Tagebuch einer Mitausgereisten: Ich bin keine Touristin,
ich lebe hier!
von Bettina Knauth
Den Neuankömmlingen unter meinen "Kolleginnen" will ich es gleich sagen: Das Leben als Mitausgereiste ist schwieriger geworden!
Das hat verschiedene Gründe. Erstens: Wir werden immer weniger! Hört man sich in der deutschsprachigen "Community" um, so stellt man fest, dass viele Heimkehrer keine Nachfolger mehr haben. Firmen ziehen sich auf-grund der angespannten Wirtschaftslage und des ungünstigen Wechselkurses verstärkt aus Ägypten zurück oder verlagern ihren Firmensitz in Nachbarstaaten. Immer weniger Ausländer/-innen kommen zum Arbeiten nach Kairo, also ziehen auch immer weniger Ehepartner und Kinder hierher.
Zweitens: Das Leben wir teurer! Wäh-rend unsere "Spezies" der Mitausgereisten immer weiter auszusterben scheint, strömen immer mehr Touristen ins Land. Touristen, die teure Euros mitbringen und die Preise in die Höhe treiben. Die Folge: Es gibt kaum mehr Bonusse für uns "Einheimische", viele Ermäßigungen für Residents wurden abgeschafft. Und wenn ich zum zwanzigsten Mal im Jahr Besuchern das Giza Plateau zeige, so zahle ich auch zum zwanzigsten Mal meine 20 LE Eintritt, Resident-Stempel im Pass hin oder her, der beeindruckt hier niemanden. Ebenso wenig wie der Hinweis, dass mein Mann sein Gehalt in ägyptischen Pfund bezieht und hier versteuert.
Drittens: Wir drohen in der Flut der Touristen unterzugehen! Früher haben wir uns öfter ein Wochenende am Roten Meer in einem guten Hotel gegönnt, sind mal raus aus dem Moloch Kairo gefahren, um Ruhe und gute Luft zu tanken. Heute finden wir selbst in den besten Hotels und an den schönsten Stränden Zustände wie weiland in Spaniens Bettenburgen: Die international zu buchenden Hotels sind hoffnungslos überfüllt. Abends schon reserviert der schlaue Tourist per Handtuch seinen Liegestuhl am Strand oder Pool für den nächsten Morgen (man will ja im Urlaub nicht zu früh aufstehen müssen). Mindestens eine Stunde vor Beginn des abendlichen Buffets werden die schönsten Tische besetzt. Bis man etwas zu essen bekommt, gilt es, Geduld und Schlangestehen zu üben.
Viertens: Wir werden nicht mehr gebraucht! Die früher für Residents überaus erschwinglichen Zimmer sind selten geworden, sollen zudem auch von uns in harten Devisen bezahlt werden. Bitter erkennen wir: Waren wir in Zeiten der Touristenflaute infolge von Terroranschlägen und Golfkriegen mehr als erwünscht, um die Zimmer wenigstens teilweise zu belegen, so ist man heute nicht mehr auf uns angewiesen. Neben den Preisen fürs Zimmer sind die für Getränke und Essen in die Höhe geschnellt; überall regiert der Euro bzw. US-Dollar.
Natürlich hat die Kaufkraft des Euro, wenn man denn über ihn verfügt, auch ihre guten Seiten: Brachten wir früher noch viele Dinge im Koffer aus Deutschland mit, so lohnt sich das Schleppen heute nur noch bei Dingen, die es hier nicht zu kaufen gibt - und deren Liste wird immer kürzer. Längst haben nicht alle Preise für Lebensmittel und Kleidung derart angezogen, dass der für Ausländer günstige Wechselkurs aufgehoben wird, aber wie lange noch? Wir Mitausgereisten sollten uns mehr daran orientieren, wo die Einheimischen einkaufen. Dann bleibt bei manchen Dingen nur die Frage des Ge-schmacks Immerhin macht bei den Benzinpreisen das Fahren (noch) Spaß - wenn der Verkehr es zulässt. Kürzlich wurde im deutschen Fernsehen die Frage nach der günstigsten Tankstelle in der Nachbarschaft gestellt. Ich war versucht, der Redaktion eine Email zu schicken
Gegen Preise, die nach Wucher riechen, wehre ich mich, weise daraufhin, dass ich keine Touristin bin und auch nicht als solche behandelt werden möchte. Dabei stelle ich fest: Mit ein paar Brocken Arabisch ist noch immer vieles verhandelbar, erst recht wenn man sich als Deutsche outet, denn aus Gründen, denen ich lieber nicht auf den Grund gehe, genießen wir einfach einen Bonus in Ägypten. Gespräche dieser Art verlaufen mehr oder weniger nach dem gleichen Schema: Welcome (to Egypt)! Aber ich lebe doch hier! Wo wohnst du? In Maadi? Nein, in Haram. Wo in Haram? Und so weiter. Obligatorisch ist auch die Frage nach meiner Nationalität, die Schätzungen reichten bisher von Amerikanerin über Schwedin (ich bin doch gar nicht blond!), Deutsche, Holländerin, Russin bis hin zur Spanierin. Unbedingt dazu gehört auch das Lob für meine paar Wörtchen Arabisch, worauf ich mir aber nichts einbilden kann, weil ich das gleiche Lob auch bekomme, wenn ich in einem Hotel am Roten Meer ein einfaches "Schukran!" von mir gebe. So lange ich die weitere Konversation gestalte, kann ich die Illusion ein wenig aufrechterhalten. Erlaube ich aber meinem Gesprächspartner (wenn er nicht sowieso das Englische vorzieht) mich mit einem Redeschwall zu überziehen, merkt er ziemlich schnell, dass ich ihm nicht mehr folgen kann. Immerhin bleibt mir die Genugtuung, bewiesen (?) zu haben, dass ich keine "normale" Urlauberin bin, dass ich hier lebe, mich ein wenig auskenne und mich mit dem Land beschäftige.
Außer über die Sprache versuche ich mich mit korrekter, nicht zu freizügiger Kleidung abzugrenzen. In der Regel gelingt mir die Abhebung vom vermeintlichen Freiwild - allerdings bin ich auch schon angegrapscht und sogar attackiert worden. Was eine weitere meiner Illusionen, hier die in etwa den hiesigen Kleidungskonventionen zu entsprechen, zunichte machte.
Seit kurzem werden auf dem Khan-el-Khalili T-Shirts mit dem englischen Aufdruck "I'm not a tourist, I live here" und mit arabischen Untertiteln versehen verkauft. Vielleicht sollte ich mir eines kaufen und versuchen, ob es sich so gewandet ungestörter über den Basar bummeln lässt, ob ich anders behandelt werde. Ob die Botschaft verstanden würde? Einen Versuch wäre es wert, Zweifel sind erlaubt!