Nachhaltige Stadtentwicklung und kulturelles Erbe – Strategien und Instrumente einer Entwicklungs­zusammenarbeit in Kairo und Aleppo

 

 

„Die Aufnahme dokumentiert nicht nur die Einzigartigkeit im Weltmaßstab, sondern begründet auch die Verpflichtung gegenüber der Völkergemeinschaft, sich für seine unverfälschte Erhaltung einzusetzen. Der besonderen Auszeichnung entspricht daher auch eine ebenso herausgehobene Verantwortung, die ständig große Anstrengungen erfordert und sich im Alltag bewähren muss“

( Tilmann Breuer, Landesamt für Denkmalpflege Bayern, bei der Überreichung der Urkunde zum Weltkulturerbe der Stadt Bamberg am 11. Dezember 1993 )

 

 

In 25 Jahren wird Dreiviertel der Weltbevölkerung in Städten leben (???) und der Großteil dieser Städte liegt in den Entwicklungsländern. Damit der „Organismus Stadt“ kontrollierter wachsen kann, müssen neue Wege gegangen werden – in der Politik, der Architektur, der Infrastrukturplanung, aber auch von den Menschen. Der globale Diskussionsprozess um nachhaltige Formen der Stadtentwicklung gewinnt an Dynamik, und so wendet sich die deutsche und internationale Entwicklungszusammenarbeit heute stärker denn je den Städten zu. So stand auch die Fachtagung 2005 der GTZ unter dem Motto „Brennpunkt – Faszination – Chance: Die Stadt von morgen“

 

Es waren meist die Städte, in denen die Grundfragen aufgeworfen, diskutiert und zum Teil auch gelöst wurden, die uns heute über viele Grenzen und Kontinente vereinen: Hier wurde um Freiheit und Gleichheit gekämpft, hier wurden im Kampf um Teilhabe an städtischer Macht und städtischem Erfolg partizipatorische Modelle entwickelt, die wir als Beginn demokratischer Verfassungen verehren und es waren die Städte, welche die ersten multikulturellen Gesellschaften beherbergten.

Wir sollten uns klarmachen, dass in den materiellen Strukturen der Stadt nicht nur ein bisher nicht ausgelotetes Potential an zukünftigen Möglichkeiten vor uns liegt, sondern dass es unsere historischen Städte sind, welche den Beweis für eine unerhörte Vielfalt an menschlichen Möglichkeiten erbringen. „Stadtluft macht frei“ war ein Leitbegriff, mit dem man im Mittelalter Leibeigene in die Stadt lockte. Mehr als 90 % lebten zu dieser Zeit noch auf dem Land.

 

Und wie sieht die Zukunft aus?

Bis zum Jahr 2025 werden mehr als 60 % der Weltbevölkerung in Städten leben (???). 2 Milliarden Menschen werden bis dahin in die ohnehin schon extrem belasteten Städte der Entwicklungsländer ziehen und  neun von zehn der stark bevölkerten Städte werden in diesen Ländern liegen. Beschäftigt man sich mit diesem Thema, so wird in der Fachliteratur oft über „sustainable development“ geschrieben - ein Fachbegriff,  der für „nachhaltige, dauerhafte oder auch zukunftsfähige Entwicklung“ steht. – Nachhaltigkeit mit dem Ziel, dass menschliches Handeln nicht mehr auf Kosten anderer Menschen, nachfolgender Generationen oder unserer Umwelt, unserem kulturellen Erbe geschehen soll.

Wie kam es dazu, dass wir heute so intensiv über das Thema „nachhaltige Stadtentwicklung“ diskutieren – in Bezug auf Urbanität, zum Thema Umwelt oder hinsichtlich unseres kulturellen Erbes?

 

Seit der Agenda 21 der UNCED (United Nations Conference on Environment and Development), welche 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet wurde, der Istanbuler Erklärung des UNCHS (United Nations Center for Human Settlement ) 1996 zur Habitat II und der Berliner Erklärung 2000 bei der URBAN 21 zur Zukunft der  Städte ist die immer sichtbarer werdende Beeinträchtigung des Menschen durch die Zerstörung seiner sozialen und ökologischen Umwelt ein zentrales Thema der aktuellen Diskussion um Urbanität und Rehabilitation.

