Bernd Sandmann
Kennen Sie Umm
Kulthum?
Ein Portrait der Šgyptischen
SŠngerin
ãStellen Sie sich eine SŠngerin
mit der MusikalitŠt und stimmlichen VirtuositŠt Ella Fitzgeralds vor und
eine Frau mit dem politischen Engagement und Sendungsbewusstsein einer Eleanor
Roosevelt. Verbinden Sie beides mit der PopularitŠt Elvis Presleys und Sie
haben Umm Kulthum, die talentierteste und nicht nur im Mittleren Osten am
meisten verehrte KŸnstlerin ihrer Zeit.Ò So beschreibt die US-Amerikanerin
Virginia Danielson in ihrer 1997 veršffentlichten Biografie die gro§e
Šgyptische SŠngerin mehr als 20 Jahre nach deren Tod im Jahre 1975.
Und tatsŠchlich zŠhlt Umm Kulthum bis heute zu
den bekanntesten und beliebtesten SŠngerinnen des gesamten arabischen
Sprachraums. Es gibt wohl kaum ein MusikgeschŠft in Kairo, das nicht auch heute
noch ein breites Sortiment von Umm Kulthum Aufnahmen im Angebot hŠtte, und kaum
einen €gypter, der, auf die Šgyptische KŸnstlerin angesprochen, nicht ins
SchwŠrmen geriete.
Geradezu sprichwšrtlich waren zu ihren Lebzeiten
ihre wšchentlichen Konzerte, die im Radio und spŠter im Fernsehen Ÿbertragen
wurden, und die in vielen arabischen StŠdten das šffentliche Leben vollstŠndig
lahm legten. Sie war und ist bis heute mehr als eine begnadete Musikerin: Im Verlaufe
ihrer Karriere wurde sie ãdie Stimme und das Antlitz €gyptensÒ, ãder leuchtende
Stern am musikalischen Firmament ArabiensÒ genannt, um nur einige der Superlative
zu nennen, mit denen sie wŠhrend ihrer insgesamt Ÿber 60 Jahre wŠhrenden BŸhnenprŠsenz
bedacht wurde.
Wer war nun dieses ãNationalsymbol €gyptensÒ, diese
ãBotschafterin arabischen KunstschaffensÒ Umm Kulthum?
Geboren um 1900 im Nildelta in einem kleinen
Dšrfchen namens Tammay al Zahayra, wuchs sie in sehr einfachen und Šrmlichen
VerhŠltnissen auf. Ihr genaues Geburtsdatum ist unbekannt. Die Angaben
schwanken zwischen dem 30. Dezember 1898 und dem 4. Mai 1904. Ihr Geburtsort
zŠhlte damals gerade einmal 278 HŠuser und 1.665 Einwohner. †ber ihr Heimatdorf
sagte sie selbst rŸckblickend:
ãEs war ein kleines
bescheidenes Dšrfchen. Das hšchste GebŠude im Ort war kaum hšher als zwei
Stockwerke. Es gab nur eine einzige breite Stra§e. Es passierte nicht gerade
viel Bemerkenswertes in Tammay al Zahayra. Ich sang hin und wieder in den Nachbardšrfern.
Aber auch dort war praktisch nicht viel los. Als junges MŠdchen erschien mir
deshalb die nŠchste Provinzhauptstadt Al Sinbillawayn als die grš§te und interessanteste
Stadt der Welt. Ich war begierig nach Neuigkeiten von dort, gerade so wie man
heute gespannt ist auf Nachrichten aus New York, London oder Paris.Ò
Im Alter von fŸnf Jahren wurde Umm Kulthum zusammen
mit ihrem ein Jahr Šlteren Bruder Khalid in der Koranschule ihres
Heimatdorfes eingeschult. Nach dem Tod ihres Lehrers mussten die beiden Kinder
in die Koranschule eines mehrere Kilometer entfernten Nachbardorfes wechseln,
wo sie drei Jahre blieben. Hier lernten sie die Grundlagen des Korans kennen
und GrundzŸge des Lesens und Schreibens in der arabischen Hochsprache.

