Die Tierwelt Ägyptens

Betracht aus der Perspektive der 4. Etage der Golfstraße in Maadi

von Dr. Lore Becker

Zuerst morgens um vier Uhr noch in ganz nächtlichen Teil der Morgenfrühe schreit der Karawan seinen laut gellenden morgendlichen Trillerruf (Balzruf) von weit über die Dächer, der Muezzin unter den Vögeln! Die Moslems deuten seinen Ruf als Gebet. "El mulik lak lak lak ya sahib el mulk!" (Der Erdkreis- mulik - ist dein, dein, dein - lak - ja Herr - sahib - des Erdkreises). Ya sahib el mulk - das ist die Deutung des Schlenkers am Schluss des Rufes. Warum sollte der Vogel eigentlich nicht beten? Mit aufkommendem Tageslicht schweigt der Karawan. Auf Deutsch heißt er Triel, hier Senegal-Triel, aus der Verwandtschaft der Bekassinen und Brachvögel, die sich durch ein reiches Stimm-Repertoire von weichen Rollern bis zu keckernden Tönen (Himmelsziege) auszeichnen. Wenn ihm kein Weibchen antwortet, kann er auch ganz weich und melodisch trillern.

Zu Gesicht bekommt man ihn seltener. Vielleicht, dass er sich mal auf einem der Nachbardächer niederlässt und mit seinen gelben Augen und leicht vorgestrecktem Kopf die Gegend beäugt und auf seinen langen gelben Beinen mit dem dicken, wie angeschwollenem Knie ein paar Schritte herumwandert. Ein drolliger zum Schmunzeln reizender, fast täubchengroßer Wattvogel. Die Engländer nennen ihn Thick Knee. Karawan ist - so glaube ich - die griechische Bezeichnung. Der Vogel ist hellbraun und zeigt eine weiße Binde auf den Flügeln beim Flug. Er ist hier heimisch und brütet in Weingärten und sandigen Flussbetten, laut Parey´s Vogelbuch.

Als nächstes erheben die Amseln ihre Stimme. Schöne melodische Stimmen gibt es, darunter auch nervende, eintönige, die dafür umso ausdauernder singen. Als ich vor vierzig Jahren nach Ägypten kam, waren Amseln eine Seltenheit. Aber jetzt gibt es keinen Garten, der nicht Amselrevier geworden wäre. Wenn man in der frühen Dämmerung eine der langen Gartenstraßen entlang geht, kann man die Stimmen der verschiedenen Revierbesitzer ausgiebig studieren. Es werden jährlich mehr - munter ohne Geburtenbeschränkung!

Bald werden die Amseln durch den Lärm der kosmopolitischen Gassenjungen, der Spatzen, durchbrochen, die aus ihren dichtbelaubten Schlafbäumen herausstürzen und die Straßen bevölkern. Ihr Geschilpe stört jede Morgen-, Mittag- sowie Abendruhe und erfüllt mich mit der traurigen Gewissheit, dass ich in Ägypten auf keinen Fall in Frieden sterben werde. Denn Lärm scheint hier Lebenselixier für Tier und Mensch zu sein. Seit neuestem hat sich noch eine Stimme zwischen Karawan und Amsel eingeschaltet, die ich nicht identifizieren kann: Ein schrill zwitscherndes Sirrsirr mit ein paar kurzen gluckernden Amsellauten eingeflochten - nicht wie ein Vogel, der schön separat auf einem Ast sitzt und seine Strophe in Wiederholungen vorträgt sondern wie ein im Netz sitzendes, zwitscherndes, schwatzendes Federbündel. Das ist der früheste Sänger! Wenn gegen halb sechs Uhr die Amseln mit ihren Strophen einsetzen, stoppt er sein melodisches Schwirren.

Wer aus den Familien der Laubsänger oder Grasmücken oder der Spötter da herumzwitschert und umherhuscht, wird mir nie ganz klar. Nur einer ruft seinen Namen stundenlang offenbarend durch die Baumkronen: Das ist der Zilpzalp, auf Englisch Chiff Chaff, aus der Familie der Laubsänger. Ein unscheinbares, graugrünes Vögelchen, dafür aber mit umso lauterer und aufdringlicherer Stimme. Er verkündet am hellen Vor- und Nachmittag seine Existenz und lässt sich nicht überhören.

Noch ein Vögelchen lässt sich manchmal in den Jakaranda- und Flamboyant-Ästen an seinem langen, oft steil aufgerichteten, gebänderten Schwänzchen erkennen: die Streifenprinie, die auch den Wüstentälern folgt.

