Neu in Kairo - 15 "Šgyptische Miniaturen"
von Bernd Sandmann
Das gro§e
Staunen beginnt bereits beim Anflug auf Kairo, denn der ist besonders abends
bei Dunkelheit einfach ŸberwŠltigend: Ein Lichtermeer bis zum Horizont, so weit
das Auge reicht. Ich beginne zu ahnen, wie riesig diese Stadt ist. 18 Millionen
Einwohner hat Kairo inzwischen oder sind es bereits 25 Millionen? Niemand wei§
das so genau, weil niemand sich bisher die MŸhe gemacht hat, Kairos BŸrger
einer VolkszŠhlung zu unterziehen. Alle Zahlenangaben beruhen auf SchŠtzungen.
Und unaufhaltsam, Tag fŸr Tag wŠchst diese Stadt weiter.
Kairo, das ist
die Dimension von Indiens Mumbay und Karachi, von SŸdamerikas Sao Paulo oder
Mexico City. Die gro§en europŠischen Neonlicht-Metropolen London, Paris oder
Berlin wirken dagegen eher beschaulich. New York City mit seinen gerade mal 8
Millionen Einwohnern ist angesichts dieser Zahlen fast eine Kleinstadt. FŸr
einen, der wie ich aus einer deutschen Stadt mit gerade mal etwas mehr als
500.000 Einwohnern kommt, sind diese Grš§enordnungen ohnehin nur abstraktes
Zahlenwerk. Erst hier im Flugzeug, mit diesem Ausblick ein paar hundert Meter
Ÿber den DŠchern Kairos, werden diese Zahlen halbwegs fassbar und begreifbar.
Kurz bevor die
Maschine auf dem Boden aufsetzt, erscheint rechter Hand die erste Moschee mit ihrem mit grŸnem
Neonlicht illuminierten Minarett. Ich fŸhle mich unvermittelt an meine erste
Reise nach Kairo vor 18 Jahren erinnert: Derselbe Anflug zur selben Tageszeit,
dasselbe Minarett und dasselbe staunende ãDas also ist KairoÒ!
Wahid I.
Meine spŠrlichen
in Deutschland absolvierten Arabischstudien haben zumindest so viel gebracht, als
ich nun zu wissen glaube, dass Wahid das arabische Wort fŸr die Zahl ãEinsÒ
ist. Diese nur rudimentŠren Sprachkenntnisse verunsichern mich jetzt doch
etwas. Wer hŠtte je davon gehšrt, dass man seine Kinder einfach der Reihe nach
durchnummeriert: ãDas ist unser Sohn Eins, wir rufen ihn Einie.Ò Habe ich da
womšglich etwas verwechselt?
Wahid hatte
inzwischen geschlagene 1 1/2 Stunden mit seinem kleinen roten Kombi am
Flughafen auf uns warten mŸssen, weil die EinreiseformalitŠten doch lŠnger als
erwartet gedauert hatten. Jetzt war er ebenso wie wir sichtlich erleichtert,
uns endlich in Empfang nehmen zu kšnnen. Also begrŸ§e ich ihn erst einmal mit
einem herzlichen ãHallo Wahid, nice to meet you! So you are the number one for
us tonight.Ò Er begreift die zugegebenerma§en etwas seltsame Ansprache als ein
Kompliment fŸr seine ZuverlŠssigkeit und sein geduldiges Warten und wehrt
bescheiden ab, ãNo, no, not the number one.Ò
Was dann folgt,
ist typisch fŸr €gypten und mir von meinem letzten Aufenthalt her noch in
lebhafter Erinnerung. Wahids roter Kombi entpuppt sich als so klein, dass man
zu Hause in Deutschland gerade mal 2 normal gro§e Koffer in den Kofferraum
quetschen wŸrde, falls dieses Fahrzeug Ÿberhaupt noch fŸr den Stra§enverkehr
zugelassen wŠre. Stattdessen warten hier 4 všllig Ÿberdimensionierte schwere
GepŠckstŸcke, ein Gitarrenkoffer und diverse euphemistisch als HandgepŠck
bezeichnete GegenstŠnde, nebst zwei deutschen Einreisenden auf ihre
Befšrderung. Das Alles ist natŸrlich ãNo Problem!Ò Und es ist auch kein
Problem. In Nullkommanichts finden sich drei Helfer, die das GepŠck sachkundig
im Kofferraum und auf dem Dach verstauen. Ein irgendwie aus dem Nichts
hervorgezaubertes Tau sorgt fŸr den nštigen Halt des GepŠcks auf dem
DachgepŠcktrŠger ... Na hoffentlich hŠlt«s, denke ich ...
DafŸr gibt«s
dann 2 LE fŸr jeden, auch fŸr den Polizisten, der eigentlich nur so zugesehen
hat, sich aber als es um«s Geldverteilen geht, sofort einmischt. Alle sind
zufrieden und ab geht die Fahrt Richtung Mohandessin, wo unsere Wohnung liegt.
Auf der Fahrt
erfahren wir, dass Wahid koptischer Christ ist und die Kopten gerade 5
Feiertage hintereinander zu feiern gehabt hŠtten, die Muslime sogar 10. Das sei
der Grund, warum es in Kairo gerade so ruhig sei. Heute sei der letzte
Feiertag. Morgen beginne fŸr alle das Berufsleben wieder.
Ich bemerke
offen gesagt nichts von dieser Ruhe und finde die Stadt um diese spŠte
Abendstunde reichlich wuselig, laut und geschŠftig. NatŸrlich kann ich es mir
nicht verkneifen, Wahid danach zu fragen, was es denn nun mit seinem Vornamen
auf sich hat. Die Antwort beruhigt mich. Meine heimischen Arabischstudien waren
offenbar doch nicht všllig nutzlos: Wahid ist tatsŠchlich der erstgeborene Sohn
seiner Familie und es ist offenbar durchaus Ÿblich, dem Erstgeborenen auch
einen solchen Namen zu geben, nŠmlich Wahid, ãEins.Ò
Am Ziel
angekommen, beginnt das gleiche Spiel, wie am Flughafen. NatŸrlich mŸssen wir
unser GepŠck nicht selbst bis zum 16. Stock hochschleppen. ãNo Problem!Ò Vier
dienstbare Geister nehmen sich umsichtig unserer zahlreichen GepŠckstŸcke an.
Und dann folgt etwas, das wir auf allen unseren Reisen bislang niemals getan
haben und au§er in €gypten wohl auch niemals tun wŸrden: Wir schnappen uns
lediglich ein paar leichtere StŸcke des HandgepŠcks, Ÿberantworten die
restlichen Koffer den fŸr mich immerhin wildfremden dienstbaren Geistern und
begeben uns schon mal per Fahrstuhl in unsere Wohnung. NatŸrlich findet sich
wenige Minuten spŠter das gesamte GepŠck vollzŠhlig im Hausflur wieder. DafŸr
gibt«s dann 3 LE und die dienstbaren Geister ziehen zufrieden wieder ab.
Im Moloch Kairo
Was auf der
einen Seite eine nervtštende LŠrmbelŠstigung darstellt, scheint auf der anderen
Seite eine Notwendigkeit, die hier dafŸr sorgt, dass der Verkehr irgendwie im Fluss
bleibt und es offenbar nur wenig UnfŠlle im stŠdtischen VerkehrsgewŸhl gibt.
Verkehrsregeln
gibt es nicht wirklich. Zwar finden sich hin und wieder Verkehrsampeln,
Zebrastreifen, Markierungen, die die Fahrbahn in Spuren unterteilen, ja sogar
Verkehrsschilder, die vorgeben in diesem Chaos irgend etwas regeln zu wollen.
Verkehrspolizisten sorgen an gro§en Stra§enkreuzungen dafŸr, dass der
Autoverkehr sich dort nicht unentwirrbar verknŠult. Im Grunde aber wird all
dieses spŠrliche Regelwerk augenscheinlich nach einem schwer nachvollziehbaren
System aus GutdŸnken und ZweckmЧigkeitserwŠgungen beachtet bzw. grš§tenteils
missachtet. FŸr jeden Verkehrsteilnehmer kommt es hauptsŠchlich darauf an,
irgendwie vorwŠrts zu kommen. Tut sich eine kleine LŸcke im VerkehrsgewŸhl auf,
so wird sie sofort genutzt. Und damit nicht noch ein anderer Autofahrer
womšglich auf dieselbe Idee kommt, wird halt gehupt.
BŸrgersteige
gibt es auch, aber die taugen nicht als Plattform fŸr die Fortbewegung als
Fu§gŠnger. Denn immer hšren sie irgendwo auf. Sei es, weil sie auf eine
Einfahrt mŸnden, in der gerade ein Auto parkt oder sei es, weil ein
Hausbesitzer meinte, seinen Teil des BŸrgersteigs mit einer kleinen Mauer und
ein paar GrŸnpflanzen einfrieden zu mŸssen. Also geht man am Stra§enrand. Und
dabei wird man von jedem Autofahrer erstmal angehupt, damit man nicht etwa auf
die Idee kommt plštzlich einen Haken zu schlagen und vor«s Auto zu laufen. All
diese Verkehrsgepflogenheiten fŸhren dann zu dem nie endenden lŠrmigen
Hupkonzert, das Kairo zumindest akustisch prŠgt.
FŸnf mal am Tag
-abends zu Sonnenuntergang, etwa 2 Stunden spŠter nach Sonnenuntergang, in der
Morgenršte bei Sonnenaufgang, mittags, wenn die Sonne ihren Zenit erreicht hat,
und schlie§lich nachmittags um etwa 15 Uhr- mischen sich in diese
GerŠuschkulisse die Gebetsrufe sŠmtlicher Muezzine Kairos gleichzeitig. Als
Gesang identifizierbar sind nur die Rufe der Muezzine der unmittelbar
benachbarten Moscheen. Das sind allerdings schon einmal mindestens vier. Der
Rest der Gebetsrufe hšrt sich wie ein dunkler, tiefer, darunter gemischter
Bordounton an. Das Ganze schafft dann eine ganz eigentŸmliche, exotische
AtmosphŠre, die fŸr mich etwas von Orient, 1001 Nacht und etwas Ergreifendes
hat.
