Ein Gespräch mit Claudia Ott,

(Neu)Übersetzerin von
Tausendundeine Nacht

 

 

Zu Beginn des Jahres 2005 höre ich einen Radiobeitrag über eine Neuübersetzung von Tausendundeine Nacht. Die Übersetzerin berichtet von einer spannenden Recherche in Kairo: Mit einer ägyptischen Professorin taucht sie in ungewöhnliche sprachliche Tiefen, um Wörter zu bergen, die selbst aus historischen Büchern verschwunden sind. Begeistert vermittelt sie dem Hörer etwas von dieser Arbeit. Das weckt meine Neugierde. Ich beginne, in den Rezensionen zu lesen: Sie fallen rundum positiv und anerkennend aus! Offensichtlich laden die Erzählungen dazu ein, heute neu- und wiederentdeckt zu werden. Ich setze mich mit Claudia Ott in Verbindung und sie erklärt sich sofort bereit, an einem Beitrag für PAPYRUS mitzuwirken. Anfang Juni 2005 sitzen wir schließlich in Erlangen im Garten eines Cafés und sie plaudert mit mir – zum wievielten Mal? – über ihre Arbeit an Tausendundeine Nacht.

Herzstück“ des Werkes bezeichnen. Oder, umgekehrt ausgedrückt: in ihnen ist der Sinngehalt von Tausendundeine Nacht verankert. Die Gedichte sind wie Frau Ott, nachdem ich begonnen habe, mich mit dem Thema Tausendundeine Nacht zu beschäftigen, wurde mir bewusst, dass ich zuvor eigentlich kaum einen Bezug zu den Erzählungen hatte. Schlimmer noch, ich assoziierte damit nämlich Begriffe wie „Kunst, Kitsch und Kommerz“... Welche persönliche Beziehung hatten Sie zu Tausendundeine Nachtvor dem Übersetzungsauftrag?

„Merkwürdigerweise keine besondere! Ich hatte natürlich eine Beziehung zu arabischer Literatur, auch zur vormodernen, also der mittelarabischen, und den arabischen Epen. Diese sind eng verwandt mit Tausendundeine Nacht, und ich habe mich lange damit beschäftigt.

 

Warum überhaupt eine neue, eine weitere Übersetzung?

„Nun, das hat viele Gründe. Der äußere Anlass: Der Verlag C.H.Beck wollte anlässlich der Entdeckung der Galland-Handschrift vor 300 Jahren einen Jubiläumsband von Tausendundeine Nacht in einer Neuübersetzung herausgeben.

Zudem haben große Werke der Weltliteratur immer wieder eine zeitgemäße Übersetzung nötig, damit sie nicht in der Sprache einer bestimmten Zeit oder Epoche erstarren. Die letzte große Übersetzung stammt vom Tübinger Orientalisten Enno Littmann aus den Jahren 1921-1928. Es war also auch schlicht Zeit für eine neue Übersetzung. Die Edition Mahdi bot sich als älteste bekannte arabische Handschrift als Grundlage für dieses Vorhaben an.

Es gibt noch einen Beweggrund, einen persönlichen, der in der in Tausendundeine Nacht enthaltenen Lyrik liegt. Ich möchte die Gedichtpassagen als das „

Fixsterne für mich und ich habe größte Sorgfalt auf deren Übersetzung gelegt. Das habe ich sogar als meine dringlichste Aufgabe betrachtet, denn Reime und Gedichte wurden in den bisherigen Übersetzungen und Übertragungen meist vernachlässigt. Dabei wird der Handlungsverlauf der Erzählung durch sie jeweils auf eine andere Ebene gesetzt, und das ist etwas Typisches in der arabischen Literatur.

Die so mit der Lyrik verwobene Prosa zwingt zu einem langsameren Lesetempo und sie lockt den Leser an den Text heran.“

 

Wie kam es dazu, dass Sie als Übersetzerin ausgewählt wurden?

„Dass ich den Auftrag erhielt, war eine Überraschung! Als Arabistin kommt man nicht daran vorbei, sich mit Tausendundeine Nacht zu beschäftigen, aber von der Vorbildung her war ich eigentlich nicht die naheliegendste Person.

