Neu in Kairo - 15 "Šgyptische Miniaturen"

von Bernd Sandmann

Im Anflug auf den Moloch Kairo

 18 Jahre sind es her, seit ich das letzte Mal in €gypten und Kairo war. Jetzt erwartet mich ein Aufenthalt fŸr zunŠchst einmal mindestens 1 Jahr. NatŸrlich bin ich aufgeregt und gespannt, was dieses Jahr mir an neuen Erfahrungen und Erlebnissen bescheren wird. Und naja, vielleicht wird  ja ein lŠngerer Aufenthalt als ãnurÒ ein Jahr daraus.

 

Das gro§e Staunen beginnt bereits beim Anflug auf Kairo, denn der ist besonders abends bei Dunkelheit einfach ŸberwŠltigend: Ein Lichtermeer bis zum Horizont, so weit das Auge reicht. Ich beginne zu ahnen, wie riesig diese Stadt ist. 18 Millionen Einwohner hat Kairo inzwischen oder sind es bereits 25 Millionen? Niemand wei§ das so genau, weil niemand sich bisher die MŸhe gemacht hat, Kairos BŸrger einer VolkszŠhlung zu unterziehen. Alle Zahlenangaben beruhen auf SchŠtzungen. Und unaufhaltsam, Tag fŸr Tag wŠchst diese Stadt weiter.

 

Kairo, das ist die Dimension von Indiens Mumbay und Karachi, von SŸdamerikas Sao Paulo oder Mexico City. Die gro§en europŠischen Neonlicht-Metropolen London, Paris oder Berlin wirken dagegen eher beschaulich. New York City mit seinen gerade mal 8 Millionen Einwohnern ist angesichts dieser Zahlen fast eine Kleinstadt. FŸr einen, der wie ich aus einer deutschen Stadt mit gerade mal etwas mehr als 500.000 Einwohnern kommt, sind diese Grš§enordnungen ohnehin nur abstraktes Zahlenwerk. Erst hier im Flugzeug, mit diesem Ausblick ein paar hundert Meter Ÿber den DŠchern Kairos, werden diese Zahlen halbwegs fassbar und begreifbar.

 

Kurz bevor die Maschine auf dem Boden aufsetzt, erscheint  rechter Hand die erste Moschee mit ihrem mit grŸnem Neonlicht illuminierten Minarett. Ich fŸhle mich unvermittelt an meine erste Reise nach Kairo vor 18 Jahren erinnert: Derselbe Anflug zur selben Tageszeit, dasselbe Minarett und dasselbe staunende ãDas also ist KairoÒ!

 

 

Wahid I.

 Wir hatten einen Fahrer vorbestellt, der uns mit unserem 170 kg ReisegepŠck vom Flughafen abholen sollte. Wahid hei§t der Mann. Er ist klein, ein wenig rundlich, aber sonst von krŠftiger, stŠmmiger Statur. Seine zahlreichen ZahnlŸcken kŸnden wohl davon, dass er sich von seinem Verdienst keine teuren Zahnbehandlungen leisten kann. Naja, denke ich, das ist vielleicht ein Schicksal, das demnŠchst auch viele Deutsche mit ihm teilen werden, wenn das so weitergeht zu Hause mit Kostenexplosion im Gesundheitswesen und Gesundheitsreform.

 

Meine spŠrlichen in Deutschland absolvierten Arabischstudien haben zumindest so viel gebracht, als ich nun zu wissen glaube, dass Wahid das arabische Wort fŸr die Zahl ãEinsÒ ist. Diese nur rudimentŠren Sprachkenntnisse verunsichern mich jetzt doch etwas. Wer hŠtte je davon gehšrt, dass man seine Kinder einfach der Reihe nach durchnummeriert: ãDas ist unser Sohn Eins, wir rufen ihn Einie.Ò Habe ich da womšglich etwas verwechselt?

 

Wahid hatte inzwischen geschlagene 1 1/2 Stunden mit seinem kleinen roten Kombi am Flughafen auf uns warten mŸssen, weil die EinreiseformalitŠten doch lŠnger als erwartet gedauert hatten. Jetzt war er ebenso wie wir sichtlich erleichtert, uns endlich in Empfang nehmen zu kšnnen. Also begrŸ§e ich ihn erst einmal mit einem herzlichen ãHallo Wahid, nice to meet you! So you are the number one for us tonight.Ò Er begreift die zugegebenerma§en etwas seltsame Ansprache als ein Kompliment fŸr seine ZuverlŠssigkeit und sein geduldiges Warten und wehrt bescheiden ab, ãNo, no, not the number one.Ò

 

Was dann folgt, ist typisch fŸr €gypten und mir von meinem letzten Aufenthalt her noch in lebhafter Erinnerung. Wahids roter Kombi entpuppt sich als so klein, dass man zu Hause in Deutschland gerade mal 2 normal gro§e Koffer in den Kofferraum quetschen wŸrde, falls dieses Fahrzeug Ÿberhaupt noch fŸr den Stra§enverkehr zugelassen wŠre. Stattdessen warten hier 4 všllig Ÿberdimensionierte schwere GepŠckstŸcke, ein Gitarrenkoffer und diverse euphemistisch als HandgepŠck bezeichnete GegenstŠnde, nebst zwei deutschen Einreisenden auf ihre Befšrderung. Das Alles ist natŸrlich ãNo Problem!Ò Und es ist auch kein Problem. In Nullkommanichts finden sich drei Helfer, die das GepŠck sachkundig im Kofferraum und auf dem Dach verstauen. Ein irgendwie aus dem Nichts hervorgezaubertes Tau sorgt fŸr den nštigen Halt des GepŠcks auf dem DachgepŠcktrŠger ... Na hoffentlich hŠlt«s, denke ich ...

 

DafŸr gibt«s dann 2 LE fŸr jeden, auch fŸr den Polizisten, der eigentlich nur so zugesehen hat, sich aber als es um«s Geldverteilen geht, sofort einmischt. Alle sind zufrieden und ab geht die Fahrt Richtung Mohandessin, wo unsere Wohnung liegt.

 

Auf der Fahrt erfahren wir, dass Wahid koptischer Christ ist und die Kopten gerade 5 Feiertage hintereinander zu feiern gehabt hŠtten, die Muslime sogar 10. Das sei der Grund, warum es in Kairo gerade so ruhig sei. Heute sei der letzte Feiertag. Morgen beginne fŸr alle das Berufsleben wieder.

 

Ich bemerke offen gesagt nichts von dieser Ruhe und finde die Stadt um diese spŠte Abendstunde reichlich wuselig, laut und geschŠftig. NatŸrlich kann ich es mir nicht verkneifen, Wahid danach zu fragen, was es denn nun mit seinem Vornamen auf sich hat. Die Antwort beruhigt mich. Meine heimischen Arabischstudien waren offenbar doch nicht všllig nutzlos: Wahid ist tatsŠchlich der erstgeborene Sohn seiner Familie und es ist offenbar durchaus Ÿblich, dem Erstgeborenen auch einen solchen Namen zu geben, nŠmlich Wahid,  ãEins.Ò

 

Am Ziel angekommen, beginnt das gleiche Spiel, wie am Flughafen. NatŸrlich mŸssen wir unser GepŠck nicht selbst bis zum 16. Stock hochschleppen. ãNo Problem!Ò Vier dienstbare Geister nehmen sich umsichtig unserer zahlreichen GepŠckstŸcke an. Und dann folgt etwas, das wir auf allen unseren Reisen bislang niemals getan haben und au§er in €gypten wohl auch niemals tun wŸrden: Wir schnappen uns lediglich ein paar leichtere StŸcke des HandgepŠcks, Ÿberantworten die restlichen Koffer den fŸr mich immerhin wildfremden dienstbaren Geistern und begeben uns schon mal per Fahrstuhl in unsere Wohnung. NatŸrlich findet sich wenige Minuten spŠter das gesamte GepŠck vollzŠhlig im Hausflur wieder. DafŸr gibt«s dann 3 LE und die dienstbaren Geister ziehen zufrieden wieder ab.

 

 

Im Moloch Kairo

 Erst am nŠchsten Morgen wird klar, wie recht Wahid mit der relativen Ruhe in Kairo wŠhrend der Feiertage hatte. Die Stadt prŠsentiert sich mir als ein im Stra§enverkehrslŠrm brŸllender Moloch. Ein unablŠssig hupendes UngetŸm, staubig und nach Abgasen stinkend. Jeder Verkehrsteilnehmer mit Ausnahme der Fu§gŠnger und der Esels- bzw. Pferdekarren, meint unablŠssig lautstark auf sich aufmerksam machen zu mŸssen. Sogar die wenigen Fahrradfahrer strapazieren ihre Klingeln bei jeder Gelegenheit.

 

Was auf der einen Seite eine nervtštende LŠrmbelŠstigung darstellt, scheint auf der anderen Seite eine Notwendigkeit, die hier dafŸr sorgt, dass der Verkehr irgendwie im Fluss bleibt und es offenbar nur wenig UnfŠlle im stŠdtischen VerkehrsgewŸhl gibt.

 

Verkehrsregeln gibt es nicht wirklich. Zwar finden sich hin und wieder Verkehrsampeln, Zebrastreifen, Markierungen, die die Fahrbahn in Spuren unterteilen, ja sogar Verkehrsschilder, die vorgeben in diesem Chaos irgend etwas regeln zu wollen. Verkehrspolizisten sorgen an gro§en Stra§enkreuzungen dafŸr, dass der Autoverkehr sich dort nicht unentwirrbar verknŠult. Im Grunde aber wird all dieses spŠrliche Regelwerk augenscheinlich nach einem schwer nachvollziehbaren System aus GutdŸnken und ZweckmЧigkeitserwŠgungen beachtet bzw. grš§tenteils missachtet. FŸr jeden Verkehrsteilnehmer kommt es hauptsŠchlich darauf an, irgendwie vorwŠrts zu kommen. Tut sich eine kleine LŸcke im VerkehrsgewŸhl auf, so wird sie sofort genutzt. Und damit nicht noch ein anderer Autofahrer womšglich auf dieselbe Idee kommt, wird halt gehupt.

