Interview
mit Prof. Günter Dreyer
Direktor
des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo
von
Michael Haase
Michael Haase: Sehr
geehrter Herr Dreyer, als Direktor der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen
Instituts haben Sie mannigfaltige administrative, publizistische und
repräsentative Aufgaben zu erfüllen. Zudem leiten Sie seit vielen Jahren
umfangreiche Grabungen in Abydos – und nun auch in Sakkara. Sie sind also ein
vielbeschäftigter Mann, und es freut mich, dass Sie die Zeit für dieses
Interview gefunden haben. Wie gelingt es Ihnen, all diese Aspekte Ihrer
Tätigkeiten zu bewältigen? Und auf wie viele Mitarbeiter können Sie sich im DAI
Kairo stützen?
Günter Dreyer: Am
Institut sind fünf Wissenschaftler, eine Bibliothekarin, ein Fotograf, ein
Verwaltungsbeamter als entsandte Kräfte und eine Redaktionsassistentin mit
Zeitvertrag beschäftigt, dazu als Ortskräfte eine ägyptische und eine deutsche
Sekretärin, eine Telefonistin, ein Fotoassistent, drei Fahrer und weitere
Angestellte, die das Haus in Ordnung halten. Zu den einzelnen Unternehmungen
kommen dann jeweils noch Architekten, Zeichner, Restauratoren und andere
Spezialisten sowie Studenten und natürlich die ägyptischen Grabungsarbeiter.
Angesichts der ungeheuren Fülle an
Denkmälern in Ägypten und ihrer zunehmenden Gefährdung durch steigendes Grundwasser,
Bauboom und Landgewinnung würden wir eigentlich gern viel mehr tun als unsere
Finanz- und Personaldecke erlaubt. Letztlich sind wir in einem Wettlauf mit der
Zeit, den wir gar nicht gewinnen können.
Michael Haase: Bevor
wir zu Detailfragen kommen, geben Sie mir bitte einen kurzen Überblick über die
derzeitigen Aktivitäten des DAI Kairo in Ägypten?
Günter Dreyer: Beginnen
wir im Süden mit der Stadtgrabung Elephantine, die zusammen mit dem Schweizer
Institut durchgeführt wird. Nach über 30 Jahren intensiver Grabungstätigkeit
und Restaurierung liegt dort der Schwerpunkt auf der weiteren Bearbeitung und
Veröffentlichung der Ergebnisse. 18 Bände sind bereits erschienen, etwa ebenso
viele sollen noch folgen.
In Theben-West werden in Dra’ Abu
el-Naga Privat- und Königsgräber der 2. Zwischenzeit und des frühen Neuen
Reiches sowie in Zusammenarbeit mit der Universität München eine frühchristliche
Klosteranlage untersucht. Außerdem unterstützt das Institut die von den
Freunden der Memnonskolosse getragene Grabung im Totentempel Amenophis’ III.,
wo unlängst wieder aufsehenerregende Statuenfunde gemacht wurden.
In Abydos sind wir seit über 25
Jahren im frühzeitlichen Königsfriedhof tätig und arbeiten derzeit an den
Gräbern des Semerchet und des Djer.
In Dahschur werden Untersuchungen
zu den Pyramidenanlagen des Snofru durchgeführt, in Sakkara wird das Grab des
Königs Ninetjer aufgenommen, in Heliopolis sind wir an Grabungen des Antikendienstes
im Tempelbezirk beteiligt und in Maadi werden prädynastische Funde aus älteren
Grabungen bearbeitet.
Einen neuen Schwerpunkt bildet die
Grabung in Buto, der alten Hauptstadt des Deltas, über dessen Frühgeschichte
noch sehr wenig bekannt ist.
Im frühchristlichen
Wallfahrtszentrum Abu Mina westlich von Alexandria werden nach Abschluss der
Arbeiten an den Kirchen jetzt Pilgerunterkünfte untersucht und weit in der
westlichen Wüste in der Oase Siwa die Akropolis von Aghurmi, auf der sich auch
der durch den Besuch Alexanders des Großen berühmt gewordene Orakeltempel befindet.
Michael Haase: Wie
läuft die Zusammenarbeit des DAI Kairo mit der ägyptischen Antikenverwaltung
und den inländischen Behörden allgemein?