Nachhaltige Stadtentwicklung und Urbanität sind in der arabisch-mittelalterlichen Altstadt grundsätzlich kein Widerspruch. Die heute in neuen Planungskonzepten gestellte Forderung nach verdichtetem Bauen zur Reduzierung von Flächenverbrauch liegt im Stadtgefüge einer arabischen Altstadt mit engen Gassen und einer sehr dichten Bebauung fast immer vor. Auch die bei neuen Planungsaufgaben gestellte Forderung der Mischung von Funktionen wie Arbeiten, Wohnen, Versorgung und Freizeit finden wir nirgendwo besser als in mittelalterlichen Städten in Europa, Afrika oder Asien.

Und wenn anonyme Städte durch spektakuläre Architektur eine neue Identität, ein neues Image suchen wie z.B. die spanische Industriestadt Bilbao, welche sich von dem amerikanischen Stararchitekt Gehry ein in seiner Architektur spektakuläres Museum bauen ließ, so ist die mittelalterlichen Stadt geprägt durch zahlreiche historische Bauten – durch Baudenkmale, welche der Stadt eine unverwechselbare Identität (heute sagen wir dazu salopp: ein Image) geben.

Oft wird dieses historische Erbe bei Planern als Last gesehen, als „Hemmschuh“ einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung.

Denkmalpflege und Stadtentwicklung – zwei Begriffe, die in Ihrem Wortsinn wie auch dem Gebrauch in der öffentlichen Praxis unterschiedlich sind. Sieht man Stadtentwicklung als etwas Dynamisches, als einen Prozess auf der Suche nach sinnvollen Bewegungsrichtungen einer städtischen Zukunft, so wird die Denkmalpflege zunächst als etwas Verweilendes, Starres gesehen, bei dem das bewahrende Gedankengut vordergründig ist.

Betrachtet man die Rolle der Denkmalpflege in einer nachhaltigen Stadtentwicklung, so muss sie ein integrierter Bestandteil eines ständigen Abwägungsprozesses sein. Der Planungsprozess in einer Stadt muss sich als integrierter, interdisziplinärer, ja partnerschaftlicher Vorgang verstehen und so auch praktiziert werden. Dies schließt dann aus, dass ein jeweiliger städteplanerischer „Trend“ oder eine Mode, wie z.B. die autogerechte, die fußgängerfreundliche oder die ästhetisch-ortsbildgerechte Stadt das zu planende, zu verändernde Objekt Stadt für ein paar Jahre als ausschließliche Beute betrachtet, bis sich der Wind dreht und dann ein neuer „Trend“ verfolgt wird. Auch Kairo macht diese Entwicklung durch: Vor 20 Jahren hat man begonnen, mit Fly-over den zunehmenden Verkehr zu steuern. Heute fordert man den Abbruch einiger dieser hässlichen Bauwerke und für die Al-Azhar Straße zwischen Opernplatz und Saleh Salem Strasse gibt es nun eine Planung als Fußgängerzone.

Geht man davon aus, dass nachhaltige Stadtentwicklung alle positiven Eigenschaften oder Fähigkeiten einer Stadt analysiert, dann wird das berechtigte Interesse der Stadtplanung für die geschichtlichen Züge, die Geschichtszeugnisse der historischen Stadt ungeheuer groß. Gemäß der Erkenntnis, dass die geschichtlich gewachsene Stadt das geformte System von vielfältigen Sozialbezügen ist, ist der baulich sichtbare Teil dieses Systems, dieser Formung, nicht nur materielle Hülle, sondern auch Produkt dieser sozialen Bezüge - so wie die Schnecke mit ihrem Organismus ihr Haus sowohl baut als auch ihren Organismus in der Form des Schneckenhauses abbildet. In diesem Sinne ist die geschichtlich gewachsene Stadt nicht nur schön, sondern immer auch identifizierende Begründung der heutigen Stadt und informationsreicher Wegweiser zur Stadt von morgen.

Dies bedeutet für eine nachhaltige Stadtentwicklung, dass auch über den gesetzlichen Zwang hinaus geprüft werden muss, welche historische Substanz im wohlverstandenen Interesse der Öffentlichkeit in eine zukünftige Entwicklung einzubringen ist.