 

BŸrgersteige gibt es auch, aber die taugen nicht als Plattform fŸr die Fortbewegung als Fu§gŠnger. Denn immer hšren sie irgendwo auf. Sei es, weil sie auf eine Einfahrt mŸnden, in der gerade ein Auto parkt oder sei es, weil ein Hausbesitzer meinte, seinen Teil des BŸrgersteigs mit einer kleinen Mauer und ein paar GrŸnpflanzen einfrieden zu mŸssen. Also geht man am Stra§enrand. Und dabei wird man von jedem Autofahrer erstmal angehupt, damit man nicht etwa auf die Idee kommt plštzlich einen Haken zu schlagen und vor«s Auto zu laufen. All diese Verkehrsgepflogenheiten fŸhren dann zu dem nie endenden lŠrmigen Hupkonzert, das Kairo zumindest akustisch prŠgt.

 

FŸnf mal am Tag -abends zu Sonnenuntergang, etwa 2 Stunden spŠter nach Sonnenuntergang, in der Morgenršte bei Sonnenaufgang, mittags, wenn die Sonne ihren Zenit erreicht hat, und schlie§lich nachmittags um etwa 15 Uhr- mischen sich in diese GerŠuschkulisse die Gebetsrufe sŠmtlicher Muezzine Kairos gleichzeitig. Als Gesang identifizierbar sind nur die Rufe der Muezzine der unmittelbar benachbarten Moscheen. Das sind allerdings schon einmal mindestens vier. Der Rest der Gebetsrufe hšrt sich wie ein dunkler, tiefer, darunter gemischter Bordounton an. Das Ganze schafft dann eine ganz eigentŸmliche, exotische AtmosphŠre, die fŸr mich etwas von Orient, 1001 Nacht und etwas Ergreifendes hat.

 

Im Park vor unserem Haus, der eigentlich zu einer Art wilder GŠrtnerei mutiert ist, in dem allerlei GemŸse- und Blumensorten kultiviert werden, beginnen die GŠrtner dann mit ihrem Gebetsritual. Sie verneigen sich gen Mekka, das offenbar in Richtung des Fernsehturms auf Zamalek und von dort aus immer weiter gen Osten zu finden ist, liegen danach auf  Knien mit der Stirn auf dem Boden, die Schuhe ausgezogen ordentlich neben sich drapiert.

 

 

Monsterstra§en in Kairo

 Die Sharia Gamma Al Dawl ist eine dieser sechsspurigen Hauptverkehrsstra§en Kairos, die dafŸr sorgen sollen, dass mšglichst viele Menschen in dieser riesigen Stadt schnell mit dem Fahrzeug von A nach B gelangen kšnnen. Dementsprechend gut befahren und laut  sind diese Verkehrsadern. Die Gamma Al Dawl liegt in unmittelbarer NŠhe unserer Wohnung. Man kann ein kleines StŸck von ihr von der Dachterasse aus sehen und hšren kann man sie von dort natŸrlich auch. Ich freue mich dann immer, dass die Wohnung nicht direkt an dieser Stra§e liegt.

 

Alles in Allem ist die Gamma Al Dawl ein Ort, um den man als Fu§gŠnger gerne einen Riesenbogen machen mšchte. UnglŸcklicherweise liegen auf der anderen Stra§enseite ein Reihe netter CafŽs und LadengeschŠfte von der Art, wie man sie als EuropŠer in Kairo wegen ihres westlich orientierten Angebots und Ambientes recht schnell zu schŠtzen wei§. Es bleibt also keine andere Wahl, die Stra§e muss hin und wieder Ÿberquert werden. Und dieses Unterfangen gleicht fast einem lebensgefŠhrlichen Hindernisrennen.

 

Es gibt zwar einen Zebrastreifen. Der ist aber nicht wirklich hilfreich, denn er animiert die Autofahrer hšchstens dazu, sicherheitshalber noch einmal zusŠtzlich auf die Hupe zu drŸcken. Die Fahrtgeschwindigkeit zu drosseln oder gar zu bremsen, ist ausgeschlossen und offenbar geradezu unter der WŸrde der meisten Autofahrer.

 

Da der Verkehrsstrom praktisch niemals abrei§t, geht es darum, eine mšglichst ausreichend gro§e LŸcke zwischen den heranbrausenden Fahrzeugen zu finden, um es wenigstens schon mal auf einen Standort zwischen zweiter und dritter Spur zu schaffen. Dann steht man mitten im VerkehrsgewŸhl und kann nur hoffen, dass keiner auf die Idee kommt, mal eben die Spur zu wechseln und einen auf den KŸhlergrill zu nehmen.

 

Den geordneten RŸckzug anzutreten, kommt natŸrlich auch nicht in Frage: Erstens ist es gefŠhrlich, weil keiner der Autofahrer damit rechnet, dass man wieder zurŸckgeht und Zweitens hat man ja auch als Fu§gŠnger so seinen Stolz. Bleibt also das Vertrauen auf einen Grundkonsens zwischen Autofahrern und Fu§gŠngern, demzufolge am Umnieten von nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern hier niemand ein ernsthaftes Interesse hat. Durchhalten und sich durchsetzen, scheint die Parole zu sein!

 

GlŸcklicherweise gibt es mitten auf der Gamma Al Dawl einen breiten, erhšhten und deshalb nicht befahrbaren Mittelstreifen, der es erlaubt, sich von dem ersten Adrenalinschock erst einmal zu erholen, bevor es an die †berquerung der restlichen drei Fahrspuren geht.

 

TatsŠchlich habe ich mich die ersten Male immer an weniger furchtsame einheimische Zeitgenossen angehŠngt und es auf diese Weise sicher auf die andere Seite der Gamma Al Dawl geschafft. Inzwischen kann ich es auch alleine. Auf der Gamma Al Dawl, ebenso wie auf anderen Monsterstra§en: Ich fasse die herankommenden Fahrzeuge wie wilde, unberechenbare Bestien fest und entschlossen in«s Auge, schŠtze  schnell und geschickt Geschwindigkeit und Entfernung ab, dann gilt es einen gŸnstigen Moment abzupassen und ab geht die Post. Bislang noch immer mit Erfolg!

 

 

Sayeda

Wir leisten uns eine Haushaltshilfe zum Putzen, Waschen, BŸgeln und was sonst so Alles in einem Zwei-Personen-Haushalt anfŠllt, zu dem man selbst keine Lust oder Zeit hat. Sayeda kommt zwei mal die Woche, jeweils mittwochs und samstags. Sie macht ihre Arbeit grŸndlich und weitgehend zuverlŠssig. Ohne Sayeda wŠre unsere Wohnung vermutlich bald so eine Art Sandkasten. Kairo liegt nun einmal praktisch mitten in der WŸste und das merkt man spŠtestens dann, wenn man eine Woche lang die Wohnung nicht grŸndlich gereinigt hat.

 

ãSayedaÒ ist das arabische Wort fŸr ãFrau.Ò Ich habe bis heute nicht herausgefunden, ob nun Sayeda ihr Vorname ist, was ja ein weiteres Schlaglicht auf die Namensfindung fŸr Šgyptische Kinder werfen wŸrde, oder ob das nur eine verkŸrzte Anrede fŸr ãFrau SowiesoÒ ist. Letzteres fŠnde ich allerdings etwas befremdlich, denn dann wŸrden wir nicht mal ihren vollstŠndigen Namen kennen.

Sayeda spricht ausschlie§lich arabisch mit bisweilen kleinen englischen AusschmŸckungen, die offenbar die VerstŠndigung erleichtern sollen. Ich spreche englisch mit kleinen deutschen Anleihen, die die VerstŠndigung zwischen uns eher erschweren. Auf dieser Basis funktioniert die Kommunikation zwischen uns mit beidseitigem gutem Willen aber nahezu einwandfrei. Ich bin fŸr sie ãMisterÒ und meine Frau die ãMadameÒ, was fŸr sich gesehen ja schon mal eine ganz gesunde Kommunikationsbasis darstellt. Was soll sich Sayeda auch mit diesen zungenbrecherischen exotischen deutschen Namen abplagen!

 

ãMister«s? Madame«s?Ò will sie hŠufig von mir wissen mit einer frisch gewaschenen und gebŸgelten Hose oder einem Paar Socken in der Hand, um herauszufinden, in welchen Teil des Kleiderschranks die Sachen gehšren. Als Antwort reicht dann z. B. ãMadame«s!Ò oder eben ãMister«s!Ò, je nachdem. So einfach kann Kommunikation also sein. Aber auch bei komplexeren Sachverhalten rund um die Welt des Hausputzes verstehen wir uns auf Anhieb - irgendwie. Wieso das funktionieren kann, ist mir bis heute rŠtselhaft geblieben.

 

Den ersten - gottlob folgenlosen- Fehler habe ich wohl begangen, als ich mich Sayeda vorstellte und ihr dabei nach guter alter deutscher Sitte herzlich die Hand gedrŸckt habe. So etwas macht man hier einfach nicht, hatte ich als ganz wichtigen Verhaltenskodex irgendwo vorher mal gelesen, und schon gar nicht von Mann zu Frau.

 

Obwohl ich das inzwischen wei§, bin ich immer noch ein unverbesserlicher HŠndedrŸcker geblieben, weil ich im entscheidenden Moment einfach nicht dran denke. Und dann ist es immer schon passiert. Eine junge arabische Kollegin meiner Ehefrau musste das auch erleben. Ich habe immer noch das unglŠubige Staunen vor Augen, mit dem sie meinen Ÿberfallartigen HŠndedruck quittierte. Dann schien sie sich entfernt an bestimmte distanzlose auslŠndische Sitten zu erinnern: ãAh, shake handsÒ, meinte sie.

 

Andere scheinen das sich die Hand geben geradezu zu lieben. Einer der KoffertrŠger vom Abend unserer Ankunft hat mich auf der Stra§e wiedererkannt und mich -ich wei§ nicht wie- dazu genštigt, ihm die Hand zu schŸtteln. Seitdem muss ich das jedesmal tun, wenn ich ihn treffe. Und ich tue es, weil es ihm sichtlich Freude bereitet.

 

Sayeda hat mir meinen unhšflichen †bergriff entweder verziehen oder sie hat fŸr sich entschieden, dass ich sowieso ein hoffnungsloser Fall von AuslŠnder bin, der einfach keinen Begriff von Anstand und Hšflichkeit besitzt, und dem man das deswegen einfach nicht nachtragen kann.

 

 

Arabische Stimmritzen und Gaumensegel

Ich komme mir hier inzwischen vor wie ein Analphabet. Da ich die Schrift nicht beherrsche, kann ich nichts lesen, nichts schreiben und Arabisch verstehen und sprechen kann ich schon mal gar nicht. Wir haben deshalb begonnen arabisch zu lernen. DafŸr haben wir eine Hauslehrerin engagiert, 1x die Woche fŸr 1 Stunde. Nuurhen hei§t die Frau. Sie ist ausgesprochen nett und sehr kompetent.