Ihr Vater, Shaykh Ibrahim al-Sayyid al-Baltaji, arbeitete als
Imam in der šrtlichen Dorfmoschee. Um sein schmales Gehalt aufzubessern, trat
er in seiner Freizeit als SŠnger religišser Lieder bei Hochzeiten und anderen
Familienfesten im eigenen und den benachbarten Dšrfern auf. Begleitet wurde er
dabei hŠufig von Umm Kulthums Šlterem Bruder Khalid.
Das MŠdchen hšrte immer aufmerksam zu, wenn ihr
Vater den Bruder auf diese Auftritte vorbereitete, lernte dabei Liedtexte und
Melodien rasch auswendig und sang sie dann sich selbst vor. Offenbar war ihr
Vater von ihrer raschen Auffassungsgabe, ihrer MusikalitŠt und ihrer kraftvollen
Stimme beeindruckt. Fortan musste die Tochter jedenfalls mithelfen, das knappe
Familieneinkommen aufzu-bessern.
Mit etwa neun Jahren begann sie erstmals, šffentlich
zusammen mit dem Vater und dem Bruder Koranrezitationen und religišse Lieder in
der nachbarlichen Dorfprovinz anlŠsslich von Familienfesten vorzutragen. Bei
derartigen Auftritten war sie stets als Junge verkleidet. SpŠter erzŠhlte sie
Ÿber diese Zeit ihres Lebens:
ãMein Vater
war ein sehr glŠubiger und die Prinzipien des Koran treu befolgender Mann. Er
ertrug es einfach nicht, dass seine Tochter in aller …ffentlichkeit vor fremden
MŠnnern singen sollte. Aber mein Gesang und der zusŠtzliche Verdienst, den er einbrachte,
halfen der Familie finanziell zu Ÿberleben. Also steckte er mich in
Jungenkleidung. Und auf diese Weise sang ich viele Jahre bei šffentlichen
Auftritten. Ich glaube, damit wollte mein Vater nicht nur das Publikum, sondern
vor allem auch sich selbst davon Ÿberzeugen, dass da ein Junge auf der BŸhne
stand und nicht die junge Frau, die ich in Wirklichkeit war.Ò
Wegen ihres Alters und ihrer auffallend klangvollen
Stimme wurde sie schon als Kind zu einer Art Attraktion. Mit steigendem
Bekanntheitsgrad vermehrten sich die AuftrŠge und mit ihnen stiegen die Gagen.
Um 1920 tourte das Familienunternehmen des Shaykh Ibrahim in vom Heimatdorf
immer weiter entfernten Orten des Nildeltas, und die Honorare kletterten auf
die damals sehr respektable Summe von zehn britischen Pfund fŸr einen
Konzertabend. Wohlmeinende Zuhšrer ermunterten Umm Kulthum und ihren Vater nach
Kairo zu gehen, um dort Karriere zu machen. Nach anfŠnglichem Zšgern entschloss
sich die Familie schlie§lich um 1923 das Wagnis einzugehen und siedelte nach
Kairo Ÿber.
Kairo war zu jener Zeit nicht einfach nur eine
arabische Metropole auf dem afrikanischen Kontinent, sondern vor allem ein
kulturelles Zentrum, von dem richtungweisende Impulse fŸr den gesamten
arabischen Raum ausgingen. Die Stellung €gyptens und insbesondere Kairos als
dessen kultureller Mittelpunkt innerhalb Arabiens lŠsst sich wohl am Besten mit
der New Yorks fŸr die westliche Welt vergleichen. Hier in Kairo fanden im 20.
Jahrhundert die musikalischen und politischen SchlŸsselerlebnisse statt, die
ma§geblich die Entwicklung der modernen arabischen Musik bestimmt haben.
In den drei§iger und vierziger Jahren herrschte am
Hofe Kšnig Faruks noch ein Kunsttreiben wie an den europŠischen Hšfen des 18.
und 19. Jahrhunderts. Aus der gesamten arabischen Welt kamen SŠnger und
Instrumentalisten na
ch Kairo, um dort am glanzvollen Musikleben teilzunehmen.
Und es waren eben oft auch einfache Menschen, die vom Glanze Kairos angezogen
die eigene lŠndliche, traditionelle Musik ihrer Heimatdšrfer wie in einem
gro§en Schmelztiegel in die KlŠnge der Gro§stadt mischten.