Im Park vor unserem
Haus, der eigentlich zu einer Art wilder GŠrtnerei mutiert ist, in dem allerlei
GemŸse- und Blumensorten kultiviert werden, beginnen die GŠrtner dann mit ihrem
Gebetsritual. Sie verneigen sich gen Mekka, das offenbar in Richtung des
Fernsehturms auf Zamalek und von dort aus immer weiter gen Osten zu finden ist,
liegen danach auf Knien mit der
Stirn auf dem Boden, die Schuhe ausgezogen ordentlich neben sich drapiert.
Monsterstra§en in Kairo
Alles in Allem
ist die Gamma Al Dawl ein Ort, um den man als Fu§gŠnger gerne einen Riesenbogen
machen mšchte. UnglŸcklicherweise liegen auf der anderen Stra§enseite ein Reihe
netter CafŽs und LadengeschŠfte von der Art, wie man sie als EuropŠer in Kairo
wegen ihres westlich orientierten Angebots und Ambientes recht schnell zu
schŠtzen wei§. Es bleibt also keine andere Wahl, die Stra§e muss hin und wieder
Ÿberquert werden. Und dieses Unterfangen gleicht fast einem lebensgefŠhrlichen
Hindernisrennen.
Es gibt zwar
einen Zebrastreifen. Der ist aber nicht wirklich hilfreich, denn er animiert
die Autofahrer hšchstens dazu, sicherheitshalber noch einmal zusŠtzlich auf die
Hupe zu drŸcken. Die Fahrtgeschwindigkeit zu drosseln oder gar zu bremsen, ist
ausgeschlossen und offenbar geradezu unter der WŸrde der meisten Autofahrer.
Da der
Verkehrsstrom praktisch niemals abrei§t, geht es darum, eine mšglichst
ausreichend gro§e LŸcke zwischen den heranbrausenden Fahrzeugen zu finden, um
es wenigstens schon mal auf einen Standort zwischen zweiter und dritter Spur zu
schaffen. Dann steht man mitten im VerkehrsgewŸhl und kann nur hoffen, dass
keiner auf die Idee kommt, mal eben die Spur zu wechseln und einen auf den
KŸhlergrill zu nehmen.
Den geordneten
RŸckzug anzutreten, kommt natŸrlich auch nicht in Frage: Erstens ist es
gefŠhrlich, weil keiner der Autofahrer damit rechnet, dass man wieder
zurŸckgeht und Zweitens hat man ja auch als Fu§gŠnger so seinen Stolz. Bleibt
also das Vertrauen auf einen Grundkonsens zwischen Autofahrern und Fu§gŠngern,
demzufolge am Umnieten von nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern hier niemand
ein ernsthaftes Interesse hat. Durchhalten und sich durchsetzen, scheint die
Parole zu sein!
GlŸcklicherweise
gibt es mitten auf der Gamma Al Dawl einen breiten, erhšhten und deshalb nicht
befahrbaren Mittelstreifen, der es erlaubt, sich von dem ersten Adrenalinschock
erst einmal zu erholen, bevor es an die †berquerung der restlichen drei
Fahrspuren geht.
TatsŠchlich habe
ich mich die ersten Male immer an weniger furchtsame einheimische Zeitgenossen
angehŠngt und es auf diese Weise sicher auf die andere Seite der Gamma Al Dawl
geschafft. Inzwischen kann ich es auch alleine. Auf der Gamma Al Dawl, ebenso
wie auf anderen Monsterstra§en: Ich fasse die herankommenden Fahrzeuge wie wilde,
unberechenbare Bestien fest und entschlossen in«s Auge, schŠtze schnell und geschickt Geschwindigkeit
und Entfernung ab, dann gilt es einen gŸnstigen Moment abzupassen und ab geht
die Post. Bislang noch immer mit Erfolg!
Sayeda
Wir leisten uns
eine Haushaltshilfe zum Putzen, Waschen, BŸgeln und was sonst so Alles in einem
Zwei-Personen-Haushalt anfŠllt, zu dem man selbst keine Lust oder Zeit hat.
Sayeda kommt zwei mal die Woche, jeweils mittwochs und samstags. Sie macht ihre
Arbeit grŸndlich und weitgehend zuverlŠssig. Ohne Sayeda wŠre unsere Wohnung
vermutlich bald so eine Art Sandkasten. Kairo liegt nun einmal praktisch mitten
in der WŸste und das merkt man spŠtestens dann, wenn man eine Woche lang die
Wohnung nicht grŸndlich gereinigt hat.
ãSayedaÒ ist das
arabische Wort fŸr ãFrau.Ò Ich habe bis heute nicht herausgefunden, ob nun
Sayeda ihr Vorname ist, was ja ein weiteres Schlaglicht auf die Namensfindung
fŸr Šgyptische Kinder werfen wŸrde, oder ob das nur eine verkŸrzte Anrede fŸr
ãFrau SowiesoÒ ist. Letzteres fŠnde ich allerdings etwas befremdlich, denn dann
wŸrden wir nicht mal ihren vollstŠndigen Namen kennen.
Sayeda spricht
ausschlie§lich arabisch mit bisweilen kleinen englischen AusschmŸckungen, die
offenbar die VerstŠndigung erleichtern sollen. Ich spreche englisch mit kleinen
deutschen Anleihen, die die VerstŠndigung zwischen uns eher erschweren. Auf
dieser Basis funktioniert die Kommunikation zwischen uns mit beidseitigem gutem
Willen aber nahezu einwandfrei. Ich bin fŸr sie ãMisterÒ und meine Frau die
ãMadameÒ, was fŸr sich gesehen ja schon mal eine ganz gesunde
Kommunikationsbasis darstellt. Was soll sich Sayeda auch mit diesen
zungenbrecherischen exotischen deutschen Namen abplagen!
ãMister«s? Madame«s?Ò
will sie hŠufig von mir wissen mit einer frisch gewaschenen und gebŸgelten Hose
oder einem Paar Socken in der Hand, um herauszufinden, in welchen Teil des
Kleiderschranks die Sachen gehšren. Als Antwort reicht dann z. B.
ãMadame«s!Ò oder eben ãMister«s!Ò, je nachdem. So einfach kann Kommunikation
also sein. Aber auch bei komplexeren Sachverhalten rund um die Welt des
Hausputzes verstehen wir uns auf Anhieb - irgendwie. Wieso das funktionieren
kann, ist mir bis heute rŠtselhaft geblieben.
Den ersten -
gottlob folgenlosen- Fehler habe ich wohl begangen, als ich mich Sayeda
vorstellte und ihr dabei nach guter alter deutscher Sitte herzlich die Hand
gedrŸckt habe. So etwas macht man hier einfach nicht, hatte ich als ganz
wichtigen Verhaltenskodex irgendwo vorher mal gelesen, und schon gar nicht von
Mann zu Frau.
Obwohl ich das
inzwischen wei§, bin ich immer noch ein unverbesserlicher HŠndedrŸcker
geblieben, weil ich im entscheidenden Moment einfach nicht dran denke. Und dann
ist es immer schon passiert. Eine junge arabische Kollegin meiner Ehefrau
musste das auch erleben. Ich habe immer noch das unglŠubige Staunen vor Augen,
mit dem sie meinen Ÿberfallartigen HŠndedruck quittierte. Dann schien sie sich
entfernt an bestimmte distanzlose auslŠndische Sitten zu erinnern: ãAh, shake
handsÒ, meinte sie.
Andere scheinen
das sich die Hand geben geradezu zu lieben. Einer der KoffertrŠger vom Abend
unserer Ankunft hat mich auf der Stra§e wiedererkannt und mich -ich wei§ nicht
wie- dazu genštigt, ihm die Hand zu schŸtteln. Seitdem muss ich das jedesmal
tun, wenn ich ihn treffe. Und ich tue es, weil es ihm sichtlich Freude
bereitet.
Sayeda hat mir
meinen unhšflichen †bergriff entweder verziehen oder sie hat fŸr sich
entschieden, dass ich sowieso ein hoffnungsloser Fall von AuslŠnder bin, der
einfach keinen Begriff von Anstand und Hšflichkeit besitzt, und dem man das
deswegen einfach nicht nachtragen kann.
Ich komme mir
hier inzwischen vor wie ein Analphabet. Da ich die Schrift nicht beherrsche,
kann ich nichts lesen, nichts schreiben und Arabisch verstehen und sprechen
kann ich schon mal gar nicht. Wir haben deshalb begonnen arabisch zu lernen.
DafŸr haben wir eine Hauslehrerin engagiert, 1x die Woche fŸr 1 Stunde. Nuurhen
hei§t die Frau. Sie ist ausgesprochen nett und sehr kompetent.
NatŸrlich habe
ich ihr zur BegrŸ§ung mal wieder unhšflicherweise die Hand gegeben. Ich
vergesslicher, unverbesserlicher HŠndegrapscher! Ihr schien diese Form der
BegrŸ§ung allerdings absolut gelŠufig und keineswegs unangenehm zu sein.
Nuurhen spricht perfekt deutsch und unterrichtet an einer der deutschen Schulen
in Kairo u. a. Arabisch.
Leider macht
diese unbestreitbare Kompetenz das Arabisch lernen fŸr uns nicht wesentlich
leichter. Dabei sind es nicht nur die arabischen Worte, die derart fremdartig
sind, dass ich sie nur schwer behalten kann. Das Problem dieser Sprache liegt
fŸr mich auch und gerade in der Aussprache: Es gibt im Arabischen Laute, von
denen ich bislang nicht einmal geahnt habe, dass der menschliche Stimmapparat
so etwas mit einer gewissen SelbstverstŠndlichkeit Ÿberhaupt hervorbringen
kann.
