Achtung! Ameisen!

 

Im August vergangenen Jahres reiste ich mit meinem Mann in Ägypten ein und sah mich, kaum in unsere neue Wohnung eingetreten, gleich mit einer besonderen Spezies von Haustieren konfrontiert, die zu meinem Entsetzen, aber auch Erstaunen allgegenwärtig schienen. Sie besitzen sechs Beine und treten meistens in Massen auf: ich spreche von Ameisen.

Hier meine damalige Tagebucheintragung:

Die deutschen Ameisen halten sich vorwiegend im Freien auf, wie ich meine mich zu erinnern. Im Garten meiner Eltern z.B., oder auch im Wald habe ich sie gesehen. Ja, in der Schule wurden in einer breit angelegten Unterrichtseinheit ihr „Sozialstaat“ hervorgehoben, ihre Emsigkeit und natürlich ihre Nützlichkeit. In Estland hat man uns in einem Ameisenschutzgebiet Ameisenhügel von über zwei Metern Höhe und Tiere von unterschiedlicher Größe gezeigt. Sehr beeindruckend, das Gewusel! So beeindruckend, dass ich respektvoll einen Schritt zurück getreten bin. Als Kind wurde ich ab und zu mal gebissen. Wahrscheinlich, weil ich den lieben kleinen Tierchen doch zu nahe gekommen bin oder sie beim Bauen gestört habe.

Ansonsten hatte ich wenig Kontakt zu Ameisen. Bis jetzt.

In Ägypten brechen ganze Heere von Winzlingen über mich herein! Nein, ich übertreibe durchaus nicht! Sie sind etwa einen halben Zentimeter groß, besitzen aber eine Menge Mut! Sie trauen sich, über Menschenkörper zu flitzen! Und sie treiben es (ihr Geflitze) überall! Ich kann sie nur mit einer Armee vergleichen.

In der Küche, da kann ich ihre Präsenz noch nachvollziehen. Es könnte ja etwas Süßes auf den schwarz-weiß gekachelten Fußboden fallen. Und wenn nicht, dann kennen sie nichts und stürzen sich als Front auf die Spüle, auf der wir vielleicht ein Messer mit Feigenmarmeladeresten oder ein nicht ausgespültes Glas Apfelschorle vergessen haben, oder auf das Glas Honig, an dem noch ein goldgelbes Tröpfchen klebt! Ihre Hauptstraße führt von der Spüle aus an der Türschwelle, dem Tisch und hinter dem Kühlschrank vorbei zum Mülleimer. Dort arbeiten sie gerne an unseren Abfällen herum. Hinter der Waschmaschine habe ich ein weiteres Nest entdeckt. Das Neonlicht über der Spüle mögen sie allerdings nicht. Es scheint sie regelrecht verrückt zu machen, nach ihrem ungerichteten hektischen Gerenne zu urteilen.

Doch ihr Jagdrevier ist bei weitem ausgedehnter! Sie scheinen in jedem Raum Stützpunkte zu besitzen, als ob die Wohnung ihnen gehörte (?). Im Masters-Bad (das ist unser privates, jaaa, nobel geht die Welt zugrunde!) schlürfen sie mit Vorliebe die auf dem Waschtisch verschlabberten Reste der Zahnpasta meines Mannes (sie wird mit Süßstoff angereichert - was sich der Mensch so auf die Zähne schmiert!).


In Zehnergruppierungen rücken sie da vor. Meinen Rucksack hatte ich in dem kleinen Flur zu Schlafzimmer und Bad abgestellt. Mir war nicht mehr in Erinnerung, dass ich eine angefangene Packung Salbeihustenbonbons in einer Seitentasche stecken hatte... Eine weitere Tüte dieser Bonbons befand sich in meiner schwarzen Handtasche, die ich zunächst unten in den offenen Nachttisch gelegt hatte. Nach ein paar Tagen fielen mir die Mengen von Tieren auf, die auch die Putzfrau mit ihrer Lauge und dem Schrubber nicht verscheuchen konnte. Dann schaute ich mir die Tasche genauer an und entsorgte mit der Tüte ein mittelgroßes Ameisengeschwader. Meine Hoffnung, die Tiere würden sich wegen Husten und Heiserkeit schleunigst zur nächsten Apotheke begeben, hat sich leider zerschlagen...

Neulich nachts habe ich mir Apfelschorle ans Bett geholt, in einer verschlossenen Flasche. Weil ich die Monsterchen mittlerweile kenne, habe ich den Flaschenhals über der Spüle vorher mit Wasser abgespült. Nein, es hat nicht ausgereicht, sie abzuhalten! Ein winziges Tröpfchen Apfelschorle muss am Deckel gehangen haben. Der Griff nach der Pulle im ersten Morgenlicht ließ mich erkennen, dass die Truppenverbände den Einsatz auch bei Nacht nicht scheuen. Also ließ ich wieder Wasser darüber laufen. Beim Öffnen des Verschlusses ist dann eine besonders vorwitzige Ameise in den tiefen Abgrund gestürzt und elendiglich ertrunken. Vergangene Nacht habe ich eine „tot gelegen“ auf meinem Kopfkissen gefunden.

Ich kann sie nicht bedauern: ein bisschen Schwund ist immer, vor allem wenn man sich so dreist verhält! Leider konnten die beiden Verstorbenen ihren Genossinnen und Genossen nicht mehr von ihrem Schicksal berichten. Vielleicht hätten diese dann ihre Übergriffe gegen jemand weniger Gefühlloses wie mich gerichtet. Es nützt auch der Versuch nichts, ihre Zahl durch das Wegbringen des Mülls zu dezimieren. Eine geheime Einsatzzentrale schickt sofort neue Truppen ins Gefecht.

Dabei habe ich im Grunde nichts gegen sie. Ich trete oder schlage sie nicht etwa absichtlich tot. Bis jetzt haben sie mich nicht ein Mal gebissen. Was ich jedoch gar nicht mag, ist, wenn sie mir die Beine hoch laufen oder plötzlich über den Tellerrand lugen oder eben in Massen auftreten. Das nehme ich einfach persönlich! 

Meine jüngste Erfahrung mit ihnen betrifft Thunfisch! Sie sind superheiß auf in Salzwasser eingelegten Thunfisch! Den in Öl mögen sie dagegen nicht...

Ich werde mir wirkungsvollere Gegenmaßnahmen einfallen lassen müssen, um ihre Invasionen abzuwehren.

Vielleicht verscheucht das Universalmittel Teebaumöl auch Ameisen? Oder der Tipp meiner Mutter greift: Backpulver?

Ansonsten werde ich die chemische Keule auspacken müssen...

 

In diesem Jahr war die Plage nicht ganz so groß bei uns. Allerdings habe ich tatsächlich mit Chemie gearbeitet.

Oh, gerade läuft eine Ameise am Notebook vorbei...

ak

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