„Eine Zukunft der Vergangenheit“ lautete der Wahlspruch des europäischen Denkmalschutzjahres 1975 – eine Leitvorgabe, welche auch Grundlage der UNESCO bei der Unterschutzstellung ganzer Stadtanlagen und deren Eintragung in die Liste des Weltkulturerbes ist. Nur mit einer bewahrten baulichen Geschichte ist eine lebenswerte urbane Zukunft möglich.

Doch welche Möglichkeiten haben Städte wie Kairo, Aleppo, Damaskus oder Sanaa bei der vorgegebenen Verpflichtung, ihr Weltkulturerbe Altstadt für die gesamte Menschheit zu erhalten? Sind bei der in diesen Ländern vorhandenen Armut und der menschlichen Not in diesen Städten die von der UNESCO vorgegebenen Richtlinien bei Restaurierungsmaßnahmen ohne eine finanzielle und technische Hilfe aus den reichen Ländern überhaupt möglich?

Am Beispiel Kairo und Aleppo versuche ich die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer ganzheitlichen Altstadtsanierung aufzuzeigen um daraus Strategien und Instrumente zu entwickeln

Das also ist das Kairo der Zukunft, der kosmopolitische Jahrmarkt ?- Oh Gott, wann werden sich die Ägypter auf sich selbst besinnen, wann  werden sie einsehen, dass die Vergangenheit ihnen ein unveräußerliches Erbteil der Baukunst, der feinen Eleganz hinterlassen hat und das durch ihre Nachlässigkeit eine der köstlichsten Städte auf Erden einstürzt und untergeht!“

- Dieses Zitat aus dem Buch „Im Lande der Pharaonen“ hat Pierre Loti 1910 niedergeschrieben und es spiegelt die Situation um das bauliche Erbe der Kairoer Altstadt zu dieser Zeit wieder.

90 Jahre später hat sich nur wenig verändert – die Altstadt ist zwar seit 1979 als Weltkulturerbe in die Liste der UNESCO eingetragen, aber an der baulichen Substanz hat sich durch Nachlässigkeit, defekte Infrastruktur und mangelnde Bauunterhaltung nur wenig verändert. Nach einem starken Erdbeben 1992 und dem Aufschrei vieler Experten aus dem Ausland wie auch besorgter Bürger in Ägypten hat die UNESCO 2002 zu einem Fachkongress in Kairo Architekten, Kunsthistoriker und Konservatoren aus aller Welt eingeladen, um Fragen der Denkmalpflege und Altstadterhaltung zu erörtern.

Kairo gehört heute zu den am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt. 1960 zählte die Stadt noch 4 Millionen Einwohner, war aber schon 1927 eine Millionenstadt. Heute schätzt man die Bevölkerung von Greater Cairo auf 18 – 19 Millionen Einwohner, und die Stadt wächst jährlich um ca. 400 000 Einwohner weiter. Kairo übersetzt man - entsprechend ihrem Namen „al Qahira“  - als die „Unbesiegbare“ … heute, so sollte man hinzufügen, jedoch mit Kreislaufschwächen! Doch entgegen aller Prognosen der vergangen Jahre und trotz der anhaltenden Kreislaufschwäche ist Kairo noch immer bei erstaunlich guter Gesundheit.

Seit einiger Zeit gibt es seitens der Regierung erhebliche Bemühungen, die herausragenden Baudenkmale der mittelalterlichen Altstadt vor weiterem Zerfall zu retten. Die von der UNESCO unter Schutz gestellte Altstadt von Kairo, der Stadt der tausend Minarette, umfasst ein Gebiet von 3,87 qkm. – Zum Vergleich: Das historische Venedig hat 4,5 qkm, Aleppo 2 qkm.

Nach einer Klassifizierung, welche Anfang des 20. Jahrhunderts durch das 1881 gegründete Comité de Conservation des Monuments de L`Art Arabe durchgeführt wurde, befinden sich in dem von der UNESCO unter Schutz gestellten Areal ca. 450 Baudenkmale von überregionaler Bedeutung. Diese Liste wurde in den vergangenen Jahren nur unwesentlich erweitert, so dass in dem Inventar Kairos leider viele wichtige Bauten des 19.Jahrhunderts, insbesondere Bauten der Profanarchitektur, fehlen.

Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak bezeichnete bei seinem Amtsantritt 1981 den Zustand, und hierbei insbesondere die Infrastruktur seiner Hauptstadt als  „Schrotthaufen“ und er stellte ein großes Budget für Verbesserungsmaßnahmen zur Verfügung. Von Heliopolis nach Helwan wurde eine Metro-Linie gebaut, und zur Entlastung der chronisch verstopften  Strassen wurden zahlreiche mehrspurige Straßenbrücken, sogenannte „Fly-over“ errichtet, welche die Innenstadt zerteilen und das Straßenbild erheblich beeinträchtigen. Die mittelalterliche Altstadt spielte bei all diesen Konzepten und Maßnahmen kaum eine Rolle, und der Zerfall der Baudenkmale und der historischen Wohnhäuser nahm dramatisch zu.

Neben den privatrechtlichen Schwierigkeiten, welche durch die eingefrorenen Mieten seit der Zeit von Nasser zu einem totalen Verlust an Bauunterhaltung führte, der enormen Wohndichte insbesondere nach 1967, als viele Bürger aus der Suezkanalzone zu ihren Verwandten in die Altstadt zogen und wir zu dieser Zeit kurzfristig in den Wohnquartieren der Altstadt eine Wohndicht von bis zu 120.000 Einwohner pro qkm hatten, waren insbesondere die mangelnde Infrastruktur, der hohe Grundwasserspiegel und die enorme Schadstoffbelastung für den rapiden Zerfall der Baudenkmale verantwortlich.

In großen Bereichen liegt der Grundwasserspiegel nur wenige Zentimeter unter dem Fußbodenniveau. Die Schadstoffe, welche aus einem total verrotteten Abwassersystem in den Boden gelangen, dringen so in die Fundamente der Bauwerke ein und schädigen das Mauerwerk. Beschleunigend für den Verfall ist dann noch die hohe Schadstoffbelastung der Luft. Die in der feuchten Luft gebundenen Oxide von Schwefel und Kohle dringen als Kohle- und Schwefelsäure in den Stein ein und die hierbei gelösten Salze greifen die Bindemittel an, kristallisieren und führen zu unansehnlichen Ausblühungen und Verlusten an der Oberfläche.

Seit Anfang der 70er Jahre des 20.Jahrhunderts haben verschiedene ausländische Institute begonnen, Einzelbauwerke zu sanieren. Mit dem Konzept, die wichtigen Denkmale in einem Quartier zu restaurieren und hierbei eine Initialzündung bei den Eigentümern der umliegenden Gebäude zu Sanierungsmaßnahmen an ihren Gebäuden zu erreichen, hat das Deutsche Archäologische Institut Kairo 1973 mit dem Projekt Darb Qirmez einen Anfang gemacht. Bis heute wurden 14 Gebäude saniert, aber es ist bei den Einzelsanierungen der Baudenkmale geblieben, Privatinitiativen fanden leider nicht statt.

Ein erstes Konzept zur Sanierung der Altstadt als Gesamtdenkmal wurde 1997 im Rahmen eines UNDP Projekts erarbeitet. Der Abschlussbericht und die aufkeimende Kritik sowohl in der heimischen Presse wie durch die UNESCO und ausländische Fachleute zu dem dramatischen Verfall der Baudenkmale hat die Regierung veranlasst, ein Sanierungsprogramm („Historic Cairo“) für 140 Baudenkmale zu erstellen und hierzu Sondergelder zur Verfügung zu stellen. Um die Maßnahmen zu beschleunigen, wurde eine Stabsstelle gegründet, welche direkt dem Kulturminister unterstellt ist. Erste Erfolge sind heute im Straßenbild der Altstadt sichtbar.

Aber auch diese Restaurierungsmaßnahme ist auf die punktuelle Konservierung und Erhaltung gefährdeter Baudenkmale beschränkt, eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Bevölkerung in der Altstadt ist bisher nicht vorgesehen. Für eine nachhaltige Stadtsanierung muss als erste Maßnahme  – und dies auch zum langfristigen Erhalt der Baudenkmale – das total marode Kanalisationssystem erneuert werden.

