INARI UND SEIN HAREM

 

KAMELEINKAUF IN SHALATEIN

 

Anmerkung: Es handelt sich hier um Dromedare, nur spricht in Ägypten jeder von Kamelen. Wenn ich in diesem Artikel von Kamelen spreche, sind immer Dromedare gemeint.

 

Inari ist unser Kamelhengst. Vor vier Jahren, am 23. Februar 2001, kauften wir ihn mit seinen sieben Frauen auf dem Kamelmarkt von Shalatein, nahe der sudanesischen Grenze.

 

Wir erreichen den Marktfleck gegen Mittag. Eine Reise von 1500 km liegt hinter uns. Was werden wir hier wohl für Kamele vorfinden? Vorerst gar keine. Der Sheikh, der uns empfohlen wurde, ist zur Zeit irgendwo in der Wüste. So melden wir uns bei der militärischen Sicherheitspolizei. Da es weder ein Hotel noch eine andere Unterkunft gibt, wird Khaled, meinem Mann erlaubt, mit uns - Abu Khaled, dem Lastwagenfahrer und mir - in der Nähe des Meeres zu übernachten. So wählen wir mit dem Lastwagen und unserem Land Cruiser eine geeignete Stelle als Übernachtungsplatz. Die Temperaturen sind hier im Süden am Ende des Winters sehr angenehm.

 

Mit dem Land Cruiser fahren die drei Männer anschließend zum Kamelmarkt. Mich, eine emigrierte Schweizerin, lassen sie zurück. Mein Anblick alleine würde schon ausreichen die Kamelpreise in die Höhe schnellen lassen. Abends kehren die Männer niedergeschlagen zurück. Keiner wollte ihnen ein Kamel verkaufen. Die Händler schienen ein Komplott zu schmieden. „Mach du den Preis!” forderten sie Khaled auf. „800 LE”, schlug er vor. „Viel zu wenig”, entsetzte sich der Händler. „1000 LE“ versuchte es mein Mann. „Was stellst du dir vor!” „1200 LE, mehr kann ich nicht bezahlen, außerdem wollen wir zwölf Kamele kaufen”, lockte er. „Nein, beim Propheten, bei diesem Preis werde ich verarmen!” jammerte der Händler. „Dann sag doch du, wie viel du haben willst!” lenkte Khaled ein. „Eine Million LE” hallte Khaled die Auskunft in den Ohren. Nun erkannten mein Gemahl und seine Begleiter, dass hier mit ihnen nur gespielt wurde. Enttäuscht verließen sie den Kamelmarkt.

 

„Wie soll es nun weitergehen?” will ich wissen. Khaled telefoniert mit der militärischen Sicherheitsbehörde in Bahariya, die uns den Sheikh als Mittelsmann empfohlen hatte. Endlich ist die Verbindung hergestellt.  Nach langen Einleitungsfloskeln kann Khaled sein Problem erläutern. Er erhält den Namen eines Tierarztes, der die Kamele begutachten muss und nebenbei noch ein Kaffee unterhält. An den soll er sich wenden. Also fahren die Männer los. Ich bleibe unter dem Sternenzelt zurück und genieße das himmlische Spektakel unzähliger Sternschnuppen und die Stille der Wüstennacht, die von Ferne mit dem leisen Anschlagen der Wellen am Gestade untermalt wird. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Fröstelnd erwache ich. Die Männer stecken in den Schlafsäcken. Die aufgehende Sonne weckt die „Nachtschwärmer”. Die Männer beeilen sich, den Arzt zu treffen, der sie heute auf den Markt begleiten will.

 

Abends kehren die Kamelkäufer strahlend zurück. Durch die Vermittlung des Arztes verkaufte ihnen ein Händler sieben Stuten zu einem angemessenen Preis. Wir sind sehr zufrieden und ich bin neugierig, wie denn unsere Kamele aussehen. „Morgen kommst du mit auf den Markt”, erklärt Khaled, „wir sind nun bekannt und ich habe einen Hengst im Auge, den ich kaufen möchte.” Ich freue mich sehr auf den Besuch des Kamelmarktes. Früh morgens sind wir mitten im Gewühle. In kleinen und größeren Gruppen liegen oder stehen die Tiere im Staub und Unrat. Geschäftige Männer zirkeln zwischen den einzelnen Tiergruppen. Die Sonne brennt auf Mensch und Tier. Kein Baum spendet Schatten. Ein süßlicher Gestank dringt in meine Nase. Ich sehe Geier über einem Teil des Marktes kreisen. Vorsichtig, um meine Füße nicht allzu sehr im Unrat zu baden, stapfe ich dorthin. Kamel-, Ziegen- und Schafkadaver, werden da von den Geiern entsorgt. Der Gestank verschlimmert noch den Anblick des Leichenhaufens. Ich fliehe zurück ins Auto.