Günter Dreyer: Im
allgemeinen ist die Zusammenarbeit sehr gut, ich will aber nicht verhehlen,
dass wir nicht mit allen Entscheidungen des Antikendienstes in gleichem Maße
glücklich sind. Hier und da ist die Bürokratie, die in Ägypten seit ihren
Anfängen vor 5500 Jahren nicht unerheblich weiterentwickelt worden ist, etwas
mühsam. Aber auch als Deutscher ist man ja einiges gewöhnt.
Michael Haase: Als im
Ausland operierendes deutsches Institut finanzieren Sie Ihre Arbeiten in
Ägypten in der Regel aus Steuermitteln. Gibt es auch noch andere Geldquellen,
deren Mittel Sie für Grabungen oder andere Aktivitäten des DAI Kairo verwenden
können?
Günter Dreyer: Das DAI
gehört zum Außenministerium und aus dessen Etat kommt auch unser Haushalt, der
in den letzten Jahren allerdings stark reduziert worden ist. Ganz wesentliche
Unterstützung bekommen wir von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ohne die
wir viele Projekte gar nicht durchführen könnten. Wichtig sind auch die immer
wieder gewährten Beihilfen von Seiten der Gesellschaft der Freunde des DAI
(Theodor Wiegand Gesellschaft) sowie (Teil-)Finanzierungen von kleineren
Forschungsvorhaben durch private Stiftungen, wie etwa der
Gerda-Henkel-Stiftung, und nicht zuletzt Spenden von Firmen und Privatpersonen,
mit denen wir manche Löcher stopfen können. Lassen Sie mich bei dieser
Gelegenheit gleich unser Spendenkonto nennen: Bundeskasse Berlin, Konto
10001007, (BLZ 10000000), Verwendungszweck 013201 DAI Kairo.
Auch kleine Beträge sind
hilfreich!
Michael Haase: Die
Abteilung Kairo hat im Rahmen des international agierenden DAI eine Homepage
(www.dainst.org/abteilung_265_de.html), auf der alle wissenswerten Informationen
zu Ihren Tätigkeiten abrufbar sind. Sie selbst waren auf der letzten SÄK im
Jahr 2005 in Tübingen und haben einen Vortrag über die Arbeiten des DAI in
Ägypten gehalten. Wie sehen über das Jahr verteilt die repräsentativen und
dokumentarischen Aufgaben eines Direktors des DAI und seiner Mitarbeiter aus?
Günter Dreyer: Die
eigentliche Feldarbeit macht leider nur noch einen geringen Teil der Tätigkeit
aus. Jede Unternehmung erfordert langfristige Planung, Antragstellung, organisatorische
Vorbereitung, und nach der Durchführung müssen die Abrechnung und jede Menge
Berichte erstellt werden, bevor man zur eigentlichen Auswertung oder gar Veröffentlichung
kommt.
Zunehmend
ist auch mehr Öffentlichkeitsarbeit gefragt, dazu gehören die Betreuung von
Fernsehteams, Journalisten, offiziellen Besuchern, Vorträge und die Beantwortung
von Anfragen aller Art (die manchmal wirklich nicht zu bewältigen sind) usw. Es
gibt zahlreiche Veranstaltungen und Empfänge, bei denen man erscheinen muss –
manchmal ist es ja interessant, aber oft denkt man auch: Oh je, schon wieder
ein »event«! Und würde lieber an einem längst fälligen Aufsatz arbeiten.
Michael Haase: Kommen
wir nun zu Ihren Grabungen in Umm el-Qaab in Abydos, dem »Mekka des Alten
Ägypten«, wie auf der Homepage des DAI zu lesen ist. Sie arbeiten dort seit
1977 am prädynastischen Friedhof U sowie an den Königsgräbern der 1. und 2. Dynastie.
Können Sie einen Überblick über die Aufgabenstellungen, Methoden und Zielsetzungen
der bisherigen Kampagnen geben?
Günter Dreyer: Der
Friedhof ist bereits vor ca. 100 Jahren zweimal ausgegraben worden, 1895–98 von
Émile Amèlineau und 1899–1900 von Flinders Petrie; einige Bereiche wurden dann
1909–10 nochmals von Édouard Naville untersucht. Die alten Grabungsberichte ließen
aber zahlreiche Fragen offen, z. B. die Zuordnung der spät-vordynastischen
Gräber im Abschnitt B, zum anderen wollten wir verstehen, warum die Gräber so
aussehen wie sie aussehen, welche Ideen hinter der ganz unterschiedlichen
Architektur stehen.
