SAMIRA, DIE LAUE SOMMERNACHT

 

 

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang schaue ich mir die Kamele bei Tageslicht an. Es scheint allen gut zu gehen. Ein graues Kamel steht zitternd abseits der Herde. Ich gehe zu ihm. Es knurrt mich drohend an. Sorgfältig lege ich meine Hand in guter Entfernung vom Kopf auf seinen Leib. Er fühlt sich heiß an. Es hat wohl Fieber. Ich wecke Mustafa, den Kamelhirten. Mürrisch und verschlafen rappelt er sich hoch. Ich will, dass er das Tier anschaut. „Suchen”, sagt er und will sich wieder zurückziehen. „Was muss getan werden?” frage ich. „Marafsch,” ist seine unwirsche Antwort. Ich mag nicht schon frühmorgens zu streiten anfangen. Ich eile ins Haus, mische eine Flasche mit Grapefruitkernextrakt und Wasser und fiebersenkende Globuli. Das Bereitstellen der Medizin ist einfach. Wie aber flöße ich diese dem Tier nun ein? Glücklicherweise kommt Khaleds Vater und mutig hält er das Tier an der Nase. Reflexartig öffnet es das Maul und ich schütte das natürliche Antibiotikum hinein. Einiges des heilenden Nasses, schwappt durch das Kopfschwenken des Tieres in den Sand. Nun folgen die homöopathischen Kügeli. So, nun gilt es abzuwarten, ob die Mittel greifen. Wir legen Sacktücher über den Leib der Kranken, um die Stute warm zu halten.

 

Den andern Kamelen geht es den Strapazen der Fahrt entsprechend gut. Sie scheinen sich schon etwas aneinander gewöhnt zu haben. Ruhig käuen sie wieder.

 

Am Nachmittag kommt Anita, eine Freundin aus der Schweiz, an. Sie ist überglücklich, dass sie die Kamele schon antrifft. Sie liebt Kamele über alles. Sofort wendet sie sich dem kranken Kamel zu. Sie spricht mit ihm. Die Mittel scheinen zu wirken. Gegen Abend erhält das Tier nochmals seine Medizin. Am anderen Tag ist Anita schon vor mir bei den Kamelen. Das heißt, natürlich bei dem kranken. Sie hat eine tiefe Zuneigung zu diesem Tier gefasst. Immer noch steht es abseits. Es hat sich noch kaum von der Stelle gerührt. „Ich möchte es gerne bürsten,” erklärt Anita. Gesagt - getan. Mit einer Plastikbürste kehrt sie zurück. Sie nimmt dem Tier die übergeworfenen Säcke ab. Ich kümmere mich um die anderen Kamele. „Ihhhhhhh…..” gellt da ein Schrei des Entsetzens zu mir. Aufgeschreckt renne ich zu ihr. „Schau nur all die Zecken!” mit ausgestrecktem Finger auf das Ungeziefer an Samira hinzeigend.” Oh mein Gott! Wie kriegen wir die nur alle weg?” frage ich. „Wir reiben mit Öl ein und dann fallen diese Schmarotzer ab,” beschließen wir. Wir reiben also bald darauf das arme Tier mit Öl ein und wollen dieses Hilfsmittel einige Stunden einwirken lassen. Eine grau schwarze Masse hat sich auf dem Körper der Stute entwickelt.

 

Nach drei Stunden kehren wir wieder zu der armen Stute zurück. Wir hoffen, die Zecken liegen nun alle im Sand. Keine einzige Zecke hat sich von dem Ölbad auch nur aufs Geringste beeindrucken lassen. Mutig erklärt Anita: „Ich werde diese Plaggeister von Hand ablesen.” Schon guckt sie sich nach einem geeigneten Abfalleimer um. Eine Blechdose wird auserkoren. Sie liest ab. Ich schaue zu. Mir graust es. Das Öl hat das Ablesen zu einer schmierigen Arbeit werden lassen. Anita ist mit Feuereifer dabei. Ich mache mich zögerlich an die Arbeit. Welch ein Graus! Nach einer halben Stunde ziehe ich mich, andere Arbeiten als wichtig darstellend, von der ”Zeckerei” zurück.

 

Anita verliebt sich in das Kamel. Mit Hingabe liest sie den ganzen Tag die Zecken ab. Die Stute beißt und schnappt ungehalten nach ihrer Erlöserin. Diese lässt sich aber nicht beirren und setzt geduldig das Ablesen fort. Diese Arbeit wiederholt sich nun Tag um Tag. Langsam verliere ich das Grausen und kann nun auch bei den anderen Tieren den Zecken auf den Leib rücken.

