden zwei
besonders kostbare Instrumente aus Bronze, Silber und Gold gefunden. Ihr Klang
ist dumpf schallend und rau (Hickmann). Griechische Schriftsteller des
Altertums vergleichen ihn mit dem Geschrei eines wŸtenden Esels.
In der SpŠtzeit dringen dann aus anderen Kulturen eine Reihe
von neuen Blasinstrumenten ein, die durch Funde, Abbildungen und genauere
Beschreibungen von Zeitgenossen bekannt sind, so z.B. verschiedene GefЧflšten,
Hšrner, Panflšte, Querflšte, Hydraulis (Wasserorgel), verschiedene Typen des
griechischen Aulos und, in der Ršmerzeit, Tuba und Bucina (Signalhorn).
†ber das Klangbild der alten Musik kšnnen wir uns gewisse Vorstellungen machen. Wie schon erwŠhnt, wurden einige Instrumente nachgebaut und akustisch untersucht. Auch kšnnen wir bis zu einem gewissen Grad nachempfinden, wie HŠndeklatschen und Fu§stampfen, Klappern und Rasseln, Trommeln und Pauken und das metallische Sistrum geklungen haben mšgen.
Grš§e, Bauweise und Material lassen RŸckschlŸsse auf Tonhšhe
und KlangfŸlle der Instrumente zu. Unter BerŸcksichtigung all dieser Tatsachen
spricht Hickman von der leisen, eindringlichen, ãstillenÒ Musik des Alten Reiches,
die sich dann im Mittleren Reich klangvoller, rauschender und heftiger
entwickelt habe.
Im Neuen Reich nehmen Prachtentfaltung und Differenzierung des Klanges weiter zu. Ein reichhaltiges und vielfŠltiges Instrumentarium steht zur VerfŸgung. Harfen und Leiern werden grš§er, die Zunahme ihrer Saitenzahl und die bessere Ausformung der Schallkšrper deuten auf KlangfŸlle hin. Auch taucht mit der Trompete das erste ãBlechblasinstrumentÒ auf. Ganz sicher verstanden die Pharaonen der 18. und 19. Dynastie in der Zeit der grš§ten Machtentfaltung auch die musikalische Seite ihrer religišsen und weltlichen Feste besonders eindrucksvoll zu gestalten.