Im Kairo dieser Zeit musste Umm Kulthum die
Erfahrung machen, dass es fŸr eine kŸnstlerische Karriere nicht ausreicht, nur
mit einem gro§en Talent gesegnet zu sein. Das musikalisch verwšhnte
Stadtpublikum sah in ihr nichts anderes als eine unausgebildete SŠngerin vom Lande,
der es an stimmlichen Feinheiten und einem virtuosen Spiel ihrer Stimme mit
melodischen Nuancen mangelte, die fŸr die Šgyptische Musik typisch und daher
unverzichtbar sind. Ihr Stil wirkte deshalb altmodisch. Ihr selbst fehlten
jeder Schliff und Glamour.
In den ersten Jahren ihrer †bersiedlung nach
Kairo unternahm sie deshalb gro§e Anstrengungen, um diesem Eindruck entgegenzuwirken.
Sie studierte Gesang bei vielen namhaften Musikern, die der Vater ihr finanzieren
musste. Sie nahm Unterricht bei dem berŸhmten Dichter Ahmad Rami, der sie in
Poesie und arabischer Literatur unterwies, und von dem es hei§t, dass er
zeitweise ihr Liebhaber wurde. Der bekannte Komponist und SŠnger al
Shayk Abu al ila Muhammed wurde ihr wichtigster Mentor und Lehrer.
AllmŠhlich begann sie unter dem Einfluss dieser
Ausbildung ihr Repertoire zu verfeinern und zu erneuern. Sie begann,
neue Arrangements fŸr ihre Lieder auszuarbeiten und lie§ sich anders als
bisher ausschlie§lich instrumental begleiten. Als man ihr immer šfter bedeutete,
sie werde mit der musikalischen Begleitung durch ihre Familienmitglieder auf
Dauer keinen Erfolg in Kairo haben, engagierte sie 1926 kurz entschlossen eine
Reihe professioneller SŠnger und Instrumentalisten und nahm zusŠtzlich eigens
fŸr sie komponierte romantische Liebeslieder in ihr Repertoire auf.
Dieses bestand nun aus einer Mischung aus Ÿberlieferten
religišsen Liedern, so wie sie sie von ihrem Vater erlernt hatte, und einer
Reihe ãprofanerÒ moderner Songs, was in der arabischen Musikwelt zunŠchst einmal
nichts Ungewšhnliches war. Denn anders als in der westlichen Welt waren in der
islamischen Welt religišse und weltliche Musik nicht streng voneinander
getrennt. Viele der gro§en arabischen SŠnger erhielten zunŠchst eine profunde
Ausbildung in der Kunst der Koranrezitation, bevor sie sich der weltlichen
Musik zuwandten. Solch ein musikalischer Hintergrund wurde als ma§geblich fŸr
die in der arabischen Welt so geschŠtzte Sprachgewandtheit angesehen und war
eine Grundvoraussetzung fŸr eine grenzŸberschreitende PopularitŠt.
Dem Kairener Publikum jedenfalls gefiel diese neue
Mischung. Umm Kuthum gelang mit diesen €nderungen ihres Repertoires der endgŸltige
Durchbruch. Bereits 1928 gehšrte sie zu den fŸhrenden SŠngerinnen des Landes.
€gyptens beste Komponisten und Liedtexter begannen
nun fŸr sie zu schreiben. WŠhrend der drei§iger Jahre verŠnderte sich ihr
musikalischer Stil in der eingeschlagenen Richtung weiter. Sie begann ihren
eigenen unverwechselbaren Stil zu prŠgen, der zunehmend auch die sich entwickelnde
Popularmusik €gyptens beeinflusste. Sie arbeitete weiterhin intensiv mit dem
berŸhmten romantischen Dichter Ahmad Rami sowie dem Komponisten Muhamad al
Qsabij zusammen. Vor Allem durch die Zusammenarbeit mit Muhamad al Qsabij
entstanden neue musikalische Impulse. Qsabij verwendete in seinen Kompositionen
zunehmend Anleihen an europŠische MelodiefŸhrungen und Harmonien. Er erweiterte
au§erdem das Orchester um europŠische Instrumente, wie Cello und Kontrabass.