Damit nicht
genug: Je nachdem welches Lehrbuch
man zur Hand nimmt, unterscheidet sich die phonetische Umschrift ganz
erheblich: Das †berlebensarabisch im deutschen ReisefŸhrer fŸr €gypten z. B.
liest sich in der phonetischen Umschrift všllig anders als das englische
Arabischlexikon fŸr den an Land und Leuten interessierten Globetrotter. Das mag
ja vielleicht noch halbwegs
nachvollziehbar sein: Hier deutsche Umschrift, dort die englische. Aber auch mein Arabisch Computerkurs
unterscheidet sich wiederum vom Pons Arabischkurs ãLernen und †benÒ in
Aussprache und phonetischer Umschrift gewaltig. Um die Verwirrung komplett zu
machen, verwendet Nuurhen wieder eine andere Form der Umschrift. Je nachdem
woran man sich also orientiert, wird aus ãentiÒ fŸr ãduÒ - weibliche Form -
ãintiÒ, aus ãmeshÒ fŸr ãnichtÒ ãmushÒ, aus ãweÒ fŸr ãundÒ ãwuÒ oder mitunter
gar ãwaÒ. Wer soll sich da noch auskennen?
Den
LebensmittelhŠndler an der Ecke haben meine klŠglichenVersuche, auf arabisch 6
Eier fŸr«s FrŸhstŸck zu ordern, sichtlich Ÿberfordert: Meine schwungvoll
ausgesprochenen arabischen ãbaydhÒ mit stimmhaftem englischen ãthÒ am Ende aus
dem Arabisch Computerkurs waren
ihm nicht gelŠufig. Die dann hilflos nachgeschobenen englischen ãeggsÒ kannte
er sowieso nicht. Das spŠte FrŸhstŸck musste daher ohne Eierspeise auskommen.
Lediglich meine
arabischen Zahlen werden mitunter verstanden. Leider erweitert diese
Sprachfertigkeit die Kommunikation mit der einheimischen Bevšlkerung nicht
wirklich inhaltlich grundlegend.
Allein das
Langenscheidt Taschenwšrterbuch Arabisch - Deutsch, Deutsch - Arabisch gibt
sich einen geradezu offiziellen, amtlich verbindlichen Touch, indem es auf die
Verwendung der phonetischen Zeichen der IPA, der ãInternational Phonetic
Association,Ò verweist. DafŸr enthŠlt dieses Werk Zeichen, die mir aus keiner der Sprachen gelŠufig sind, mit
denen ich mich bislang beschŠftigt habe. Liest man zu diesen geradezu kryptisch
anmutenden phonetischen Zeichen dann die ErlŠuterungen, findet man so
aufschlussreiche Hinweise wie z. B. ãein gepresster Knarrlaut in der
StimmritzeÒ oder ãein hart am Gaumensegel artikuliertes kÒ.
Aber wo um alles
in der Welt befindet sich eigentlich diese Stimmritze? Und was genau muss ich
damit anstellen, um den korrekten Knarrlaut daraus hervor zu locken? Und
Ÿberhaupt, was habe ich unter einem Gaumensegel zu verstehen?
Fragen Ÿber
Fragen... Ich vertraue auf Nuurhen.
Nuurhen wird«s sicher richten.
Hocharabische Eier
Die arabische
Hochsprache wird in der arabischen Literatur verwendet, in den Printmedien und
vor allem im Koran. Der einfache Mann auf der Stra§e, so habe ich mich belehren
lassen, versteht das Hocharabische meist nicht.
Nun wei§ ich
aber, dass der LebensmittelhŠndler um die Ecke in jeder freien Minute in seinem
Koran liest. Kann es wirklich sein, dass im gesamten Koran ãEierÒ an keiner
Stelle eine auch nur beilŠufige ErwŠhnung finden und der Mann deswegen das
hocharabische Wort fŸr Eier einfach nicht kennt? So muss es wohl sein.
Ich werde es
demnŠchst mal mit den Šgyptischen Eiern versuchen. Die hei§en ãbeedhÒ ... oder
so Šhnlich jedenfalls.
Taxifahren in Kairo
Taxifahren geht
hier so, dass man eines dieser meist mehr oder weniger klapprigen schwarzen
GefŠhrte mit wei§en KotflŸgeln und einem gelben Taxischild auf dem Dach vom
Stra§enrand aus heranwinkt und dem Fahrer das grobe Fahrtziel, am besten
erstmal nur das Stadtviertel, durch das offene Seitenfenster zuruft. Meist gibt
der Taxifahrer dann mit einem gelangweilten, kaum merklichen mŸden Kopfnicken
zu verstehen, dass er mit der Fahrt einverstanden ist und man einsteigen kann.
Dann ist auch sprachtechnisch die erste HŸrde schon mal genommen.
Eher selten
kommt es dagegen vor, dass der Fahrer den Kopf schŸttelt und davonbraust. Aber
es kommt vor! Dann darf man sich daraus natŸrlich nichts machen. Všllig falsch
wŠre es z. B. das eigene Fahrtziel einer kritischen Revision zu unterziehen und
womšglich auf ein leichter auszusprechendes Ziel auszuweichen. KlŸger ist es,
einfach das nŠchste Taxi heranzuwinken und einen neuen Versuch zu starten. In
Kairo mangelt es normalerweise niemals an Taxis. Au§erdem lehnt ein Taxifahrer
eine Fahrt nicht blo§ deswegen ab, weil er das Fahrtziel nicht richtig
verstanden hat. Da wŸrde er eher noch mal nachfragen oder ganz cool so tun, als
wŠre ihm Alles klar.
Sitzt man dann
erstmal im Taxi, kommt nach einer gewissen Weile die unvermeidliche Frage wie
z. B. ãfeen fiel Dokki?Ò also z. B. ãWo genau in Dokki?Ò Dann nennt man auf
arabisch das eigentliche konkrete Fahrtziel. Die Schwierigkeit dabei besteht
nun darin, dass die Ortsangaben in den StadtplŠnen offenbar ausschlie§lich fŸr
den englisch sprechenden Touristen gemacht scheinen und sich irgendeiner
Umschrift aus dem Arabischen bedienen, die man einfach nicht eins zu eins an
den arabisch sprechenden Mann hinterm Steuer bringen kann.
Viel gewonnen
ist schon mal, wenn man den englischen ãsquareÒ bzw. die ãstreetÒ gleich in«s
arabische ãmeidanÒ bzw. ãshŠŠraÒ ŸbertrŠgt und an den Anfang der eigentlichen
Ortsangabe setzt. Das Ganze gilt es dann so arabisch wie mšglich klingen zu
lassen. Das ist enorm wichtig, weil die Taxifahrer offenbar sehr sensibel auf
falsche Tšne und sonstige Aussprachefehler reagieren. Schon eine fehlerhafte
Betonung kann den Fahrer všllig aus dem Konzept bringen. Dann traut er oft
seinen eigenen Ohren nicht mehr.
Je nachdem, wie
gut ich das aussprachetechnisch an den Mann gebracht habe, passiert nun
Folgendes: Der Fahrer brummt irgend etwas Zustimmendes oder wiederholt zur BestŠtigung
das Fahrtziel. Aus Letzterem kann ich lernen und an meiner Aussprache feilen.
Meist nutze ich die Gelegenheit und wiederhole zustimmend mein Ziel mit dem
Versuch einer verbesserten Aussprache. Ich wei§ aber, dass ich im Grunde meine
Sache ganz brauchbar gemacht habe und in mittlerer, sagen wir mal, durchschnittlicher Tagesform bin.
HŠlt der Fahrer
dagegen plštzlich hektisch nach Passanten Ausschau, besteht noch eine gewisse
Wahrscheinlichkeit, dass er nicht
wei§, wie er zu dem von mir gewŸnschten Fahrtziel finden soll und selber
nachfragen muss. SpŠtestens dann aber, wenn er mich darum bittet, irgendeinem
herbeigerufenen Passanten mein Fahrtziel noch einmal zu nennen, damit dieser
mein Arabisch fŸr ihn Ÿbersetzt, wei§ ich, dass ich in denkbar schlechter Form
bin und offenbar unverzeihliche Fehler gemacht habe: Also weit
unterdurchschnittliche Tagesform.
Selten kommt es
dagegen vor, dass der Taxifahrer bruchlos anfŠngt mit mir arabisch zu
sprechen. Ich verstehe dann zwar
rein gar nichts mehr, aber ich wei§ zumindest: Heute bin ich in Topform!
Leider bleibt
mir dann nur noch zustimmendes LŠcheln, Kopfnicken, irgendwas Brummeln ... bis
der Fahrer begriffen hat und die restliche Taxifahrt schweigend verlŠuft.
ãSayedŠŠtÒ oder die Kunst des Schlangestehens
Wie in €gypten
inzwischen Ÿblich, werden derartige Gro§veranstaltungen ebenso wie Banken,
Hotels, Orte von touristischem Interesse, ja sogar strategisch bedeutsame
Stellen, wie z. B. BrŸcken von einem
gut bewaffneten Polizeiaufgebot abgesichert. Es gibt Metalldetektoren an
GebŠudeeingŠngen und man muss hin und wieder mit individuellen
Personenkontrollen rechnen, ganz so, wie man das inzwischen wegen der
Terroranschlagsgefahr von FlughŠfen her gewohnt ist. Das fŸhrt natŸrlich -
genauso, wie in den FlughŠfen - zu ungegeuer langen Schlangen Wartender.
Am Eingang zur
Buchmesse gerade angekommen, stelle ich mich also erst einmal bei der
erstbesten Schlange hinten an. Man kennt das ja schlie§lich vom deutschen
Schlangestehen in SupermŠrkten, der Post, der Bank oder wo auch immer: Die
Schlange, in der man gerade steht, ist sowieso immer die lŠngste. Wechselt man
die Schlange, bleibt es am Ende wundersamerweise doch immer die langsamste.
Also ist es auch egal, wo man sich anstellt.
Nach einer
kurzen Weile werde ich von einer traditionell mit zŸchtigem Kopftuch
bekleideten Dame hšflich, aber bestimmt angesprochen: ã! ... ! ... ! ... sayedŠŠt!Ò,
verstehe ich.