 

NatŸrlich habe ich ihr zur BegrŸ§ung mal wieder unhšflicherweise die Hand gegeben. Ich vergesslicher, unverbesserlicher HŠndegrapscher! Ihr schien diese Form der BegrŸ§ung allerdings absolut gelŠufig und keineswegs unangenehm zu sein. Nuurhen spricht perfekt deutsch und unterrichtet an einer der deutschen Schulen in Kairo u. a. Arabisch.

Leider macht diese unbestreitbare Kompetenz das Arabisch lernen fŸr uns nicht wesentlich leichter. Dabei sind es nicht nur die arabischen Worte, die derart fremdartig sind, dass ich sie nur schwer behalten kann. Das Problem dieser Sprache liegt fŸr mich auch und gerade in der Aussprache: Es gibt im Arabischen Laute, von denen ich bislang nicht einmal geahnt habe, dass der menschliche Stimmapparat so etwas mit einer gewissen SelbstverstŠndlichkeit Ÿberhaupt hervorbringen kann.

 

Damit nicht genug:  Je nachdem welches Lehrbuch man zur Hand nimmt, unterscheidet sich die phonetische Umschrift ganz erheblich: Das †berlebensarabisch im deutschen ReisefŸhrer fŸr €gypten z. B. liest sich in der phonetischen Umschrift všllig anders als das englische Arabischlexikon fŸr den an Land und Leuten interessierten Globetrotter. Das mag ja vielleicht  noch halbwegs nachvollziehbar sein: Hier deutsche Umschrift, dort die englische.  Aber auch mein Arabisch Computerkurs unterscheidet sich wiederum vom Pons Arabischkurs ãLernen und †benÒ in Aussprache und phonetischer Umschrift gewaltig. Um die Verwirrung komplett zu machen, verwendet Nuurhen wieder eine andere Form der Umschrift. Je nachdem woran man sich also orientiert, wird aus ãentiÒ fŸr ãduÒ - weibliche Form - ãintiÒ, aus ãmeshÒ fŸr ãnichtÒ ãmushÒ, aus ãweÒ fŸr ãundÒ ãwuÒ oder mitunter gar ãwaÒ. Wer soll sich da noch auskennen?

 

Den LebensmittelhŠndler an der Ecke haben meine klŠglichenVersuche, auf arabisch 6 Eier fŸr«s FrŸhstŸck zu ordern, sichtlich Ÿberfordert: Meine schwungvoll ausgesprochenen arabischen ãbaydhÒ mit stimmhaftem englischen ãthÒ am Ende aus dem Arabisch Computerkurs  waren ihm nicht gelŠufig. Die dann hilflos nachgeschobenen englischen ãeggsÒ kannte er sowieso nicht. Das spŠte FrŸhstŸck musste daher ohne Eierspeise auskommen.

 

Lediglich meine arabischen Zahlen werden mitunter verstanden. Leider erweitert diese Sprachfertigkeit die Kommunikation mit der einheimischen Bevšlkerung nicht wirklich inhaltlich grundlegend.

 

Allein das Langenscheidt Taschenwšrterbuch Arabisch - Deutsch, Deutsch - Arabisch gibt sich einen geradezu offiziellen, amtlich verbindlichen Touch, indem es auf die Verwendung der phonetischen Zeichen der IPA, der ãInternational Phonetic Association,Ò verweist. DafŸr enthŠlt dieses Werk  Zeichen, die mir aus keiner der Sprachen gelŠufig sind, mit denen ich mich bislang beschŠftigt habe. Liest man zu diesen geradezu kryptisch anmutenden phonetischen Zeichen dann die ErlŠuterungen, findet man so aufschlussreiche Hinweise wie z. B. ãein gepresster Knarrlaut in der StimmritzeÒ oder ãein hart am Gaumensegel artikuliertes kÒ.

 

Aber wo um alles in der Welt befindet sich eigentlich diese Stimmritze? Und was genau muss ich damit anstellen, um den korrekten Knarrlaut daraus hervor zu locken? Und Ÿberhaupt, was habe ich unter einem Gaumensegel zu verstehen?

 

Fragen Ÿber Fragen...  Ich vertraue auf Nuurhen. Nuurhen wird«s sicher  richten.

 

 

Hocharabische Eier

Meine arabischen Sprachkenntnisse machen Fortschritte: Immerhin wei§ ich jetzt schon einmal, woran mein Versuch beim LebensmittelhŠndler um die Ecke letztendlich gescheitert ist, auf arabisch 6 Eier zum FrŸhstŸck zu ordern. Die von mir fŸr die Bestellung verwendeten arabischen ãbaydhÒ mit stimmhaften englischen ãthÒ am Ende waren nŠmlich hocharabische ãEier.Ò

Die arabische Hochsprache wird in der arabischen Literatur verwendet, in den Printmedien und vor allem im Koran. Der einfache Mann auf der Stra§e, so habe ich mich belehren lassen, versteht das Hocharabische meist nicht.

 

Nun wei§ ich aber, dass der LebensmittelhŠndler um die Ecke in jeder freien Minute in seinem Koran liest. Kann es wirklich sein, dass im gesamten Koran ãEierÒ an keiner Stelle eine auch nur beilŠufige ErwŠhnung finden und der Mann deswegen das hocharabische Wort fŸr Eier einfach nicht kennt? So muss es wohl sein.

 

Ich werde es demnŠchst mal mit den Šgyptischen Eiern versuchen. Die hei§en ãbeedhÒ ... oder so Šhnlich jedenfalls.

 

 

Taxifahren in Kairo

 Inzwischen habe ich gelernt, meine jeweilige Tagesform bei der Anwendung meiner arabischen SprachkŸnste Ÿber«s Taxifahren abzuschŠtzen. Das funktioniert, weil die wenigsten Taxifahrer Englisch oder sonst eine Fremdsprache sprechen und die VerstŠndigung deshalb notgedrungen ausschlie§lich auf arabisch erfolgen muss.

 

Taxifahren geht hier so, dass man eines dieser meist mehr oder weniger klapprigen schwarzen GefŠhrte mit wei§en KotflŸgeln und einem gelben Taxischild auf dem Dach vom Stra§enrand aus heranwinkt und dem Fahrer das grobe Fahrtziel, am besten erstmal nur das Stadtviertel, durch das offene Seitenfenster zuruft. Meist gibt der Taxifahrer dann mit einem gelangweilten, kaum merklichen mŸden Kopfnicken zu verstehen, dass er mit der Fahrt einverstanden ist und man einsteigen kann. Dann ist auch sprachtechnisch die erste HŸrde schon mal genommen.

 

Eher selten kommt es dagegen vor, dass der Fahrer den Kopf schŸttelt und davonbraust. Aber es kommt vor! Dann darf man sich daraus natŸrlich nichts machen. Všllig falsch wŠre es z. B. das eigene Fahrtziel einer kritischen Revision zu unterziehen und womšglich auf ein leichter auszusprechendes Ziel auszuweichen. KlŸger ist es, einfach das nŠchste Taxi heranzuwinken und einen neuen Versuch zu starten. In Kairo mangelt es normalerweise niemals an Taxis. Au§erdem lehnt ein Taxifahrer eine Fahrt nicht blo§ deswegen ab, weil er das Fahrtziel nicht richtig verstanden hat. Da wŸrde er eher noch mal nachfragen oder ganz cool so tun, als wŠre ihm Alles klar.

 

Sitzt man dann erstmal im Taxi, kommt nach einer gewissen Weile die unvermeidliche Frage wie z. B. ãfeen fiel Dokki?Ò also z. B. ãWo genau in Dokki?Ò Dann nennt man auf arabisch das eigentliche konkrete Fahrtziel. Die Schwierigkeit dabei besteht nun darin, dass die Ortsangaben in den StadtplŠnen offenbar ausschlie§lich fŸr den englisch sprechenden Touristen gemacht scheinen und sich irgendeiner Umschrift aus dem Arabischen bedienen, die man einfach nicht eins zu eins an den arabisch sprechenden Mann hinterm Steuer bringen kann.

 

Viel gewonnen ist schon mal, wenn man den englischen ãsquareÒ bzw. die ãstreetÒ gleich in«s arabische ãmeidanÒ bzw. ãshŠŠraÒ ŸbertrŠgt und an den Anfang der eigentlichen Ortsangabe setzt. Das Ganze gilt es dann so arabisch wie mšglich klingen zu lassen. Das ist enorm wichtig, weil die Taxifahrer offenbar sehr sensibel auf falsche Tšne und sonstige Aussprachefehler reagieren. Schon eine fehlerhafte Betonung kann den Fahrer všllig aus dem Konzept bringen. Dann traut er oft seinen eigenen Ohren nicht mehr.

 

Je nachdem, wie gut ich das aussprachetechnisch an den Mann gebracht habe, passiert nun Folgendes: Der Fahrer brummt irgend etwas Zustimmendes oder wiederholt zur BestŠtigung das Fahrtziel. Aus Letzterem kann ich lernen und an meiner Aussprache feilen. Meist nutze ich die Gelegenheit und wiederhole zustimmend mein Ziel mit dem Versuch einer verbesserten Aussprache. Ich wei§ aber, dass ich im Grunde meine Sache ganz brauchbar gemacht habe und in mittlerer, sagen wir mal,  durchschnittlicher Tagesform bin.

 

HŠlt der Fahrer dagegen plštzlich hektisch nach Passanten Ausschau, besteht noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er  nicht wei§, wie er zu dem von mir gewŸnschten Fahrtziel finden soll und selber nachfragen muss. SpŠtestens dann aber, wenn er mich darum bittet, irgendeinem herbeigerufenen Passanten mein Fahrtziel noch einmal zu nennen, damit dieser mein Arabisch fŸr ihn Ÿbersetzt, wei§ ich, dass ich in denkbar schlechter Form bin und offenbar unverzeihliche Fehler gemacht habe: Also weit unterdurchschnittliche Tagesform.

 

Selten kommt es dagegen vor, dass der Taxifahrer bruchlos anfŠngt mit mir arabisch zu sprechen.  Ich verstehe dann zwar rein gar nichts mehr, aber ich wei§ zumindest: Heute bin ich in Topform!

 

Leider bleibt mir dann nur noch zustimmendes LŠcheln, Kopfnicken, irgendwas Brummeln ... bis der Fahrer begriffen hat und die restliche Taxifahrt schweigend verlŠuft.