Einen viel versprechenden ganzheitlichen Ansatz hat ein Sanierungsvorhaben der Aga Khan Stiftung in einem historischen Quartier in der Altstadt, dem Gebiet Darb al-Ahmar. Bei einem 1984 durchgeführten internationalem Seminar der Aga Khan Stiftung zum Thema „The expanding Metropolis: Coping with the Urban Comitee of Cairo“ hat sich Ihre Hoheit, der Aga Khan, entschieden, der Stadt Kairo die Planung und Durchführung eines 30 Hektar großen Parks am östlichen Rand der Altstadt als Geschenk zu machen.

Bei der Planung und den vorbereitenden Arbeiten für diesen Park war man sich der Notwendigkeit bewusst, dass ein Sanierungsprogramm für das an den Park und die Stadtmauer direkt angrenzende Wohngebiet Darb al-Ahmar erstellt werden muss. Bei dem Quartier Darb al-Ahmar handelt es sich um ein historisch gewachsenes Wohnquartier, welches mit Kleingewerbe und einigen öffentlichen Einrichtungen durchmischt ist. Die Bevölkerung setzt sich überwiegend aus Familien zusammen, die seit mehreren Generationen dort ansässig sind. Diese Familien sind meist arm, wenig ausgebildet und der Prozentsatz von Analphabeten liegt über 40 %.

Die Infrastruktur in Darb al-Ahmar ist katastrophal. Dennoch finden wir bei der Bevölkerung ein tief verwurzeltes Sozialgefüge und eine hohe Identifikation mit ihrem Wohnstandort. Durch dieses funktionierende Sozialgefüge haben wir in Darb al-Ahmar so gut wie keine Kriminalität.

In dem Quartier befinden sich 65 registrierte Baudenkmale. Trotz einer großen Zahl von Neubauten aus dem letzten Jahrhundert haben wir noch Hunderte historischer Gebäude, die meist aus der osmanischen Zeit stammen.

Soziologische Untersuchungen, welche vor einigen Jahren durchgeführt wurden, zeigen, dass die Bevölkerung von Darb al-Ahmar durch ihre hohe Identität mit ihrem Wohnviertel auch weiterhin  dort wohnen und arbeiten möchten. Viele sind bereit, vorhandene Mittel – als Arbeitskraft oder durch Barmittel – zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einzubringen. Auf der Basis dieser viel versprechenden Untersuchungen und Aussagen hat der „Aga Khan Trust for Culture“ in Zusammenarbeit mit dem „Egyptian Swiss Fund for Development“ , der „Ford Foundation“ und dem „World Monument Watch“ 1996 ein Stadtsanierungsprogramm für Darb al Ahmar beschlossen, welches die folgenden Planungsstrategien / Planungsziele verfolgt:

-          Verbesserung der sozio-ökologischen Bedingungen

-          Verbesserung der Infrastruktur

-          Verbesserung der Wohnbedingungen

-          Verbesserung des öffentlichen Raumes

-          Umnutzung von Baudenkmalen und historischen Gebäuden

-          Unterstützung bürgerlicher Aktivitäten

 

In einem ehemaligen Wohngebäude aus dem frühen 20.Jhd., welches später als Schule genutzt wurde und seit dem Erdbeben von 1992 leer stand, wurde ein Bürger- und Beratungszentrum eingerichtet, in welchem auch die Büroräume der Community Development Agency , der örtlichen Institution, welche das Sanierungsprojekt leitet, untergebracht sind.

Mit Hilfe des Landes Baden Württemberg und Spenden von „Sandsturm“, einem privaten Verein, welcher von dem ehemaligen Pressesprecher der Firma DC, Herr Mathias Kleinert in Kairo gegründet wurde, konnte in dem neuen Bürgerzentrum eine Kinderbücherei mit Medienzentrum untergebracht werden und in der Nachbarschaft zu diesem Gebäude wurde für die Ausbildung des ansässigen Holzhandwerks eine Werkstatt eingerichtet, in der von Baden Württemberg finanzierte Ausbilder Fortbildungskurse durchführen.

Für ein Kindergartenprojekt in Darb al-Ahmar suchen wir derzeit einen Partner, welcher für dieses Projekt eine Patenschaft übernimmt.

Der Grundbaustein der historischen Stadt ist die Parzelle. Sie ist das System einer rationalen, städtischer Ordnung, nicht nur ästhetischer, sondern auch sozialer und ökonomischer Art. In ihrem Stadtzentrum sind die städtischen Funktionen gebündelt – Kirche, Rathaus und öffentlicher Platz.