Der netteste Vogel im Verein ist der Bulbul, der Grau-Bulbül, die "ägyptische Nachtigall", wie er auch genannt wird, mit schwarzem Köpfchen und unscheinbarem Gefieder, in der Größe zwischen Spatz und Amsel. Er und sein Weibchen huschen fast den ganzen Tag im Geäst herum und untersuchen jedes Zweiglein auf essbares Kleingetier. Was würde da alles wachsen und gedeihen ohne ihre polizeiliche Aufsicht! Dazwischen geben sie melodisch gluckernde Töne von sich, kurze Bruchstücke von Amselstrophen, machen kleine Seitenausflüge vom Baum auf unser Balkongeländer und die Holzläden. Fröhliche Gesellen und gar nicht scheu! Einmal haben wir sie ein Nest in den äußeren Quirl der großen Fiederblätteransätze unseres Jakaranda-Baumes bauen gesehen. Die beiden Jungen hüpften dann bis zum Flüggewerden auf den Ästen und Ästchen in Stammnähe herum und belustigten uns.

Nicht zu vergessen die vielen Palmtauben, die dauernd dazwischen turteln und in anhaltender Balzstimmung zu jeder Jahreszeit einander umtanzen und Verbeugungen offerieren! Von ewiger Nistgelegenheitssuche geplagt, besiedeln sie in unserem Haus die Röhren, die im Binnenhof von jeder Wohnung schräg in die senkrecht verlaufende Hauptabflussröhre führen und bauen ihre schlampigen Nestchen aus magerem Reisig darauf. Die niedlichen Jungen - immer nur eins oder zwei - sitzen, solange sie nicht flügge sind, ganz unbeweglich wie kleine Ölgötzen darin. Sie sind kaum von der Umgebung zu unter-scheiden, so dass sie den gierigen Augen der lüsternen Nebelkrähe entgehen, die manchmal auf Beute scharf auf dem oberen Rand des Lichtschachts herumstakst.

Überhaupt die Nebelkrähen! Robuste Rabenvögel, wirken sie leicht eingebildet, mit ihrem grauen "Schulterumhang" und betonten Schritten. Sie sind nicht besonders scheu vor den Menschen! Als Allesfresser verschonen sie keine Beute, vom Abfall über Hühner- und Hundefutter bis hin zum Eigelege unserer Singvögel, die ausgeschlüpften Jungen mit eingeschlossen. Bei Bekannten haben sie sogar eine junge Schildkröte abgeschleppt. Ein oder zwei der Herrschaften sitzen immer auf den höchsten Fernsehantennen des Nachbarhauses oder auf dem oberen Rand der schräg stehenden Satellitenschüssel, beäugen die Gegend und tun sich ab und zu durch ein heiseres "Rab, rab" kund. Ihr ägyptischer Name ist daher Rurab. Zu schlimmen Krachmachern werden sie in Gärten mit höheren Bäumen, wo sie in Gruppen herumkrächzen.

Höher oben am Himmel kreist manchmal einem Mäusebussard ähnlich ein Milan, der Schwarz-Milan, mit seicht gegabeltem Schwanz. Zur Brutzeit ist er auch ruffreudig und schreit mit hoher wiehernder Stimme. Früher gab es sehr viele von diesen schönen Greifvögeln im Niltal. Auf unserem Schulhof in Bab-El-Louk nistete einer davon im Bengalischen Feigenbaum. Der Milan stahl manchmal einer Schülerin das Pausenbrot aus der Hand. Im Abbasseia sah ich einmal mehrere Milane, die Hühnerstücke, die vom Balkon eines Krankenhauses geschleudert wurden, im Flug ergriffen und sich einen Sport daraus machten, zur Belustigung der Zuschauer. Die Vögel scheinen sich jetzt an die Menschenmassen Kairos gewöhnt zu haben und das Kulturflüchterdasein der Zwischenzeit langsam rückgängig zu machen.

Wenn die Baumblüte im Frühjahr heraufdämmert, gibt es nettesten Besuch von Bienenfresser-Schwärmen, die sich durch lautes melodisches, ausdauerndes "Prürr"-Gepfeife im hohen Himmel kundtun. Wirft man den Kopf in den Nacken, kann man ihr schwalbenartiges Flugbild mit dreieckigen Flügeln und schick verlängerten mittleren Schwanzfedern im längeren Gleitflug erkennen. Wenn die blauen Jakaranda-Bäume aufblühen, kommt der Vogelschwarm tiefer, jetzt leuchten die wunderschönen Federfarben auf: metallisch glänzendgrün an Rücken und Bauch, hell kastanienbraune Kehle, blauer Wangenstreif, lange dunkle, schnittige mittlere Schwanzfedern.

