Ein
Gespräch mit Claudia Ott,
(Neu)Übersetzerin von
Tausendundeine Nacht
Herzstück“
des Werkes bezeichnen. Oder, umgekehrt ausgedrückt: in ihnen ist der Sinngehalt
von Tausendundeine Nacht verankert. Die Gedichte sind wie Frau Ott, nachdem ich begonnen habe, mich mit dem Thema Tausendundeine Nacht
zu beschäftigen, wurde mir bewusst, dass ich zuvor eigentlich kaum einen Bezug
zu den Erzählungen hatte. Schlimmer noch, ich assoziierte damit nämlich Begriffe
wie „Kunst, Kitsch und Kommerz“... Welche persönliche Beziehung hatten Sie
zu Tausendundeine Nacht – vor
dem Übersetzungsauftrag?
„Merkwürdigerweise keine besondere! Ich hatte natürlich eine Beziehung
zu arabischer Literatur, auch zur vormodernen, also der mittelarabischen,
und den arabischen Epen. Diese sind eng verwandt mit Tausendundeine Nacht,
und ich habe mich lange damit beschäftigt.
Warum überhaupt eine neue, eine
weitere Übersetzung?
„Nun, das hat viele Gründe.
Der äußere Anlass: Der Verlag C.H.Beck wollte anlässlich der Entdeckung der
Galland-Handschrift vor 300 Jahren einen Jubiläumsband von Tausendundeine
Nacht in einer Neuübersetzung herausgeben.
Zudem haben große Werke der
Weltliteratur immer wieder eine zeitgemäße Übersetzung nötig, damit sie nicht
in der Sprache einer bestimmten Zeit oder Epoche erstarren. Die letzte große
Übersetzung stammt vom Tübinger Orientalisten Enno Littmann aus den Jahren
1921-1928. Es war also auch schlicht Zeit für eine neue Übersetzung. Die Edition
Mahdi bot sich als älteste bekannte arabische Handschrift als Grundlage
für dieses Vorhaben an.
Es gibt noch einen Beweggrund, einen persönlichen, der in der in Tausendundeine Nacht enthaltenen Lyrik liegt. Ich möchte die Gedichtpassagen als das „
Fixsterne
für mich und ich habe größte Sorgfalt auf deren Übersetzung gelegt. Das habe
ich sogar als meine dringlichste Aufgabe betrachtet, denn Reime und Gedichte
wurden in den bisherigen Übersetzungen und Übertragungen meist vernachlässigt.
Dabei wird der Handlungsverlauf der Erzählung durch sie jeweils auf eine andere
Ebene gesetzt, und das ist etwas Typisches in der arabischen Literatur.
Die so mit der Lyrik verwobene
Prosa zwingt zu einem langsameren Lesetempo und sie lockt den Leser an den
Text heran.“
Wie kam es dazu, dass Sie als Übersetzerin ausgewählt wurden?
„Dass ich den Auftrag erhielt,
war eine Überraschung! Als Arabistin kommt man nicht daran vorbei, sich mit
Tausendundeine Nacht zu beschäftigen, aber von der Vorbildung her war
ich eigentlich nicht die naheliegendste Person.
Der Verlag C.H.Beck suchte
für das Projekt aktiv nach einem(r) ÜbersetzerIn. Prof. Ulrich Marzolph aus
Münster hat bereits mehrere Bände für die Neue Orientalische Bibliothek übersetzt
und wäre wohl die geeignete Person dafür gewesen. Ich vermute, dass ihn der
zeitliche Umfang einer solchen Arbeit davon abgehalten hat, dies selbst zu
tun. Von ihm rührte der Vorschlag an den Verlag, denn er kannte das Thema
meiner Promotion
und er wusste, dass ich damals beruflich ungebunden war. Es war der Zeitpunkt!
Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit frei und offen für so ein Projekt
zu sein.“
Ist es nicht ungewöhnlich, dass eine so umfangreiche
Arbeit von einer Einzelübersetzerin bewältigt wird?
