Brief
eines Betroffenen
Lieber Freund,
es scheint mir nachgerade höchste
Zeit zu sein, mit ein paar Vorurteilen aufzuräumen, die man häufig über mein
Gastland hört.
Man
behaupte doch nicht immer, Kairo sei eine laute Stadt! Es gibt durchaus
Gegenden, in denen es zu gewissen Zeiten, zwischen 2 Uhr nachts etwa und dem
ersten Muezzinruf, ganz erschreckend geräuschlos sein kann. Das bisschen
Hundegebell überhört der echte Tierfreund doch gern! Aber ist – in unserer
modernen Zeit – Ruhe denn überhaupt noch etwas Erstrebenswertes?
Ich wohne jedenfalls –
al-hamdulillah – sozusagen im Lautsprecherschnittpunkt zweier Schulen. Das
bedeutet, dass die schier unerträgliche Stille der Nacht kurz nach dem erwähnten
Muezzinruf langsam von einem sich allmählich zu einem nahezu grandiosen
Crescendo steigernden Stimmengewirr abgelöst wird. Ein Blick aus dem Fenster
zeigt: Die Bevölkerungsdichte vor meinem Haus beträgt etwa 8,4 Schüler pro
Straßenquadratmeter, nicht gerechnet die zahllosen Galabiyya-behängten Mütter,
die, stolz die Schultaschen ihrer Herren Söhne auf dem Kopf balancierend,
letztere (d.h. die Söhne) fest an den Händen halten.
Die „Braunen“-hellbraune
Kittelchen, dunkelbraune Hosen, Mädchen meist bezopft, Schulranzen auf dem
Rücken – die Braunen also gehen zielstrebig auf des enge Tor der linken Schule
zu.
Die „Blauen“ - hellblaue
Kittelchen, dunkelblaue Hosen, Mädchen meist bezopft (Buben hier keine),
Schulranzen auf dem Rücken - die Blauen also gehen zielstrebig auf das enge Tor
der rechten Schule zu.
Mütter und „baya el foul“,
der Bohnenverkäufer, bleiben am jeweiligen Schultor zurück.
Große Ereignisse werfen ihre
akustischen Schatten voraus: Zwei Lautsprecher aus zwei Schulen beginnen zu
knacken, knarren, rauschen, dann Fingerklopfen, Hallo-Rufe. Auf dem Schulhof
haben sich die lieben Kleinen inzwischen in Reih und Glied aufgestellt,
braunbekittelt, manchmal bezopft in der linken Schule, blaubekittelt, manchmal
bezopft in der rechten Schule. Jeweils vier Trommeln pro Schule werden in Gang
gesetzt, jeweils ein kleines Mädchen mit einem viel zu großen Akkordeon vor das
Mikrophon gestellt, das „baladi“ gesungen.
Das rechte Mädchen spielt schöner.
Das linke schneller, was zu akustisch hoch interessanten, synkopenartigen
Interferenzen führt. Höhepunkt des halbstündigen Morgenappells ist jedoch
zweifellos die innige Zwiesprache zwischen der noch immer in Reih und Glied versammelten
Schülerschar und einem mit Mikrophon bewaffneten Menschen, Mischung zwischen
Animateur und Feldwebel, rechte Schule weibliche Ausgabe. Anweisungen, Befehle,
Händeklatschen, Turnübungen, immer wieder unterbrochen durch
„Es-lebe-die-Schule-Rufe“.
Die Mädchen rechts üben derweil
Tänze ein, nicht selten mehrere Stunden lang, begleitet von dem donnernden und
sehr überzeugend klingenden „wahid – etnin – talata – arbea - wahid – etnin – talata…“ des rechten
Lautsprechers.
Offensichtlich als besonderer
Service für die Umgebung – Bildung muss schließlich sein und geht alle
Bevölkerungsschichten an – ist der Lautsprecher so angebracht, dass er seine
größte Lautstärke nicht auf dem
Schulhof erreicht, sondern in meinem Schlafzimmer.
Danach geht es im Gleichschritt in
die Klassen, zum dumpfen Klang der Trommeln, das kleine Mädchen mit dem viel zu
großen Akkordeon spielt eine einfühlsame Melodie…
Schade, die Show ist zu Ende, doch
Kopf hoch, kein Grund zur Traurigkeit: Das wird heute noch dreimal zu hören
sein – inschah Allah - und wenn der Strom nicht streikt.
Fliegende
Schulranzen aus dem zweiten Stock künden das Unterrichtsende an. Wartende
Mütter am Schultor, geschäftige Vorbereitungen des Bohnenverkäufers. Die beiden
Schultore werden geöffnet, Braunbekittelte, manche bezopft, strömen aus dem
linken, Blaubekittelte, manche bezopft, strömen aus dem rechten Tor.
Lieber Freund, natürlich könnte
ich Dir noch berichten, wie die Schüler, wenn sie dem Unterricht entronnen
sind…
Aber es gilt zu eilen: Zweite
Schicht wird in einer halben Stunde erwartet: Hellblaue Kittelchen, dunkelblaue
Hosen, Mädchen meist bezopft, Schulranzen auf dem Rücken, Richtung linke
Schule. Dunkelblaue Röcke und Blazer, weiße Blusen, manche verschleiert, Aktentaschen
in der Hand in Richtung, rechte Schule.
Wieder Trommeln, Lautsprecher,
Akkordeon, „baladi“ und so weiter und so weiter und so weiter und so
weiter…
Es grüßt Dich in aller Stille,
Dein Freund
P.S. „Mein Gott, ist das dreckig
hier!“ sagte Tante Frida und fuhr zurück in ihren Kohlenpott. Aber über dieses
Thema berichte ich Dir im nächsten Brief.
Wolfgang Claus, Juni 1985