 

Nach einer Woche ist Samiras Befinden so weit gediehen, dass wir das arme Tier nun waschen können. Vorsichtshalber koppeln wir die Vorderbeine zusammen. Wasser gefällt dem Wüstenschiff gar nicht. Es wehrt sich schaukelnd, die Hinterbeine rudern durch die Luft und wir müssen den Schlägen ausweichen.

 

Wir schrubben die wohl jahrelangen Ablagerungen von sudanesischem Saharasand gebunden in Angst- und Sonnenschweiß los. Eimerweise spülen wir dann den Schaum runter. Eine braunschwarze Brühe versickert im Sand. Trocken gerieben, steht da eine Stute mit weiß glänzendem Fell vor uns. „Uff”, die mehrstündige Aktion hat sich gelohnt.

 

Zum Dank für all ihre Arbeit, darf Anita dem Kamel einen Namen geben. Ohne zu zögern, nennt sie es Samira.

 

In den folgenden Tagen bleibt Samira Außenseiterin. Bei jedem Ausritt wandert sie abseits der Herde. Noch ist die Stute nicht bereit geritten zu werden. Wir lassen ihr Zeit. Sie folgt der Gruppe, behält diese wachsam im Auge aus guter Distanz.

 

Nach einem halben Jahr ist ihre Eingliederung in die Kamelherde gelungen. Sie hat sich gut erholt und wird nun auch vom Hengst akzeptiert. Dreizehn Monate nach der Begattung zieht sie sich eines Morgens hinter die Tamariskenbüsche in der Nähe des Geheges zurück. Als ich dorthin gelange, liegt ihr Junges schon im Sand. Ich streife ihm die geplatzte Fruchtblase vom Körper. Die gallertartige Masse an der Unterseite der Fußballen, lasse ich instinktiv als Schutz stehen. Pudelnass, guckt sich Sahel, so nennen wir den Jungen, neugierig um. Die Mutter beschnuppert das Wesen, welches sie so lange Zeit durch die Wüste geschaukelt hat, ausgiebig. Für die nächsten 1 ½ Jahre wird diese Geruchsaufnahme ihr erlauben, ihren Sohn zu erkennen, wenn er sich ihrem Euter nähert, um seinen Hunger zu stillen.

 

Fäti, der Kameljunge, hat inzwischen die Schubkarre geholt. Wir füllen sie mit Sand. Mit seinen kräftigen Händen hebt der Junge das Baby hoch und legt es sorgfältig in das Gefährt.. Samira verfolgt die ganze Aktion misstrauisch und schubst mich beiseite. Sie will zu ihrem Neugeborenen. Wir lassen sie Sahel beschnuppern. „Ja, es ist mein Kind,” stellt sie beruhigt fest. Fäti karrt nun Sahel zurück zum Gehege. Immer wieder muss er anhalten, damit Samira sich überzeugen kann, dass ihr Junge wohlauf ist. Fäti rinnt der Schweiß übers Antlitz, das Schieben durch den Sand ist anstrengend. Endlich gelangen wir beim Stall an. Sorgfältig hebt der Hirte Sahel innerhalb des Geheges in den Sand. Sofort stellt sich Samira über ihn, beschnuppert ihr Kind und bleibt wachsam in die Runde schauend stehen.

 

Wehen leiten den Ausstoß der Nachgeburt ein. Ein riesiger Ballon zwängt sich durch die erweiterte Geburtsöffnung und platscht nach einer halben Stunde in die Vertiefung, die Fäti in den Sand gegraben hat. Hier in der Oase herrscht der Brauch, die Plazenta in ein fließendes Gewässer zu legen, damit kein Unheil das Neugeborene trifft. Fäti schiebt also die Plazenta sorgfältig in einen Plastiksack, verlädt sie auf die Schubkarre und entsorgt sie in einem nahen Bewässerungskanal.

 

Samira fühlt sich wohl. Die Geburt ist einfach und gut verlaufen. Gierig frisst sie das frisch geschnittene Gras, das Fäti mit der Karre zurückgebracht hat. Als ihr größter Hunger gestillt ist, beginnt sie Sahel zu stoßen und zu schubsen. Sie will, dass er aufsteht. Er versucht unbeholfen auf die Hinterbeine zu kommen. Noch fällt er immer wieder nach vorn und sein Kopf prallt in den Sand. Beschnuppernd tröstet ihn Mama und stupst ihn wieder. Mit aller Kraft stemmt er seine Hinterläufe hoch … und hält das Gleichgewicht. Erschöpft sackt er zusammen und kuschelt sich in den warmen Sand. Er will schlafen, nur noch schlafen, zu anstrengend ist ihm das Leben hier in dieser neuen Welt.