Der Verlag C.H.Beck suchte für das Projekt aktiv nach einem(r) ÜbersetzerIn. Prof. Ulrich Marzolph aus Münster hat bereits mehrere Bände für die Neue Orientalische Bibliothek übersetzt und wäre wohl die geeignete Person dafür gewesen. Ich vermute, dass ihn der zeitliche Umfang einer solchen Arbeit davon abgehalten hat, dies selbst zu tun. Von ihm rührte der Vorschlag an den Verlag, denn er kannte das Thema meiner Promotion und er wusste, dass ich damals beruflich ungebunden war. Es war der Zeitpunkt! Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit frei und offen für so ein Projekt zu sein.“

 

Ist es nicht ungewöhnlich, dass eine so umfangreiche Arbeit von einer Einzelübersetzerin bewältigt wird?

„Ja, das ist es. Ich muss sagen, dass ich anfangs bei dem Gedanken an das Vorhaben fast erschlagen war. Ich war mir der riesigen Verantwortung bewusst, die ich als Einzelübersetzerin haben würde. Aber im Nachhinein kann ich sagen, dass es doch gut und wichtig war. Es handelt sich bei der vorliegenden Ausgabe von Tausendundeine Nacht nicht um eine wissenschaftliche, sondern um eine literarische Übersetzung, bei der ein durchgehender und homogener Stil notwendig ist, und das ist natürlich am ehesten durch eine einzelne Person gewährleistet.“

 

Ich stelle mir vor, wie Sie in einem Berg von Büchern vergraben sind und einen großen Teil der Zeit damit verbringen, in anderen Übersetzungen nachzuforschen oder Sekundärliteratur aufzuarbeiten...

„Nein, gar nicht, die Edition Mahdi war die Basis der Übersetzung! Das war die „Vorarbeit“! Die einschlägigen Texte zu Tausendundeine Nacht sind dem Arabisten bekannt und vertraut. Ich habe mich mit Leidenschaft der reinen Übersetzung gewidmet. Während dieser Zeit habe ich auch keine anderen Versionen von Tausendundeine Nacht gelesen, ich wollte mich auf keinen Fall dem Einfluss anderer Übersetzungen aussetzen, sondern offen auf die Aufgabe zugehen.“

 

Die Neuübersetzung wird natürlich verglichen mit früheren Übersetzungen, besonders der des Orientalisten Enno Littmann, der oben schon erwähnt wurde. Frau Ott, bieten Sie mit Ihrer Arbeit einer Autorität die Stirn?! Oder: Sehen Sie Ihre Arbeit in irgendeiner Weise in Konkurrenz zu Littmann?

Am Anfang habe ich schon weiche Knie bei dem Gedanken bekommen, sich nach Littmann an eine Neuübersetzung zu wagen! Aber Littmann – er stützt sich auf die Calcutta II-Ausgabe aus dem Jahr 1839-1842 nach einer um 1825 in Kairo geschriebenen Handschrift – wird seine Gültigkeit bewahren, weil sich wahrscheinlich so schnell niemand wieder an die Übersetzung dieser arabischen Vorlage machen wird. Sie ist in einer stark literarisierenden Form in einem wohlgesetzten Erzählstil abgefasst, während Mahdi einen flotten und lebendigen Erzählstil verwendet. Littmann wird heute oft ein „altväterlicher Habitus“ angelastet, aber der liegt schon in der Vorlage selbst begründet.“

 

Frau Ott, auch Sie haben die Übersetzung durch viele kleine und große Entscheidungen mit einer eigenen Handschrift versehen und dadurch einen prägenden Einfluss genommen auf eine, wahrscheinlich, neue Generation der Geschichtensammlung in deutscher Sprache. Auf welche Berater, Förderer und „Mithelfer“ konnten Sie sich bei diesem gewaltigen Unternehmen stützen?