 

Khaled reitet stolz auf einem Hengst heran. Dies ist also unser Boss. Weißlich schimmert sein Fell, hochbeinig ist das Tier und stolz reckt er sein Haupt. In weich fließenden Bewegungen schreitet der Hengst dahin. Auf Befehl: „Ichchch….,“  lässt er seine Vorderbeine einknicken, büschelt die Hinterbeine in die richtige Position und Khaled kann absteigen. „Wo sind denn unsere Kamele?” frage ich neugierig. Khaled weist auf einen kleinen Haufen. „ Was, das sollen unsere Tiere sein?” denke ich entsetzt. Wie habe ich mich doch auf unsere Kamele gefreut. Dieser klägliche Haufen deckt sich überhaupt nicht mit meinem innern Bild. Liebe, zutrauliche Tiere, mit weichem sauberem und glänzendem Fell, gut geschult, auf Befehl sich erhebend und setzend, und nun dieser quäkende Haufen…

 

Natürlich ist mir klar, dass gerade diese Tiere die richtigen für uns sind, warum auch immer sie so schäbig aussehen. Nichts ist ohne Sinn. Dies habe ich in den vergangenen Jahren wohl gelernt. Na ja, aber dennoch dieser Haufen… Überall entdecke ich stolzere, selbstbewusstere Kamele. Tiere mit schimmerndem Fell, Dromedare, die ruhig da liegen oder wie auf Wolken dahinschreiten. „Schluss mit dem Geflenne,” rufe ich mich zur Raison. „Dieser Haufen und der Hengst, das ist deine Aufgabe für die nächste Zeit. Ja, und was für eine Aufgabe mich da erwartet! Mustafa, ein hochgewachsener, stolzer Nubier wird mit uns fahren Er soll sich in Bahariya um die Herde kümmern.

 

VERLADEN

 

Die Kamele werden dem Tierarzt vorgeführt. Die Ausfuhrerlaubnis aus dem Gebiet von Sheladin können wir dann mit dem beladenen Lastwagen abholen. Vorerst gilt es aber, die Tiere zu verladen. „Welch hübsches T-Shirt besitze ich doch: vergnügt sitzen in einem grünen Jeep Kamele.” Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Unser Lastwagen wird mit Stroh ausgelegt. Seile werden angebracht. Anschließend wird der Wagen auf den einfachen Ladeplatz manövriert. Das Gefährt steht so tief, dass die Tiere ebenerdig in den gepolsterten offenen Laster gelangen können. „Praktisch und einfach, ja sogar bequem”, denke ich. Allerdings sind unsere Dromedare da ganz anderer Meinung. Sie kennen einander erst eine Nacht, den Hengst überhaupt nicht. Sie alle kommen aus verschiedenen Herden. Sie haben Durst. Vor der Fahrt dürfen sie nicht trinken. Auf dem Markt ist das brackige Wasser so teuer, dass die Händler sich das Geld sparen. Auch war die Reise durch die Wüste lang. Das Warten in Halib, dem Grenzort auszehrend. Also haben sie schon seit längerer Zeit kein Wasser mehr getrunken. Die Tiere scheuen. Sie wollen nicht in den Laster. Ein Seil wird dem ersten Tier um den Hals geschlungen. Vorne ziehen vier Männer, von hinten stoßen zwei. Das Kamel schlägt aus, es windet sich, Stockschläge prasseln von den auf der Seite stehenden Gesellen auf das arme Tier nieder. In mir sträubt sich alles. Ich gehe zur Seite und bitte um Hilfe. Ich verspreche den Tieren, dass sie das letzte Mal verladen werden. Ich spreche ihnen Mut zu, umhülle sie mit all meiner Liebe.