 

Nach ungefähr drei Stunden haben Mutter und Sohn das Werk des Aufstehens geschafft. Auf allen Vieren, die Welt von oben betrachtend, hält Sahel tapfer das Gleichgewicht. Beim Versuch des ersten Schrittes kippt er wieder um. So wiederholt sich die Übung von geschubst werden, aufstemmen, Gleichgewicht halten, Schritt versuchen, plumpsen immer und immer wieder. Gegen Abend gelingt es Sahel sich mit staksigen Schritten unter den Bauch der Mutter zu manövrieren. Hunger und Durst plagen ihn. Endlich, endlich gelingt es ihm eine Zitze im Maul zu halten. Plumps, schon liegt er wieder im Sand. Nach mehreren Anläufen kriegt er dann die ersten gehaltvollen Schlucke in den Mund. Völlig erschöpft, mit milchschaumigem Mund liegt er im Sand, seine Augen schließen sich, er schläft nach diesem anstrengenden Tag, bewacht von seiner Mama.

 

Am nächsten Morgen, als ich ins Gehege trete, saugt er gierig am Euter, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Er torkelt nicht mehr, er ist stärker geworden über Nacht. Kein Hinfallen mehr, sein Schnäuzchen ziert ein weißes Milchschaumkränzchen, als er sich mir zuwendet. Er hat es geschafft, er kann sich ernähren. Samira lässt mich nicht an Sahel heran. Sie hütet ihn, indem sie nach mir schnappt. Ich halte also Distanz.

 

Nach drei Tagen verlässt Samira mit ihrem Sohn das Gehege. Sie führt ihren Sohn Inari, dem Vater, vor. Inari beschnuppert seinen Sohn ausgiebig. Sahel hält ganz still. Inari ist stolz auf seine Zeugung. Samira befördert Sahel durch Schubsen vom Vater weg. Noch führt sie ihn nicht in die Herde ein. Abseits sucht sie ein Plätzchen im Schatten einer Tamariske und lässt Sahel dort schlafen. Wachend steht sie neben ihm.

 

Ausgeschlafen, übt Mama mit ihrem Sprössling das Gehen im unebenen Gelände. Seine Beine müssen sich an die unterschiedlichen Höhen und Tiefen gewöhnen. „Plumps”, da liegt er schon im Sand zwischen den Halfa Stauden. Schneller kann er sich nun schon aufrappeln. Andere Jungdromedare aus unserer Herde nähern sich ihm. „Wer bist du? Gehörst du zu uns?” scheinen sie ihn beschnuppernd zu fragen. Mama lässt einiges Annähern zu. Scheucht dann aber plötzlich mit bleckenden Zähnen, die Jungmannschaft weg.

 

Am nächsten Tag nimmt Samira mit ihrem Sohn am täglichen Rundgang der Futtersuche teil. Sahel stolpert und stakst hinter der Mutter her. Zwischendurch lässt er sich erschöpft zwischen den Gräsern nieder. Er beschnuppert die Pflanzen. Versucht sie in sein Maul zu kriegen. Seine Vorderzähne drücken schon durch seine Pilgern, aber es wird noch zwei Tage dauern, bis sie durchbrechen.

 

Abends kehren Samira und Sahel wieder ins schützende Gehege zurück, wo eine Ladung frisch geschnittene Luzerne Samira als stärkende Nahrung nach der Geburt erwartet. Sahel nippelt schon bald an den saftigen Blättchen und Stängeln herum.

 

Nach einer Woche schreiten Mutter und Sohn mit der Herde zum Nachtlager in der Wüste. Sahel ist nun vollkommen in die Herde integriert. Bevor sich die Mutter niederlegt, saugt er gierig seine Milchportion, um die lange Nacht durchzustehen. Im Gehege konnte er trinken, wann er wollte oder wenn es Samira zuließ. Hier nun in der Wüste werden den Müttern die Vorderbein runtergekoppelt, damit sie sich nicht in den angrenzenden Gärten an Nachbars Luzerne laben.