Nun dauert es
bei mir immer eine ganze Weile, bis sich arabische Worte in meinem Kopf zu
einer mir bekannten deutschen Begrifflichkeit umgeformt haben. Eines wei§ ich
allerdings in diesem Augenblick ganz genau, ãsayedŠŠt,Ò das kenne ich.
Das habe ich schon mal irgendwo gehšrt. Um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen,
setze ich erstmal - zack- ein gewinnendes, strahlendes LŠcheln auf. Das wirkt
schlagartig: Die Frau lŠchelt zurŸck, erwartet aber offenbar irgend etwas von
mir.
... ãsayedŠŠtÒ
...? Habe ich das nicht kŸrzlich erst in der U-Bahn gehšrt? Aber bei welcher
Gelegenheit war das blo§? Seltsamerweise fŠllt mir in diesem Moment unsere Haushaltshilfe
Sayeda ein. Warum blo§, was hat das alles miteinander zu tun?
Ich denke also
fieberhaft weiter nach und sage sicherheitshalber, um Ÿberhaupt irgendetwas zu
sagen und, weil mir sowieso nichts Anderes einfŠllt, erstmal ãshukran,Ò Danke!,
zu der immer noch erwartungsvoll lŠchelnden Dame. Das war«s! Ende der
Kommunikation! Ich habe ganz offensichtlich einen absoluten, schwerwiegenden
und womšglich unverzeilichen Kardinalfehler begangen. Ich merke es sofort. Die
Frau reagiert mit einem nachsichtig resignierten KopfschŸtteln, wendet sich von
mir ab und ... wieder ihrer Begleiterin zu.
Und in diesem
Moment, nach einer gefŸhlten Ewigkeit, die gerade mal so vielleicht 15 Sekunden
gedauert haben mag, fŠllt es mir schlagartig wieder ein: Klar! Es war in der
Metro, neulich, als ich eilig in den erstbesten U Bahn Waggon gesprintet bin
und aus einer Ecke ein ã...!!
...!! ... sayedŠŠt!Ò zu hšren bekam. Ich war in der Eile in den
ausschlie§lich Frauen vorbehaltenen U Bahn Wagen eingestiegen, was man
daran sehen konnte, dass der Waggon nicht so vollbesetzt war, wie sonst um
diese Tageszeit Ÿblich, und eben ausschlie§lich Frauen darin waren.
GlŸcklicherweise hatte ich vorher irgendwo schon einmal gelesen, dass es so
etwas hier in der Metro gibt. Ich prallte also fšrmlich zurŸck und hatte es
gerade noch rechtzeitig geschafft, wieder auszusteigen, bevor die TŸren sich
schlossen.
Jetzt stand ich
als einziger Mann in der Frauenschlange, in der ich natŸrlich nichts zu suchen hatte.
Aber da kam dann auch schon eine freundliche Ordnungskraft, die mich
nachsichtig in die mir zukommende mŠnnliche Warteschlange komplimentierte.
Und was hat nun
unsere Haushaltshilfe mit dieser ganzen Geschichte zu tun? Nun ãsayedŠŠtÒ ist
eine Ableitung von ãSayedaÒ und gewisserma§en deren Pluralform. Und ãSayedaÒ,
das ist der Vorname unserer Perle, was im deutschen soviel wie ãFrauÒ bedeutet.
Man sieht, meine Arabischkenntnisse machen Fortschritte.
Hammelfleisch und Diplomatenpass
ãMiteingereister
EhepartnerÒ ist die gelŠufige halbamtliche Bezeichnung fŸr einen Exoten wie
mich, der sich von seinem Job zu Hause in Deutschland hat beurlauben lassen, um
seiner berufsbedingt versetzten Ehepartnerin - nicht ungern - in«s ferne
patriarchalisch ausgerichtete €gypten zu folgen. Ganz Aktuell bin ich als
solcher ãmiteingereister EhepartnerÒ dieser Tage mit einem fšrmlichen
bundesdeutschen Dienstpass ausgestattet worden. Dienstbezeichnung: ãEhemannÒ
meiner im weiteren samt Dienstgrad und Namen nŠher bezeichneten Ehefrau. Der
Dienstpass weist alle in- und auslŠndischen Dienststellen und Behšrden an, mich
frei und ungehindert reisen zu lassen sowie mir im Notfall Schutz und Beistand
zu gewŠhren.
Derart
priviligiert und beschŸtzt, Ÿbernimmt man es natŸrlich gerne, sich den
Herausforderungen zu stellen, die eine Stadt wie Kairo im ganz normalen Alltag
fŸr einen ãmiteingereistenÒ Neuling bereit hŠlt, selbst wenn es z. B. ganz
einfach nur darum geht, fŸr den Einkauf und hin und wieder fŸr das leibliche
Wohl der schwer arbeitenden, die Kohle heranschaffenden Gattin zu sorgen.
Lammkoteletts
schien mir eines nachmittags eine nette Idee fŸr ein leckeres, gehaltvolles
Abendessen zu sein. Also auf zum Supermarkt um die Ecke, der hier so hei§t wie
die U Bahn in Paris und eben auch in Kairo, nŠmlich Metro, um schnell so etwa 6
Koteletts zu besorgen.
In der
Frischfleischabteilung angekommen, ordere ich also ãlamb chops.Ò Auf die Frage,
wieviel es denn sein soll, sage ich auf englisch ã6.Ò Zu meinem gro§en Erstaunen beginnt der Mann hinterm Tresen
erst einmal damit, ein fast vollstŠndig erhaltenes Tier aus dem KŸhlhaus
heranzuschleppen und dieses vor meinen Augen nach allen Regeln der
Fleischerskunst fachmŠnnisch zu zerlegen. Das dauert ungefŠhr eine halbe Stunde
und erfordert den Einsatz diverser rasiermesserscharfer Fleischermesser sowie
eines handlichen Beiles. Als Ergebnis seiner sichtlich anstrengenden Arbeit
prŠsentiert mir der Meister ein knappes Viertel des zerlegten Tieres. Und in
der Tat, in diesem Lammviertel befinden sich unter anderem auch die von mir
gewŸnschten Koteletts.
Das Ganze ist
natŸrlich viel zu viel fŸr ein Abendessen fŸr zwei Personen. Also wiederhole ich meine Bestellung
von ã6 lamb chopsÒ und gebe zu verstehen, dass ich derart viel Lammfleisch einfach
nicht benštige. Der Schlachter bedauert und macht mir unmissverstŠndlich
deutlich, entweder das Viertel oder eben Ÿberhaupt kein Lamm. Mein Protest
beeindruckt ihn nicht im Mindesten. Schlimmer noch, im Verlauf der
Kaufverhandlung bricht die Kommunikationsbasis všllig zusammen: Der Mann
versteht plštzlich mein Englisch nicht mehr und ich sein Arabisch sowieso
nicht. Stattdessen packt er die Einzelteile seines Lamms zusammen und macht
Anstalten, das Ganze wieder im KŸhlhaus zu verstauen.
GlŸcklicherweise
haben wir ein ziemlich gerŠumiges Gefrierfach zu Hause. Wir sind jetzt im
Besitz von gut 3 Kilo Lammfleisch, sauber zerlegt in Koteletts und
RippenstŸcken, abzŸglich der abends verzehrten 6 Lammkoteletts.
Jetzt Ÿberlege
ich mir natŸrlich, ob bei dieser Einkaufssituation bereits ein Notfall vorlag,
der mich mit RŸcksicht auf meine aktuelle dienstliche Stellung als ãEhemannÒ
berechtigt, den in meinem nagelneuen Dienstpass zugesagten Beistand
einzufordern und ggf. welche Dienststelle, in- oder auslŠndischer Art, ich bei
der zukŸnftigen BewŠltigung derartiger Dienstaufgaben unterstŸtzend mit
einbinden kšnnte.
ãWelcome To EgyptÒ
Ich habe eine
Verabredung beim Šgyptischen Museum. Dabei stellt sich mir zunŠchst einmal
ein ganz praktisches Problem: Wie
sage ich es dem Taxifahrer? ã€gyptischÒ wŸrde ich ja auf arabisch vielleicht gerade
so hinkriegen. Aber ãMuseumÒ? Wie um alles in der Welt sagt man Museum auf
arabisch?
Ich beschlie§e,
es mir einfach zu machen: ãMidan Tahrir?Ò frage ich den wartenden Fahrer und
der ist einverstanden. Das Šgyptische Museum ist ganz in der NŠhe des Tahrir
Platzes, denke ich mir, und zur Not kann ich den Taxifahrer von dort aus
dorthin dirigieren. Trotzdem, ein Versuch ist es vielleicht wert: Ich lege also
nach und frage vorsichtig: ãEgyptian museum?Ò ãMeschi, okay,Ò strahlt mich der
Fahrer gutgelaunt an und ãWelcome in Egypt!Ò
Klar, der hŠlt
mich jetzt natŸrlich fŸr einen Touristen, denke ich mi§gelaunt. Alle Touristen
wollen zum €gyptischen Museum gefahren werden. Jetzt werde ich mindestens den
doppelten Fahrtpreis bezahlen mŸssen, wenn ich keine Lust auf nervtštende
Feilschereien habe. Andererseits zum Anhaltenlassen und Aussteigen gibt es
keinen Anlass und immerhin scheint der Mann des Englischen mŠchtig zu sein.
Diese Leute lassen sich ihre SprachkŸnste erfahrungsgemЧ hŠufig mit ein paar
zusŠtzlichen Pfund bezahlen. So beginne ich mir die Situation schon mal schšn
zu reden.