Ihre erste Tournee au§erhalb €gyptens fŸhrte sie
1932 nach Damaskus, Bagdad, Beirut und Tripolis, wo sie von Beginn an
stŸrmisch gefeiert wurde. Die EinfŸhrung des Rundfunks in €gypten war ein
weiterer wichtiger Meilenstein ihrer Karriere. 1934 begann der Šgyptische
Rundfunk auf Kurzwelle erstmals Ÿberregionale Sendungen auszustrahlen. Umm
Kulthum erhielt als erste arabische SŠngerin einen eigenen festen Sendeplatz
und gab fortan 30 Jahre lang jeden Donnerstag Ÿber Kurzwelle ein šffentliches
Rundfunkkonzert. SpŠter, mit der Verbreitung des Fernsehens in €gypten, wurden
diese wšchentlichen Konzerte ab 1964 auch live gesendet. Die K
onzerte konnten
in allen arabischen LŠndern empfangen werden. Sie wurden legendŠr, da sie
die Massen derart in ihren Bann zogen, dass die Menschen Alles um sich herum
verga§en, Alles stehen und liegen lie§en und das gesamte šffentliche Leben dadurch
praktisch lahm gelegt war.
Hunderttausenden Menschen im arabischen Sprachraum
waren Umm Kulthum und ihre Musik von nun an ein Begriff, ohne dass die meisten
davon sie jemals live gesehen, geschweige denn nŠher gekannt hŠtten. Sie
nutzte Radiointerviews, um sich auch persšnlich ihren ungezŠhlten Zuhšrern
Ÿberall in der arabischen Welt nŠher zu bringen. Auf diese Weise gab sie ihren
Fans das GefŸhl, ihre TrŠume und SehnsŸchte, aber auch ihre alltŠglichen Sorgen
und Nšte zu kennen, ihnen nahe und
ganz einfach eine von ihnen zu sein.
1935 begann eine kurze Kinokarriere. Es war zwar nur
ein vorŸbergehendes Engagement im FilmgeschŠft – es entstanden etwa eine
Handvoll populŠrer Musikfilme, in denen sie in der Hauptrolle zu sehen war
– ein Engagement aber, das ihre eigene PopularitŠt zusŠtzlich ungemein
fšrderte.
Die folgenden vierziger und fŸnfziger Jahre gelten
als ihre ãGoldenen Jahre.Ò Es waren die erfolgreichsten ihrer kŸnstlerischen
Karriere. Nach anfŠnglichen schlechten Erfahrungen mit der Presse in den
drei§iger Jahren begann sie ihre …ffentlichkeitsarbeit selbst in die Hand zu
nehmen. Journalisten hatten es fortan schwer, mit ihr in Kontakt zu
kommen. Sie lie§ nur noch einen kleinen, handverlesenen Kreis von
Medienvertretern zu sich vordringen, denen sie diktierte, was von ihr veršffentlicht
werden durfte. Sie bestimmte die Themen, Ÿber die Reporter mit ihr sprechen durften.
Und ausschlie§lich sie versorgte die Medienvertreter mit sorgfŠltig
ausgearbeiteten Stellungnahmen Ÿber ihre persšnlichen Meinungen und Ansichten
sowie Ÿber Neuigkeiten rund um die eigene Person. Ihr Privatleben blieb dabei
fast vollstŠndig ausgeblendet. Sie besa§ zudem einen sorgfŠltig ausgewŠhlten
engen Freundeskreis, der einen Šhnlichen Umgang mit den Medien pflegte. Ein
Freundeskreis, dem sie vertrauen konnte und von dem sie sich sicher war, dass
keine unerwŸnschten privaten Details šffentlich ausgeplaudert wurden.
Mit ihrem beruflichen Management hielt sie es
€hnlich. Durchaus ungewšhnlich fŸr eine Frau in der damaligen Zeit – und
das nicht nur in der arabischen Welt – gelang es ihr, sich weitgehend unabhŠngig
von Vermittlern, Agenten und Musikdirektoren aller Art zu machen. Ihre eigene
gro§e Erfahrung in der Musikbranche und nicht zuletzt auch ihre finanzielle
UnabhŠngigkeit ermšglichten es ihr, die Kontrolle Ÿber praktisch alle
Aspekte ihrer beruflichen Karriere zu Ÿbernehmen. Sie handelte die VertrŠge
Ÿber Konzerte und Schallplattenaufnahmen aus. Sie bestimmte, welche Musiker
sie bei ihren Auftritten und Aufnahmen begleiteten. Sogar bei Filmaufnahmen
nahm sie Einfluss auf die Auswahl der Schauspieler und manchmal selbst des
technischen Personals.
