Wer hat Angst vor dem Nahen Osten?

 

 

Nach einem anstrengenden Schuljahr müssen sich Geist und Körper angemessen erholen. Aus diesem Grunde beschloss ich, wieder über den Nahen Osten in Richtung Deutschland zu reisen – trotz all der ängstlichen Warnungen, die einem von allen Seiten zugetragen werden!

Meine erste Station sollte der Süden des Libanon sein, denn vor Jahren war ich schon einmal durch den Norden gereist. Als Ausgangsstation buchte ich das Begegnungshaus Dar Al Salam, etwa 30 Kilometer südlich von Beirut, auf den Höhen des Küstengebirges gelegen. Ich war der einzige Gast, und Hossam umsorgte mich in freundlicher Weise in dem Haus, von dem aus man die gesamte Südküste überblicken kann. Als störend erwiesen sich nur die knatternden Mofas, die um  das Haus herumkeuchten, die Moskitos, die zuverlässig mit der Dämmerung jeden Ritz im Fliegengitter fanden, und die nächtlichen Stromausfälle, die nur durch die wohlorganisierte, aber schwache Notbeleuchtung aufgefangen werden konnte.

 

Schon am nächsten Tag besuchte ich das antike Sidon (heute: Saida), das sich als nette kleine Stadt mit Kreuzfahrerburg und verwinkelter Altstadt mit der Karawanserei der Franken, die momentan eine Gedenkstätte für den ermordeten und von dort  stammenden Ministerpräsidenten Hariri ist, entpuppte. Leider wird die Corniche gerade zu einer vierspurigen Rennstrecke ausgebaut, die dem Bedürfnis der Libanesen nach rasant bis gefährlicher Fahrweise entspricht. In der Nähe befinden sich auch der Eschmuntempel und andere Sehenswürdigkeiten, die aber leider derart schlecht ausgeschildert sind, dass man sie entweder nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten finden kann. Beeindruckt hat mich vor allem der kleine Avalifluss bei Sidon, der die Grenze zum besetzten Süden des Libanon durch die Israelis darstellte. Er ist eigentlich nicht tief, aber kalt und stellt heute eine einzige Vergnügungsmeile mit Restaurants für Wochenendausflügler dar.

Das ist übrigens ein Phänomen im Libanon: Jeder noch so kleine Strandabschnitt wird abgezäunt, bewirtschaftet und ist nur mit Eintrittsgebühr zugänglich! Nur kurz vor Sidon, wenn man den Hang auf der Autobahn herunterschießt, kurz vor dem Stadion, da kann man an den Strand, wenn dieser auch ein wenig ungepflegt ist, aber ein nettes Restaurant direkt am Wasser mit libanesischen Spezialitäten entschädigt!

 

Am folgenden Tag beglückte ich dann Beirut, auf das ich eigentlich nicht weiter eingehen will. Es ist eine Stadt im Wandel mit einerseits noch bedeutenden Auswirkungen des Bürgerkrieges im Osten der Stadt und andererseits ungebremstem Neubau, vor allem im neuen Zentrum am Märtyrerplatz. Beeindruckt hat mich vor allem das kleine, aber feine Nationalmuseum mit Sarkophagen aus dem Süden, die ähnlich toll wie der Alexandersarkophag in Istanbul sind, der ja als Prachtstück vom osmanischen Sultan aus eben der Gegend in die Stadt am Bosporus gebracht worden ist.

 

Als letzte große Station im Libanon besuchte ich Tyros im Süden. Als wichtige Hafenstadt in der Antike von den Römern ausgebaut, weist sie noch beeindruckende Reste eines Stadions mit Tribünenhäusern, einem großen Gräberfeld und, am Meer gelegen, ein Forum mit Gymnasium und anderen Prachtbauten auf. Leider hatte ich den Eindruck, dass man mit den Eintrittsgeldern mal wieder abgezockt wird. Jedes Areal muss einzeln und teuer bezahlt werden – Tafeln zur Lage mit Informationen: Fehlanzeige!