Au§erdem hat er
sich sein Taxi doch besonders gemŸtlich eingerichtet, mit flauschigen
Flokatideckchen auf dem Armaturenbrett, hŸbschen hier und dort blau und grŸn
blinkenden NeonlŠmpchen und einer ganzen Batterie kleiner an der
Windschutzscheibe angeklebter Panoramaspiegelchen, die mich das
Verkehrsgeschehen in meinem RŸcken lŸckenlos verfolgen lassen. ãChild watch
mirrorÒ lese ich unter jedem einzelnen dieser Spiegelchen. Der Sitz ist bequem,
fest mit dem Unterboden verbunden, keine spitzigen, stšrenden Polsterfedern
unter der SitzflŠche, keine Auspuffgase, die in den Fahrgastraum geleitet
werden. Was will man mehr beim Taxifahren?
Welcher
NationalitŠt ich denn sei, will er nach einer Weile wissen. Ich sage es ihm.
Sein Gesicht hellt sich schlagartig auf. Er ist begeistert: Deutschland, das
sei das Grš§te, die Nr. 1 in der Welt, stark und zielstrebig. ãWelcome in
Egypt!Ò werde ich noch einmal doppelt herzlich und ŸberschwŠnglich willkommen
gehei§en. Ich fŸhle mich, als wŸrde ich freundschaftlich an seine Brust
gedrŸckt.
Nun sind mir
derartige Reaktionen auf meine Staatsangehšrigkeit hier in €gypten nicht ganz
fremd. Diesmal beschlie§e ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Warum denn
Deutschland die Nr. 1 fŸr ihn sei, will ich von ihm wissen. Helmut Kohl fŠllt
ihm dazu sofort ein. Der habe Deutschland gro§ und stark gemacht. Aha, denke
ich, die Wiedervereinigung! Dank Helmut Kohl sei Deutschland wieder ein gro§es,
reiches und einflussreiches Land geworden. Genau wie unter Hitler, fŠhrt er
fort. ãBumm! Bumm! Bumm!Ò untermalt er dabei bruchlos seinen Hitlereinfall.
Dabei lacht er lauthals und freudestrahlend. Ich gebe zu bedenken, dass dieser
geisteskranke Grš§enwahnsinnige viel Leid Ÿber Deutschland und die Welt
gebracht habe. Das leuchtet ihm sofort ein. Er imitiert einschlagende und
explodierende Bomben, einen wahren Bombenteppich. Viele Menschenleben habe das
gekostet. Und warum? Nur um noch mehr Všlker zu unterwerfen, um reicher und
mŠchtiger zu werden. Und was habe das dem Hitler gebracht? Nichts! Er habe sein
ganzes Land in Schutt und Asche gelegt und Millionen ins Elend gestŸrzt. Diese
Politiker seien sowieso alle gleich. Ihnen gehe es nur um Macht und persšnliche
Bereicherung. Genau wie jetzt im Libanon und vor Allem im Irak. Alles ist
kaputt dort im Irak, sagt er, die vielen Toten ... die vielen armen Menschen,
die Alles verloren hŠtten: Ihr Hab und Gut, das Heim, Familienangehšrige und
schlimmer noch, viele auch ihre Kinder. Und Ÿberhaupt, die Kinder. FŸr die sei
so ein Krieg doch am Schrecklichsten, meint er. Wie sollen sie spŠter ihr Leben
meistern mit solchen EindrŸcken und Erfahrungen?
Unterdessen sind
wir fast am Tahrir Platz angekommen. ãZischschsch!Ò macht es da plštzlich. Das
Auto fŠngt an zu holpern. Der Fahrer bremst, wir schauen uns fragend an,
steigen aus und sehen uns die Bescherung an. Einer der Hinterreifen ist
geplatzt. ãMalesch, Malesch!Ò Die
Taxifahrt ist hier zu Ende.
Da ich keine
Lust habe zu warten, bis der Reifen gewechselt ist, gebe ich meinem weisen
Chauffeur die 5 Pfund, die ihm zustehen, und lege nochmal 3 Pfund obendrauf fŸr
das ganze Elend dieser Welt. Den Rest des Weges bis zum €gyptischen Museum gehe
ich nachdenklich zu Fu§.
ãSabbaH el nuurÒ
ÒSabbaH«el cherÓ
sagt man hier, wenn man jemandem einen ãGuten MorgenÒ wŸnschen will. Das kann man wiederholen und alles ist
in Ordnung. Will man aber noch eins draufsetzen, so beantwortet man das ãsabbaH
el cherÒ mit einem ÒsabbaH«el nuurÓ und wŸnscht damit einen ãlichtvollen,
hellen MorgenÒ.
Gute Freunde und Bekannte kann man mit einer Steigerung beglŸcken, indem man ein ÒsabbaH el wardÓ, einen rosigen Morgen wŸnscht. Wenn man die Rose durch den Duft einer JasminblŸte ersetzen mšchte, so wŸnscht man ÒsabbaH el yaseminÓ. ÒSabbaH el eshtarÓ, ein sahnig sŸ§er Morgen, ist eine weitere Variante in diesem Spiel, sich gegenseitig den Tagesbeginn zu versŸ§en. HonigsŸ§ kann diese BegrŸ§ung mit einem "SabbaH el full" entgegnet werden.
Das ist doch einfach nur
wunderbar nett, nicht wahr?
So weit die
rosige Theorie der hiesigen Sprachinstitute. Die raue Wirklichkeit des
Alltagslebens sieht bisweilen anders aus:
Ich gehe jeden Morgen,
wenn ich das Haus verlasse, ein StŸck des immer gleichen Weges. An einer
bestimmten Stelle dieses Weges treffe ich dann an einer Stra§enecke auf einen
eher kurz angebundenen etwas bŠrbei§ig wirkenden Šgyptischen Zeitgenossen von
ausgesprochen hagerer Statur. Ich rufe ihm, weil er mich inzwischen kennt und
durchaus auch um meine arabischen Sprachfertigkeiten unter Beweis zu stellen,
immer ein freundliches ãSabbaH el cherÒ zu, das er –wahrscheinlich von
irgendeiner entnervenden Nachtschicht všllig ŸbernŠchtigt- nur mit einem
militŠrisch knappen, freudlos kurz und knurrig zwischen den ZŠhnen hervor
gepresstem ÒcherÓ zu beantworten pflegt.
Dieses Ritual
wiederholte sich bislang jeden Morgen in genau dieser Reihenfolge. Das kehlige
kurz angebundene ãcherÒ war monatelang der erste Šgyptische Morgengru§, den ich
zu hšren bekam, nachdem ich das Haus verlassen hatte.
Bis vor kurzem.
Der Mann, ein schŠtzungsweise MittfŸnfziger, hat sich offenbar inzwischen das
Kiffen angewšhnt. Lange NŠchte und langweilige Dienste haben ihn dazu womšglich
animiert. Mir fiel es sofort am unverkennbaren Geruch seiner langsam und
untypisch verbrennenden Zigaretten auf, die er neuerdings hin und wieder
hingebungsvoll raucht. Sein Kraut jedenfalls bewirkt Wunder: Der Mann ist wie ausgewechselt.
Auffallend locker, relaxt und leutselig wirkt er jetzt. Ein strahlendes LŠcheln
erhellt mitunter sein Falten gefurchtes Gesicht.
Und ... seit
Neuestem beglŸckt er mich morgens regelmЧig mit einem freundlich dahin
gelŠchelten Òlichtvollen MorgenÓ.
WanderdŸnen unter«m Esstisch
Der Himmel
verdŸstert sich und nimmt eine graue, leicht ockerfarbene Tšnung an. Dazu
gibt«s heftige Sturmbšen, die unsere mexikanische HŠngematte auf der
Dachterasse wie ein Bootssegel zum Knattern bringen. Die Skyline Kairos
verschwindet hinter einer gelblichen Wand aus Sand und Staub. Das sieht aus wie
Nebel. Ist aber keiner, sondern eben nur Sand und Staub. Und dieser Staub ist
Ÿberall. Man kann ihn riechen und schmecken. Zwischen den ZŠhnen fŠngt es an zu
knirschen, er dringt durch jede Ritze, in die Kleidung, Nase, Ohren, Haare,
klebt auf der Haut und natŸrlich ist er auch in der Wohnung. Dabei ist es hei§,
fast schon schwŸl. Es fŠllt aber kein Tropfen Regen vom Himmel. Und es wird
auch keinen Regen geben, sondern nur Unmengen von Staub.
Staub scheint
Ÿberall in den Stra§en das beherrschende Thema zu sein. Der GemŸsehŠndler an
der Ecke lŠuft stŠndig mit einem gro§en Lappen in seinem Laden herum und
verprŸgelt damit seine Obst- und GemŸseauslagen. Auf der Stra§e werden
unablŠssig die Autos gewaschen und die BŸrgersteige mit Wasser benetzt. Hilft
aber alles nichts. Alles nur purer Aktionismus. Staub ergreift Besitz vom
Viertel, der ganzen Stadt.
Am liebsten wŸrde ich den
ganzen Tag Ÿber unter der Dusche stehen, um dieser Invasion von Staub und Sand
zu entgehen. NatŸrlich schlie§en Fenster und TŸren unserer Wohnung nicht
hermetisch dicht ab. Ich vermute mal, dass dieses Problem fŸr die meisten
Wohnungen hier in Kairo gilt. Binnen einer halben Stunde jedenfalls sind
Fu§bšden und alle Mšbel mit einer feinen Staubschicht belegt.
Auf der
Dachterasse haben sich winzig kleine ockerfarbene SanddŸnen gebildet. Unter dem
Esstisch formiert sich eine lang gezogene Sandschliere. Das gro§e Sandmeer der
Libyschen WŸste scheint von unserem Wohnzimmer Besitz ergriffen zu haben.
Dagegen anputzen hilft wenig, weil das, solange der Sandsturm anhŠlt, gerade
mal fŸr eine halbe Stunde vorhŠlt.
Am Besten helfen feuchte TŸcher vor den Fenstern und unter den TŸren. Die sind
aber spŠtestens nach einer Stunde wieder staubtrocken.
Stunden Ÿber
Stunden geht das jetzt so. Ich hasse SandstŸrme ... trotz meines Nachnamens.
Und dann plštzlich, als hŠtte der Sturm einen Schalter zum Ein- und
Ausschalten, ist der ganze Spuk vorbei. Der Himmel ist wieder strahlend blau,
so als ob nie etwas gewesen wŠre.