Bei vielen Gräbern wurden
erhebliche Abweichungen von den alten Plänen festgestellt, auch übersehene oder
nicht vollständig geleerte Kammern entdeckt. Erst die ziegelgerechte Aufnahme
ermöglichte es zudem, Bauphasen zu erkennen, in denen die Gräber umgebaut und
erweitert wurden. Gerade solche Veränderungen geben oft wesentliche Anhaltspunkte
für die Interpretation. So wurde z. B. erkennbar, dass Aha zunächst nur ein
Zweikammergrab in der Tradition der letzten prädynastischen Herrscher angelegt
hat, das dann in zwei Baustufen um mehrere große Kammern und Nebengräber zum
ersten monumental zu nennenden Grabkomplex erweitert wurde, oder dass das Grab
des Chasechemui in der 1. Stufe dem des Vorgängers Peribsen ganz ähnlich war
und einen Hausgrundriss nachahmt.
Im Laufe der Untersuchungen
stellte sich auch heraus, dass in den enormen Schutthalden noch ein Großteil
der Ausstattung zu finden ist. Die früheren Ausgräber haben zumeist nur die
Gräber selbst freigelegt, die aber schon in altägyptischer Zeit beraubt und im
Mittleren Reich sogar regelrecht ausgegraben worden sind, als man das Grab des
Osiris suchte und allenthalben Kultplätze einrichtete.
Dabei ist sehr viel von den
Beigaben weit verstreut worden; auf der alten Wüstenoberfläche gibt es auch
zahlreiche Deponierungen von alten und neuen Opfergaben, die im Zusammenhang
mit dem Osiris-Kult angelegt wurden und Aufschluss über die späteren
Kultaktivitäten geben, die für Ägypten von zentraler Bedeutung waren.
Um alles Material zu erfassen,
müssen die überall anstehenden enormen Schutthalden durchsiebt werden; das sind
Hunderttausende von Kubikmetern, und allenthalben muss die alte Wüstenoberfläche
freigelegt und gereinigt werden, damit nichts übersehen wird.
Michael Haase: Was
waren die wichtigsten Forschungsergebnisse in der Nekropole U? Welche Bedeutung
hat für Sie die Grabanlage U-j?
Günter Dreyer: In der
früheren Naqadazeit war der Friedhof U ein ganz normaler Begräbnisplatz, auch
wenn aus einigen Gräbern besondere Beigaben zu nennen sind, z. B. mehrere
dekorierte Gefäße der sogenannten C-Ware, auf denen Jagdszenen und die Vorführung
unterworfener Feinde dargestellt sind.
Ab Naqada IId war der Friedhof einer
Elite vorbehalten, die offenbar entscheidend an der Entwicklung Ägyptens zu
einem Staat beteiligt war. Auf den hohen Rang der Bestatteten lassen u. a.
dekorierte Messergriffe und andere Elfenbeinobjekte schließen; die Entstehung
einer Verwaltung wird durch Siegelabrollungen und erste Gefäßaufschriften bezeugt.
In der Stufe Naqada III sind die Gräber mit Ziegeln ausgemauert, werden dann in
mehrere Kammern unterteilt, und damit kommt auch die Idee des Grabes als Haus
auf. Importe von kanaanäischen Gefäßen lassen auf weitreichende Handelsbeziehungen
schließen.
Die Entdeckung des Grabes U-j war
wohl die größte Überraschung. Auch wenn es weitgehend ausgeraubt war, haben
sowohl die Architektur des Grabes, in dem neun der zwölf Kammern einen kleinen
Palast darstellen, wie vor allem die Schriftzeugnisse unser Bild der
vordynastischen Zeit völlig verändert. Man könnte sagen, damit ist die Grenze
zur prähistorischen Zeit um ca. 200 Jahre verschoben worden.
Michael Haase: Derzeit
arbeiten Sie am Grab des Königs Djer aus der 1. Dynastie. Können Sie hier
einiges zum Stand Ihrer Grabung und deren Ergebnissen sagen?
Günter Dreyer: Bisher
haben wir vom Grab des Djer nur die Oberkanten der Königskammer wieder
freilegen können. Dort sind allseitig noch Abschnitte vom Deckenverputz vorhanden.
Er liegt nur wenig tiefer als das umgebende Wüstenniveau. Anders als im Grab
des Nachfolgers Wadj gab es also noch keinen in der Grabgrube versteckten Tumulus.