Ich suchte und fand dann auch noch die Wasserversorgung der antiken wie auch der heutigen Stadt in Ras Al Ain, aber Hinweisschilder brechen plötzlich ab, oder es gibt sie überhaupt nicht. So verlief dann auch meine Fahrt über die Berge. Es wird gebaut ohne Ende, moslemische und christliche Dörfer auf den höchsten Höhen des Schufgebirges, allerdings kaum Menschen zu sehen, geschweige denn Hinweisschilder. Ich fuhr nach Gefühl und Himmelsrichtungen und den spärlichen Tipps der noch immer häufig vorhandenen, militärischen Straßenkontrollen, bis ich in Beit ed Din landete, wovon im Papyrus 1-2/2005 schon die Rede war. Tolle Lage, gesunde Luft und ein höchst attraktiver Palast im syrisch-libanesischen Stil mit Höfen, Gärten und Brunnen erbaut, machen diesen Ort zu einem Highlight im Süden des Libanon - und das alles ohne Heerscharen von Touristen.

 

Nach dieser kurzen Stippvisite ging es dann mit dem Sammeltaxi weiter nach Syrien. Die Fahrt mit diesen alten, amerikanischen Monstervehikeln ist ein Erlebnis. Leider wird die Straße über die Berge gerade ausgebaut, und der Libanese fährt ähnlich wie viele Ägypter – ohne Kenntnis von Regeln, und da, wo eine Lücke ist, wird diese sofort zugefahren, auch wenn es eigentlich auf der Gegenfahrbahn ist. Hat man einen entsprechenden Fahrer, so ist man trotz der Grenzformalitäten in drei Stunden im Zentrum von Damaskus!

 

In Damaskus suchte und fand ich schnell wieder mein Etagenhotel vom letzten Mal und tauchte in den Souk ein, nicht ohne mich vorher und ständig an diesem tollen Eissorbett zu laben, das es an jeder Straßenecke im Glas gibt. Hamdullilah – es hat sich kaum etwas verändert! Nach wie vor fanden sich vor allem Touristen aus den arabischen Ländern in den diversen Souks und kauften, kauften, kauften!

Ich schlenderte umher, genoss die Gerüche und Eindrücke und ließ mich natürlich auch mal wieder zu einer Teppichsession einladen. Obwohl Syrien selbst keine hochwertigen Teppiche herstellt, fanden sich doch herausragende Stück aus den angrenzenden Ländern. Doch man muss schon ordentlich handeln, sonst ist man schnell auf der Verliererseite. Ich ließ mir drei Tage Zeit, bis ich zuschlug – zu meinem Preis! Wahrscheinlich hatte der Verkäufer einfach seine Mühen mit mir nicht gänzlich abschreiben wollen.

 

Zwischenzeitlich genoss ich die syrische Küche, die zahlreichen Hammams der Stadt und fuhr  mit einem Taxi zu den Klöstern im Norden. Mein erstes Ziel war Maalula, und dort das Kloster der Heiligen Thekla. Maalula, an der Ostseite des Antilibanon, ist eines der Gebiete, in dem die einheimische Bevölkerung noch immer den aramäischen Dialekt – die Sprache Jesu – spricht. Der Ort liegt, dicht an die steilen Hänge geschmiegt, in exponierter Lage und soll der Sage nach die Heilige Thekla vor den Nachstellungen auch ihrer Familie geschützt haben, da sie mit der Familienpolitik ihres Vaters nicht einverstanden war. Dahinter dürfte mit Sicherheit die Verfolgung christlicher Minderheiten in einem weitgehend islamisierten Syrien stehen – und dieser Ort war dazu bestens geeignet. Das Kloster ist zwar heute auch von der Ebene erreichbar, aber es gibt die berühmte Thekla-Schlucht noch, die ein wenig an Petra in Jordanien erinnert. Auch heute pilgern sehr viele Christen zu dem Kloster, um am Schrein der Thekla zu beten. Das ließ sich an einem ausgeprägten Devotionalienhandel vor dem Anwesen erkennen.