 

 

ãSayedŠŠtÒ oder die Kunst des Schlangestehens

 Ich war kŸrzlich auf der Internationalen Buchmesse in Kairo. Das ist eine Ausstellung, die auch fŸr den europŠischen AuslŠnder u. a. deshalb interessant ist, weil man dort hochwertige englische und deutsche BŸcher zum absoluten SchnŠppchenpreis erwerben kann. Die zahlreichen arabischen Aussteller hatten ebenfalls ein umfangreiches und offenbar preisgŸnstiges BŸcherangebot zu bieten. Der Andrang zur Messe war jedenfalls riesig.

 

Wie in €gypten inzwischen Ÿblich, werden derartige Gro§veranstaltungen ebenso wie Banken, Hotels, Orte von touristischem Interesse, ja sogar strategisch bedeutsame Stellen, wie z. B. BrŸcken von einem  gut bewaffneten Polizeiaufgebot abgesichert. Es gibt Metalldetektoren an GebŠudeeingŠngen und man muss hin und wieder mit individuellen Personenkontrollen rechnen, ganz so, wie man das inzwischen wegen der Terroranschlagsgefahr von FlughŠfen her gewohnt ist. Das fŸhrt natŸrlich - genauso, wie in den FlughŠfen - zu ungegeuer langen Schlangen Wartender.

 

Am Eingang zur Buchmesse gerade angekommen, stelle ich mich also erst einmal bei der erstbesten Schlange hinten an. Man kennt das ja schlie§lich vom deutschen Schlangestehen in SupermŠrkten, der Post, der Bank oder wo auch immer: Die Schlange, in der man gerade steht, ist sowieso immer die lŠngste. Wechselt man die Schlange, bleibt es am Ende wundersamerweise doch immer die langsamste. Also ist es auch egal, wo man sich anstellt.

 

Nach einer kurzen Weile werde ich von einer traditionell mit zŸchtigem Kopftuch bekleideten Dame hšflich, aber bestimmt angesprochen: ã! ... ! ... ! ... sayedŠŠt!Ò, verstehe ich.

 

Nun dauert es bei mir immer eine ganze Weile, bis sich arabische Worte in meinem Kopf zu einer mir bekannten deutschen Begrifflichkeit umgeformt haben. Eines wei§ ich allerdings in diesem Augenblick ganz genau, ãsayedŠŠt,Ò das kenne ich. Das habe ich schon mal irgendwo gehšrt. Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, setze ich erstmal - zack- ein gewinnendes, strahlendes LŠcheln auf. Das wirkt schlagartig: Die Frau lŠchelt zurŸck, erwartet aber offenbar irgend etwas von mir.

 

... ãsayedŠŠtÒ ...? Habe ich das nicht kŸrzlich erst in der U-Bahn gehšrt? Aber bei welcher Gelegenheit war das blo§? Seltsamerweise fŠllt mir in diesem Moment unsere Haushaltshilfe Sayeda ein. Warum blo§, was hat das alles miteinander zu tun?

 

Ich denke also fieberhaft weiter nach und sage sicherheitshalber, um Ÿberhaupt irgendetwas zu sagen und, weil mir sowieso nichts Anderes einfŠllt, erstmal ãshukran,Ò Danke!, zu der immer noch erwartungsvoll lŠchelnden Dame. Das war«s! Ende der Kommunikation! Ich habe ganz offensichtlich einen absoluten, schwerwiegenden und womšglich unverzeilichen Kardinalfehler begangen. Ich merke es sofort. Die Frau reagiert mit einem nachsichtig resignierten KopfschŸtteln, wendet sich von mir ab und ... wieder ihrer Begleiterin zu.

 

Und in diesem Moment, nach einer gefŸhlten Ewigkeit, die gerade mal so vielleicht 15 Sekunden gedauert haben mag, fŠllt es mir schlagartig wieder ein: Klar! Es war in der Metro, neulich, als ich eilig in den erstbesten U Bahn Waggon gesprintet bin und  aus einer Ecke ein ã...!! ...!! ... sayedŠŠt!Ò zu hšren bekam. Ich war in der Eile in den ausschlie§lich Frauen vorbehaltenen U Bahn Wagen eingestiegen, was man daran sehen konnte, dass der Waggon nicht so vollbesetzt war, wie sonst um diese Tageszeit Ÿblich, und eben ausschlie§lich Frauen darin waren. GlŸcklicherweise hatte ich vorher irgendwo schon einmal gelesen, dass es so etwas hier in der Metro gibt. Ich prallte also fšrmlich zurŸck und hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, wieder auszusteigen, bevor die TŸren sich schlossen.

 

Jetzt stand ich als einziger Mann in der Frauenschlange, in der ich natŸrlich nichts zu suchen hatte. Aber da kam dann auch schon eine freundliche Ordnungskraft, die mich nachsichtig in die mir zukommende mŠnnliche Warteschlange komplimentierte.

 

Und was hat nun unsere Haushaltshilfe mit dieser ganzen Geschichte zu tun? Nun ãsayedŠŠtÒ ist eine Ableitung von ãSayedaÒ und gewisserma§en deren Pluralform. Und ãSayedaÒ, das ist der Vorname unserer Perle, was im deutschen soviel wie ãFrauÒ bedeutet. Man sieht, meine Arabischkenntnisse machen Fortschritte.

 

 

Hammelfleisch und Diplomatenpass

 

ãMiteingereister EhepartnerÒ ist die gelŠufige halbamtliche Bezeichnung fŸr einen Exoten wie mich, der sich von seinem Job zu Hause in Deutschland hat beurlauben lassen, um seiner berufsbedingt versetzten Ehepartnerin - nicht ungern - in«s ferne patriarchalisch ausgerichtete €gypten zu folgen. Ganz Aktuell bin ich als solcher ãmiteingereister EhepartnerÒ dieser Tage mit einem fšrmlichen bundesdeutschen Dienstpass ausgestattet worden. Dienstbezeichnung: ãEhemannÒ meiner im weiteren samt Dienstgrad und Namen nŠher bezeichneten Ehefrau. Der Dienstpass weist alle in- und auslŠndischen Dienststellen und Behšrden an, mich frei und ungehindert reisen zu lassen sowie mir im Notfall Schutz und Beistand zu gewŠhren.

 

Derart priviligiert und beschŸtzt, Ÿbernimmt man es natŸrlich gerne, sich den Herausforderungen zu stellen, die eine Stadt wie Kairo im ganz normalen Alltag fŸr einen ãmiteingereistenÒ Neuling bereit hŠlt, selbst wenn es z. B. ganz einfach nur darum geht, fŸr den Einkauf und hin und wieder fŸr das leibliche Wohl der schwer arbeitenden, die Kohle heranschaffenden Gattin zu sorgen.

 

Lammkoteletts schien mir eines nachmittags eine nette Idee fŸr ein leckeres, gehaltvolles Abendessen zu sein. Also auf zum Supermarkt um die Ecke, der hier so hei§t wie die U Bahn in Paris und eben auch in Kairo, nŠmlich Metro, um schnell so etwa 6 Koteletts zu besorgen.

 

In der Frischfleischabteilung angekommen, ordere ich also ãlamb chops.Ò Auf die Frage, wieviel es denn sein soll, sage ich auf englisch ã6.Ò  Zu meinem gro§en Erstaunen beginnt der Mann hinterm Tresen erst einmal damit, ein fast vollstŠndig erhaltenes Tier aus dem KŸhlhaus heranzuschleppen und dieses vor meinen Augen nach allen Regeln der Fleischerskunst fachmŠnnisch zu zerlegen. Das dauert ungefŠhr eine halbe Stunde und erfordert den Einsatz diverser rasiermesserscharfer Fleischermesser sowie eines handlichen Beiles. Als Ergebnis seiner sichtlich anstrengenden Arbeit prŠsentiert mir der Meister ein knappes Viertel des zerlegten Tieres. Und in der Tat, in diesem Lammviertel befinden sich unter anderem auch die von mir gewŸnschten Koteletts.

 

Das Ganze ist natŸrlich viel zu viel fŸr ein Abendessen fŸr zwei Personen.  Also wiederhole ich meine Bestellung von ã6 lamb chopsÒ und gebe zu verstehen, dass ich derart viel Lammfleisch einfach nicht benštige. Der Schlachter bedauert und macht mir unmissverstŠndlich deutlich, entweder das Viertel oder eben Ÿberhaupt kein Lamm. Mein Protest beeindruckt ihn nicht im Mindesten. Schlimmer noch, im Verlauf der Kaufverhandlung bricht die Kommunikationsbasis všllig zusammen: Der Mann versteht plštzlich mein Englisch nicht mehr und ich sein Arabisch sowieso nicht. Stattdessen packt er die Einzelteile seines Lamms zusammen und macht Anstalten, das Ganze wieder im KŸhlhaus zu verstauen.

 

GlŸcklicherweise haben wir ein ziemlich gerŠumiges Gefrierfach zu Hause. Wir sind jetzt im Besitz von gut 3 Kilo Lammfleisch, sauber zerlegt in Koteletts und RippenstŸcken, abzŸglich der abends verzehrten 6 Lammkoteletts.

 

Jetzt Ÿberlege ich mir natŸrlich, ob bei dieser Einkaufssituation bereits ein Notfall vorlag, der mich mit RŸcksicht auf meine aktuelle dienstliche Stellung als ãEhemannÒ berechtigt, den in meinem nagelneuen Dienstpass zugesagten Beistand einzufordern und ggf. welche Dienststelle, in- oder auslŠndischer Art, ich bei der zukŸnftigen BewŠltigung derartiger Dienstaufgaben unterstŸtzend mit einbinden kšnnte.

 

 

ãWelcome To EgyptÒ

 Taxifahren in Kairo ist immer wieder gut fŸr ein Erlebnis der besonderen Art, ein schier unerschšpflicher Quell fŸr allerlei Weisheiten und Einsichten.

 

Ich habe eine Verabredung beim Šgyptischen Museum. Dabei stellt sich mir zunŠchst einmal ein  ganz praktisches Problem: Wie sage ich es dem Taxifahrer? ã€gyptischÒ wŸrde ich ja auf arabisch vielleicht gerade so hinkriegen. Aber ãMuseumÒ? Wie um alles in der Welt sagt man Museum auf arabisch?