Von der Holzdecke sind auch noch einige Balkenlöcher mit verkohlten Holzresten
erhalten. Darüber befanden sich Schilfmatten und zwei Ziegellagen als Deckschicht.
In den überlagernden Schutthalten
haben wir neben Keramik, Steingefäßen und zahlreichen Siegelabrollungen auch
einige sehr schöne Elfenbeinobjekte gefunden, z. B. eine Löwenfigur, die als
Spielstein diente. Weitere Funde zeigen, dass Djer einen Faible für die Jagd gehabt
zu haben scheint. Bei keinem anderen Grab sind so viele Pfeilspitzen in so unterschiedlichen
Formen und Materialien zutage gekommen – Elfenbein, Knochen, Flint, Quarz,
Obsidian, Karneol – und alle sind phantastisch gearbeitet.
Höchst interessant sind außerdem
einige Fragmente von einem gewaltigen Steinsarkophag. Auf einem Stück ist noch
eine ausgehackte Kartusche erhalten, in der aber das Re-Zeichen ausgespart
wurde, genauso wie bei den zerstörten Inschriften der Statue des auf einem Bett
ruhenden Osiris, die Amélineau in der Königskammer gefunden hat. Es liegt nahe,
dass der Sarkophag zu eben dieser Statue gehört.
Michael Haase: Warum
wurde Ihrer Meinung nach gerade das Grab des Djer zum symbolischen »Grab des Osiris«
umgebaut? Und wie muss man sich den Kultbetrieb an diesem Ort logistisch und
kultpraktisch vorstellen?
Günter Dreyer: Für die
Identifizierung des Grabes des Djer als das des Osiris war vielleicht die Ähnlichkeit
der Namen entscheidend, aber sicher wissen wir das nicht. Bis ins Neue Reich
scheint der Platz nur der Oberschicht zugänglich gewesen zu sein, es gibt dort
u. a. Deponierungen von Königen wie Tutanchamun und Sethos I. sowie hohen Beamten;
in der Spätzeit scheint der Platz ein Wallfahrtsort für alle Kreise der
Bevölkerung geworden zu sein. Davon zeugen vor allem die ungeheuren Mengen an
Keramik, insbesondere kleine Opferschalen (»qaab«), denen der Platz seinen
modernen Namen Umm el-Qaab (»Mutter der Tonschalen«) verdankt. Nach einer
groben Schätzung sind dort an die acht Millionen Gefäße niedergelegt worden.
Der Ansturm der Pilgerscharen dürfte einiges an Organisation erfordert haben,
vielleicht hat man deswegen auch an anderen Gräbern Kultstellen eingerichtet,
um allzu viel Gedränge am Grab des Djer zu vermeiden
Michael Haase: Gibt es
eigentlich topographische oder sonstige Gründe für die Lage und Positionierung
der einzelnen Friedhofsabschnitte in Umm el-Qaab? Und im Umfeld welcher
Grabanlagen erwarten Sie noch neue Befunde?
Günter Dreyer: Der
älteste Abschnitt der Nekropole, der Friedhof U, wurde auf einem kleinen
Plateau am Rande des Wadis angelegt, das in der Nähe des Siedlungsbereiches bei
den Talbezirken mündet. Als dieses Plateau voll belegt war, entwickelte sich
der Friedhof entlang des Wadis weiter nach Südwesten in Richtung auf den
Austritt des Wadis in den westlichen Bergen. Die eindrucksvolle Wadiöffnung
scheint eine besondere Rolle als Eingang zur Unterwelt gespielt zu haben und
war wohl auch Vorbild für das Tal der Könige, wo die Gräber innerhalb eines
Wadis in den Fels vorgetrieben wurden.
Neue Befunde sind praktisch im
Umfeld aller Gräber zutage gekommen, und es würde mich wundern, wenn das bei
den noch nicht freigelegten Gräbern des Adjib, der Merneith und des Wadj nicht
auch so wäre. Sowohl Amélineau wie auch Petrie haben ja jeweils nur die Gräber
selbst aufgedeckt, deren Inhalt aber durch Grabräuber und besonders die Grabungen
des Mittleren Reiches weit verstreut worden war. Besondere Erkenntnisse hinsichtlich
des Osiris-Kultes sind zudem bei der Freilegung des Grabkomplexes des Djer und
seiner engeren Umgebung zu erwarten.