 

Danach ging es zum kleinen Kloster des Sergius auf einem der Hügel, doch das war eher eine Enttäuschung, da um diese Zeit überhaupt keine Fratres dort waren und die kleine Kirche mit ihren Fresken wenig beeindruckte. So entschloss ich mich, noch das etwas weiter entfernt liegende Kloster des Musa al Habashi - eines äthiopischen Heiligen - bei Nabak  ins Programm zu nehmen.

Mein Taxifahrer war anfangs widerwillig, da er zurückwollte, doch da kannte er mich schlecht! Wir fuhren, aber er wollte nicht auf meine Anweisungen hören. Ständig fragte er durch die Gegend, ständig maulte er, dass ich doch nur nach Maalula gewollte habe, so dass ich kurz davor war, ihn in die Wüste zu schicken, die wir dann auch bald erreichten. Dieses Kloster liegt noch toller als Maalula an einem Felsmassiv und ist durch Farbgebung und Bauweise kaum von der Gegend zu unterscheiden. Es dürfte wohl im 6. Jahrhundert gebaut worden sein, wurde dann später verlassen und wird seit 1993 wieder mit internationaler Hilfe restauriert. Zur Zeit wird auch kräftig gebaut. Wenn man den Treppenaufstieg hinter sich hat, dann ergibt sich ein beeindruckendes Panorama auf Berge und Wüste. Der Eingang ist höchstens einen Meter hoch und im 90 Gradwinkel mit dicken Holztüren gegen unerwünschte Besucher gesichert. Oft übernachten dort auch Gäste, die freiwillig bei der Restaurierung helfen. Sehr schön sind die Fresken der kleinen Kapelle, die zur Andacht einlädt.

Nun führte mich mein Weg mit dem mürrischen Taxifahrer zurück. Dessen Gesicht hellte sich aber dann auf, als ich ihm einen höheren Preis als den vereinbarten aushändigte.

 

Ich verließ Damaskus am nächsten Morgen mit dem Linienbus in Richtung Hama, meinem nächsten Ziel. Ich war schon früher dort gewesen, und die Stadt mit den riesigen Wasserrädern, den Nauras, gefällt mir immer noch sehr. Die Römer haben diese bis zu 20 Meter hohen Schöpfräder in den Orontes gebaut, um die Gegend zu bewässern. Heute sind sie nur noch eine Touristenattraktion und ächzen in fröhlicher, knarrender Weise vor sich hin, befördern die jungen Einheimischen wie ein Riesenrad aus dem stinkenden Wasser in die Höhe und lassen sie in tollkühnen Sprüngen ihre Mutproben absolvieren.

 

Von Hama aus wollte ich die letzte Saladinburg, die ich noch nicht kannte, die berühmte „Schwarze“ - Quala àt Marquab - bei Banyas besuchen. Ich fuhr also mit dem Minibus zuerst bis Misyaf, einer kleinen Stadt mit alter Ismaelitenburg. Sie war das Zentrum der Assassinen, der „Haschischfresser“, die im Mittelalter als Auftragskiller zu berüchtigter Ehre gelangten.

Von dort gelangte ich über Qudmus, wo es eine weitere Burg gibt, zur Küstenstadt Banyas, die heute durch das alles verschandelnde Zementwerk geprägt ist. Den Berg hinauf fuhr ich mit einem weiteren, röchelnden, mit Zementsäcken beladenen Minibus, der aber besser als Laufen war, und endlich hatte ich diese Saladinburg, die aus meist schwarzen Basaltsteinen gebaut ist, vor mir! Die wenigen einheimischen Touristen fielen kaum ins Gewicht, und so konnte ich auf die Türme, durch die Kasematten und die Befestigungsanlagen streifen. Den Berg hinab bot sich dann ein junger Mopedfahrer an, der im Sausegalopp zur Minibusstation düste, so dass mir meine Mütze vom Kopf flog und ich am Ende ein Kreuz schlug (Thekla sei Dank!).

 

Am nächsten Tag reiste ich weiter nach Aleppo, weil von dort die Busse in die Türkei fahren.