In den vierziger Jahren wurde sie Mitglied eines
Hšrerkomitees, das die Musik fŸr die Šgyptischen Radiosendungen aussuchte,
und man wŠhlte sie zur PrŠsidentin der Šgyptischen Musikervereinigung. Beide
Positionen ermšglichten es ihr, einen weit reichenden Einfluss auf das Musikgeschehen
im Lande zu nehmen. Dabei schŠtzte man ihre profunde Sachkenntnis. Sie war aber
auch bekannt und gefŸrchtet fŸr ihren scharfen, schneidenden Humor, mit dem sie
ihre Auffassungen und EinschŠtzungen oftmals begleitete.
Musikalisch gelang es ihr, den sich verŠndernden
Musikgeschmack ihrer Zuhšrer aufzunehmen, ohne dabei ihre eigenen
kŸnstlerischen Neigungen und †berzeugungen preiszugeben. In den frŸhen vierziger
Jahren Ÿbernahm sie Kompositionen des Komponisten Zakarya Ahmad und
Arbeiten des Dichters Bayram al Tunisi, die beide stilistisch
traditionellen Šgyptischen Kunstformen verbunden waren. Dies stellte einen
geradezu dramatischen Wandel gegenŸber dem aus
modernen romantischen Songs
bestehenden Repertoire der drei§iger Jahre dar. Das Ergebnis dieser Arbeit
traf weiterhin den Geschmack des Šgyptischen Publikums.
Ende der vierziger Jahre engagierte Umm Kulthum den
jungen Komponisten Riyad al Sunbati, dessen Arbeiten sich stilistisch grundlegend
von denen Zakaryas und Bayrams unterschieden. Es entstanden
neoklassizistische Lieder, die auf historischer arabischer Poesie und entsprechenden
musikalischen Stilistiken basierten. Die aus dieser Zusammenarbeit
resultierenden StŸcke wurden vom Publikum begeistert aufgenommen und entsprachen
zudem Umm Kulthums musikalischen und stilistischen Vorlieben.
Im Sommer 1946 setzten ihr ernsthafte
gesundheitliche Probleme zu. Die Symptome dieses Leidens, das erst sehr
viel spŠter als SchilddrŸsenerkrankung diagnostiziert wurde, und die damit
verbundene Sorge um ihre Stimme stŸrzten sie in eine tiefe Depression. Der Tod
ihrer Mutter 1947, mit der sie bis dahin in einem Haus gelebt hatte, versetzten
sie zusŠtzlich in tiefe Trauer. Es dauerte Jahre bis zu ihrer vollstŠndigen
Wiedergenesung.
WŠhrend des Zweiten Weltkrieges nutzten die
Alliierten ebenso wie die gegnerischen AchsenmŠchte die Verehrung, die den
lyrischen Texten und der Musik Umm Kulthums in der arabischen Welt
entgegengebracht wurden, fŸr eigene Propagandazwecke. Die PopularitŠt der SŠngerin
sollte helfen, Aufmerksamkeit fŸr die Radiopropaganda zu gewinnen, die damals
in den Mittleren Osten ausgestrahlt wurde. Im Musikteil der Sendungen gab es
daher ausschlie§lich Aufnahmen Umm Kulthums zu hšren. Diese Sendungen fšrderten
ihre PopularitŠt zusŠtzlich weit Ÿber die Grenzen €gyptens hinaus. Ende der
vierziger Jahre galt Umm Kulthum als die unangefochtene Vertreterin arabischer
Musik, sie war ãThe embassador of arabic musicÒ.
Wie viele ihrer Landsleute begr٤te Umm Kulthum die
Šgyptische Revolution 1952, die zur Absetzung Kšnig Faruks fŸhrte, mit
gro§em Enthusiasmus. Den Ideen des jungen Gamal Abdel Nasser fŸhlte sie
sich von Anfang an verbunden.