 

Ich beschlie§e, es mir einfach zu machen: ãMidan Tahrir?Ò frage ich den wartenden Fahrer und der ist einverstanden. Das Šgyptische Museum ist ganz in der NŠhe des Tahrir Platzes, denke ich mir, und zur Not kann ich den Taxifahrer von dort aus dorthin dirigieren. Trotzdem, ein Versuch ist es vielleicht wert: Ich lege also nach und frage vorsichtig: ãEgyptian museum?Ò ãMeschi, okay,Ò strahlt mich der Fahrer gutgelaunt an und ãWelcome in Egypt!Ò

 

Klar, der hŠlt mich jetzt natŸrlich fŸr einen Touristen, denke ich mi§gelaunt. Alle Touristen wollen zum €gyptischen Museum gefahren werden. Jetzt werde ich mindestens den doppelten Fahrtpreis bezahlen mŸssen, wenn ich keine Lust auf nervtštende Feilschereien habe. Andererseits zum Anhaltenlassen und Aussteigen gibt es keinen Anlass und immerhin scheint der Mann des Englischen mŠchtig zu sein. Diese Leute lassen sich ihre SprachkŸnste erfahrungsgemЧ hŠufig mit ein paar zusŠtzlichen Pfund bezahlen. So beginne ich mir die Situation schon mal schšn zu reden.

 

Au§erdem hat er sich sein Taxi doch besonders gemŸtlich eingerichtet, mit flauschigen Flokatideckchen auf dem Armaturenbrett, hŸbschen hier und dort blau und grŸn blinkenden NeonlŠmpchen und einer ganzen Batterie kleiner an der Windschutzscheibe angeklebter Panoramaspiegelchen, die mich das Verkehrsgeschehen in meinem RŸcken lŸckenlos verfolgen lassen. ãChild watch mirrorÒ lese ich unter jedem einzelnen dieser Spiegelchen. Der Sitz ist bequem, fest mit dem Unterboden verbunden, keine spitzigen, stšrenden Polsterfedern unter der SitzflŠche, keine Auspuffgase, die in den Fahrgastraum geleitet werden. Was will man mehr beim Taxifahren?

 

Welcher NationalitŠt ich denn sei, will er nach einer Weile wissen. Ich sage es ihm. Sein Gesicht hellt sich schlagartig auf. Er ist begeistert: Deutschland, das sei das Grš§te, die Nr. 1 in der Welt, stark und zielstrebig. ãWelcome in Egypt!Ò werde ich noch einmal doppelt herzlich und ŸberschwŠnglich willkommen gehei§en. Ich fŸhle mich, als wŸrde ich freundschaftlich an seine Brust gedrŸckt.

 

Nun sind mir derartige Reaktionen auf meine Staatsangehšrigkeit hier in €gypten nicht ganz fremd. Diesmal beschlie§e ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum denn Deutschland die Nr. 1 fŸr ihn sei, will ich von ihm wissen. Helmut Kohl fŠllt ihm dazu sofort ein. Der habe Deutschland gro§ und stark gemacht. Aha, denke ich, die Wiedervereinigung! Dank Helmut Kohl sei Deutschland wieder ein gro§es, reiches und einflussreiches Land geworden. Genau wie unter Hitler, fŠhrt er fort. ãBumm! Bumm! Bumm!Ò untermalt er dabei bruchlos seinen Hitlereinfall. Dabei lacht er lauthals und freudestrahlend. Ich gebe zu bedenken, dass dieser geisteskranke Grš§enwahnsinnige viel Leid Ÿber Deutschland und die Welt gebracht habe. Das leuchtet ihm sofort ein. Er imitiert einschlagende und explodierende Bomben, einen wahren Bombenteppich. Viele Menschenleben habe das gekostet. Und warum? Nur um noch mehr Všlker zu unterwerfen, um reicher und mŠchtiger zu werden. Und was habe das dem Hitler gebracht? Nichts! Er habe sein ganzes Land in Schutt und Asche gelegt und Millionen ins Elend gestŸrzt. Diese Politiker seien sowieso alle gleich. Ihnen gehe es nur um Macht und persšnliche Bereicherung. Genau wie jetzt im Libanon und vor Allem im Irak. Alles ist kaputt dort im Irak, sagt er, die vielen Toten ... die vielen armen Menschen, die Alles verloren hŠtten: Ihr Hab und Gut, das Heim, Familienangehšrige und schlimmer noch, viele auch ihre Kinder. Und Ÿberhaupt, die Kinder. FŸr die sei so ein Krieg doch am Schrecklichsten, meint er. Wie sollen sie spŠter ihr Leben meistern mit solchen EindrŸcken und Erfahrungen?

 

Unterdessen sind wir fast am Tahrir Platz angekommen. ãZischschsch!Ò macht es da plštzlich. Das Auto fŠngt an zu holpern. Der Fahrer bremst, wir schauen uns fragend an, steigen aus und sehen uns die Bescherung an. Einer der Hinterreifen ist geplatzt. ãMalesch, Malesch!Ò  Die Taxifahrt ist hier zu Ende.

 

Da ich keine Lust habe zu warten, bis der Reifen gewechselt ist, gebe ich meinem weisen Chauffeur die 5 Pfund, die ihm zustehen, und lege nochmal 3 Pfund obendrauf fŸr das ganze Elend dieser Welt. Den Rest des Weges bis zum €gyptischen Museum gehe ich nachdenklich zu Fu§.

 

 

ãSabbaH el nuurÒ

 Sie gehšren zu den allerersten arabischen Worten, die jeder an Land und Leuten interessierte €gyptenneuling in seinem Sprachkurs oder einfach nur auf den Stra§en Kairos, der Schule des  Šgyptischen Altagslebens, seinem Arabischwortschatz einverleibt: Die wunderbar vielfŠltigen und im wahrsten Sinne des Wortes orientalisch blumigen BegrŸ§ungsformeln, die hierzulande gebrŠuchlich sind.

 

ÒSabbaH«el cherÓ sagt man hier, wenn man jemandem einen ãGuten MorgenÒ wŸnschen will.  Das kann man wiederholen und alles ist in Ordnung. Will man aber noch eins draufsetzen, so beantwortet man das ãsabbaH el cherÒ mit einem ÒsabbaH«el nuurÓ und wŸnscht damit einen ãlichtvollen, hellen MorgenÒ.

 

Gute Freunde und Bekannte kann man mit einer Steigerung beglŸcken, indem man ein ÒsabbaH el wardÓ, einen rosigen Morgen wŸnscht. Wenn man die Rose durch den Duft einer JasminblŸte ersetzen mšchte, so wŸnscht man ÒsabbaH el yaseminÓ. ÒSabbaH el eshtarÓ, ein sahnig sŸ§er Morgen, ist eine weitere Variante in diesem Spiel, sich gegenseitig den Tagesbeginn zu versŸ§en. HonigsŸ§ kann diese BegrŸ§ung mit einem "SabbaH el full" entgegnet werden.

 

Das ist doch einfach nur wunderbar nett, nicht wahr?

 

So weit die rosige Theorie der hiesigen Sprachinstitute. Die raue Wirklichkeit des Alltagslebens sieht bisweilen anders aus:

 

Ich gehe jeden Morgen, wenn ich das Haus verlasse, ein StŸck des immer gleichen Weges. An einer bestimmten Stelle dieses Weges treffe ich dann an einer Stra§enecke auf einen eher kurz angebundenen etwas bŠrbei§ig wirkenden Šgyptischen Zeitgenossen von ausgesprochen hagerer Statur. Ich rufe ihm, weil er mich inzwischen kennt und durchaus auch um meine arabischen Sprachfertigkeiten unter Beweis zu stellen, immer ein freundliches ãSabbaH el cherÒ zu, das er –wahrscheinlich von irgendeiner entnervenden Nachtschicht všllig ŸbernŠchtigt- nur mit einem militŠrisch knappen, freudlos kurz und knurrig zwischen den ZŠhnen hervor gepresstem ÒcherÓ zu beantworten pflegt.

 

Dieses Ritual wiederholte sich bislang jeden Morgen in genau dieser Reihenfolge. Das kehlige kurz angebundene ãcherÒ war monatelang der erste Šgyptische Morgengru§, den ich zu hšren bekam, nachdem ich das Haus verlassen hatte.

 

Bis vor kurzem. Der Mann, ein schŠtzungsweise MittfŸnfziger, hat sich offenbar inzwischen das Kiffen angewšhnt. Lange NŠchte und langweilige Dienste haben ihn dazu womšglich animiert. Mir fiel es sofort am unverkennbaren Geruch seiner langsam und untypisch verbrennenden Zigaretten auf, die er neuerdings hin und wieder hingebungsvoll raucht. Sein Kraut jedenfalls bewirkt Wunder: Der Mann ist wie ausgewechselt. Auffallend locker, relaxt und leutselig wirkt er jetzt. Ein strahlendes LŠcheln erhellt mitunter sein Falten gefurchtes Gesicht.

 

Und ... seit Neuestem beglŸckt er mich morgens regelmЧig mit einem freundlich dahin gelŠchelten Òlichtvollen MorgenÓ.

 

 

WanderdŸnen unter«m Esstisch

 ãChamasiinÒ hei§en die SandstŸrme, die Kairo im FrŸhjahr mit mehr oder weniger heftiger IntensitŠt und HŠufigkeit heimsuchen. Diese StŸrme sind ein Naturschauspiel der eher quŠlenden Art:

 

Der Himmel verdŸstert sich und nimmt eine graue, leicht ockerfarbene Tšnung an. Dazu gibt«s heftige Sturmbšen, die unsere mexikanische HŠngematte auf der Dachterasse wie ein Bootssegel zum Knattern bringen. Die Skyline Kairos verschwindet hinter einer gelblichen Wand aus Sand und Staub. Das sieht aus wie Nebel. Ist aber keiner, sondern eben nur Sand und Staub. Und dieser Staub ist Ÿberall. Man kann ihn riechen und schmecken. Zwischen den ZŠhnen fŠngt es an zu knirschen, er dringt durch jede Ritze, in die Kleidung, Nase, Ohren, Haare, klebt auf der Haut und natŸrlich ist er auch in der Wohnung. Dabei ist es hei§, fast schon schwŸl. Es fŠllt aber kein Tropfen Regen vom Himmel. Und es wird auch keinen Regen geben, sondern nur Unmengen von Staub.

 

Staub scheint Ÿberall in den Stra§en das beherrschende Thema zu sein. Der GemŸsehŠndler an der Ecke lŠuft stŠndig mit einem gro§en Lappen in seinem Laden herum und verprŸgelt damit seine Obst- und GemŸseauslagen. Auf der Stra§e werden unablŠssig die Autos gewaschen und die BŸrgersteige mit Wasser benetzt. Hilft aber alles nichts. Alles nur purer Aktionismus. Staub ergreift Besitz vom Viertel, der ganzen Stadt.


