DEMOKRATIE
- was nun?
Es ist mal
wieder die Jahreszeit für Wahlen – weltweit!
In Japan haben die Japaner gerade
ihrem Ministerpräsidenten Koizumi das Vertrauen zu Reformen ausgesprochen
und in Norwegen wurde die alte, sparsame Mitte-Links-Regierung abgelöst, weil
die sozialdemokratische Opposition den Wählern mehr Wohltaten durch die Mehreinnahmen
aus dem Ölverkauf versprochen hat.
Nun steht auch noch die Wahl in Deutschland
an, bei der sich die Blöcke gegenseitiges Versagen um die Ohren hauen und
mal wieder versprechen, alles besser zu machen, damit Deutschland seine Stellung
in der Welt als führende Wirtschaftsnation halten und verbessern kann! Halten
uns die Politiker wirklich für so schafsmäßig dumm, dass sie glauben, wir
Wähler vergessen so schnell, was man uns vor jeder Wahl versprochen hat und
welche Selbstbedienungsmentalität die gewählten Parlamentarier in den Legislaturperioden
an den Tag gelegt haben, aber uns gleichzeitig mit den sicher notwenigen Sparappellen
düpiert haben? Verführerisch ist sicher der Gedanke, dass erstmals eine Frau
in Deutschland die Regierungsgeschäfte leiten könnte und zudem noch eine „Ossi-Quotenfrau“,
aber was wird aus der schieren Eintracht, die momentan noch zu herrschen scheint,
nach dem 18. September? Lauern die Wölfe in Person der machthungrigen Landesfürsten
nicht schon hinter den ersten Mehrwertsteuerfallgruben, um das arme, kinderlose
„Schwarzkäppchen“ gemeinsam zu verspeisen?
Eigentlich wollte ich ja über Demokratie
in Ägypten reden, aber Deutschland ist eigentlich gar nicht so weit! Nach
Aristoteles ist Demokratie die Herrschaft von vielen - im Gegensatz zu der Herrschaft von Einzelnen
oder einer Gruppe. Doch der Meister selbst hielt nicht viel davon. Er betrachtete
sie als Pöbelherrschaft, es sei denn, dass „viele“ so definiert werden, dass
diese einen Mindestsatz von Steuern für das Gemeinwesen bezahlen und damit
ihre Berechtigung für die Mitverantwortung des Staates ausweisen. Verhält
es sich vielleicht so auch in Ägypten? Denn wenn von vermutet 35 Millionen
Wahlberechtigten nur etwa 3-5 Millionen zur Wahl gehen, dann kann man ja wirklich
nur von einer ausgewählten Gruppe sprechen. Anscheinend haben gerade diese
Menschen auch ein besonders hohes Interesse an dem Staat und der Wiederwahl
des Präsidenten, der zudem auch noch den Segen des koptischen Papstes Shenouda
genießt.
Wahlen, wo auch immer, aktivieren
die Wähler kaum noch! Vielleicht mag die immense Arbeitslosigkeit in Deutschland
oder aber die inszenierte Aktion einer "Richtungswahl" dieses eine
Mal die Wähler verstärkt an die Urnen bringen, aber seien wir doch mal ehrlich:
die Meinung, dass man doch kaum etwas ändern vermag – egal wer die Zügel führt
– herrscht vor und wirkt bestechend! Im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung
vermag eine einzelne Regierung kaum etwas zu ändern. Ob es rechte oder linke
Regierungen sind, in den großen Staaten Europas herrschen die gleichen Probleme!
In Ägypten geht man nicht zur Wahl,
weil es eigentlich zur Herrschaft des derzeitigen Präsidenten keine Alternative
gibt und man keinesfalls ins Visier der staatstragenden Organisationen geraten
möchte. Was wären die Alternativen? Chaos, da keiner der anderen Kandidaten
auf eine auch nur annähernd zuverlässige Struktur zurückgreifen kann? Ein
islamistischer Staat, den das Ausland fürchten und das Land isolieren würde,
aber die wirtschaftlichen Probleme kaum lösen könnte? Ein Spaßstaat, wenn
man die Kandidatur des 90-jährigen Ahmed al-Sabahi anschaut, der verkündet,
nach einem Wahlgewinn sofort Hosni Mubarak zum Präsidenten zu ernennen? Da
bleibt zum Demokratieansatz, den der "gute Freund George Double Yu"
erzwungen hat, kein Spielraum!