Zu jener Zeit war Šgyptisches Musikschaffen auf
einem Hšhepunkt angelangt. Alles, was aus €gypten und vor allem aus Kairo kam,
hatte einen gro§en Einfluss auf die Ÿbrige arabische Welt. Was in Kairo
Akzeptanz fand, hatte das gewisse Etwas und war in der restlichen arabischen
Welt schon so gut wie legitimiert. Der von Nasser propagierte Panarabismus
wirkte sich zusŠtzlich geradezu vitalisierend auf die Entwicklung und
Verbreitung Šgyptischer Musik aus. Die Idee eines einzigen gro§en arabischen
Staates breitete sich wie ein Lauffeuer in ganz Arabien aus und trug
Šgyptisches Kunstschaffen bis in den Libanon und Marokko.
Der Šgyptische Dialekt war Ÿberall gern gehšrt.
€gyptische Filme waren der Renner, Šgyptische Dichter eroberten die Herzen der
Menschen und Šgyptische Musik, ob Folklore, Popularmusik oder klassische
Kunstmusik erreichten eine immense PopularitŠt. Umm Kulthum sang nun patriotische
und politische Lieder mit ebensolchem Erfolg wie ihre Liebeslieder und
klassischen StŸcke. Daneben begann sie sich politisch zu engagieren, Reden zu
halten und ihre PopularitŠt und Beliebtheit in den Dienst Nassers und der
Revolution zu stellen. Zwischen beiden entwickelte sich eine enge Beziehung.
Umm Kulthum erlangte in jenen Jahren eine ganz besonders herausgehobene
Stellung neben dem jungen arabischen Helden Nasser, eine Position, die au§er
ihr kein anderer KŸnstler erreichte. Ihrer Stimme wurde eine ebenso gro§e Aufmerksamkeit zuteil, wie den Reden
des charismatischen Nasser.
Um die Hšrer an den RadioempfŠngern aller arabischen Staaten zu
erreichen, wurden wichtige politische Nachrichten unmittelbar vor den
wšchentlichen Radiokonzerten Umm Kulthums gesendet. Es hie§ in den fŸnfziger
Jahren, der Mittlere Osten habe zwei gro§e und einflussreiche FŸhrer
hervorgebracht, nŠmlich Gamal Abdel Nasser und Umm Kulthum. TatsŠchlich hatte
sie wohl etwas erreicht, was bislang keinem politischen FŸhrer gelungen war,
nŠmlich das ZusammengehšrigkeitsgefŸhl aller Araber im gesamten Mittleren Osten
zu stŠrken. Umm Kulthum wurde zum ãNationalsymbol €gyptensÒ und mit zahlreichen
Auszeichnungen und Orden sowie etlichen Ehrentiteln šffentlich geehrt.
In den fŸnfziger und sechziger Jahren nutzte sie
ihren Einfluss, um als FŸrsprecherin in zahlreichen Angelegenheiten
aufzutreten. Sie machte sich zur AnwŠltin arabischer Musik und arabischer
KŸnstler, indem sie die EinfŸhrung staatlicher UnterstŸtzungsma§nahmen zur
Fšrderung arabischen Kunstschaffens einforderte. Sie grŸndete eine WohltŠtigkeitseinrichtung
zur UnterstŸtzung hilfsbedŸrftiger Menschen.
Nach der Niederlage €gyptens im
Sechs-Tage-Krieg gegen Israel 1967 begann sie Konzerte im In- und Ausland zu
geben, um fŸr die UnterstŸtzung des unter den Kriegsfolgen leidenden Landes zu
werben. Diese Konzerttouren ins arabische Ausland gerieten zu StaatsempfŠngen.
Umm Kulthum wurde wie eine hohe politische ReprŠsentantin €gyptens empfangen
und von den jeweiligen arabischen StaatsmŠnnern hofiert. Vor allem dieser
persšnliche Einsatz fŸr ihr Land in einer Krisenzeit ist wohl im
kollektiven GedŠchtnis der €gypter noch bis heute erhalten geblieben.
Musikalisch wandte sie sich in den sechziger Jahren
stŠrker der Popularmusik zu. Es waren zahlreiche Liebeslieder, die die Herzen
ihrer Fans erreichten und ihr die ungebrochene Bewunderung und Verehrung ihrer
Zuhšrer sicherten. Hits wie das Ÿber die Grenzen der arabischen Welt bekannt
gewordene ãEnti OmreÒ (ãYou Are My LifeÒ) entstanden in dieser Zeit. Der
bekannte Komponist Muhamad al Wahab begleitete ab 1964 ma§geblich ihre kŸnstlerische
Arbeit Ÿber lange Jahre hinweg mit seinen Kompositionen.