„Ja, das ist es. Ich muss sagen,
dass ich anfangs bei dem Gedanken an das Vorhaben fast erschlagen war. Ich
war mir der riesigen Verantwortung bewusst, die ich als Einzelübersetzerin
haben würde. Aber im Nachhinein kann ich sagen, dass es doch gut und wichtig
war. Es handelt sich bei der vorliegenden Ausgabe von Tausendundeine Nacht
nicht um eine wissenschaftliche, sondern um eine literarische Übersetzung,
bei der ein durchgehender und homogener Stil notwendig ist, und das ist natürlich
am ehesten durch eine einzelne Person gewährleistet.“
Ich stelle mir vor, wie Sie in einem Berg von Büchern
vergraben sind und einen großen Teil der Zeit damit verbringen, in anderen
Übersetzungen nachzuforschen oder Sekundärliteratur aufzuarbeiten...
„Nein, gar nicht, die Edition
Mahdi war die Basis der Übersetzung! Das war die „Vorarbeit“! Die
einschlägigen Texte zu Tausendundeine Nacht sind dem Arabisten bekannt
und vertraut. Ich habe mich mit Leidenschaft der reinen Übersetzung gewidmet.
Während dieser Zeit habe ich auch keine anderen Versionen von Tausendundeine
Nacht gelesen, ich wollte mich auf keinen Fall dem Einfluss anderer Übersetzungen
aussetzen, sondern offen auf die Aufgabe zugehen.“
Die Neuübersetzung wird natürlich verglichen mit früheren
Übersetzungen, besonders der des Orientalisten Enno Littmann, der oben schon
erwähnt wurde. Frau Ott, bieten Sie mit Ihrer Arbeit einer Autorität die Stirn?!
Oder: Sehen Sie Ihre Arbeit in irgendeiner Weise in Konkurrenz zu Littmann?
“Am Anfang habe ich schon weiche
Knie bei dem Gedanken bekommen, sich nach Littmann an eine Neuübersetzung
zu wagen! Aber Littmann – er stützt sich auf die Calcutta II-Ausgabe
aus dem Jahr 1839-1842 nach einer um 1825 in Kairo geschriebenen Handschrift
– wird seine Gültigkeit bewahren, weil sich wahrscheinlich so schnell niemand
wieder an die Übersetzung dieser arabischen Vorlage machen wird. Sie ist in
einer stark literarisierenden Form in einem wohlgesetzten Erzählstil abgefasst,
während Mahdi einen flotten und lebendigen Erzählstil verwendet. Littmann
wird heute oft ein „altväterlicher Habitus“ angelastet, aber der liegt schon
in der Vorlage selbst begründet.“
Frau Ott, auch Sie haben die Übersetzung durch viele
kleine und große Entscheidungen mit einer eigenen Handschrift versehen und
dadurch einen prägenden Einfluss genommen auf eine, wahrscheinlich, neue Generation
der Geschichtensammlung in deutscher Sprache. Auf welche Berater, Förderer
und „Mithelfer“ konnten Sie sich bei diesem gewaltigen Unternehmen stützen?
„Auf viele viele Berater und
Helfer, Gott sei Dank! Um nur ein paar wenige zu nennen: Von der wissenschaftlichen
Seite her hat mich Prof. Heinz Grotzfeld begleitet, ein profunder Kenner von
Tausendundeine Nacht. In Kairo war es die Erfahrung der historischen
Dialektforscher, auf die ich mich stützen konnte. Prof. Nabila Ibrahim von
der Cairo-Universität entschlüsselte mit mir tagelang Vokabeln, die kein historisches
Wörterbuch mehr kennt oder Formulierungen, die im heutigen Hocharabisch nicht
mehr existieren.
