'cos when you're lay in bed at night
watching roaches climb the wall
If you call your Dad he could stop it all
You'll never live like common people”
Pulp - Common People - 1995
„Pencil, Pencil“, schreit der kleine
schmutzige Junge und guckt mich mit riesigen Kulleraugen an. Als er meine
Versuche versteht, ihm mitzuteilen, dass ich keinen habe, schaltet er um auf
„Money, Money!“.
Ägyptens Armut ist nicht das Einzige,
was einem Besucher ins Auge fällt, aber sie ist fraglos einer der bleibenden
Eindrücke, die ich von meiner einmonatigen Reise mitnehmen werde.
Das erste Bild, dass ich beim Landeanflug
von Kairo bekomme, ist das einer zerstörten Stadt. Aus der Luft wirken die
einheitlichen braunen Häuser mit dem auf ihren Dächern gelagerten Müll und
den überdimensionierten Satellitenschüsseln wie Ruinen nach einem Bombenangriff.
Zerfallen, wie die antiken Tempel aus den Bildbänden. Auf dem Boden revidiert
sich dieses Bild schnell. Kairo und auch die anderen Städte, die ich während
meines Aufenthalts bereiste, platzen vor Leben. Der Eindruck, dass dieses
Leben vielerorts jedoch in Armut und Verfall stattfinde, ist nicht zu leugnen.
Über diese Armut möchte ich sprechen.
Ihr nicht zu begegnen, ist als Rucksacktourist,
der sich außerhalb von Nile Hilton und klimatisiertem Busbetrieb bewegt, fast
unmöglich. Der Müll, der sich in vielen Städten kniehoch türmt, ist stetig
präsent. Zehnjährige Kinder, die nachts Brot und Gemüse verkaufen, sind keine
Seltenheit und taschentuchverkaufende Frauen mit Säuglingen im Arm allgegenwärtig.
Gerade bei Budgetreisenden wie mir
lässt sich bei Aufenthalten in der "Dritten Welt" jedoch oft ein
seltsames Phänomen beobachten. Anders als in der Heimat wird die vorgefundene
Armut nicht als zu bekämpfendes Übel empfunden, sondern zur Folklore verklärt.
Zahllos sind die Geschichten anderer Reisender, die ich in 15-Pfund-die-Nacht-Absteigen
traf, die sich beinahe stolz mit Erzählungen von Begegnungen mit katastrophalen
hygienischen Zuständen und Elend übertrumpfen wollten. Auch ich selbst war
lange nicht frei, meine Erlebnisse mit dem "echten" Ägypten in ein
verklärendes Licht zu tauchen, was mich schließlich zum Verfassen dieser Zeilen
inspirierte.
Eine dieser Geschichten hat sich
fest in mein Gehirn gebrannt. Es war nach Mitternacht, als ich in Farafra
auf der Strasse saß. Ich fror, während der Bus auf sich warten ließ. Die Arme
um die Beine geschlungen, hockte ich auf meinem Rucksack, als mich der Tankwart,
ein Junge von 16 Jahren, an dessen Station der Bus halten sollte, einlud,
doch bei ihm zu warten. Dankbar nahm ich an und wuchtete meinen Rucksack durch
die schief in den Angeln hängende Tür in einen ebenerdigen Verschlag. Im Inneren
saßen bereits ein Mann und ein elfjähriger Junge unter einer dreckigen Decke
auf einer noch dreckigeren, am Boden liegenden Matratze. Der Rest des Mobiliars
bestand aus einem Gaskocher, Abfall und einem kleinen Fernseher, auf dem abwechselnd
Schnee und ein arabisch untertitelter Film über Henry VIII. flimmerte. Zwei
Stunden verbrachte ich in jener Nacht mit diesen Menschen. Eingehüllt in Laken,
die in meiner Heimat wahrscheinlich aus Sorge um die Gesundheit verbrannt
worden wären!
Ich schaute fern, trank Tee aus noch
nie gespülten Gläsern und warf mir mit meinem Gastgebern abwechselnd arabische
und englische Brocken zu. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre
in jenem Moment nicht glücklich gewesen, denn ich hatte das Gefühl, an etwas
sehr Persönlichem und Einmaligen teilzunehmen. Erst später traf mich die Erkenntnis,
dass das, was ich als spannende Ausnahme, als Momentaufnahme genoss, genau
das war: ich konnte gehen, für diese Menschen war es Alltag.
Tage danach unterhielt ich mich mit
einem Polizisten in Assuan. Wir waren ins Gespräch gekommen, weil er mich
nach einem Kugelschreiber gefragt hatte. Ich hatte keinen. Das einzige, was
ich mit mir herumtrug, war ein Tuschestift, dessen Wert ca. der Hälfte seines
Monatsgehalts - rund 400 Pfund - entsprach. Mein Tagesbudget betrug zu der
Zeit etwa 100 Pfund und ehrlich gesagt, ich hatte das Gefühl, ich würde sparen.
Bis dahin hatte ich mich oft geärgert, dass man beim Feilschen zwischen Touristenpreisen
und denen für Einheimische immer mit den Touristen gleichgesetzt wurde, die
für 100 und mehr Dollar die Nacht die 250 Kreuzfahrtschiffe bevölkern, die
täglich zwischen Assuan und Luxor verkehren. „Das sind die Reichen, nicht
ich“, dachte ich. Schlagartig wurde mir bewusst, dass mein Lebensstandard,
der in meiner Heimat auch nur knapp über der offiziellen Armutsgrenze liegt,
für hiesige Verhältnisse immer noch unvorstellbar hoch ist.
Noch heftiger traf mich nur die Antwort
meines Felucca-Kapitäns Zigy auf die Frage, warum sich der Koch Mahmud, der
am zweiten Abend erkältet unter Deck lag, denn auch keine Jacke mitgebracht
hatte. Dass es nachts kalt werden würde, sollte ihm doch klar gewesen sein.
Wir Passagiere schüttelten über soviel „Blödheit“ die Köpfe. „Die ist zu teuer“,
sagte Zigy lapidar, und wir schämten uns für unsere Borniertheit.
Nun, da ich Ägypten verlasse, nehme
ich nicht den Eindruck mit, ein Land besucht zu haben, das rettungslos verloren
ist. Ich hege die Hoffnung, dass meine Zeilen nicht diesen Eindruck erwecken.
Mir lag es jedoch am Herzen, abseits all der Geschichten über die - trotz
der immensen Tourismusindustrie - immer noch anzutreffende, erstaunliche Gastfreundschaft,
die Schönheit der Landschaft sowie die Erhabenheit der antiken Schätze auf
einen wichtigen Umstand hinzuweisen und so vielleicht den Blick anderer Reisender
für dieses Problem zu schärfen. Das Leben in Ägypten wird nicht zu unserer
Unterhaltung aufgeführt. Armut ist keine Folklore. Armut ist und bleibt ein
Problem.
Moritz Honert
Moritz Honert, Jahrgang 1979, arbeitet
als freier Journalist in Berlin. Im Moment befindet er sich auf einer neunmonatigen
Weltreise, die er im November in Ägypten begann. Seine Weg führte ihn von
Kairo über Alexandria durch die Oasen der Westlichen Wüste nach Assuan und
über Luxor zurück nach Kairo.