Die Nachwehen
des Sandsturms in der Wohnung sind dagegen keineswegs beseitigt. Selten habe
ich mich so gefreut, wie am ãTag nach dem gro§en SandsturmÒ, unsere Perle
Sayeda mit einem herzhaften ÒizzŠyikÓ -wie geht«s Dir- begrŸ§en zu kšnnen.
Meist sagt sie dann immer Òkwaisa il hamdullilahÓ, was so viel bedeutet wie
ãgut, so Gott willÒ. Heute fŸhlt sie sich eher ãnoss, nossÒ, also nur so lala,
und vertraut mir umfŠnglich ihre Krankengeschichte an, von der ich kaum etwas
verstehe. Ihrem Husten und ihren Fingerzeigen auf ihre mŠchtige Brust entnehme
ich aber, dass sie«s wohl mit den Bronchien hat. Wen wundert«s? Dann beginnt
sie unbeeindruckt WŠnde und Mšbel mit einem gro§en Staubtuch zu verprŸgeln. Ich
mache mich deshalb im wahrsten Sinne des Wortes erstmal aus dem Staub und gehe
frŸhstŸcken.
Erst am nŠchsten
Tag begreife ich das vollstŠndige Ausma§ dieses ãChamasiinÒ. Freunde aus
Deutschland berichten mir, dass es Nachrichtenmeldungen Ÿber diesen Sturm bis
in die bundesdeutschen Medien geschafft hŠtten.
Die Schadensbilanz
in Kairo sieht so aus: Ein Ÿber Stunden gesperrter Flughafen mit tausenden dort
gestrandeten Reisenden, sowie zahlreiche VerkehrsunfŠlle wegen der schlechten
Sicht. Im Nildelta auf dem Land gab es mehrere TodesfŠlle und Verletzte, weil
der Sturm HŠuserbrŠnde entfacht hat. Dort werde noch mit offenen Feuerstellen
gekocht und die Windbšen hŠtten die Glut in die mit Palmstroh gedeckten
DŠcher geweht, wo die Flammen dann
schnell um sich gegriffen und ganze Stra§enzŸge in Schutt und Asche gelegt
hŠtten, entnehme ich der hiesigen Tagespresse.
Was sind dagegen
schon WanderdŸnen unter«m Esstisch?
Orientalische Haarschneidekunst
Ich habe
deutsche Frauen sich darŸber unterhalten hšren, dass sie aus Misstrauen
gegenŸber den hiesigen Coiffeuren sich eine Langhaarfrisur zugelegt hŠtten, die
lediglich so alle 6 - 9 Monate einen Korrekturschnitt benštigen wŸrde, der dann
eben in Deutschland bei einem Damenfriseur ihres Vertrauens problemlos
durchgefŸhrt werden kšnnte. FŸr mich ist das natŸrlich keine ernsthafte Lšsung
des Haarwuchsproblems. Denn, wie sieht das denn aus? Andererseits bin ich seit
mich jugendliche Haarpracht fŸr immer verlassen hat, sehr viel risikofreudiger
geworden, was die Wahl meines Friseurs anbetrifft. Es spricht also absolut
nichts dagegen, einen hiesigen HaarkŸnstler aufzusuchen.
Davon gibt es in
Kairo reichlich. Sicher ebenso viele wie in Deutschland. Die Gemeinsamkeiten
nationaler Haarschneidekunst dŸrften damit allerdings bereits erschšpft sein.
Denn das ãvolle ProgrammÒ, das ein Friseurbesuch in Kairo zu bieten hat, lŠsst
das schlichte Haare schneiden zur reinen Nebensache werden und das, was
deutsche Herrenfriseure so im Repertoire haben, als šde ServicewŸste
erscheinen.
Das beginnt
bereits bei der HaarwŠsche. Hier geht es nicht einfach nur um die Reinigung von
Haupthaar und Kopfhaut. Das Shampoonieren ist vielmehr ein Vorgang, der in erster
Linie der ausgiebigen Lockerung der Muskulatur der gesamten Kopf- und
Nackenpartie zu dienen scheint. Eine ausgedehnte Kopfmassage also, die sich
hingebungsvoll auch auf Stirn und Nacken erstreckt und je nach Tagesverfassung
des Meisters auch schon mal so an die 5 Minuten dauern kann. Es fŠllt mir bei
dieser Art der Behandlung immer schwer mich zu beherrschen und nicht plštzlich
katzenartige Schnurrlaute von mir zu geben.
Was dann folgt ist in AusfŸhrung und leider manchmal auch vom Šsthetischen
Ergebnis her eher unspektakulŠr: Das Haare schneiden. Es wird ausschlie§lich
mit Kamm und Schere gearbeitet. Das in Deutschland zunehmend verbreitete
Schneiden mit der Haarschneidemaschine, das zumindest mich immer stark an«s
Schafe scheren erinnert, scheint hierzulande eher verpšnt zu sein. Die Maschine
kommt hier vergleichsweise selten zum Einsatz, au§er man verlangt es
ausdrŸcklich. Wenn Ÿberhaupt kommt sie erst ganz zum Schluss zum Einsatz, um
dem Gesamtkunstwerk des HaarkŸnstlers noch den letzten Schliff zu geben, an
Nacken und Koteletten vielleicht oder um dem einen oder anderen noch
widerspenstigem Haar endgŸltig den Garaus zu machen.
Bei einem meiner ersten Besuche bei einem hiesigen Herrenfriseur verblŸffte mich der Meister nach
getaner Schneidearbeit damit, dass er begann eine ganze Batterie von
FlŠschchen, Tuben, Tiegeln und Tšpfen vor mir aufzubauen, gefŸllt mit allerlei
Tinkturen, Cremes und sonstigen FlŸssigkeiten rund um die Welt der Haarpflege.
ãAhaÒ, dachte ich, ãder Mann will jetzt von mir wahrscheinlich wissen, was er mir zum Abschluss noch auf«s
frisch geschnittene Haupthaar tun sollÒ. Meine Entscheidung war von Anfang an
klar: am Besten gar nichts.
Trotzdem, um wenigstens meinen guten Willen zu zeigen, nahm ich die
dargebotenen Mittelchen
ausfŸhrlicher in Augenschein. Viel Importware aus Deutschland und Frankreich
stellte ich fest. Die meisten dieser BehŠltnisse waren nur noch zur HŠlfte oder
einem Viertel gefŸllt, was offenbar auf einen regen Gebrauch auf den hiesigen
MŠnnerkšpfen schlie§en lie§. Andere waren noch fast vollstŠndig gefŸllt, dafŸr
aber von einer leichten Patina aus grauschwarzen Staub Ÿberzogen und offenbar
nicht so beliebt. Kurz, es handelte sich um allerlei Haarmittel, die samt und
sonders mehr oder weniger lange bereits in Benutzung waren. Den Friseur freute
mein Interesse sichtlich. Ich kšnne alles kaufen zum SchnŠppchenpreis
gewisserma§en, Ÿberraschte er mich in vollem Ernst. Er wŸrde mir einen
besonders guten Preis dafŸr machen .... ãKein Problem – mish mushkelaÒ,
meinte er, als ich dankend ablehnte. Und in Nullkommanichts waren all die
wunderbaren Mittelchen und Tinkturen wieder abgerŠumt.
NatŸrlich gehšren derartige SkurrilitŠten nicht zum Standardprogramm eines
Friseurbesuchs hierzulande. Wer nun aber meint, dass mit dem Haarschnitt die
Arbeit getan ist und man entlassen ist, irrt gewaltig. Als nŠchstes folgt eine
erneute HaarwŠsche mit allerdings weniger ausfŸhrlicher Kopfmassage. Und danach
geht es beim ãvollen ProgrammÒ erst richtig zur Sache.
ãDas volle ProgrammÒ sieht nun eine ausfŸhrliche Gesichtsbehandlung vor.
Sie beginnt mit einer Enthaarungsprozedur, bei der all die HŠrchen entfernt
werden, die bei der Rasur leicht Ÿbersehen werden, weil sie sich auf untypischem
Terrain angesiedelt haben. Dies geht mittels eines etwa ellbogenlangen
Zwirnsfadens, den der Meister mit den Fingern geschickt und schnell zwirbelt
und damit Ÿber die zu enthaarenden Gesichtspartien fŠhrt. Der zwirbelnde Zwirn
erfasst jedes einzelne zu entfernende Haar und rei§t es schlichtweg aus. Dabei
macht der Meister schnelle ruckartige Kopfbewegungen, die irgendwie an das
Picken eines Huhnes erinnern. Das Ganze ist weniger schmerzhaft, als es sich
anhšren mag. Schmerzhaft allerdings wird Einem bewusst, dass der Haarwuchs
nicht mehr ausschlie§lich dort stattfindet, wo er eigentlich hingehšrt, nŠmlich
auf dem Kopf, sondern auch an allen mšglichen und unmšglichen anderen Stellen.
Dem zwirbelnden Zwirn folgt mitunter eine Behandlung, die ganz sicher nichts
fŸr schreckhafte Geister ist und die ich fŸr mich als das ãOhren AbflŠmmenÒ bezeichnet habe. NatŸrlich bleiben sie dran die
Ohren und selbstverstŠndlich auch všllig unversehrt. Aber es irritiert schon
ein wenig, wenn der Meister des Zwirnsfadens, den man schon kaum noch schlicht
als Friseur bezeichnen mag, plštzlich eine Art Feuerzeug zŸckt, die Flamme kurz
ans Ohr fŸhrt, um es anschlie§end mit den Fingern abzureiben. Es geht um das
Entfernen feinster Flaumhaare auf den Ohrmuscheln, denn glatte Haut am ganzen
Kšrper und vor allem an den sichtbaren Partien entspricht nun mal arabischem
Schšnheitsideal.