Dies gilt auch für den Ursprung der islamischen Stadt. Die vom Propheten gewählte Form der Niederlassung beruht auf einer Zuteilung von unbesiedelten Standplätzen, sogenannter Chitat, an Familiengruppen und ganze Stämme, die dann kollektiv für die Nutzung, die innere Unterteilung, die Bebauung und die Aufrechterhaltung der Ordnung der gegebenen Grenzen verantwortlich waren.

Diese gewachsene Struktur einer islamischen Stadt, die uns bei einem ersten Blick verwirrend und ungeordnet erscheint, finden wir in den islamischen Städten von Marokko bis Indien. Auch wenn die Stilformen und Materialien von Region zu Region unterschiedliche Ausformungen haben, bleibt die Grundstruktur dieselbe – eine Trennung von öffentlichen und privaten Lebensbereichen, eingebettet in das Quartier als soziale Einheit und stadträumliche Unterteilung und mit einem Stadtzentrum mit öffentlichen Bauten.

 

Da sich architektonische und städtebauliche Qualität in der historischen Stadt immer am Bestand messen, ist das Wissen um die detaillierte historische Entwicklung unumgänglich.

Aus dieser Verpflichtung der besonderen Verantwortung beim Umgang mit einer historischen Stadt sollte die Stadtverwaltung städtebaulich-denkmalpflegerische Untersuchungen in Auftrag geben und die Ergebnisse in Rahmenplänen darstellen. An vielen Beispielen in Europa hat sich gezeigt, dass ein grober Rahmen, in Einzelziele aufgeteilt, ein Gesamtentwicklungskonzept darstellt, das die Grundlage allen planerischen Handelns sein muss.

Hier ist auch der Ansatz der Beteiligung der Öffentlichkeit an dem Prozess der Stadtentwicklung. Gerade auch die Städte, die in die Liste des Weltkulturerbes eingetragen sind, sind Veränderungen und Anpassungen ausgesetzt. Der Prozess der Veränderung, mit Sorgfalt und höchster fachlicher Qualität begründbar vorgetragen und aus der bestehenden Stadt abgeleitet, bildet die Grundlage mit dem Umgang der Stadt. Identität, vor allem mit neuen Planungskonzepten, kann nur erreicht werden, wenn diese Veränderungen von möglichst vielen Bürgern der Stadt mitgetragen werden – eine Strategie, die auch legitimierte Planung genannt werden kann und in vielen Planungsinstitutionen historischer Städte dieser Region fehlt.

Einen Ansatz hierzu gibt es bei dem Sanierungsvorhaben in Aleppo/Syrien, welches seit 1993 als ein bilaterales Projekt zwischen der Stadt Aleppo und der GTZ installiert ist. Die Stadt Aleppo stellt hierbei einen organisatorischen Aufbau von technischem und verwaltungstechnischem Personal zur Verfügung. Im Haushalt der Stadt wurden Sanierungsmittel eingestellt. Die GTZ stellt ihrerseits internationale und lokale Experten, Schulungen für die Projektgruppe, technische Ausrüstung und Mittel zur Ausführung der Sanierungsmassnahmen zur Verfügung. Als weitere Partner bei der Altstadtsanierung von Aleppo sind der Arab Fund for Social and Economic Development, der Aga Khan Trust for Culture und die Kreditanstalt für Wiederaufbau miteingebunden.

Aleppo zählt mit seiner über 5000 jährigen Stadtgeschichte zu den ältesten Stadtanlagen der Welt. Aus der Frühzeit der Besiedlung sind nur noch wenige Spuren archäologisch nachweisbar, jedoch ist der Grundriss der antiken Stadt im Plan der Altstadt erkennbar, während antike Bauwerke oder Teile von ihnen fehlen.

Die Bedeutung von Aleppo ist bestimmt durch den Handel – eine Voraussetzung, die wir zusammen mit einer idealen Topographie für einen Siedlungsplatz in vielen Städten des Orients wiederfinden.

Großräumig liegt Aleppo an der Nahtstelle zwischen Großsyrien mit der sich südlich anschließenden Arabischen Halbinsel, Kleinasien und Mesopotamien.