Michael Haase: Was
können Sie heute aufgrund der Befunde am Grab des Chasechemui in Abydos über
den Oberbau dieser Grabanlage sagen?
Günter Dreyer: Für den
Oberbau haben wir nur indirekte Anhaltspunkte festgestellt, die aber doch recht
eindeutig sind. Die Mauern im Mittelabschnitt des Grabes sind durch eine besondere
Belastung auf etwa die Hälfte der ursprünglichen Höhe, aber die doppelte Breite
verquetscht. Im Bereich des Grabes kamen außerdem zahlreiche Steinblöcke
zutage, die ganz ähnliche Bearbeitungsspuren aufweisen wie die Auskleidung der
Königskammer, also sicher aus der Zeit des Chasechemui stammen. In der Königskammer
fehlt aber nichts, und auch sonst gibt es keine Stellen im Grab, woher diese
Steinblöcke stammen könnten, außer der Verkleidung eines tumulusartigen Oberbaus
über dem Mittelabschnitt, dessen Gewicht eben zur Verformung der Mauern führte.
Michael Haase: Ist das
Grabmal des Djoser in Sakkara die direkte und konsequente Weiterentwicklung der
Grabanlage des Chasechemui?
Günter Dreyer: Von
Chasechemui zu Djoser hat schon ein enormer qualitativer und quantitativer
Entwicklungssprung stattgefunden, insbesondere in der Umsetzung der bis dahin
in Ziegeln und Holz ausgeführten Bauten in Stein. Viele Elemente des
Djoser-Komplexes finden sich im Ansatz aber bereits bei Chasechemui, u. a. die
Versenkung der Grabkammer unter das Bodenniveau der anderen Kammern, ihre aus
der Mittelachse etwas nach Westen versetzte Lage und die Auskleidung mit Stein,
die erst in einer Umbauphase erfolgten. Manche Elemente lassen sich noch weiter
zurückverfolgen, so die Darstellung eines Palastes/Hauses in den unterirdischen
Kammern und der oberirdische Grabtumulus. Unter Chasechemui gab es dabei aber
Neuerungen, wie etwa die Dekoration mit Fayencekacheln und die Einfassung des
Oberbaus in Stein, die Djoser dann weiterentwickelte.
Zu
wesentlichen Veränderungen ist es meiner Meinung nach dadurch gekommen, dass
Djoser die bis dahin getrennten Teile Grab mit Tumulus und Talbezirk zusammengeführt
hat. Ich sehe darin auch den Anlass der Aufstockung der Mastaba zur Stufenmastaba/Pyramide:
Durch die auf den Talbezirk zurückgehende große Umfassungsmauer wurde der Tumulus,
der den für die Wiederauferstehung wichtigen Urhügel darstellt, verdeckt und
mußte daher erhöht werden.
Michael Haase: Wie sieht
es mit den vermuteten baulichen Aktivitäten von Chasechemui in Sakkara aus?
Glauben Sie, daß die »Gisr el-Mudir« diesem König zuzuordnen ist? Und wenn
nicht, mit was für einer Struktur haben wir es hier zu tun?
Günter Dreyer: Ich
glaube nicht, daß die »Gisr el-Mudir« etwas mit Chasechemui zu tun hat und
halte es auch für höchst unwahrscheinlich, dass er überhaupt eine Grabanlage in
Sakkara gebaut hat. Bei der »Gisr el-Mudir« und zwei ähnlichen Bezirken handelt
es sich vielleicht um Entsprechungen zu den sogenannten Talbezirken in Abydos,
die den Königsgräbern der 2. Dynastie zuzuordnen wären.
Michael Haase: Wie
erklären Sie sich aus historischer Sicht den Bruch der königlichen Belegungsgeschichte
in Umm el-Qaab in der 2. Dynastie?
Günter Dreyer: In der
2. Dynastie, über die wir noch sehr wenig wissen, gab es offenbar Unruhen und
lang anhaltende Auseinandersetzungen zwischen Ober- und Unterägypten. Verdächtig
ist schon der Name des 1. Königs der 2. Dynastie: Hetepsechemui = »die beiden
Mächte (die Götter Ober- und Unterägyptens, Seth und Horus) sind in Frieden«.