 

Von überall her dröhnen die Angstschreie an meine Ohren. Unzählige Laster werden beladen. Da, ein entsetzlicher Schmerzensschrei durchschneidet die Glut der Mittagshitze. Ich eile zu unserem Verladeplatz zurück. Ein Tier hängt mit dem linken Vorderbein über den Rand des seitlichen Aufbaus. Es brüllt vor Schmerz, da sich die Eisenkante in seine Achselhöhle gräbt. Wild rudert das abgedriftete Bein in der Luft herum. Schließlich gelingt es den Beladern, das Bein auf die Ladefläche zu hieven. Schnappend wehrt sich das Kamel. Die bereits verladenen Tiere geraten in Unruhe. Der Hengst röhrt aufgebracht. Er beginnt um sich zu beißen. Da, der erlösende Knall, die hintere Ladeplanke wird geschlossen. Die Verschlusshaken klicken scheppernd ein. Die Kamele werden nun mit den Seilen über ihren Rücken nach unten gebunden, damit sie auf der Fahrt nicht aufstehen können. Khaled entlöhnt die Verlademannschaft, während ich die Wunden der verletzten Männer pflege. Die Kamele erhalten Maiskörner und sie beruhigen sich langsam. Wir holen die Ausfuhrbestätigungen ab und endlich, ist der Weg bis zum nächsten Wachposten frei. „Weg, nur weg von Shalatein!” schreit es in uns. Wir haben mehr als genug vom hiesigen Kamelmarkt.

 

 

RÜCKREISE

 

  Vor uns fährt unser Kamellaster. Wie dankbar bin ich, dass wir raus sind, dass wir die Kamele haben, und dieser klägliche Haufen hat bereits jetzt mein Herz erobert. Auf das Fell eines Tieres zaubert das schräg einfallende Nachmittagslicht leuchtende Flächen. „Khaled, schau, dieses Tier wird SANFIRA heißen”, erkläre ich spontan. Sanfira, die Glänzende, wie ich sie von nun an nenne, wird sich später als ganz besonderes Kamel entpuppen.

 

Kaum losgefahren werden wir schon beim Polizeiposten aufgehalten. Die Papiere der Kamele müssen vorgewiesen werden. Auch müssen wir unsere Heiratsurkunde mit den 17 Stempeln zeigen. Nach eingehendem Studium können wir weiter zuckeln. Im Wechsel von Militär- und Polizeiposten geht die Reise langsam voran. Da, es gibt Unruhe auf der Ladefläche des Lasters. Khaled hupt – keine Reaktion des Lastwagenfahrers Ferasch. Khaled gibt Lichtzeichen – der Laster geht seinen Weg. Wir preschen vor. Endlich kommt der Laster mitten auf der Straße zum Stehen. Abu Khaled und sein Sohn klettern auf die Ladefläche. Ein Kamel hat das Seil gesprengt und versucht sich aufzurichten. Der Hengst schnappt. Mutig verknoten die beiden Männer das Seil und binden das Kamel wieder nach unten. Behende kehren die Männer in ihre Autos zurück und die Fahrt wird fortgesetzt.

 

Die Nacht bricht herein. Die ersten Sterne erglimmen. Ein rotes Licht bringt uns zum Stehen. Schon wieder ein Posten. Neugierig werden die Kamele beäugt. Wir können weiterfahren.

In einem kleinen Küstenort kehren wir in einer Garküche ein. Der Koch wedelt mit einem schmutzigen Lappen über das Tischblatt. Die Männer bestellen „Kauarä”, was sich dann als gegarte Geschlechtsteile eines Wasserbüffels entpuppt. Khaled und ich verzehren Chipsi, trinken Wasser und wir staunen, mit welchem Genuss die drei Männer dieses Gericht verzehren. So gestärkt fahren wir in die Dunkelheit. Vor Safaga kommen wir nicht mehr weiter. „Nachts ist aus Sicherheitsgründen die Straße für Laster gesperrt”, erklärt uns ein Polizist. Nach langem Palaver erhalten wir die Erlaubnis weiterzufahren, wenn wir einen Offizier, der nach Hurghada muss, mitnehmen. Den Tieren zu liebe gehen wir auf den Handel ein. Noch liegen 1000 km Straße vor uns. Der Offizier steigt zu. Er erzählt von sich und seiner Familie. Wir erreichen Hurghada. Er will auf den Polizeiposten gebracht werden. Wir lassen den Laster mit den Kamelen zurück und bringen den Mann aufs Revier. Die Fahrt scheint endlos. Am Posten angekommen verzichten wir auf die Einladung zum Tee und fahren schnurstracks zu den Wartenden zurück. Weiter holpern wir mit den Kamelen durch die kühle Nacht. Schon wieder werden wir gestoppt. Hier nun endgültig. Kein Offizier will noch irgendwohin. So parken wir um zwei Uhr früh unsere wertvolle Fracht auf einer Ausweichstelle und versuchen zu schlafen. Die armen Tiere müssen vier Stunden länger festgebunden verbringen. Erst um sechs Uhr morgens kann die Fahrt weitergehen.