Danach mag es zum Einsatz eines GerŠtes kommen, das zumindest ich noch
niemals zuvor in meinem Leben gesehen hatte, und dessen Bestimmung ich mir bei
aller Phantasie nicht so recht erklŠren konnte. Es handelt sich um einen wei§en
viereckigen Kasten auf einem Metallgestell, das auf RŠdern daherkommt und
direkt vor mich gerollt wird. Aus dem Kasten ragen wie die FŸhler eines
Insektes zwei abgewinkelte Rohre heraus, an deren Ende etwas wie ein flaches
KŠstchen mit perforierter OberflŠche befestigt ist, das irgendwie aussieht, wie
die Sprecheinrichtung einer TŸrsprechanlage. Als dann noch eines der beiden
Rohr-Enden dicht vor meinem Gesicht platziert wird, fŸhle ich mich
augenblicklich an die FŸttermaschine in Chaplins ãModerne ZeitenÒ erinnert.
Einmal in Betrieb genommen, ist das Geheimnis dieser Maschinerie dann
allerdings schnell gelŸftet: Es handelt sich um eine Dampfmaschine und aus dem
flachen KŠstchen blŠst mir nach kurzer Zeit warmer Wasserdampf in«s Gesicht,
was sich als durchaus angenehm erweist und als Vorbereitung fŸr eine
Tiefenreinigung der Gesichtshaut mit integrierter Gesichtsmassage dient.
Peelingcremes kommen nun zum Einsatz und zum Abschluss abwechselnd hei§e und
kalte TŸcher. Diese Prozedur beschert zwar kein wie auch immer verŠndertes
Gesicht, hinterlŠsst aber ein sehr angenehm entspanntes GefŸhl auf der
Gesichtshaut.
Bei meinem ersten Besuch in einem kairener Friseursalon habe ich nicht
schlecht gestaunt, als mein Friseur
nach Abschluss dieser Behandlungen mit einem GerŠt aufwartete, das exakt
wie ein BŸgeleisen aussieht. Kopfmassage, Gesichtsenthaarung mittels zwirbelnden
Zwirns, AbflŠmmen der Ohren, Gesichtspeeling
und die damit verbundenen GefŸhlslagen hatten mein Vertrauen in die hiesige
Friseurkunst inzwischen allerdings bereits in«s Grenzenlose anwachsen lassen.
Bedenkenlos war ich bereit, mich auch noch dem BŸgeleisen anzuvertrauen.
NatŸrlich habe ich es nicht bereut: Das BŸgeleisen entpuppte sich als eine
Massagemaschine mit vibrierender Metallplatte, mit der RŸcken, Arme, Brust und
Beine krŠftig und auf durchaus angenehme Weise massiert werden. Die Behandlung
mit dem ãBŸgeleisenÒ bildet traditionell den Abschluss des ãvollen ProgrammsÒ
eines hiesigen Friseurbesuchs, zumindest
nach meinen bisherigen Erfahrungen.
Etwa eineinhalb bis zwei Stunden kann das ãvolle FriseurprogrammÒ
hierzulande schon einmal in Anspruch nehmen. Entspannter und beschwingter als
nach einem Friseurbesuch in Kairo habe ich jedenfalls bislang noch nie einen
Friseursalon verlassen.
Zu Gast in Kairos
Unterwelt
Die Rede ist von Kairos U-Bahnsystem, das hier ebenso stolz wie
selbstbewusst Metro genannt wird, ganz so, wie die gleichnamige wesentlich
Šltere Schwester in Paris. Diese Namensgebung wiederum ist vermutlich auf den
Umstand zurŸckzufŸhren, dass Kairos U-Bahn in der Planungsphase der siebziger
Jahre seine Existenz einem Joint Venture zwischen Šgyptischen und franzšsischen
Beratergremien verdankt. TatsŠchlich Šhnelt sich bis heute das Fahrkartensystem
beider U-Bahnen: Man kauft eine mit einem Magnetstreifen versehene Fahrkarte
und muss diese durch einen Automaten hindurch ziehen, der dann die Sperren der
Ein- und AusgŠnge von und zu den Bahnsteigen frei gibt.
Ansonsten hat die Metro Kairos mit der in Paris wenig gemeinsam: 16 Linien
mit einer GesamtstreckenlŠnge von rund 212 km, die insgesamt 436 Stationen in
Paris miteinander verbinden, stehen die 2 U-Bahnlinien Kairos mit einer
GesamtlŠnge von nur 66 km gegenŸber. 55 vergleichsweise weit auseinander
liegende Stationen lassen sich mit Kairos Metro anfahren. FŸr den Touristen,
der ebenso wie in Paris die stŠdtischen SehenswŸrdigkeiten ausschlie§lich mit
der Metro erreichen will, erweist sich Kairos U-Bahn als eher ungeeignet.
Lediglich das Šgyptische Museum, Down Town, die Oper auf Zamalek,
der Hauptbahnhof Ramsis Station und das koptische Viertel mit der Station Mar Girgis sind gut an das U-Bahnnetz angebunden. Aber das ist
eher ein Zufall. Denn fŸr den Touristen ist dieses U-Bahnnetz nicht geschaffen
worden. Es ging und geht um die Entlastung der oberirdischen Verkehrswege und
darum, dem alltŠglichen Verkehrsinfarkt und den damit verbundenen stundenlangen
Staus etwas entgegen zu setzen. Vielleicht ging es auch darum, etwas gegen den
allgegenwŠrtigen Smog zu tun, an dem die hierzulande všllig ungefilterten
Autoabgase ebenfalls einen nicht unwesentlichen Anteil haben. Um diesen Zielen
wirksam gerecht zu werden, ist die Metro in ihrer heutigen Form aber eher so
etwas wie der berŸhmte Tropfen auf dem hei§en Stein.
Aber immerhin: TŠglich mehr als 2,6 Millionen FahrgŠste befšrdert Kairos
U-Bahn wŠhrend ihrer Betriebszeiten zwischen 5 und 24 Uhr tŠglich. Die Šltere
der beiden Linien, die 1987 eršffnete Linie 1, verbindet das am nšrdlichen
Stadtrand gelegene New El Marg Ÿber 44 km hinweg mit dem weit im SŸden gelegenen
Industrievorort Helwan. Die 10 Jahre spŠter eršffnete Linie 2 sorgt fŸr die
Anbindung der im Streckennetz 22 km voneinander entfernten Stadtteile Shubra im
Norden und El Mouneeb westlich des Nils im SŸden der Stadt. Hatschepsut und
Nofretete schlie§lich ermšglichten die Nilunterquerung etwa in Hšhe des Midan
Al Tahrir Ÿber die SŸdspitze Zamaleks hinweg nach Dokki und sorgten damit fŸr
eine Anbindung des Netzes an die westliche Nilseite bis nach El Mouneeb.
Der Eintritt in Kairos Unterwelt kostet die vergleichsweise bescheidene
Summe von 1 LE und berechtigt zur Nutzung des gesamten Netzes mit einer
Umsteigemšglichkeit. Bis zu
vier Waggons sind ausschlie§lich Frauen vorbehalten. Diese Waggons sind
inzwischen mit gut sichtbaren Aufklebern oberhalb der WaggontŸren kenntlich
gemacht, damit kein mŠnnlicher Zeitgenosse sich mehr unbeabsichtigt dorthin
verirren kann.
Kairos U-Bahn ist aber auch fŸr echte Superlative gut: Mit seiner Metro
besitzt Kairo das bislang einzige voll ausgebaute U-Bahnnetz Afrikas. Und auch
die Nildurchtunnelung ist bislang auf dem afrikanischen Kontinent beispiellos
geblieben. Zu Recht kšnnen die Kairener also stolz auf ihre U-Bahn sein. Und
sie sind es auch. Vielleicht ist gerade das der Grund dafŸr, dass die meisten
offiziellen StreckenplŠne eine dritte Linie ausweisen, die einen in
westšstlicher Richtung verlaufenden Streckenabschnitt beschreibt, den es
bislang noch gar nicht gibt. Geplant ist diese Linie 3 bereits seit 1973.
Andere PrioritŠtensetzungen und Geldmangel haben den Ausbau bislang allerdings
verzšgert.
Inzwischen gibt es sehr viel weiter reichende PlŠne: Sie sehen eine
Anbindung des internationalen Flughafens in Heliopolis und einen Ausbau des
Streckennetzes in Mohandesin vor, das bislang nur
durch zwei weit auseinander liegende Stationen Ÿber Zamalek
und Dokki zu erreichen ist. Ein Neubau von drei
weiteren Linien, der Linien 4, 5 und 6, nach Nasr
City und Maadi ist ebenfalls in Planung. Bis dahin dŸrfte allerdings noch viel
Wasser den Nil hinunter flie§en: Der Planungshorizont fŸr die Realisierung
dieser Bauvorhaben reicht immerhin bis 2022.
Wie dem auch sei, fŸr den verkehrsgeplagten Kairo Neuling mag eine Fahrt
mit der U-Bahn auch jetzt schon eine wahre Offenbarung sein: Steigt man die
Treppen der mit dem Metro Logo gut sichtbar ausgestatteten U-Bahnstationen
hinunter, umfŠngt einen bald eine vergleichsweise ungewohnte Stille. Kein
VerkehrslŠrm, kein Hupen, keine ršhrenden Motoren und auch die allgegenwŠrtigen
Abgasschwaden verlieren sich zunehmend in den GŠngen der unterirdischen
Stationen. Nicht dass es absolut still wŠre in der Kairoer Unterwelt. Aber die
GerŠuschkulisse unter Tage ist durch ein vielfaches abgemildert und
ertrŠglicher als in der quirligen Oberwelt. Wie in einer U-Bahn Station eben.