Immer dann, wenn eigentlich mit der
Form der Demokratie gespielt wird, dann spricht man von „gelenkter“ Demokratie
und ich muss sagen, dieser Begriff gefällt mir, er hat so etwas Technokratisch-Sauberes!
Einerseits wird dem unbedarften Mitbürger Mitbestimmung suggeriert, aber andererseits
besteht eben auch Ordnung. Wer hat da nicht die Krawalle in den „Bananenrepubliken“
der ehemaligen Kolonialstaaten im weiten Rund des afrikanischen Kontinentes
vor Augen!
Ist Demokratie wirklich nur etwas
für entwickelte Industriestaaten? Aber was machen wir dann mit Russland? Ist
das nicht auch ein entwickeltes Land, das Raketen zum Mond schießt und über
U-Boote verfügt – die sich zugegebenermaßen ab und zu in Treibnetzen verfangen
oder in den Tiefen der Ozeane verschwinden? Gelenkte Demokratie! Ein Widerspruch
in sich! Entweder es gibt Demokratie oder es herrscht ein Autokrat, der durch
scheindemokratische Mittel oder den katastrophalen Zustand seines Landes an
die Hebel der Macht gekommen ist! Mit dem Deckmäntelchen "Demokratie"
kann man nur dem unbedarften Menschen einen Zustand vorgaukeln, den es dann
eigentlich nicht gibt!
Nun wird auch noch in Ägypten dies
als Modell und als Weg in eine Zukunft begrüßt, obwohl doch jeder Mensch wissen
könnte, dass Hosni Mubarak sich als Autokrat versteht (Notstandsgesetze) und
eigentlich an eine Erbdynastie denkt! Sicherlich zeigt Ägypten stabile Merkmale,
doch die Gefahren einer Radikalisierung unter freien Wahlen sind nicht zu
leugnen. Muss man deshalb dieses Gebilde als Demokratie bezeichnen? Darf man
in 24 Jahren Herrschaft nicht erwarten, dass die Herrschaftsclique sich zumindest
darum bemüht, dass die durchaus aufgeklärte Mittel- und Oberschicht zu den
Wahlen geht? Dadurch ließe sich zumindest der Weg zu einer demokratischen
Entwicklung zeigen. So werden am Wahltermin – an dem dankbarerweise auch noch
das geschäftige Leben in Kairo durch Freistellung zum Feiertag wird – die
Bediensteten des öffentlichen Dienstes zu den Wahllokalen gekarrt und wie
in besten Zeiten der seeligen DDR gemeinsam die vorbereiteten Zettel in die
Urnen gedrückt und die Daumen in die Tinte getunkt.
Vertrauen ist das nicht!
Aber selbst das amerikanische Wahlsystem
zeigt ja wenig Vertrauen gegenüber seinem Souverän. Das System der Wahlmänner
schafft ja schon frühzeitig Sicherheit und beugt der Überraschung vor! Wie
man es wendet und dreht – Demokratie ist nicht einfach und vor allem nicht
in Ländern zu realisieren, deren gesellschaftliche Strukturen auf patriarchalischer
Tradition aufbauen. Solchen Ländern etwas, das kaum im Westen zu funktionieren
scheint, überzustülpen, kann eigentlich bestenfalls eine Parodie werden! Selbst
wir im hochentwickelten Westen müssten doch sehen, dass die bisher angewandten
Formen von Demokratie, sei es nun eine parlamentarische oder eine basisdemokratische
(mangelnde Wahlbeteiligung, politisches Unvermögen, Missbrauch von Amt und
Funktion) Tücken haben, die mit den bisherigen Mitteln kaum zu verbessern
sind! Bieten sich in unserer so hochmodernen Medienwelt keine Möglichkeiten
an, eine Politik ohne ideologisch festgelegte Parteien und nur auf sich selbst
bezogene Wähler zu entwickeln. So doktern wir seit Jahrhunderten an unpraktikablen
Rezepten herum, die gerade in Staaten ohne die notwendige Basis scheitern
müssen!
Wolfgang Engelhorn