Der Blauwangenspint, Merops superciliosus laut Parey`s Vogelbuch, ist ein ausgesprochen hübscher, munterer Bursche. Er schaukelt auf dem Telefondraht vor meinem Fenster und stürzt sich auf die dicken, schwarz-gelben Hummeln, die die Jakaranda-Blüten besuchen, fängt eine von ihnen mit schnellem Zustoß und kehrt mit ihr im Schnabel auf den Telefondraht zurück. Die dicke Beute im Schnabel schlägt er mit dem Kopf ein paar Mal kräftig in die Luft. Ob das die Hummel wohl tötet? Dann schluckt er den Brocken einfach herunter, obgleich er gar nicht immer so schnell herunterrutscht. Ich habe mir von ägyptischen Bienenzüchter erzählen lassen, dass sie diese schönen Vögel sehr fürchten und oft, wenn sie erscheinen, das Flugloch bei ihren Bienen schließen, weil die Bienenfresser sonst ihrem Namen Ehre machen und die Bienenvölker reduzieren.

Wo brüten diese schönen Schwarmvögel? Anscheinend auch in Ägypten. Wir fanden einmal bei einem Ausflug nach Tanis am Nordostrand des Deltas diese Vögel scharenweise auf den antiken Steindenkmälern sitzen. Der leicht lehmige Sandboden daneben war voll von Löchern, die sie schräg hinein gegraben hatten und aus denen sie raus- und reinhuschten. Der Wächter behauptete, dass die Bienenfresser dort die dicken Ameisen fangen. Hätten sich diese Löcher in einer senkrechten Erdwand befunden, hätte ich sofort an Bruthöhlen geglaubt. Aber hier im flachen Boden war ich mir nicht sicher. (Es gibt noch eine kleinere einheimische, ganz grüne Art von Bienenfressern in Ägypten, die man öfters auf dem Ackerland sieht. Das ist der Smaragdspint, Merops orientalis.

Die Bienenfresser pfeifen schön melodisch und ziehen ihre Kreise über Maadi bis in den späten Abend, während in der mittleren Lage des vierten Stockes Spatzen, Amseln und Bülbül das Sagen haben. Mit dem Verblühen der Jakaranda-Bäume verschwinden die Bienenfresser bald wieder.

Mit hereinbrechender Dunkelheit posaunt der Triel wieder seinen gellenden Gebetsruf als Tagesabschluss und huldigt seinem Schöpfer bis spät in die Nacht. Und dann verstummt die Vogelwelt. Nachts hört man ab und zu Schnalzlaute einer Fledermaus oder leises Gezwitscher eines Flughundes! Gäbe es Obstbäume in der Golfstraße, würden die Flughunde sicher mehr nächtlichen Radau machen.

Gibt es auch Säugetiere in Maadi, aus meiner Warte des vierten Stocks betrachtet? Ja, in den Balzzeiten der Katzen in Vorfrühling und Vorherbst sind deren Stimmen nicht zu überhören. Schaurige Katerstimmen in den gräulichsten Miau- und Maunzvariationen, mal wie verlassene Säuglinge weinend, mal wie bedrohliche Sirenen vor einem fauchen-den Sprengsatz heulend! Und Hunde gibt es, die stundenlang hysterisch den Mond oder sonst was anbellen. Doch in diesem Fall schafft ein Kartoffelabwurf von meinem Balkon meist Abhilfe. Wenn die Kartoffel dicht neben ihnen saftig auf das Pflaster knallt, erschrecken sie sich so, dass sie abziehen und sich erst ein paar Straßen weiter zur Fortsetzung des Gebells zusammenrotten.

So viel zur geräuschvollen Höhenwelt Maadis. Ich bin sicher, dass sie in anderen Stadtteilen sehr ähnlich ist.

Benutzte Literatur:

"Common Birds of Egypt" von Bertel Bruun und Sherif Baha el Din
"Parey´s Vogelbuch" aus dem Verlag Parey, Hamburg und Berlin

Den meisten unserer Leser und Leserinnen braucht man Frau Dr. Lore Becker nicht mehr vorzustellen. Dennoch möchten wir einige Angaben zu ihrer Person machen und damit auch ihr großes Engagement für unser Magazin würdigen:

Die promovierte Biologin arbeitete über 30 Jahre lang als Lehrerin an der Deutschen Schule der Borromäerinnen (DSB) und beschäftigt sich noch immer in ihrer Freizeit sehr viel mit Bäumen und Pflanzen. In zahlreichen Papyrus-Beiträgen hat die heute Endsiebzigerin ebenso lebhaft und humorvoll wie detailgetreu Beobachtungen aus ihrer Umwelt wiedergegeben (s. u.a. "Mythologie der Bäume" in 11-12/2002 bzw. 1-2/2003 und die Reihe "Kleine Kairoer Baumkunde, die im letzten Jahr alle Papyrus-Ausgaben bereichert hat). Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die von Lore Becker veranstalteten Baumbummel durch Maadi und Wüstenspaziergänge durchs Wadi Digla (meistens im April). Die Witwe des Dichters und Künstlers Abdel Salam Ahmed hat auch ein Buch über die Pflanzenwelt des Wadi Digla und einen Gedichtband verfasst. Wer noch mehr über Lore Becker erfahren möchte, dem sei ihr Portrait in Papyrus 11-12/2002 empfohlen.

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