Mit Beginn der siebziger Jahre verschlechterte sich
ihr Gesundheitszustand dramatisch. Ihre Augen wurden zunehmend
lichtempfindlicher. In ihren letzten Lebensjahren sah man sie deshalb in der
…ffentlichkeit nur noch mit dunkel getšnten Brillen. Nieren- und Gallenkoliken
zwangen sie, Konzerttermine zu verschieben. Sie konsultierte zahlreiche
Spezialisten in Kliniken der USA und Europa, wo sie mehrere Monate verbringen
musste.
Im Anschluss an eine derartige Zwangspause wurde sie
bei einem Konzert im Dezember 1972 mit einem halbstŸndigen stŸrmischen
Applaus empfangen. Wegen dieses frenetischen Beifalls musste sie zweimal die
Einleitung ihres Liedes ãLiebe der NachtÒ wiederholen. Nach einer Dreiviertelstunde
hatte sie gerade einmal die erste Strophe beendet und einmal wiederholt. Auch
nach dem Ende des Vortrags raste das Publikum vor Begeisterung. Es war ihr
letzter šffentlicher Auftritt. Das Lied ãHakam alayna al hawaÒ, das Umm Kulthum
im FrŸhjahr 1973 live prŠsentieren wollte, musste unter gro§en Schwierigkeiten
in einem Studio aufgenommen werden. Die Aufnahmen zogen sich Ÿber 12 Stunden
hinweg. Wegen ihres labilen Gesundheitszustandes musste die SŠngerin im Sitzen
auf einem Stuhl singen. Eine šffentliche Premiere des StŸcks fand nicht mehr
statt.
Im Januar 1975 erlitt Umm Kulthum eine letzte Nierenkolik, von der sie
sich nicht mehr erholen sollte. Derart gro§ war die Anteilnahme im
gesamten arabischen Raum, dass die Radio- und Fernsehstationen tŠglich Ÿber
ihren sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustand berichteten. Am
3. Februar 1975 versagte schlie§lich ihr Herz. Als die arabische Welt von ihrem
Tod erfuhr, lšste dies unter den Menschen eine tiefe Trauer aus.
Sie erhielt ein StaatsbegrŠbnis in der Ummar Makram
Moschee im Herzen Kairos. Zahlreiche hochrangige Politiker und namhafte
KŸnstler aus dem arabischen Raum hatten ihr Erscheinen angekŸndigt. Als die
Verantwortlichen realisierten, welche Ausma§e das BegrŠbnis annehmen
wŸrde, wurde der BegrŠbnistermin entgegen dem islamischen Brauch um zwei Tage
verschoben, um mehr Zeit fŸr die Vorbereitungen und die Einleitung der
erforderlichen Sicherheitsma§nahmen zur VerfŸgung zu haben. Mehr als vier
Millionen Trauernde sollen den Weg gesŠumt haben, den der Sarg von der Moschee
bis zum BegrŠbnisplatz nehmen sollte.
Trotz sorgfŠltigster Vorbereitungen verlief die
Zeremonie dann aber doch anders, als die Verantwortlichen dies geplant hatten.
Als der Sarg aus der Ummar Makram Moschee hinausgetragen wurde, wurde den dafŸr
vorgesehenen SargtrŠgern der Sarg mit dem Leichnam der gro§en KŸnstlerin
kurzerhand von den Schultern gehoben. Er nahm seinen weiteren Weg auf den
Schultern der Millionen trauernder €gypter durch die engen Gassen der Innenstadt
Kairos hindurch. †ber drei Stunden wurde der Sarg in immer neuen Windungen
durch die Stra§en und Gassen der verwinkelten Altstadt getragen und schlie§lich
in die Al Sayyid Husayn Moschee gebracht, von der man annahm, dass es Umm
Kulthums bevorzugte Moschee gewesen sei. Der Shaykh der Moschee wiederholte die
Totengebete Ÿber dem Leichnam der Verstorbenen und bat die Menge danach eindringlich,
die SŠngerin unverzŸglich zu ihrer letzten RuhestŠtte zu bringen: Umm Kulthum
sei eine glŠubige Muslima gewesen, deren Wunsch es sicher gewesen sei, in
†bereinstimmung mit den islamischen GebrŠuchen schnell begraben zu werden. Und
so geschah es dann auch.