Aleppo als zweitgrößte syrische Stadt hat eine Menge zu bieten. Allerdings fehlt ihr ein wenig das Großstädtische von Damaskus, aber der Basar in seiner Vielfalt mit Metzgergeschäft neben Tuchhändlern und mit den obligaten Eseltransporten durch die schmalen Gassen hat schon etwas Eigenes. Auch die verschiedenen Stadtviertel mit oft ethnisch geschlossener Bevölkernsstruktur und mit den wunderbaren Innenhöfen sind großartig, wie natürlich auch das UNESCO-Kulturerbe: Die Zitadelle!

 

Aber ich habe die Stadt schon mehrfach besucht, also sollte es schnellstmöglich weitergehen. Schon am nächsten Morgen saß ich um 4 Uhr mit einer buntgemischten Besatzung im Bus in Richtung Türkei. Leider waren wir so früh an der Grenzstation, dass die Zöllner die Grenze noch nicht geöffnet hatten. Das kam natürlich den Mitreisenden entgegen, die noch schnell die anscheinend nicht erlaubten Mengen von Waren im Bus verteilten. So erreichten wir Antakya gegen 8 Uhr, wo ich mit Glück sofort eine Verbindung nach Adana bekam. Auch dort hatte ich Glück, denn ich konnte noch auf den gleichen Bus, den ich zuerst verlassen musste, „aufspringen“. Aber dann hatte ich wirklich ein ärgerliches Erlebnis, denn die „Dame“, neben der ich sitzen sollte, verweigerte mir den Platz! Sie wollte nicht neben einem Mann sitzen! Wie sollte ich das verstehen? Unterstellt man jedem Mann schlechtes und aufdringliches Verhalten? Ich hätte nun erwartet, dass von der Busgesellschaft Druck auf diese Frau ausgeübt wird, denn einerseits hatte sie nur einen Platz „gemietet“, und andererseits war der Bus am Counter als voll bezeichnet worden.

Darüber hinaus erhebt sich für mich nun die Frage, ob die Türkei wirklich auf dem Weg nach Europa ist, wenn eine Frau nicht ohne Probleme neben einem Mann sitzen kann?

Ich wurde auf den letzten freien Sitz auf der Rückbank platziert, doch schon beim nächsten Stopp – kaum 15 Minuten später – wurde dieser Platz von einem zusteigenden Gast beansprucht. Nun wurde ich auf den Platz neben einem Mann, der ein kleines Kind auf seinen Schoß nehmen sollte, geschickt – und die besagte Dame saß immer noch alleine, nachdem auch weitere Umplatzierungsvorschläge gescheitert waren. Ich war stinksauer und machte meinem Unmut in Deutsch Luft, wobei einige Fahrgäste, die die Situation beobachtet hatten, mir ihre Zustimmung signalisierten. Der Herr, neben dem ich nun sitzen sollte, fragte mich auf Deutsch, ob ich etwas gegen Kinder habe? Ich verneinte, wenn ich auch innerlich durchaus Probleme sah, weitere 8 Stunden zu dritt auf zwei Sitzen aushalten zu müssen, denn das Kind war wirklich noch klein. Aber vor allem störte mich diese ständige Umplatziererei. Was würde an der nächsten Station passieren? Müsste ich dann schon wieder woanders sitzen? Das Buspersonal zeigte für meine Situation kein Entgegenkommen und bot mir als Alternative den Ausstieg an(!), anstatt die unsäglichen Vorurteile der besagten Dame mit einem Ausstiegsangebot an sie zu kontern!

 

Ich schlug ein Kreuz (Thekla!), als ich endlich in Anamur aussteigen konnte, setzte mich in das nächste Taxi, um zum Meer und dem mir bereits bekannten Hotel Anemon zu gelangen. Oh Gott, wie genoss ich die Bewegungsfreiheit, das abendliche Bad im Meer und den tollen Fisch im hauseigenen Restaurant – und keine europäischen Touristen weit und breit!

 

Nach einigen Tagen der Ruhe – ich wollte die Sarazenenfestung und das antike Anemurion in der Nähe dieses Mal nicht besuchen – reiste ich bis Alanya, der Touristenhochburg an der türkischen Riviera schlechthin! Aber was will man machen? Es ist die beste Ausgangsposition, um einen günstigen Charterflug nach Deutschland zu bekommen. Und so geschah es!

 

 

Wolfgang Engelhorn

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