Islamische Feste im Jahresverlauf

 

 

 

Der „Jahresbeginn“ nach islamischer Zeitrechnung ist, anders als bei unserem Gregorianischen, sich an der Sonne orientierenden Kalenderjahr, nicht auf das Datum des ersten Januar festgelegt. Da der Islamischen Chronologie der Mondkalender zugrunde gelegt wird, sind alle kanonisch anerkannten Festlichkeiten am Stand des Mondes ausgerichtet. Das Mondjahr „hinkt“ dem Sonnenjahr um etwa elf Tage hinterher. Daraus erklärt sich, weshalb sich der Jahresbeginn der islamischen Welt jährlich um genau diese Zeit verschiebt.

Für den Muslim und die Muslima fängt das Jahr etwa zwei Wochen nach ihrem höchsten Fest, dem Opferfest, an, arabisch: „Id Al-Adha“. Das Opferfest kennzeichnet den Höhepunkt der Hagg (Hadsch), der Pilgerfahrt nach Mekka, die auf Mohammeds Vorbild zurückgeht.

 

Kleiner Exkurs: Mohammed führte die Hagg im Juni/Juli 622 durch. Bei dieser Gelegenheit verhandelte er mit den Einwohnern Medinas, weil er sich mit seinen Anhängern dort niederlassen wollte. Die Verhandlungen verliefen erfolgreich: im September des Jahres 622 wanderte er mit seiner Gefolgschaft aus Mekka aus. Dieser Auszug, die „Higra“ („Hidschra“), markiert den Start der islamischen Zeitrechnung, obwohl sie formell schon am 16. Juli 622 (nach dem christlichen Kalender) angefangen hatte, dem Beginn des Mondjahres.

 

„Id Al-Adha“ dauert mehrere Tage, die teilweise arbeitsfrei sind, und erinnert an Abrahams Bereitschaft, Gott seinen Sohn Ismail als Opfer darzubringen. Laut Koran wollte Gott Abrahams Liebe auf die Probe stellen und befahl ihm im Traum, ihm seinen wertvollsten Besitz zu opfern. Abraham führte zunächst sein bestes Tier zum Altar, als ihm klar wurde, dass Gott die Opferung seines Kindes von ihm verlangte. Ohne zu zögern legte der Vater Hand an Ismail, doch bemerkte er plötzlich, dass er einen Hammel unter dem Messer hatte. Gott hatte gesehen, dass Abrahams Glaube so stark war, dass er sogar seinen Sohn für ihn töten würde, und ließ Ismail am Leben. So berichtet es die Überlieferung.

Ismail wird seitdem als der Stammvater der islamischen Gläubigen angesehen, während das Christentum seine Wurzeln auf Abrahams anderen Sohn Isaak zurückführt.

Von dieser Begebenheit ist ein Gebot der Sunna abgeleitet, der zweitwichtigsten Rechtsquelle des islamischen Lebens mit den Überlieferungen von Mohammeds Taten. Es sieht im Rahmen des Opferfestes für alle Muslime das Rituelle Schlachten zwischen dem Morgengebet des ersten und dem Abendgebet des dritten Festtages von Id Al-Adha vor.

Schlachter gehen eigens an drei Feiertagen durch die Stadtteile und Dörfer und vollziehen das Schächten der Tiere. Dafür werden den Gläubigen schon Wochen vorher überall auf den Straßen Schafe und Ziegen, aber auch Kamele und Wasserbüffel zum Kauf angeboten.

Das Fleisch der geopferten Tiere muss genau nach Vorschrift verteilt werden: ein Drittel darf man für sich behalten, das zweite erhalten Familie und Freunde und das letzte Drittel wird am zweiten Festtag in Portionen von ein bis zwei Kilogramm an die Armen vergeben. Alle bereiten aus ihrem Anteil ein deftiges Mahl nach überlieferten Rezepten zu, die „Fatta“. Dazu wird z.B. gekochter Reis in einer Backform auf hartes, zerkleinertes Brot geschichtet. Darauf legt man das gewürfelte Fleisch und übergießt alles mit einer herzhaft gewürzten Suppe, bevor es in die Backröhre geschoben wird. Schmeckt hervorragend!