Am liebsten wŸrde ich den ganzen Tag Ÿber unter der Dusche stehen, um dieser Invasion von Staub und Sand zu entgehen. NatŸrlich schlie§en Fenster und TŸren unserer Wohnung nicht hermetisch dicht ab. Ich vermute mal, dass dieses Problem fŸr die meisten Wohnungen hier in Kairo gilt. Binnen einer halben Stunde jedenfalls sind Fu§bšden und alle Mšbel mit einer feinen Staubschicht belegt.

 

Auf der Dachterasse haben sich winzig kleine ockerfarbene SanddŸnen gebildet. Unter dem Esstisch formiert sich eine lang gezogene Sandschliere. Das gro§e Sandmeer der Libyschen WŸste scheint von unserem Wohnzimmer Besitz ergriffen zu haben. Dagegen anputzen hilft wenig, weil das, solange der Sandsturm anhŠlt, gerade mal fŸr eine  halbe Stunde vorhŠlt. Am Besten helfen feuchte TŸcher vor den Fenstern und unter den TŸren. Die sind aber spŠtestens nach einer Stunde wieder staubtrocken.

 

Stunden Ÿber Stunden geht das jetzt so. Ich hasse SandstŸrme ... trotz meines Nachnamens. Und dann plštzlich, als hŠtte der Sturm einen Schalter zum Ein- und Ausschalten, ist der ganze Spuk vorbei. Der Himmel ist wieder strahlend blau, so als ob nie etwas gewesen wŠre.

 

Die Nachwehen des Sandsturms in der Wohnung sind dagegen keineswegs beseitigt. Selten habe ich mich so gefreut, wie am ãTag nach dem gro§en SandsturmÒ, unsere Perle Sayeda mit einem herzhaften ÒizzŠyikÓ -wie geht«s Dir- begrŸ§en zu kšnnen. Meist sagt sie dann immer Òkwaisa il hamdullilahÓ, was so viel bedeutet wie ãgut, so Gott willÒ. Heute fŸhlt sie sich eher ãnoss, nossÒ, also nur so lala, und vertraut mir umfŠnglich ihre Krankengeschichte an, von der ich kaum etwas verstehe. Ihrem Husten und ihren Fingerzeigen auf ihre mŠchtige Brust entnehme ich aber, dass sie«s wohl mit den Bronchien hat. Wen wundert«s? Dann beginnt sie unbeeindruckt WŠnde und Mšbel mit einem gro§en Staubtuch zu verprŸgeln. Ich mache mich deshalb im wahrsten Sinne des Wortes erstmal aus dem Staub und gehe frŸhstŸcken.

 

Erst am nŠchsten Tag begreife ich das vollstŠndige Ausma§ dieses ãChamasiinÒ. Freunde aus Deutschland berichten mir, dass es Nachrichtenmeldungen Ÿber diesen Sturm bis in die bundesdeutschen Medien geschafft hŠtten.

 

Die Schadensbilanz in Kairo sieht so aus: Ein Ÿber Stunden gesperrter Flughafen mit tausenden dort gestrandeten Reisenden, sowie zahlreiche VerkehrsunfŠlle wegen der schlechten Sicht. Im Nildelta auf dem Land gab es mehrere TodesfŠlle und Verletzte, weil der Sturm HŠuserbrŠnde entfacht hat. Dort werde noch mit offenen Feuerstellen gekocht und die Windbšen hŠtten die Glut in die mit Palmstroh gedeckten DŠcher  geweht, wo die Flammen dann schnell um sich gegriffen und ganze Stra§enzŸge in Schutt und Asche gelegt hŠtten, entnehme ich der hiesigen Tagespresse.

 

Was sind dagegen schon WanderdŸnen unter«m Esstisch?

 

 

Orientalische Haarschneidekunst

 Haare haben nun einmal die Angewohnheit zu wachsen. StŠndig und unaufhšrlich. Und das tun sie natŸrlich Ÿberall, egal, wo man sich gerade aufhŠlt. NatŸrlich auch in Kairo.

 

Ich habe deutsche Frauen sich darŸber unterhalten hšren, dass sie aus Misstrauen gegenŸber den hiesigen Coiffeuren sich eine Langhaarfrisur zugelegt hŠtten, die lediglich so alle 6 - 9 Monate einen Korrekturschnitt benštigen wŸrde, der dann eben in Deutschland bei einem Damenfriseur ihres Vertrauens problemlos durchgefŸhrt werden kšnnte. FŸr mich ist das natŸrlich keine ernsthafte Lšsung des Haarwuchsproblems. Denn, wie sieht das denn aus? Andererseits bin ich seit mich jugendliche Haarpracht fŸr immer verlassen hat, sehr viel risikofreudiger geworden, was die Wahl meines Friseurs anbetrifft. Es spricht also absolut nichts dagegen, einen hiesigen HaarkŸnstler aufzusuchen.

 

Davon gibt es in Kairo reichlich. Sicher ebenso viele wie in Deutschland. Die Gemeinsamkeiten nationaler Haarschneidekunst dŸrften damit allerdings bereits erschšpft sein. Denn das ãvolle ProgrammÒ, das ein Friseurbesuch in Kairo zu bieten hat, lŠsst das schlichte Haare schneiden zur reinen Nebensache werden und das, was deutsche Herrenfriseure so im Repertoire haben, als šde ServicewŸste erscheinen.

 

Das beginnt bereits bei der HaarwŠsche. Hier geht es nicht einfach nur um die Reinigung von Haupthaar und Kopfhaut. Das Shampoonieren ist vielmehr ein Vorgang, der in erster Linie der ausgiebigen Lockerung der Muskulatur der gesamten Kopf- und Nackenpartie zu dienen scheint. Eine ausgedehnte Kopfmassage also, die sich hingebungsvoll auch auf Stirn und Nacken erstreckt und je nach Tagesverfassung des Meisters auch schon mal so an die 5 Minuten dauern kann. Es fŠllt mir bei dieser Art der Behandlung immer schwer mich zu beherrschen und nicht plštzlich katzenartige Schnurrlaute von mir zu geben.

 

Was dann folgt ist in AusfŸhrung und leider manchmal auch vom Šsthetischen Ergebnis her eher unspektakulŠr: Das Haare schneiden. Es wird ausschlie§lich mit Kamm und Schere gearbeitet. Das in Deutschland zunehmend verbreitete Schneiden mit der Haarschneidemaschine, das zumindest mich immer stark an«s Schafe scheren erinnert, scheint hierzulande eher verpšnt zu sein. Die Maschine kommt hier vergleichsweise selten zum Einsatz, au§er man verlangt es ausdrŸcklich. Wenn Ÿberhaupt kommt sie erst ganz zum Schluss zum Einsatz, um dem Gesamtkunstwerk des HaarkŸnstlers noch den letzten Schliff zu geben, an Nacken und Koteletten vielleicht oder um dem einen oder anderen noch widerspenstigem Haar endgŸltig den Garaus zu machen.

 

Bei einem meiner ersten Besuche bei einem hiesigen Herrenfriseur  verblŸffte mich der Meister nach getaner Schneidearbeit damit, dass er begann eine ganze Batterie von FlŠschchen, Tuben, Tiegeln und Tšpfen vor mir aufzubauen, gefŸllt mit allerlei Tinkturen, Cremes und sonstigen FlŸssigkeiten rund um die Welt der Haarpflege. ãAhaÒ, dachte ich, ãder Mann will jetzt von mir  wahrscheinlich wissen, was er mir zum Abschluss noch auf«s frisch geschnittene Haupthaar tun sollÒ. Meine Entscheidung war von Anfang an klar: am Besten gar nichts.

 

Trotzdem, um wenigstens meinen guten Willen zu zeigen, nahm ich die dargebotenen  Mittelchen ausfŸhrlicher in Augenschein. Viel Importware aus Deutschland und Frankreich stellte ich fest. Die meisten dieser BehŠltnisse waren nur noch zur HŠlfte oder einem Viertel gefŸllt, was offenbar auf einen regen Gebrauch auf den hiesigen MŠnnerkšpfen schlie§en lie§. Andere waren noch fast vollstŠndig gefŸllt, dafŸr aber von einer leichten Patina aus grauschwarzen Staub Ÿberzogen und offenbar nicht so beliebt. Kurz, es handelte sich um allerlei Haarmittel, die samt und sonders mehr oder weniger lange bereits in Benutzung waren. Den Friseur freute mein Interesse sichtlich. Ich kšnne alles kaufen zum SchnŠppchenpreis gewisserma§en, Ÿberraschte er mich in vollem Ernst. Er wŸrde mir einen besonders guten Preis dafŸr machen .... ãKein Problem – mish mushkelaÒ, meinte er, als ich dankend ablehnte. Und in Nullkommanichts waren all die wunderbaren Mittelchen und Tinkturen wieder abgerŠumt.

 

NatŸrlich gehšren derartige SkurrilitŠten nicht zum Standardprogramm eines Friseurbesuchs hierzulande. Wer nun aber meint, dass mit dem Haarschnitt die Arbeit getan ist und man entlassen ist, irrt gewaltig. Als nŠchstes folgt eine erneute HaarwŠsche mit allerdings weniger ausfŸhrlicher Kopfmassage. Und danach geht es beim ãvollen ProgrammÒ erst richtig zur Sache.

 

ãDas volle ProgrammÒ sieht nun eine ausfŸhrliche Gesichtsbehandlung vor. Sie beginnt mit einer Enthaarungsprozedur, bei der all die HŠrchen entfernt werden, die bei der Rasur leicht Ÿbersehen werden, weil sie sich auf untypischem Terrain angesiedelt haben. Dies geht mittels eines etwa ellbogenlangen Zwirnsfadens, den der Meister mit den Fingern geschickt und schnell zwirbelt und damit Ÿber die zu enthaarenden Gesichtspartien fŠhrt. Der zwirbelnde Zwirn erfasst jedes einzelne zu entfernende Haar und rei§t es schlichtweg aus. Dabei macht der Meister schnelle ruckartige Kopfbewegungen, die irgendwie an das Picken eines Huhnes erinnern. Das Ganze ist weniger schmerzhaft, als es sich anhšren mag. Schmerzhaft allerdings wird Einem bewusst, dass der Haarwuchs nicht mehr ausschlie§lich dort stattfindet, wo er eigentlich hingehšrt, nŠmlich auf dem Kopf, sondern auch an allen mšglichen und unmšglichen anderen Stellen. Dem zwirbelnden Zwirn folgt mitunter eine Behandlung, die ganz sicher nichts fŸr schreckhafte Geister ist und die ich fŸr mich als das ãOhren AbflŠmmenÒ bezeichnet habe. NatŸrlich bleiben sie dran die Ohren und selbstverstŠndlich auch všllig unversehrt. Aber es irritiert schon ein wenig, wenn der Meister des Zwirnsfadens, den man schon kaum noch schlicht als Friseur bezeichnen mag, plštzlich eine Art Feuerzeug zŸckt, die Flamme kurz ans Ohr fŸhrt, um es anschlie§end mit den Fingern abzureiben. Es geht um das Entfernen feinster Flaumhaare auf den Ohrmuscheln, denn glatte Haut am ganzen Kšrper und vor allem an den sichtbaren Partien entspricht nun mal arabischem Schšnheitsideal.