So nennt man sich nicht ohne Grund, vermutlich war das eher Wunsch als
Realität. Die zunehmende Notwendigkeit, an der Nahtstelle der beiden Landesteile,
in Memphis, präsent zu sein, mag auch der Grund gewesen sein, dort nun auch das
Königsgrab anzulegen. Nach Ninetjer scheint es zeitweilig aber doch zu einer
Trennung von Ober- und Unterägypten gekommen zu sein. Peribsen setzt über seinen
Namen das »Seth-Tier« und wird wieder in Abydos begraben. So auch der letzte
Herrscher der Dynastie, der zunächst nur Oberägypten kontrollierte und sich
anfangs Chasechem (»die Macht ist erschienen«) nennt. Über der Palastfassade
seines Namens steht nur der Horusfalke. Nach einem Sieg über Unterägypten, der
auf zwei Statuen genannt wird, ändert er seinen Namen in Chasechemui (»die
beiden Mächte sind erschienen«) und setzt Horusfalken und »Seth-Tier« nebeneinander
auf die Palastfassade.
Michael Haase: Sehen
Sie eigentlich einen Zusammenhang zwischen der kompakten, sicherungstechnisch
ausgeprägten Bauweise der Grabanlage des Djoser und den Unruhen, die in der
zweiten Hälfte der 2. Dynastie in Ägypten herrschten und die erst von
Chasechemui beigelegt werden konnten?
Günter Dreyer: Schon
das Grab des Chasechemui in Abydos ist erheblich tiefer in den Wüstenboden
eingesenkt als das des Peribsen und die Gräber der früheren Könige der 1. Dynastie.
Ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis steht wohl auch hinter der schon erwähnten
Versenkung der Grabkammer unter das Bodenniveau der anderen Kammern und der Auskleidung
mit Stein. Die Ursache dafür würde ich aber nicht so sehr in den Unruhen während
der 2. Dynastie sehen, sondern in der bitteren Erfahrung, dass die meisten
Gräber schon bald nach der Bestattung beraubt wurden. In mehreren Gräbern der
1. Dynastie haben wir Grabräubergänge festgestellt, die von genauer Kenntnis
der Lage der Kammern zeugen, die eigentlich nur am Bau beteiligte Personen
gehabt haben können. Die Bauweise in Stein bot natürlich auch mehr Sicherheit,
ich denke aber, dass sie vor allem Dauer bewirken sollte.
Michael Haase: In
Abydos wurden viele Schiffsbestattungen gefunden. Im Grabkomplex des Djoser
taucht dieses Element nach bisherigem Kenntnisstand nicht mehr auf. Wie erklären
Sie sich diesen Umstand? Und welche Bedeutung oder Funktion hatte Ihrer Meinung
nach der sogenannte »dry moat«, jene »Grabenstruktur«, die rings um den Djoser-Komplex
verläuft?
Günter Dreyer: Das ist
immer noch eine ungeklärte Frage. Es mag sein, dass damit der Djoser-Bezirk wie
eine Insel als Urhügel im Urozean dargestellt werden sollte. Vielleicht gab es
im »dry moat« auch die bislang fehlenden Schiffsbestattungen.
Michael Haase: Sie
haben in Sokar 11, S. 4–5, einen kurzen Überblick über die Ergebnisse Ihrer
letztjährigen Kampagne am Grab des Königs Ninetjer in Sakkara gegeben. Was
können Sie insbesondere über den mastabaförmigen Oberbau dieser Grabanlage
sagen? Haben Sie bereits Spuren davon gefunden?
Günter Dreyer: Wie über
den Königsgräbern der 1. Dynastie, dem Grab des Chasechemui und der 1. Baustufe
des Djoser-Grabes dürfte es auch über den Gräbern der 2. Dynastie in Sakkara
einen Tumulus gegeben haben, der vielleicht schon in Mastabaform mit Ziegeln
oder wahrscheinlicher Steinen gefasst war. Reste davon waren bisher nicht
nachweisbar, wir suchen aber weiter danach.
Michael Haase: Im
Gegensatz zur Grabanlage des Hetepsechemui bzw. Raneb weist das Kammersystem
des Ninetjer einen hohen Grad an Asymmetrie in der Ausrichtung von Kammern und
Gängen aus. Wie erklären Sie sich diesen Umstand?