 

Nach zwei Wochen kaut Sahel auf den Strohhalmen herum und nach drei Wochen versucht er mit seinen beweglichen, gespaltenen Oberlippen Maiskörner ins Maul zu befördern. Mit den nun durchgestoßenen Backenzähnen versucht er diese zu zermahlen.

 

Nach drei Wochen ist Sahel Meister seiner Bewegungen und entfernt sich auch weiter von seiner Mutter. Diese lässt ihn gewähren. Bleibt er aber zu lange aus, ruft sie ihn mit einem tiefen gurgelnden Ton. Sahel gibt Antwort und bemüht sich, in die Nähe der Mutter zu kommen. Umgekehrt schreit er blökend, wenn er sich zu weit entfernt hat und seine Mama nicht mehr entdecken kann. Diese macht sich dann mit leise dröhnendem Ton auf die Suche nach dem Sohn. Glücklich wieder vereint beschnuppern sich die beiden. Sahel wendet sich dann meistens der Milchquelle zu und Samira hält geduldig still.

 

Anfangs legt Sahel sich zum Schlafen neben seine Mutter. Ungefähr nach einem Monat sucht er sich seinen Schlafplatz neben seinen gleichaltrigen Gespanen. Neben Sahel haben im Frühjahr 2003 fünf andere Babys den Schritt in das Wüstenleben gewagt. So hat Sahel fünf Spiel- und Schlafgefährten. Es gefällt ihm mit den Brüdern und der einen Schwester zu spielen. Zu sechst sind sie natürlich stark und können sogar den respekteinflößenden Vater Inari, aus seiner Reserve locken, wenn sie sich rund um ihn aufstellen. Da wagt dann einer über den Hals des liegenden Vaters zu steigen, einer nuckelt an seinem Ohr herum und ein dritter schnüffelt am Maul herum, während der Rest sich am Duft der Ausscheidung ergötzt, die unter dem aufgestellten Schwanz ausströmen. Mit hochgerecktem Haupt, den Mund halb offen, die bleckenden Zähne himmelwärts gerichtet, inhalieren sie genüsslich. Wird es Inari dann zu viel, schnappt er nach dem erst besten Ruhestörer. Dieser lässt ein erbärmliches Geschrei los. Darauf hin stürzt die Mutter des „Unschuldsengels” herbei und bugsiert ihren Sohn aus der Gefahrenzone. Wenn nötig, fletscht sie aufgebracht nach dem Vater. Bald schon wird das unterbrochene Spiel von den Gefährten wieder aufgenommen, bis sie die Lust daran verlieren und zu ihren Müttern zurückkehren, um ihren Hunger zu stillen.

 

Bei Sonnenuntergang lieben es die Youngsters mit lang vorgereckten Hälsen im Kreis um die Alttiere, zu rasen. Führt der Weg abwärts, schlenkern sie alle Viere steckengerade in die Luft und versuchen so Tempo und Gleichgewicht in Einklang zu bringen. Die Muttertiere und der Hengst trotten während dieser Einlage ruhig dahin. Wird der wilde Galopp einem gestandenen Kamel zu viel, hascht es nach einem der rasenden Wollbündel und sorgt für Ordnung. Langsam kehrt dann wieder Ruhe ein. Alle trotten nun einträchtig dem Schlafplatz zu. Dort angekommen, rotten sich die Jungen wieder zusammen. Bis die Mütter in Schlafstellung gebracht sind, können sie noch einiges unternehmen. Noch einen rasenden Durchlauf oder locken die blühenden Tamarisken mehr? Will Sahel noch trinken, dann besteigt er die am Boden liegende Mutter von hinten, um sie zum Aufstehen zu bewegen. Samira bleibt ruhig liegen. Bald schon gibt er nach und lässt sich neben Mama nieder.

 

Nun beginnen Fäti und ich die Dromedare zu bürsten. Die Tiere lieben das kratzende Streicheln der Borsten. Sahel jedoch braucht zwei Monate, bis er sich dieser Liebkosung aussetzt. Heute, zwei Jahre nach der Geburt, legt er seinen Kopf vor mir in den Sand und genießt diese Massage sehr. Samira legt dann ebenfalls ihren Hals ausgestreckt hin. Eine Geste der vollkommenen Hingabe. Fäti und ich beenden unsere Arbeit und stapfen innerlich erfüllt, durch den tiefen Sand zum Gehege zurück. Schützend breitet die laue Sommernacht ihr Sternenzelt über die Herde.

 

 

 

Rose-Maria Khalifa

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