 

Danach mag es zum Einsatz eines GerŠtes kommen, das zumindest ich noch niemals zuvor in meinem Leben gesehen hatte, und dessen Bestimmung ich mir bei aller Phantasie nicht so recht erklŠren konnte. Es handelt sich um einen wei§en viereckigen Kasten auf einem Metallgestell, das auf RŠdern daherkommt und direkt vor mich gerollt wird. Aus dem Kasten ragen wie die FŸhler eines Insektes zwei abgewinkelte Rohre heraus, an deren Ende etwas wie ein flaches KŠstchen mit perforierter OberflŠche befestigt ist, das irgendwie aussieht, wie die Sprecheinrichtung einer TŸrsprechanlage. Als dann noch eines der beiden Rohr-Enden dicht vor meinem Gesicht platziert wird, fŸhle ich mich augenblicklich an die FŸttermaschine in Chaplins ãModerne ZeitenÒ erinnert.

 

Einmal in Betrieb genommen, ist das Geheimnis dieser Maschinerie dann allerdings schnell gelŸftet: Es handelt sich um eine Dampfmaschine und aus dem flachen KŠstchen blŠst mir nach kurzer Zeit warmer Wasserdampf in«s Gesicht, was sich als durchaus angenehm erweist und als Vorbereitung fŸr eine Tiefenreinigung der Gesichtshaut mit integrierter Gesichtsmassage dient. Peelingcremes kommen nun zum Einsatz und zum Abschluss abwechselnd hei§e und kalte TŸcher. Diese Prozedur beschert zwar kein wie auch immer verŠndertes Gesicht, hinterlŠsst aber ein sehr angenehm entspanntes GefŸhl auf der Gesichtshaut.

 

Bei meinem ersten Besuch in einem kairener Friseursalon habe ich nicht schlecht gestaunt, als mein Friseur  nach Abschluss dieser Behandlungen mit einem GerŠt aufwartete, das exakt wie ein BŸgeleisen aussieht. Kopfmassage, Gesichtsenthaarung mittels zwirbelnden Zwirns, AbflŠmmen der Ohren, Gesichtspeeling und die damit verbundenen GefŸhlslagen hatten mein Vertrauen in die hiesige Friseurkunst inzwischen allerdings bereits in«s Grenzenlose anwachsen lassen. Bedenkenlos war ich bereit, mich auch noch dem BŸgeleisen anzuvertrauen.

 

NatŸrlich habe ich es nicht bereut: Das BŸgeleisen entpuppte sich als eine Massagemaschine mit vibrierender Metallplatte, mit der RŸcken, Arme, Brust und Beine krŠftig und auf durchaus angenehme Weise massiert werden. Die Behandlung mit dem ãBŸgeleisenÒ bildet traditionell den Abschluss des ãvollen ProgrammsÒ eines hiesigen Friseurbesuchs, zumindest  nach meinen bisherigen Erfahrungen.

 

Etwa eineinhalb bis zwei Stunden kann das ãvolle FriseurprogrammÒ hierzulande schon einmal in Anspruch nehmen. Entspannter und beschwingter als nach einem Friseurbesuch in Kairo habe ich jedenfalls bislang noch nie einen Friseursalon verlassen.

 

 

Zu Gast in Kairos Unterwelt

 ãHatschepsutÒ und ãNofreteteÒ nannten die Kairener die beiden gigantischen Bohrmaschinen, die sich Mitte der Neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts einen halben Kilometer lang unter dem Nil hindurch durch den Nilschlamm fra§en, um das šstliche mit dem westlichen Nilufer auch unterirdisch zu verbinden. Bei dieser Namensgebung stand wohl der Gedanke Pate, dass wer bereits in der Antike vor rund 4.500 Jahren erfolgreich damit begonnen hat, mehr als 110 Pyramiden mit zum Teil gigantischen Ausma§en lŠngs des Nils aus dem WŸstensandboden zu stampfen, auch dieses Projekt mit Leichtigkeit stemmt.

 

Die Rede ist von Kairos U-Bahnsystem, das hier ebenso stolz wie selbstbewusst Metro genannt wird, ganz so, wie die gleichnamige wesentlich Šltere Schwester in Paris. Diese Namensgebung wiederum ist vermutlich auf den Umstand zurŸckzufŸhren, dass Kairos U-Bahn in der Planungsphase der siebziger Jahre seine Existenz einem Joint Venture zwischen Šgyptischen und franzšsischen Beratergremien verdankt. TatsŠchlich Šhnelt sich bis heute das Fahrkartensystem beider U-Bahnen: Man kauft eine mit einem Magnetstreifen versehene Fahrkarte und muss diese durch einen Automaten hindurch ziehen, der dann die Sperren der Ein- und AusgŠnge von und zu den Bahnsteigen frei gibt.

 

Ansonsten hat die Metro Kairos mit der in Paris wenig gemeinsam: 16 Linien mit einer GesamtstreckenlŠnge von rund 212 km, die insgesamt 436 Stationen in Paris miteinander verbinden, stehen die 2 U-Bahnlinien Kairos mit einer GesamtlŠnge von nur 66 km gegenŸber. 55 vergleichsweise weit auseinander liegende Stationen lassen sich mit Kairos Metro anfahren. FŸr den Touristen, der ebenso wie in Paris die stŠdtischen SehenswŸrdigkeiten ausschlie§lich mit der Metro erreichen will, erweist sich Kairos U-Bahn als eher ungeeignet. Lediglich das Šgyptische Museum, Down Town, die Oper auf Zamalek, der Hauptbahnhof Ramsis Station und das koptische Viertel mit der Station Mar Girgis sind gut an das U-Bahnnetz angebunden. Aber das ist eher ein Zufall. Denn fŸr den Touristen ist dieses U-Bahnnetz nicht geschaffen worden. Es ging und geht um die Entlastung der oberirdischen Verkehrswege und darum, dem alltŠglichen Verkehrsinfarkt und den damit verbundenen stundenlangen Staus etwas entgegen zu setzen. Vielleicht ging es auch darum, etwas gegen den allgegenwŠrtigen Smog zu tun, an dem die hierzulande všllig ungefilterten Autoabgase ebenfalls einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Um diesen Zielen wirksam gerecht zu werden, ist die Metro in ihrer heutigen Form aber eher so etwas wie der berŸhmte Tropfen auf dem hei§en Stein.

 

Aber immerhin: TŠglich mehr als 2,6 Millionen FahrgŠste befšrdert Kairos U-Bahn wŠhrend ihrer Betriebszeiten zwischen 5 und 24 Uhr tŠglich. Die Šltere der beiden Linien, die 1987 eršffnete Linie 1, verbindet das am nšrdlichen Stadtrand gelegene New El Marg Ÿber 44 km hinweg mit dem weit im SŸden gelegenen Industrievorort Helwan. Die 10 Jahre spŠter eršffnete Linie 2 sorgt fŸr die Anbindung der im Streckennetz 22 km voneinander entfernten Stadtteile Shubra im Norden und El Mouneeb westlich des Nils im SŸden der Stadt. Hatschepsut und Nofretete schlie§lich ermšglichten die Nilunterquerung etwa in Hšhe des Midan Al Tahrir Ÿber die SŸdspitze Zamaleks hinweg nach Dokki und sorgten damit fŸr eine Anbindung des Netzes an die westliche Nilseite bis nach El Mouneeb.

 

Der Eintritt in Kairos Unterwelt kostet die vergleichsweise bescheidene Summe von 1 LE und berechtigt zur Nutzung des gesamten Netzes mit einer Umsteigemšglichkeit. Bis zu vier Waggons sind ausschlie§lich Frauen vorbehalten. Diese Waggons sind inzwischen mit gut sichtbaren Aufklebern oberhalb der WaggontŸren kenntlich gemacht, damit kein mŠnnlicher Zeitgenosse sich mehr unbeabsichtigt dorthin verirren kann.

 

Kairos U-Bahn ist aber auch fŸr echte Superlative gut: Mit seiner Metro besitzt Kairo das bislang einzige voll ausgebaute U-Bahnnetz Afrikas. Und auch die Nildurchtunnelung ist bislang auf dem afrikanischen Kontinent beispiellos geblieben. Zu Recht kšnnen die Kairener also stolz auf ihre U-Bahn sein. Und sie sind es auch. Vielleicht ist gerade das der Grund dafŸr, dass die meisten offiziellen StreckenplŠne eine dritte Linie ausweisen, die einen in westšstlicher Richtung verlaufenden Streckenabschnitt beschreibt, den es bislang noch gar nicht gibt. Geplant ist diese Linie 3 bereits seit 1973. Andere PrioritŠtensetzungen und Geldmangel haben den Ausbau bislang allerdings verzšgert.

 

Inzwischen gibt es sehr viel weiter reichende PlŠne: Sie sehen eine Anbindung des internationalen Flughafens in Heliopolis und einen Ausbau des Streckennetzes in Mohandesin vor, das bislang nur durch zwei weit auseinander liegende Stationen Ÿber Zamalek und Dokki zu erreichen ist. Ein Neubau von drei weiteren Linien, der Linien 4, 5 und 6, nach Nasr City und Maadi ist ebenfalls in Planung. Bis dahin dŸrfte allerdings noch viel Wasser den Nil hinunter flie§en: Der Planungshorizont fŸr die Realisierung dieser Bauvorhaben reicht immerhin bis 2022.

 

Wie dem auch sei, fŸr den verkehrsgeplagten Kairo Neuling mag eine Fahrt mit der U-Bahn auch jetzt schon eine wahre Offenbarung sein: Steigt man die Treppen der mit dem Metro Logo gut sichtbar ausgestatteten U-Bahnstationen hinunter, umfŠngt einen bald eine vergleichsweise ungewohnte Stille. Kein VerkehrslŠrm, kein Hupen, keine ršhrenden Motoren und auch die allgegenwŠrtigen Abgasschwaden verlieren sich zunehmend in den GŠngen der unterirdischen Stationen. Nicht dass es absolut still wŠre in der Kairoer Unterwelt. Aber die GerŠuschkulisse unter Tage ist durch ein vielfaches abgemildert und ertrŠglicher als in der quirligen Oberwelt. Wie in einer U-Bahn Station eben.