Günter Dreyer:
Besonders im nördlichen Teil wirkt das Kammer- und Gangsystem des Ninetjer
geradezu wie ein Labyrinth, und es scheint kaum denkbar, dass es so allein für
die Einlagerung von Beigaben geplant worden ist. Der Südostabschnitt auf Höhe
der Königskammer ist dagegen deutlich regelmäßiger angelegt. Er stellt vermutlich
einen Teil des Königspalastes mit Wohn-/Schlafräumen, Essräumen und
Toiletten/Bädern dar. Dementsprechend ist wahrscheinlich auch der Nordabschnitt
als Modellarchitektur zu erklären, der einen Teil der zur Residenz gehörenden
Siedlung mit Straßen, Plätzen und Fassaden von Wohnbauten wiedergibt.
Michael Haase: Könnte
es außer den beiden erwähnten Grabanlagen in diesem Bereich der Nekropole von
Sakkara noch weitere unentdeckte Gräber aus der 2. Dynastie geben?
Günter Dreyer: Mit
Sicherheit gibt es noch weitere Grabanlagen von Königen der 2. Dynastie in
Sakkara. Eine könnte sich in der Nähe der Nordwestecke der Unas-Pyramide
befinden, die dort wegen einer schon bestehenden Ausschachtung tief fundamentiert
werden mußte. Es liegt nahe, dabei an das Grab des Hetepsechemui zu denken und
das Grab unter dem Pyramidentempel Raneb zuzuweisen. Die Gräber der ersten drei
Könige der 2. Dynastie würden dann in einer Reihe liegen. Weiter südlich haben
die Holländer unter einem Grab des Neuen Reiches Abschnitte eines Gangsystems
festgestellt, das zu einem Grab der späteren 2. Dynastie gehören könnte. Leider
ist der Fels dort sehr brüchig und das ganze Gebiet überbaut, so dass eine
weitere Klärung nur mit großem Aufwand möglich wäre.
Michael Haase: Wie
bewerten Sie das Vorgehen des Königs Unas in diesem schon belegten Teil der
Nekropole von Sakkara? Sind Zerstörungen alter Herrschergräber ein »notwendiges
Übel« für den Bau eines neuen königlichen Grabbezirks gewesen?
Günter Dreyer: Wir
wissen zwar nicht, was von den vermutlichen Oberbauten der 2. Dynastie Ende der
5. Dynastie noch anstand, aber sicher hatte man noch Kenntnis von den alten
Gräbern. Unas’ Beweggrund, seinen Pyramidenkomplex dort anzulegen, dürfte vor
allem die Nachbarschaft zum Djoser-Komplex gewesen sein, die ja auch schon von
Userkaf gesucht wurde. Es mag auch attraktiv gewesen sein, auf alt geheiligtem
Grund zu bauen, zumal die unterirdischen Kammern dabei ja nicht zerstört
wurden. Uns erscheint sein Vorgehen etwas pietätlos, aber andererseits hat er
damit sogar zum Schutz der überbauten Anlagen beigetragen.
Michael Haase: Zum
Abschluss noch ein kleiner Ausblick: Wie sehen die zukünftigen Aktivitäten des
DAI Kairo in Sakkara aus?
Günter Dreyer: In
Sakkara gäbe es noch unendlich viel zu tun, neue Konzessionen werden dort
jedoch an ausländische Missionen nicht mehr vergeben. Weitere Untersuchungen –
etwa im Grab des Hetepsechemui/Raneb – wären allenfalls in Kooperation mit
ägyptischen Institutionen möglich.
Michael Haase: Herr
Dreyer, ich bedanke mich recht herzlich für das Interview und wünsche Ihnen für
Ihre weitere Arbeit alles Gute und viel Erfolg.
Dies
ist der zweite Teil des Interviews, das der Autor mit Günter Dreyer, dem
Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, geführt und in der
Pyramiden-Fachzeitschrift Sokar Nr. 12, S. 8–19, veröffentlicht hat. Der erste,
einleitende Teil dieses Beitrages wurde bereits in der Papyrus-Ausgabe
November/Dezember 2006, S. 8–13, abgedruckt.
Michael
Haase ist Diplom-Mathematiker und arbeitet heute als Sachbuchautor und freier
Wissenschaftsjournalist im Bereich der Pyramidenforschung. Er ist seit 2000
Herausgeber von Sokar, der ersten deutschsprachigen Fachzeitschrift, die sich
mit den Forschungen an den Königs- und Privatgräbern aus der altägyptischen
Pyramidenzeit beschäftigt. Nähere Informationen zu Sokar findet man im Internet
unter www.verlag-michael-haase.de.