Man kann daher die legendenumwobene Weihrauchstrasse ebenso mit Aleppo in Verbindung bringen wie die nicht weniger berühmte Seidenstrasse. Bedingt durch diese geographische Lage und die politische und wirtschaftliche Bedeutung trafen in Aleppo im Laufe der Zeit die verschiedensten Kulturen aufeinander, deren Vielfalt das Zusammenleben der Menschen prägte und noch heute in den verschieden Quartieren der Altstadt ablesbar ist.

Schon 1890 wurde in osmanischer Zeit ein Masterplan für Aleppo erarbeitet. Vorbild war die europäische Stadtplanung dieser Zeit mit Stadterweiterungen nach westlichem Vorbild. Für die Altstadt wurden Gestaltungsrichtlinien in Bauvorschriften eingebunden und es gab offizielle Baukontrollen, auch in der Altstadt. Diesem strikten Handeln verdanken wir heute das harmonische Bild der Altstadt.

1950 wurde der Gutton Master Plan verabschiedet, welcher dem aufkommenden Verkehr  die Priorität vor dem Erhalt der Gesamtanlage Altstadt gab und neue Verkehrsachsen durch die Altstadt legte. Dies führte dazu, dass nachbarschaftliche Beziehungen getrennt und entlang der neuen Straßen mehrgeschossige Gebäude gebaut wurden. Bis Ende der 70er Jahre des 20. Jhds waren die sozialen, kulturellen und geschichtlichen Werte der Altstadt kein Thema für die ortsansässigen Stadtplaner. Viele der für Aleppo typischen Innenhofhäuser wurden abgebrochen. Grosse Bereiche des alten Gefüges der Altstadt waren durch die Straßenbaumaßnahmen abgeschnitten und wurden vernachlässigt und dem Zerfall überlassen. Die Einwohnerzahl sank von über 180 000 in den frühen 1950er Jahren auf unter 120 000 im Jahr 1990.

Durch ein aufkommendes Bewusstsein für die Erhaltung der Altstadt von Aleppo sowohl auf nationaler wie auch internationaler Ebene und durch eine Studie der UNESCO wurde die Umsetzung des 1974 verabschiedeten Masterplans gestoppt und es wurde 1983 ein Symposium zur Erhaltung der Altstadt einberufen, was dann  1986 zur Aufnahme der Altstadt von Aleppo in die Liste des Weltkulturerbes führte.

In einer von den Bürgern und der Stadtverwaltung gegründeten Altstadtkommission wurde ein Konzept zur Rettung der Altstadt aufgestellt – gekoppelt mit einer Anfrage nach Geldern. Seit 1993 arbeitet die GTZ in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung an Erhaltungsmaßnahmen für die Altstadt. Nach einer ersten Phase der Analyse wurden folgende Schwerpunkte festgelegt:

     - Ausarbeitung eines Flächennutzungsplanes für die Altstadt

     - Erneuerung der Kanalisation

     - Verkehrsmanagement

     - Kleinkredite für Haussanierungen

     - Müllentsorgungskonzept

     - Bewusstsein für die Umwelt

     - Verbesserung des öffentlichen Raumes, öffentlicher Plätze

Um erste Erfolge früh sichtbar zu machen, wurden kleinere Sanierungsgebiete ausgewiesen, sog „action areas“. Parallel dazu wurden Programme entwickelt, um das soziale, kulturelle und gesellschaftliche Leben in der Altstadt zu verbessern, den Tourismus zu entwickeln und zu steuern (hier in einer engen Zusammenarbeit mit der Stadt Heidelberg ) und die Kulturdenkmale zu renovieren.

Heute leben wieder über 100.000 Menschen in der Altstadt von Aleppo. Das sind 5% der Gesamtbevölkerung der Stadt, die heute 2 Millionen Einwohner hat. Die Altstadt ist wieder attraktiv geworden, und dies nicht nur wegen des großen Bazars. Innenhofhäuser wurden zu Restaurants und Pensionen ausgebaut, öffentliche Plätze sind verkehrsberuhigt und seit einigen Jahren ist auch eine Zunahme bei der Wohnbevölkerung zu verzeichnen.