„Auf viele viele Berater und Helfer, Gott sei Dank! Um nur ein paar wenige zu nennen: Von der wissenschaftlichen Seite her hat mich Prof. Heinz Grotzfeld begleitet, ein profunder Kenner von Tausendundeine Nacht. In Kairo war es die Erfahrung der historischen Dialektforscher, auf die ich mich stützen konnte. Prof. Nabila Ibrahim von der Cairo-Universität entschlüsselte mit mir tagelang Vokabeln, die kein historisches Wörterbuch mehr kennt oder Formulierungen, die im heutigen Hocharabisch nicht mehr existieren.

Eine wichtige Begegnung in Kairo war auch die mit dem ägyptischen Schriftsteller Gamal al-Ghitani, der sich sehr um die Rehabilitation der Erzählungen im arabischen Raum bemüht hat. Von ihm und dem, was er mir von Kairo gezeigt hat, habe ich wertvolle Anregungen erhalten.

Mein literarischer Berater war Peter Schünemann, ein vom Verlag bestellter Außenlektor. Und nicht zuletzt habe ich mich auf die zukünftigen Leser selbst bezogen. Auf musikalischen Lesekonzerten habe ich dem Publikum einzelne Passagen vorgestellt; seine Rückmeldungen habe ich im Entstehungsprozess fortlaufend einbezogen. Erwähnen möchte ich auch den Deutschen Übersetzerfonds e.V., der mich nicht nur materiell mit einem Reise- und Arbeitsstipendium unterstützte, sondern auch ideell begleitete.“

 

25 Jahre lang war Muhsin Mahdi mit der Bearbeitung der Galland-Handschrift [1] beschäftigt! Aber auch fünf Jahre Arbeit für eine Übersetzung ist eine lange Zeit. Was hat Sie an Ihre Grenzen gebracht?

„Mahdi hat mit seiner Arbeit ein enorm wichtiges Ergebnis geliefert, denn er hat alle vorhandenen wichtigen Versionen von Tausendundeine Nacht einander gegenübergestellt, verglichen und ausgewertet. Ich hatte selbst einmal Einsicht in die alten Handschriften. Mit all den handschriftlichen Anmerkungen und Notizen bieten sie eine höchst schwierige Übersetzungslage. Auf seine Vorarbeit konnte ich mich stützen.

Aber im Bewusstsein der Tradition, in der ich mich bewegte, habe ich mich wie ein Seiltänzer gefühlt: Nur nicht nach unten schauen, sonst kommt man ins Straucheln! Während der Jahre, in denen ich mit der Übersetzung beschäftigt war, bewegte ich mich ständig an meinen Grenzen. Durch meine beiden Kinder, die in dieser Zeit geboren wurden, habe ich aber zu Sesshaftigkeit, Disziplin und einem festen Arbeitsrhythmus gefunden.“

 

Und was hat Sie „geschmerzt“ währenddessen?

„Dass es zu Ende war mit der 282sten Nacht! – Von mir aus hätte es endlos so weitergehen können... Ich habe gelernt, dass Übersetzen ein „Handwerk“ ist. Mein Mann ist Instrumentenbauer, Handwerker, und beim Beobachten seiner Arbeit konnte ich alle Höhen und Tiefen wiedererkennen, die man in der Herstellung einer Übersetzung durchlebt. Die Tiefen habe ich vor allem dann erfahren, wenn die Teilabschnitte vom Lektor zurückkamen! Es war hart und nicht immer einfach, seine Einwände und Vorschläge zu akzeptieren, auch wenn ich heute sagen muss, dass sich seine Haltung – eine oft kontroverse, mit einer sehr distanzierten und kritischen Betrachtungsweise – auf das Ergebnis letztlich bereichernd und befruchtend ausgewirkt hat.“

 

Frau Ott, was verbinden Sie mit der ägyptischen Hauptstadt? Sie haben die Stadt offensichtlich in Ihr Herz geschlossen?

„Ja, in Kairo würde ich mich gerne noch einmal aufhalten! Zweimal, zu Beginn und zum Abschluss der Arbeit, war ich dort. Es ist neben Damaskus und Bagdad einer der Hauptschauplätze von Tausendundeine Nacht. Und man kann die Atmosphäre von Tausendundeine Nacht dort immer noch spüren. Ich meine damit nicht irgendwelche glitzernden Exotismen, sondern im Gegenteil: die Geschichten aus Tausendundeine Nacht sind so lebensnah, die Charaktere sind so schön und so menschlich gezeichnet, dass man ihnen auch heute noch ständig begegnet. Manchmal kam ich mir in Kairo selbst wie eine der Figuren vor!

Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen! In Tausendundeine Nacht gibt es eine Geschichte über einen Frisör. Dieser „Frisör“ verstrickt einen Kunden – einen jungen Mann, der sich für ein Stelldichein fein machen lassen will – in eine Lage, aus der dieser sich kaum noch befreien kann. Er kümmert sich nämlich nicht um seine eigentliche Aufgabe, sondern verwickelt den jungen Mann in schier endlose Gespräche und Geschichten und mischt sich gar mit Haut und Haar in dessen Leben ein. Schließlich versäumt der Kunde, halbwegs „geschoren“, das Treffen mit seiner Angebeteten.

Mir ist etwas ganz ähnliches passiert! Vor der Pressekonferenz beim DAAD zur Veröffentlichung meines „Werkstattberichtes“ hatte ich einen Frisörtermin. Dort war aber nicht der Meister anwesend, sondern eine Person, die sich offensichtlich noch nie an einem Damenkopf probiert hatte. Dieser „Frisör“ unterhielt sich mit mir, servierte mir Getränke, lenkte mit diesem und jenem ab und die Zeit verging. Das Ergebnis war, dass ich, peinlicherweise, zu spät kam! – Während meiner Rede öffnete sich im Vortragssaal die Tür, ein fremder Mann steuerte auf mich zu und überreichte mir ein Taschentuch, in das etwas eingewickelt war. Es war der Taxifahrer, der mich vom Frisör zum DAAD gebracht hatte: dort hatte ich meine Ohrringe liegen lassen, aber der „Frisör“ hat dienstfertig alle Hebel in Bewegung gesetzt, sie mir wieder zukommen zu lassen. – Das ist genau die Geschichte, und Geschichten dieser Art sind mir in Kairo ständig passiert.

 

Frau Ott, wie geht es Ihnen mit dem Erfolg und der Anerkennung für Ihre Arbeit?

„Tausendundeine Nacht ist ein Werk ohne Autor – und nur dadurch bedingt finde ich als Übersetzerin diese Beachtung. Die meisten Übersetzer werden dagegen immer noch viel zu wenig gewürdigt. Wen interessiert es denn, dass z.B. die Werke von Umberto Eco hervorragend übersetzt sind? Und wer kennt den Übersetzer, aus dessen Feder jedes einzelne deutsche Wort stammt?

 

Nun zum Abschluss in die Gegenwart und Zukunft: Wie ist es, nun wieder bescheidener zu arbeiten, schließlich ist so eine „Jahrhundertübersetzung“ kaum zu „toppen“! Oder: was wäre eine neue „Traumübersetzung“, gibt es bereits ein nächstes Projekt?

„Ja, es gibt ein Projekt und es gibt einen Traum! Aber darüber kann oder möchte ich noch nichts verraten. Für mich hat sich durch die literarische Übersetzungsarbeit alles verändert. Es haben sich mir ganz neue Bereiche eröffnet. Das literarische Schreiben ist mir wichtiger geworden und dem möchte ich mich stärker zuwenden. Nun kann auch mein wissenschaftlicher Ehrgeiz etwas in den Hintergrund treten.“

 

Von der ersten Seite an war ich von der Sprache, in der erzählt, gereimt und gedichtet wird, gefangen. Das liegt sicher an der arabischen Sprache selbst, aber ich meine, dass der schelmenhafte, feinfühlige und, ja, der liebevolle Blick „der Übersetzerin“ nicht zu verbergen ist! Ich habe es sehr genossen, mich von der kecken, „frechen“ und unverschnörkelten Erzählweise treiben zu lassen – da bin ich sehr gespannt auf das „geheimnisvolle“ Zukunftsprojekt! Frau Ott, ich wünsche Ihnen dafür viel Glück, und vielen Dank für dieses Gespräch!

 

 

Interview und Foto: Ingrid Handwerker


[1] Die Edition beinhaltet einen Textband sowie einen Band mit textkritischen Anmerkungen und Kommentaren.

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