 

Verschlafen setzen wir unseren Weg in der Morgendämmerung fort. „Wie werden wir wohl durch Kairo kommen?” frage ich mich. Da, der Lastwagen stoppt. Ein Stein hat seine Windschutzscheibe getroffen. Die Glasscherben werden entfernt und weiter geht die Fahrt.

Wir nähern uns Kairo. Die Zitadelle schiebt sich vor unsere Augen. Khaled übernimmt nun die Führung. Immer wieder schaue ich zurück, ob unser Kamellaster folgt. Die Kurve und das Einfädeln in die Umfahrungsstraße gelingen. El ham du lilah, wir kommen vorwärts. Am Kanal entlang geht es auf die Pyramidenstraße zu. Hier kommen wir nur schrittweise voran. Endlich erreichen wir die Einfahrt in die Zufahrtsstraße zu den Pyramiden. Der Polizist winkt uns durch. Mein Blick zurück erhascht den Polizisten, der unseren Laster aufhält. Auf mein Geheiß hin stoppt Khaled am Mittelbord. Khaled eilt zum Polizisten. Dieser verlangt, dass die Frontscheibe ersetzt wird, bevor der Laster weiterfahren darf! Ein Palaver beginnt. Endlich, nach einer mir schier unendlich lang vorkommenden Zeit des Wartens im Gehupe des Abendverkehrs, kommt Khaled zurück. „Wir fahren weiter, die Kamele müssen endlich nach Hause. Der Polizist hat Führerschein und Autopapiere eingesammelt.” erklärt mein Mann. „Nur raus, nur auf die Straße nach Bahariya!” antworte ich.

 

Endlich tuckern wir weiter, der Laster voran und wir hinterher durchs „Grüne Tal”. Wir haben Kairo überstanden. Die regennasse Straße schimmert golden im Licht der untergehenden Sonne. Wir müssen wieder anhalten, da wir nichts mehr erkennen können in diesem starken Gegenlicht. Wir genießen den einmalig prächtigen Abschied der Sonne und fassen ihn als gutes Omen auf.

 

Eine Stunde vor Mitternacht hält der Laster vor unserem Haus. Müde strecken wir unsere Glieder. Wie mögen erst die Kamele froh sein, vom Laster zu kommen. Der LKW wird zu einer tiefer gelegenen Stelle manövriert. Es ergibt sich so eine natürliche Ladebrücke. Die Seile werden entfernt, Inari, so taufe ich den Hengst, röhrt kräftigt. Die Stuten werden unruhig. Khaled und sein Vater öffnen die hintere Ladeklappe. Das erste Kamel stemmt sich mühsam auf die Beine. Es torkelt aus dem Laster. Schaut sich ängstlich um, schreitet, welch ein Wunder, einfach zur Seite und bleibt stehen. Die nächsten Kamele drängen nach. Wir streuen Stroh und Maiskörner auf eine bereit gelegte Blache. Die Tiere drängeln sich um das Futter. Inari beschnuppert seinen Harem. Er scheint zufrieden. Khaleds Vater und der sudanesische Kamelhirte kümmern sich ums Ankoppeln. Bald liegen die acht Wüstenschiffe vor Anker in ihrer neuen Heimat. Regen setzt ein. „Regen bringt Segen”, denke ich. „Aber wie werden wohl die mitgenommenen Tiere die Nässe überstehen?”

 

Rose-Maria Khalifa

 

Rose-Maria Khalifa ist gebürtige Schweizerin und von Beruf Heilpädagogin mit Schwergewicht Integration Behinderter in Regelklassen. 1997 brach sie ihre Zelte in der Schweiz ab und reiste in den Sinai. Dort lebte sie 1½ Jahre und sammelte während dieser Zeit ihre ersten Erfahrungen mit Kamelen. Wie sie schnell feststellte sind diese Tiere sehr sensibel und haben ganz spezielle Eigenheiten. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb war sie begeistert von ihnen. Sie lernte den Wüstenexperten Khaled Khalifa kennen, den sie Ende 1998 heiratete. Sie zogen in die Oase Bahariya und begannen 2001 mit dem Aufbau ihrer Kamelherde. Khalifa Expedition offeriert geführte Kameltouren in die Wüste, aber auch Jeep-Safaris in die nähere oder weitere Umgebung von Bahariya. Im nächsten Heft wird Rose-Maria berichten, wie sich die Herde von „Wüstenschiffen“ bei ihnen zu Hause in Bahariya einlebte.

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