Heutzutage müssen wir über kulturelles Erbe und den Erhalt in einer realisierbaren Form nachdenken. Die Herangehensweise wie auch die Parameter zur Einschätzung der Bedeutung des kulturellen Erbes ändern sich. Konsequenterweise sollte die Sanierung nicht als vorgefertigtes Rezept erkannt werden. Was für eine Gesellschaft, ein Weltkulturdenkmal gültig ist, ist nicht notwendigerweise anwendbar auf einen anderen Ort. Erhaltungsstrategien müssen daher dynamische Faktoren sein.

Wo alte Nutzungen in alten Parzellenstrukturen existieren, wo eine Mischung von Wohnen und Produzieren überlebt hat und sich an heutige umweltverträgliche Normen heranführen lässt, wo Märkte und Kleinhandel überkommen sind, wo eine traditionelle Bewohnerschaft Engagement und Zuwendung zur Stadt garantiert, sollte man diese Stadt erhaltenden Funktionen erhalten, stützen und schützen.

Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Geschehen im Quartier bedeutet eine höhere Identifikation mit dem Wohnumfeld, was zu vermehrtem Interesse und stärkerer Fürsorge für das Quartier beitragen kann. Dadurch können die Bewohner und Bewohnerinnen sensibilisiert werden für soziale und ökologische Belange, zugleich kann das Interesse geweckt werden für eine Erhaltung ihrer historischen Umgebung. Eine Quartiersentwicklung, die auf mehr Urbanität abzielt, kann also ein Baustein für eine nachhaltige Stadtentwicklung sein. In der überschaubaren Ebene des Quartiers können ökologische und soziale Probleme direkt aufgenommen, erlebt werden, so dass auf dieser Ebene eine Solidarisierung und Interessenartikulation stattfinden kann. So kann ein identitätsstärkender Umgang mit der Umgebung, dem historischen Erbe erreicht werden.

Doch wie der Stadtbürger seine Stadt nicht als Idylle sieht, so sollte auch der Besucher, der ausländische Tourist die Stadt nicht nur als ein solches Bild wahrnehmen. Wer die historische Stadt als Idylle sieht, reduziert sie grundsätzlich auf Oberflächliches, wählt dabei aus ihrer Vergangenheit naiv und ideologisch aus und verweigert sich ihrer ganzen Geschichte. Wir müssen die Stadt als kritisches Potential und ihre Geschichte als Beweis für die Leistungsfähigkeit dieses Potentials sehen. Wenn man die Stadt nicht als Idylle missverstehen soll, dann gilt dies nicht nur für ihr architektonisches Bild, nicht nur für ihren Gang durch die Weltgeschichte, sondern natürlich auch für ihre gesellschaftliche Verfassung - dies insbesondere auch unter der in Europa geführten Diskussion des Zusammenleben von christlichen und muslimischen Völkergruppen. Nie konnte eine erfolgreiche Stadt eine provinzielle eigenbrötlerische Isoliertheit pflegen, immer war die Art ihrer Auseinandersetzung mit dem Neuen, dem Fremden und den Fremden entscheidend für ihren Erfolg. Und dieser Erfolg stellte sich dann ein, wenn man dem Fremden, dem Andersgläubigen Rechtssicherheit und Chancengleichheit einräumt. Der Fremde muss aber auch bereit sein, städtische Pflichten mit zu tragen.

Als der Soziologe Alexander Mitscherlich 1965 sein Buch (er selbst nannte es Pamphlet) „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ veröffentlichte, haben wir Denkmalpfleger es dankbar immer wieder zitiert, weil er noch vor der institutionalisierten Denkmalpflege die Zerstörung der Städte durch verkehrsgerechten Umbau, durch Nutzungsentmischung, Flächensanierung und massenhaften, anonymen Neubau anprangerte. Den Kern seiner Anklage wurde von den Denkmalpflegern damals überlesen. Wenn Mitscherlich ein bedrohliches „ Defizit an affektivem Engagement“ für unsere Städte beklagte, dann führte er es zurück auf eine neue Form von Provinzialität als vorderster Ursache für die Unwirtlichkeit unserer Städte und als Grund für die Verweigerung von gemeinschaftlichen Leistungen für die Stadt.

 

Wolfgang Mayer, Hauptkonservator

Repräsentant der Hanns Seidel Stiftung / Kairo

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