Eine wichtige Begegnung in Kairo war auch die mit dem
ägyptischen Schriftsteller Gamal al-Ghitani, der sich sehr um die Rehabilitation
der Erzählungen im arabischen Raum bemüht hat. Von ihm und dem, was er mir
von Kairo gezeigt hat, habe ich wertvolle Anregungen erhalten.
Mein literarischer Berater war Peter Schünemann, ein
vom Verlag bestellter Außenlektor. Und nicht zuletzt habe ich mich auf die
zukünftigen Leser selbst bezogen. Auf musikalischen Lesekonzerten habe ich
dem Publikum einzelne Passagen vorgestellt; seine Rückmeldungen habe ich im
Entstehungsprozess fortlaufend einbezogen. Erwähnen möchte ich auch den Deutschen
Übersetzerfonds e.V., der mich nicht nur materiell mit einem Reise- und Arbeitsstipendium
unterstützte, sondern auch ideell begleitete.“
25 Jahre lang war Muhsin Mahdi mit der Bearbeitung
der Galland-Handschrift
[1]
beschäftigt! Aber auch fünf Jahre Arbeit für eine Übersetzung
ist eine lange Zeit. Was hat Sie an Ihre Grenzen gebracht?
„Mahdi hat mit seiner Arbeit
ein enorm wichtiges Ergebnis geliefert, denn er hat alle vorhandenen wichtigen
Versionen von Tausendundeine Nacht einander gegenübergestellt, verglichen
und ausgewertet. Ich hatte selbst einmal Einsicht in die alten Handschriften.
Mit all den handschriftlichen Anmerkungen und Notizen bieten sie eine höchst
schwierige Übersetzungslage. Auf seine Vorarbeit konnte ich mich stützen.
Aber im Bewusstsein der Tradition,
in der ich mich bewegte, habe ich mich wie ein Seiltänzer gefühlt: Nur nicht
nach unten schauen, sonst kommt man ins Straucheln! Während der Jahre, in
denen ich mit der Übersetzung beschäftigt war, bewegte ich mich ständig an
meinen Grenzen. Durch meine beiden Kinder, die in dieser Zeit geboren wurden,
habe ich aber zu Sesshaftigkeit, Disziplin und einem festen Arbeitsrhythmus
gefunden.“
Und was hat Sie „geschmerzt“ währenddessen?
„Dass es zu Ende war mit der
282sten Nacht! – Von mir aus hätte es endlos so weitergehen können... Ich
habe gelernt, dass Übersetzen ein „Handwerk“ ist. Mein Mann ist Instrumentenbauer,
Handwerker, und beim Beobachten seiner Arbeit konnte ich alle Höhen und Tiefen
wiedererkennen, die man in der Herstellung einer Übersetzung durchlebt. Die
Tiefen habe ich vor allem dann erfahren, wenn die Teilabschnitte vom Lektor
zurückkamen! Es war hart und nicht immer einfach, seine Einwände und Vorschläge
zu akzeptieren, auch wenn ich heute sagen muss, dass sich seine Haltung –
eine oft kontroverse, mit einer sehr distanzierten und kritischen Betrachtungsweise
– auf das Ergebnis letztlich bereichernd und befruchtend ausgewirkt hat.“
Frau Ott, was verbinden Sie mit der ägyptischen Hauptstadt?
Sie haben die Stadt offensichtlich in Ihr Herz geschlossen?
„Ja, in Kairo würde ich mich
gerne noch einmal aufhalten! Zweimal, zu Beginn und zum Abschluss der Arbeit,
war ich dort. Es ist neben Damaskus und Bagdad einer der Hauptschauplätze
von Tausendundeine Nacht. Und man kann die Atmosphäre von Tausendundeine
Nacht dort immer noch spüren. Ich meine damit nicht irgendwelche glitzernden
Exotismen, sondern im Gegenteil: die Geschichten aus Tausendundeine Nacht
sind so lebensnah, die Charaktere sind so schön und so menschlich gezeichnet,
dass man ihnen auch heute noch ständig begegnet. Manchmal kam ich mir in Kairo
selbst wie eine der Figuren vor!
Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte
erzählen! In Tausendundeine Nacht gibt es eine Geschichte über einen
Frisör. Dieser „Frisör“ verstrickt einen Kunden – einen jungen Mann, der sich
für ein Stelldichein fein machen lassen will – in eine Lage, aus der dieser
sich kaum noch befreien kann. Er kümmert sich nämlich nicht um seine eigentliche
Aufgabe, sondern verwickelt den jungen Mann in schier endlose Gespräche und
Geschichten und mischt sich gar mit Haut und Haar in dessen Leben ein. Schließlich
versäumt der Kunde, halbwegs „geschoren“, das Treffen mit seiner Angebeteten.
Mir ist etwas ganz ähnliches
passiert! Vor der Pressekonferenz beim DAAD zur Veröffentlichung meines „Werkstattberichtes“
hatte ich einen Frisörtermin. Dort war aber nicht der Meister anwesend, sondern
eine Person, die sich offensichtlich noch nie an einem Damenkopf probiert
hatte. Dieser „Frisör“ unterhielt sich mit mir, servierte mir Getränke, lenkte
mit diesem und jenem ab und die Zeit verging. Das Ergebnis war, dass ich,
peinlicherweise, zu spät kam! – Während meiner Rede öffnete sich im Vortragssaal
die Tür, ein fremder Mann steuerte auf mich zu und überreichte mir ein Taschentuch,
in das etwas eingewickelt war. Es war der Taxifahrer, der mich vom Frisör
zum DAAD gebracht hatte: dort hatte ich meine Ohrringe liegen lassen, aber
der „Frisör“ hat dienstfertig alle Hebel in Bewegung gesetzt, sie mir wieder
zukommen zu lassen. – Das ist genau die Geschichte, und Geschichten
dieser Art sind mir in Kairo ständig passiert.
Frau Ott, wie geht es Ihnen mit dem Erfolg und der
Anerkennung für Ihre Arbeit?
„Tausendundeine Nacht ist ein Werk ohne Autor – und
nur dadurch bedingt finde ich als Übersetzerin diese Beachtung. Die meisten
Übersetzer werden dagegen immer noch viel zu wenig gewürdigt. Wen interessiert
es denn, dass z.B. die Werke von Umberto Eco hervorragend übersetzt sind?
Und wer kennt den Übersetzer, aus dessen Feder jedes einzelne deutsche Wort
stammt?
Nun zum Abschluss in die Gegenwart und Zukunft: Wie
ist es, nun wieder bescheidener zu arbeiten, schließlich ist so eine „Jahrhundertübersetzung“
kaum zu „toppen“! Oder: was wäre eine neue „Traumübersetzung“, gibt es bereits
ein nächstes Projekt?
„Ja, es gibt ein Projekt und
es gibt einen Traum! Aber darüber kann oder möchte ich noch nichts verraten.
Für mich hat sich durch die literarische Übersetzungsarbeit alles
verändert. Es haben sich mir ganz neue Bereiche eröffnet. Das literarische
Schreiben ist mir wichtiger geworden und dem möchte ich mich stärker zuwenden.
Nun kann auch mein wissenschaftlicher Ehrgeiz etwas in den Hintergrund treten.“
Von der ersten Seite an war ich von der Sprache, in
der erzählt, gereimt und gedichtet wird, gefangen. Das liegt sicher an der
arabischen Sprache selbst, aber ich meine, dass der schelmenhafte, feinfühlige
und, ja, der liebevolle Blick „der Übersetzerin“ nicht zu verbergen ist! Ich
habe es sehr genossen, mich von der kecken, „frechen“ und unverschnörkelten
Erzählweise treiben zu lassen – da bin ich sehr gespannt auf das „geheimnisvolle“
Zukunftsprojekt! Frau Ott, ich wünsche Ihnen dafür viel Glück, und vielen
Dank für dieses Gespräch!
Interview und
Foto: Ingrid Handwerker