Es gibt eine Vielzahl von Riten im Zusammenhang mit dem Opferfest, von denen der blutige Handabdruck einer der offensichtlicheren ist. Er ist auf Haustüren, auf Wänden und Autos zu finden und soll Neid abwehren und Glück bringen. Niemand weiß so genau, ob er aus den Zeiten des Propheten stammt oder pharaonischen Ursprungs ist.

Die Hausangestellten erhalten aus Anlass des Festes eine besondere Zuwendung, meist der Hälfte ihres Monatslohnes entsprechend.

Dieser Brauch besteht auch bei einer weiteren kanonisch anerkannten, drei- bis viertägigen Feierlichkeit, der des Fastenbrechens.

„Id Al-Fitr“ zeigt das Ende des Ramadans an. Es beginnt mit dem ersten Tag des neunten Mondmonats, sobald der Neumond zu sehen ist, und schließt das vierwöchige Fasten ab. Nach dem Morgengebet, das der Sitte entsprechend in der Moschee begangen wird, setzt man sich zum gemeinsamen Essen zusammen. Das Hauptgericht dieser Feiertage besteht traditionell aus Fisch. Die besten Kleider werden getragen, die meist neu gekauft sind, und man ist erleichtert, dass die Zeit der Einschränkungen vorüber ist. Anschließend besuchen sich die Familien und Nachbarn gegenseitig, um sich zum Ende der Fastenzeit zu gratulieren. Ein volkstümlicher Brauch ist auch, die Gräber der Anverwandten zu besuchen und sich mitunter viele Stunden auf den Friedhöfen aufzuhalten.

Für die einzelnen Tage gibt es eine festgelegte Besuchsabfolge, die aber, wie auch der eigentliche Inhalt des Festes, zunehmend dem Konsumdenken zum Opfer fällt. Die Freude über die Beendigung des Fastens und über die Chance zur Verhaltensänderung - weg vom täglichen Zwist und hin zur Spiritualität, zur Suche nach Gott mit der Bitte um Vergebung und mit der eingesehenen Notwendigkeit, Buße zu tun - lassen von Jahr zu Jahr mehr nach. Diese Veränderungen erinnern mich an unser „neues“ Verständnis von Weihnachten.

 

Ein weiteres Fest im Jahresverlauf bildet der Geburtstag des Propheten, „Mulid An-Nabi“. Dieser vom Staat Ägypten anerkannte Urlaubstag wird als religiöses Fest angesehen und im ganzen Land gefeiert, wobei es keine eigens dem Propheten zugedachten Moscheen gibt, wie bei Mulids (eine Art islamische Kirchweih, s. PAPYRUS-Ausgabe September/Oktober 2005) sonst üblich. Besondere Kennzeichen des Prophetengeburtstages sind spezielle Süßigkeiten, wie weißer Nougat, Nüsse, Sesamleckereien in Päckchenform, Geleekonfekt und anderes Naschwerk, das zusammengerollt zu kleinen Würsten oder als Taler zu erstehen ist.

Der Brauch, Zuckerpuppen in den Bäckereien zum Verkauf anzubieten, ist seit ein paar Jahren rückläufig. Die „Arusa“, die Braut, als Geschenk für Mädchen, und der Reiter, “Hussan“, den die Jungen erhielten, werden zunehmend durch Plastikpuppen Made In China ersetzt. Ob bei dieser Entwicklung die Übergewichtigkeit vieler ägyptischer Kinder eine Rolle spielt?

 

Ein wichtiges Fest, das die Ägypter mit Begeisterung feiern, stellt Sham El-Nessim dar. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um eine religiöse Feier, sondern um den nationalen ägyptischen Festtag zur Begrüßung des Frühlings am Montag nach dem Koptischen Osterfest. (Nähere Informationen zu Sham El-Nessim s. PAPYRUS-Ausgabe März/April 2005).

 

ak

 

 

Ich danke Frau Vera Jeschke vom Ökumenischen Institut Kairo für ihre wertvollen Informationen.

 

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