Anders als Ÿber Tage, wo sich der MŸll bisweilen auf Stra§en und Gehwegen
hŠuft, prŠsentieren sich die U-Bahnstationen Kairos wie geleckt in absoluter
Sauberkeit. Kein Abfall liegt in den GŠngen und Bahnsteigen, keine Graffities verunzieren die gefliesten WŠnde, auf denen sich
altŠgyptische Motive wie z. B. schon mal auch eine stilisierte Kleopatra
prŠsentieren. Eigens hierfŸr abgestelltes Servicepersonal und eine Stationsaufsicht sorgen dafŸr,
dass diese Sauberkeit von Dauer ist
NatŸrlich kennt auch Kairos U-Bahn ihre rush hour. Die GŠnge und Bahnsteige
sind dann voll von Menschen. Es wird gedrŠngelt und geeilt. An den WaggontŸren
wird unter Einsatz von Ellbogen geschubst und gesto§en. Aber rush hour in der
U-Bahn ist eben nicht gleich bedeutend mit dem dann einsetzenden
Verkehrsinfarkt Ÿber Tage, dem absolutem Stillstand jeglicher Fortbewegung
unter gleichzeitigem Hupen und Schwaden von Abgasen. Die ZŸge fahren in
Spitzenzeiten im 210 Sekunden Takt. Selbst ein 150 Sekunden Takt wŠre mšglich,
wenn denn in ausreichendem Ma§e ZŸge zur VerfŸgung stŸnden. Die Zeit fŸr das
Erreichen eines Ziels wird aber auch ohne 150 Sekunden Takt im Gegensatz zum
Verkehrsgeschehen Ÿber Tage kalkulierbarer.
Ich fahre mit der Linie 1 von der Sadat Station am Tahrir Platz nach
Helwan. Nur so zum Spa§, um U-Bahn Feeling in Kairo hautnah zu erleben. Eher
untypisch fŸr eine U-Bahn beziehen die ZŸge der Linie 1 ihren Strombedarf aus
einer Oberleitung. €hnlich einer S-Bahn sind die Sitzreihen hier quer zur Fahrtrichtung
aufgestellt. Die Linie 2 wirkt da schon eher wie eine gewohnte U-Bahn mit
Stromzufuhr per Stromschiene und lŠngs der Fahrtrichtung aufgestellten
Sitzreihen.
Aber ob U-Bahn
oder Vorortzug: Die quirlige Oberwelt spiegelt sich hier in Kairos Unterwelt
wie in einem Mikrokosmos wieder. Da gibt es den Angestellten mit Aktenkoffer im
nadelgestreiften Anzug, die geplagte Hausfrau und Mutter mit Einkauf auf dem
Kopf und quengelnden Kindern an der Hand, den vollbŠrtigen, frommen Muslim mit
Stirnfleck, in traditioneller Galabeia gekleidet, der halblaut aus seinem Koran
rezitiert, den Kopten, der gedankenverloren seine Holzperlenkette mit
chtistlichem Kreuz durch die Finger gleiten lЧt, die Studentinnen und
Studenten mit ihrem BŸcherpaketen unter dem Arm, die der Station Helwan
University entgegenstreben, die Malocher, die auf der Fahrt nach Hause bereits
im Stehen zu schlafen scheinen, junge MŠnner, die es nicht mŸde werden, sich
die neuesten Klingeltšne ihrer neu erworbenen Handys vorzuspielen, junge Frauen,
die trotz hiesiger Kleidungskonventionen es auf 1001 Art schaffen, ungemein
sexy daher zu kommen. Und wie bei den 1001 Farbnuancen eines Regenbogens gibt
es in der Unterwelt Kairos genauso wie Ÿber Tage alle Facetten, die dazwischen
liegen.
Ein Bettler
betritt den Waggon. Eine wei§e Binde Ÿber dem linken Auge, der Kopf ist mit
schmutzigen VerbŠnden verunstaltet. Er trŠgt eine schmuddelige Galabeya. Ein
Bettler, wie aus dem Bilderbuch. Eine der fŸnf SŠulen des muslimischen
Glaubenbekentnisses besteht in der Verpflichtung, den Armen Almosen zu geben.
Ein letztlich auch uns EuropŠern gelŠufiger sozialer Gedanke, der schlicht
darin besteht, dass Eigentum nun mal zu sozialer Mitverantwortung verpflichtet.
FŸr die €rmsten
der Armen ist der Spottpreis von 1 LE fŸr den Eintritt in die Unterwelt Kairos
oft eine wohl kalkulierte Investition. ãEnta kwaiesÒ – ãDu bist gutÒ
appelliert der versehrte Bettler an die Gutherzigkeit seiner wohlhabenderen
Mitmenschen im Abteil. Diesmal geben sie nichts. Offenbar ist die Aufmachung
unseres Mitfahrgastes zu offensichtlich. An der nŠchsten Haltestelle verlŠsst
er das Abteil und steigt in das nŠchste ein, um sein GlŸck dort zu versuchen.
Betteln scheint
hierzulande weitgehend verpšnt. Immer mal wieder kann man Aufrufe lesen, die
dazu auffordern, Bettlern keine Almosen zu geben, weil dies unislamisch sei.
Wegen funktionierender staatlicher Sozialsysteme sei das Betteln letztlich
reine Abzocke, wird argumentiert. Wie auch immer geartete Dienstleistungen
anzubieten, ist deshalb eine andere Methode, die U-Bahnfahrt zum Gelderwerb zu
nutzen.
An der nŠchsten
Haltestelle steigt eine alte Frau zu. Sie bietet PŠckchen mit
PapiertaschentŸchern an. Man kann sie fŸr etwa 50 Piaster in jedem Supermarkt
kaufen. Hier in Kairos Unterwelt kosten sie ebenso wie Ÿber Tage 1 LE. Immerhin
eine Gewinnmarge von 100%, fŸr den sich die Investition fŸr eine Fahrkarte
durchaus lohnen mag. Die PapiertaschentŸcher finden denn auch schnell ihre
Abnehmer. Und oft genug beobachte ich, dass nur der Geldschein seinen Besitzer
wechselt. Das muslimische Sozialsystem funktioniert also. So oder so.
Vor einer
anderen Methode des Gelderwerbs in Kairos Unterwelt wird in ReisefŸhrern immer
wieder gern gewarnt: Dem Taschendiebstahl. Und in der Tat, die drangvolle Enge,
die zu Sto§zeiten in den Waggons herrscht, muss auf Taschendiebe anziehend wie
ein El Dorado wirken. Denkt man. TatsŠchlich ist die KriminalitŠtsrate fŸr eine
Stadt der Grš§enordnung Kairos aber eher gering. Die Chance, Opfer eines
Taschendiebs in Kairos Metro zu werden, ist sicherlich nicht grš§er als in
Paris, Berlin, New York oder sonstwo auf der Welt. Wahrscheinlich sogar eher
geringer.
Wer einmal einen
Taschendiebstahl am eigenen Leibe miterlebt hat, und ich kann da aus eigener
leidvoller Erfahrung –wenn auch nicht gerade in der U-Bahn- durchaus
mitreden, wird schnell begreifen, dass diese Leute ihr Handwerk geradezu
meisterhaft verstehen. Sie benštigen Menschenansammlungen, wie die in den
U-Bahnwaggons wŠhrend der rush hour, nicht um erfolgreich ihrer Arbeit
nachgehen zu kšnnen. Ein kurzes heftiges Anrempeln verbunden mit einem
schnellen geŸbten Griff nach der Geldbšrse, ein wirkungsvolles
Ablenkungsmanšver eines zweiten Mannes und schon ist es passiert, ohne dass man
Ÿberhaupt bemerkt hŠtte, dass man gerade Opfer eines eingespielten Teams von
Taschendieben geworden ist. Effizienten Schutz vor derartigen Misslichkeiten
des Lebens gibt es wohl nicht, au§er man lŠsst die wirklich wertvollen Dinge
eben zu Hause.
Auf ihrem Weg
nach Helwan verlŠsst die Linie 1 schon zwei Stationen nach Sadat Station bei
der Station El Malik Al Saleh die unterirdische StreckenfŸhrung und setzt ihre
Fahrt Ÿber Tage fort. Die U-Bahn mutiert hier wieder zum Vorortzug, aus dem sie
letztlich auch entstanden ist.
Lediglich die StreckenfŸhrung im Innenstadtbereich zwischen den
Stationen Mubarak im Norden und Sayeda Zeinab in sŸdlicher Richtung verlŠuft
unterirdisch. Dieses im September 1987 eršffnete TeilstŸck im Herzen Kairos
verband die bis dahin existierenden Zugverbindungen nach El Marq im Norden und
der immerhin in entgegegesetzter Richtung seit 1877 bestehenden
Eisenbahnverbindung nach Helwan. Es machte aus den VorortzŸgen die heutige
U-Bahnlinie 1.
Meine kleine
Reise nach Helwan wird so zu einer wenn auch eher unspektakulŠren Sight Seeing
Tour. HŠuserzeilen reihen sich an HŠuserzeilen, Blicke auf Hinterhšfe,
Kaffeestuben und kleine
GemŸsemŠrkte eršffnen sich. Irgendwann rei§t die Bebauung ab, WŸstenlandschaft
mit Industriestandorten ziehen vorbei. Die Studentinnen und Studenten verlassen
den Zug an der Station Helwan University. Dann ist der Kopfbahnhof von Helwan
erreicht. Endstation. Die ZŸge verschnaufen hier eine Weile, bevor sie die
RŸckfahrt nach El Marq antreten.
Das Ende der
Linie 1 mŸndet auf einem dieser bunten, quirligen MŠrkte €gyptens, in denen fŸr
fast Alles gesorgt ist, was der Mensch so im Alltag benštigt: Obst und GemŸse,
Prepaid Karten fŸr das Handy, GewŸrze, Fleischwaren, BŸcher und Zeitschriften,
preiswerte Schuhe, Kleidung und vieles mehr. Und es gibt etwas zu bestaunen,
von dem ich dachte, dass es lŠngst der Vergangenheit angehšrt: Eine Frau
verkauft nichts anderes als flŸchtigen Rauch: Weihrauch. Ihre Dienstleistung
besteht im Schwenken eines qualmenden WeihrauchgefЧes Ÿber z. B. einem
Verkaufsstand mit dekorativ, pyramidenfšrmig aufgestapelten Orangen. Als
Entgelt wechselt ein kleiner Piasterschein den Besitzer.