Ägyptische
Episoden (2)
Kolonialistisches Theaterstück
Für Amgad Montasser
Heute bin
ich mit einem englischen Freund in das Heimatdorf seines Urgroßvaters gefahren,
um dort Geld und Medikamente an die Armen zu verteilen. Mir war das am Anfang
unangenehm. Mein Freund aber sagte, ich solle mich nicht so anstellen, er
mache das jedes Jahr vor Ramadan, und ich würde schon sehen, wie viel Spaß
wir alle miteinander haben könnten. Wir haben also zusammen mit dem Dorfältesten
eine Liste der bedürftigen Familien erstellt und Pakete mit Kopfschmerztabletten,
Mullbinden, Vitaminen und ähnlichen Dingen zusammengepackt. Dazu haben wir
jeweils zehn Pfund gelegt. Eigentlich wollten wir an den Türen der Familien
klopfen und die Pakete einzeln übergeben. Aber sobald eine Familie wusste,
dass wir im Dorf waren, kamen natürlich gleich alle angerannt. Alte, Junge,
Kinder und wirklich Uralte, die natürlich nicht mehr rennen konnten, nur humpeln,
und die sogar den Urgroßvaters meines Freundes noch kannten.
Mein Freund
ließ sich durch den Dorfältesten die jeweilige Situation der Familie schildern,
prüfte dann sorgfältig die Liste, strich den Namen durch und reichte mir ein
Paket. Meine Rolle war es, das Paket in die ausgestreckten Hände weiterzugeben.
Einige Arme setzten sich hin, als
würden sie geduldig warten, andere schrieen und reckten die Hände, noch andere
warfen sich zu Boden, krochen auf uns zu und küssten unsere Füße. Die Kinder
liefen herum und tranken Softdrinks, die wir besorgen ließen, als wir feststellten,
dass die ganze Sache etwas länger dauern würde. Sie dauerte den ganzen Nachmittag,
war sehr aufregend und wir haben viel von den Sorgen der Menschen hier erfahren.
Gegen Ende wurde es etwas chaotisch,
weil die Spannung nachließ und die Menschen ja auch noch anderes zu tun haben,
als herumzusitzen. Als wir lieber zurückfuhren, teilten sie die letzten Pakete
einfach unter sich auf. Zehn ägyptische Pfund sind nicht wirklich viel Geld,
selbst auf dem Land nicht. Es reicht vielleicht für eine bis zwei warme Mahlzeiten
mit Hühnchen oder Rindfleisch. Ich meine, die Menschen hier sind arm, bitterarm.
Trotzdem kann ich schwören, dass sie es nicht nötig hatten, wegen ein wenig
Geld oder Medikamenten zu uns zu kommen. Mein Freund hatte recht: es war wie
ein Theaterstück aus der Kolonialzeit, in dem jede Rolle perfekt saß. Und
wir alle hatten viel Spaß miteinander.
Karla
Reimert
Karla Reimert Montasser ist seit zehn Jahren immer wieder in Kairo - und seit drei Jahren mit einem Ägypter verheiratet. Seit mehreren Jahren schreibt sie Geschichten über Kairo, die in Magazinen wie etwa dem Kairo-Band der Zeitschrift "entwürfe" aus der Schweiz veröffentlicht wurden.