 

Anders als Ÿber Tage, wo sich der MŸll bisweilen auf Stra§en und Gehwegen hŠuft, prŠsentieren sich die U-Bahnstationen Kairos wie geleckt in absoluter Sauberkeit. Kein Abfall liegt in den GŠngen und Bahnsteigen, keine Graffities verunzieren die gefliesten WŠnde, auf denen sich altŠgyptische Motive wie z. B. schon mal auch eine stilisierte Kleopatra prŠsentieren. Eigens hierfŸr abgestelltes Servicepersonal  und eine Stationsaufsicht sorgen dafŸr, dass diese Sauberkeit von Dauer ist

 

NatŸrlich kennt auch Kairos U-Bahn ihre rush hour. Die GŠnge und Bahnsteige sind dann voll von Menschen. Es wird gedrŠngelt und geeilt. An den WaggontŸren wird unter Einsatz von Ellbogen geschubst und gesto§en. Aber rush hour in der U-Bahn ist eben nicht gleich bedeutend mit dem dann einsetzenden Verkehrsinfarkt Ÿber Tage, dem absolutem Stillstand jeglicher Fortbewegung unter gleichzeitigem Hupen und Schwaden von Abgasen. Die ZŸge fahren in Spitzenzeiten im 210 Sekunden Takt. Selbst ein 150 Sekunden Takt wŠre mšglich, wenn denn in ausreichendem Ma§e ZŸge zur VerfŸgung stŸnden. Die Zeit fŸr das Erreichen eines Ziels wird aber auch ohne 150 Sekunden Takt im Gegensatz zum Verkehrsgeschehen Ÿber Tage kalkulierbarer.

 

Ich fahre mit der Linie 1 von der Sadat Station am Tahrir Platz nach Helwan. Nur so zum Spa§, um U-Bahn Feeling in Kairo hautnah zu erleben. Eher untypisch fŸr eine U-Bahn beziehen die ZŸge der Linie 1 ihren Strombedarf aus einer Oberleitung. €hnlich einer S-Bahn sind die Sitzreihen hier quer zur Fahrtrichtung aufgestellt. Die Linie 2 wirkt da schon eher wie eine gewohnte U-Bahn mit Stromzufuhr per Stromschiene und lŠngs der Fahrtrichtung aufgestellten Sitzreihen.

 

Aber ob U-Bahn oder Vorortzug: Die quirlige Oberwelt spiegelt sich hier in Kairos Unterwelt wie in einem Mikrokosmos wieder. Da gibt es den Angestellten mit Aktenkoffer im nadelgestreiften Anzug, die geplagte Hausfrau und Mutter mit Einkauf auf dem Kopf und quengelnden Kindern an der Hand, den vollbŠrtigen, frommen Muslim mit Stirnfleck, in traditioneller Galabeia gekleidet, der halblaut aus seinem Koran rezitiert, den Kopten, der gedankenverloren seine Holzperlenkette mit chtistlichem Kreuz durch die Finger gleiten lЧt, die Studentinnen und Studenten mit ihrem BŸcherpaketen unter dem Arm, die der Station Helwan University entgegenstreben, die Malocher, die auf der Fahrt nach Hause bereits im Stehen zu schlafen scheinen, junge MŠnner, die es nicht mŸde werden, sich die neuesten Klingeltšne ihrer neu erworbenen Handys vorzuspielen, junge Frauen, die trotz hiesiger Kleidungskonventionen es auf 1001 Art schaffen, ungemein sexy daher zu kommen. Und wie bei den 1001 Farbnuancen eines Regenbogens gibt es in der Unterwelt Kairos genauso wie Ÿber Tage alle Facetten, die dazwischen liegen.

 

Ein Bettler betritt den Waggon. Eine wei§e Binde Ÿber dem linken Auge, der Kopf ist mit schmutzigen VerbŠnden verunstaltet. Er trŠgt eine schmuddelige Galabeya. Ein Bettler, wie aus dem Bilderbuch. Eine der fŸnf SŠulen des muslimischen Glaubenbekentnisses besteht in der Verpflichtung, den Armen Almosen zu geben. Ein letztlich auch uns EuropŠern gelŠufiger sozialer Gedanke, der schlicht darin besteht, dass Eigentum nun mal zu sozialer Mitverantwortung verpflichtet.

 

FŸr die €rmsten der Armen ist der Spottpreis von 1 LE fŸr den Eintritt in die Unterwelt Kairos oft eine wohl kalkulierte Investition. ãEnta kwaiesÒ – ãDu bist gutÒ appelliert der versehrte Bettler an die Gutherzigkeit seiner wohlhabenderen Mitmenschen im Abteil. Diesmal geben sie nichts. Offenbar ist die Aufmachung unseres Mitfahrgastes zu offensichtlich. An der nŠchsten Haltestelle verlŠsst er das Abteil und steigt in das nŠchste ein, um sein GlŸck dort zu versuchen.

 

Betteln scheint hierzulande weitgehend verpšnt. Immer mal wieder kann man Aufrufe lesen, die dazu auffordern, Bettlern keine Almosen zu geben, weil dies unislamisch sei. Wegen funktionierender staatlicher Sozialsysteme sei das Betteln letztlich reine Abzocke, wird argumentiert. Wie auch immer geartete Dienstleistungen anzubieten, ist deshalb eine andere Methode, die U-Bahnfahrt zum Gelderwerb zu nutzen.

 

An der nŠchsten Haltestelle steigt eine alte Frau zu. Sie bietet PŠckchen mit PapiertaschentŸchern an. Man kann sie fŸr etwa 50 Piaster in jedem Supermarkt kaufen. Hier in Kairos Unterwelt kosten sie ebenso wie Ÿber Tage 1 LE. Immerhin eine Gewinnmarge von 100%, fŸr den sich die Investition fŸr eine Fahrkarte durchaus lohnen mag. Die PapiertaschentŸcher finden denn auch schnell ihre Abnehmer. Und oft genug beobachte ich, dass nur der Geldschein seinen Besitzer wechselt. Das muslimische Sozialsystem funktioniert also. So oder so.

 

Vor einer anderen Methode des Gelderwerbs in Kairos Unterwelt wird in ReisefŸhrern immer wieder gern gewarnt: Dem Taschendiebstahl. Und in der Tat, die drangvolle Enge, die zu Sto§zeiten in den Waggons herrscht, muss auf Taschendiebe anziehend wie ein El Dorado wirken. Denkt man. TatsŠchlich ist die KriminalitŠtsrate fŸr eine Stadt der Grš§enordnung Kairos aber eher gering. Die Chance, Opfer eines Taschendiebs in Kairos Metro zu werden, ist sicherlich nicht grš§er als in Paris, Berlin, New York oder sonstwo auf der Welt. Wahrscheinlich sogar eher geringer.

 

Wer einmal einen Taschendiebstahl am eigenen Leibe miterlebt hat, und ich kann da aus eigener leidvoller Erfahrung –wenn auch nicht gerade in der U-Bahn- durchaus mitreden, wird schnell begreifen, dass diese Leute ihr Handwerk geradezu meisterhaft verstehen. Sie benštigen Menschenansammlungen, wie die in den U-Bahnwaggons wŠhrend der rush hour, nicht um erfolgreich ihrer Arbeit nachgehen zu kšnnen. Ein kurzes heftiges Anrempeln verbunden mit einem schnellen geŸbten Griff nach der Geldbšrse, ein wirkungsvolles Ablenkungsmanšver eines zweiten Mannes und schon ist es passiert, ohne dass man Ÿberhaupt bemerkt hŠtte, dass man gerade Opfer eines eingespielten Teams von Taschendieben geworden ist. Effizienten Schutz vor derartigen Misslichkeiten des Lebens gibt es wohl nicht, au§er man lŠsst die wirklich wertvollen Dinge eben zu Hause.

 

Auf ihrem Weg nach Helwan verlŠsst die Linie 1 schon zwei Stationen nach Sadat Station bei der Station El Malik Al Saleh die unterirdische StreckenfŸhrung und setzt ihre Fahrt Ÿber Tage fort. Die U-Bahn mutiert hier wieder zum Vorortzug, aus dem sie letztlich auch entstanden ist.  Lediglich die StreckenfŸhrung im Innenstadtbereich zwischen den Stationen Mubarak im Norden und Sayeda Zeinab in sŸdlicher Richtung verlŠuft unterirdisch. Dieses im September 1987 eršffnete TeilstŸck im Herzen Kairos verband die bis dahin existierenden Zugverbindungen nach El Marq im Norden und der immerhin in entgegegesetzter Richtung seit 1877 bestehenden Eisenbahnverbindung nach Helwan. Es machte aus den VorortzŸgen die heutige U-Bahnlinie 1.

 

Meine kleine Reise nach Helwan wird so zu einer wenn auch eher unspektakulŠren Sight Seeing Tour. HŠuserzeilen reihen sich an HŠuserzeilen, Blicke auf Hinterhšfe, Kaffeestuben  und kleine GemŸsemŠrkte eršffnen sich. Irgendwann rei§t die Bebauung ab, WŸstenlandschaft mit Industriestandorten ziehen vorbei. Die Studentinnen und Studenten verlassen den Zug an der Station Helwan University. Dann ist der Kopfbahnhof von Helwan erreicht. Endstation. Die ZŸge verschnaufen hier eine Weile, bevor sie die RŸckfahrt nach El Marq antreten.

 

Das Ende der Linie 1 mŸndet auf einem dieser bunten, quirligen MŠrkte €gyptens, in denen fŸr fast Alles gesorgt ist, was der Mensch so im Alltag benštigt: Obst und GemŸse, Prepaid Karten fŸr das Handy, GewŸrze, Fleischwaren, BŸcher und Zeitschriften, preiswerte Schuhe, Kleidung und vieles mehr. Und es gibt etwas zu bestaunen, von dem ich dachte, dass es lŠngst der Vergangenheit angehšrt: Eine Frau verkauft nichts anderes als flŸchtigen Rauch: Weihrauch. Ihre Dienstleistung besteht im Schwenken eines qualmenden WeihrauchgefЧes Ÿber z. B. einem Verkaufsstand mit dekorativ, pyramidenfšrmig aufgestapelten Orangen. Als Entgelt wechselt ein kleiner Piasterschein den Besitzer.

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