Nachlese: An der SŸdspitze der Insel Rhoda in Kairo,
direkt gegenŸber dem Nilometer, wurde in den 90iger Jahren ein kleines Museum
zu Ehren der gro§en Tochter €gyptens errichtet. Ein Besuch lohnt sich. Kaum ein
Tourist verirrt sich an diesen beschaulichen Ort mitten im Herzen Kairos. TrŠge
flie§t der Nil dahin, Nilfischer in ihren Booten werfen die Netze aus, und von
fern hšrt man gedŠmpft den unablŠssigen VerkehrslŠrm Kairos. Es ist eine Oase
der Ruhe im lauten, hektischen Pulsschlag dieser Stadt, ein Ort, wie geschaffen
fŸr eine erste Begegnung mit der gro§en KŸnstlerin.
Der Besuch des Museums erinnert an einen Theater-
oder Kinobesuch. Schwere, dunkle SamtvorhŠnge am Eingang schlie§en sich
hinter dem Besucher, die wenigen AusstellungsrŠume sind in ein warmes
gedŠmpftes Licht getaucht. Die Exponate sind Ÿberschaubar: PrŠchtige
Abendroben, die die KŸnstlerin bei ihren Auftritten trug, verschiedene
Accessoires, darunter – ausgestellt wie eine Reliquie – eine diamantenbesetzte,
dunkel getšnte Damenbrille. Alte Schellackplatten, AufnahmegerŠte und
Grammophone sowie originale Manuskripte von Kompositionen und Liedtexten
sind zu besichtigen. Eine aufwŠndige Multimediashow an einer rund drei
Meter breiten Leinwand vermittelt dem Besucher EindrŸcke vom Leben und
Wirken der SŠngerin. Sehenswert, obwohl ausschlie§lich in arabischer Sprache,
ist ein aus dokumentarischem Filmmaterial zusammengestellter kurzer Videofilm,
der bei Bedarf in einem kleinen separaten VorfŸhrraum gezeigt wird.
Mehr als 300 Aufnahmen umfasst das gesamte, auf
TontrŠgern verewigte Werk der SŠngerin. Ihre Lieder handeln von Liebe, Patriotismus,
Natur und Religion. Die Texte sind teils in klassischem Arabisch und teils in
der Šgyptischen Umgangssprache verfasst. Die Melodien lassen westliche
EinflŸsse erkennen und sind ebenso klassischen arabischen Stilistiken
verbunden. Und obgleich viele ihrer Songs zu ganz bestimmten, lŠngst
vergessenen AnlŠssen entstanden sind, sind die meisten von ihnen heute noch so
populŠr, wie am Tag ihrer ersten AuffŸhrung.
Allein in €gypten werden auch heute noch jŠhrlich
rund 300.000 TontrŠger mit ihren Liedern verkauft. Mehr als 30 Jahre nach dem
Tod der Legende Umm Kulthum berŸhrt ihre Stimme noch immer die Herzen von
Millionen Menschen in Nordafrika und dem Mittleren Osten.
Noch
zu ihren Lebzeiten sagte man, ãZwei Dinge in €gypten werden niemals vergehen:
Die Pyramiden von Gizeh und die Stimme von Umm KulthumÒ.
Biografien:
Gabriele Braune: Umm Kultum: EinZeitalter der Musik in €gypten. Lang, Frankfurt 1994
ISBN 3631471459
Virginia Danielson: The Voice o Egypt – Umm Kulthum, Arabic Song and Egyptian Society in the Twentieth Century. University Press, Chicago 1997
ISBN 0226136116
Fotos: Google
http://biografien-news.blog.de/2005/12/13/umm_kulthum_der_singende_stern_des_orien~382833
http://almashriq.hiof.no/egypt/700/780/umKoulthoum/
http://www.al-bab.com/arab/music/kulthoum.htm
http://www.youtube.com/watch?v=O8Z_EZPw3yI
jeweils mit zahlreichen weiterfŸhrenden Links