Als Stadtschreiber in Kairo: José F. A. Oliver

von Michaela Grom

"Stadtschreiber" heißt ein Projekt, das von den Goethe-Instituten der Region Nah-ost/Nordafrika und den Literaturhäusern in Deutschland durchgeführt und von ARTE als Medienpartner unterstützt wird. Es ist Bestandteil des deutsch-arabischen Internet-Literaturforums MIDAD, das gefördert wird von der Kulturstiftung des Bundes. Das Projekt sieht vor, dass im Zeitraum von Mai bis Oktober sechs deutsche Autorinnen und Autoren in sechs Metropolen des Nahen Ostens reisen und von dort per Internetta-gebuch ihre Eindrücke übermitteln. Im Gegenzug entwerfen sechs arabische Stadt-schreiber ihrerseits persönliche literarische Porträts von deutschen Großstädten. Die Stadtporträts, die in deutscher und arabischer Sprache im Internet präsentiert werden, sollen deutschen und arabischen Nutzern einen subjektiven literarischen Blick in eine - auf beiden Seiten von Vorurteilen belastete - fremde Welt ermöglichen und die Wahr-nehmung des jeweiligen Gegenübers schärfen.

Als erster Stadtschreiber ist im Mai der Lyriker José F.A. Oliver nach Kairo ge-kommen. Oliver wurde 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren, wo er heute noch lebt und als freier Schriftsteller arbeitet. Der Dichter ist andalusischer Herkunft und wuchs bilingual, mit den Sprachen Deutsch und Spanisch auf. Nach dem Abitur studierte er in Freiburg/Breisgau Romanistik, Germanistik und Philosophie. Sein erster Gedichtband "Auf-Bruch" erschien 1987. Seine Arbeiten wurden in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem ins Türkische, Ungarische, Polnische, Englische und Spanische.

Gegen Ende seines vierwöchigen Aufenthaltes in Ägypten hat sich Michaela Grom mit José Oliver unterhalten:

Herr Oliver, wie haben Sie sich auf Ihren Ägypten-Aufenthalt vorbereitet?

Ich habe mich eigentlich nur insofern vorbereitet, als ich mich darauf eingelassen habe, diese Reise überhaupt anzutreten und hierher zu kommen. Sich wirklich vorzubereiten ist ja schwierig, angesichts der Fülle an Büchern und Material über Ägypten und seine Geschichte - über das pharaonische, das koptische, das is-lamische Kairo, die Märchen aus 1001 Nacht …

Also habe ich mich nur insofern vorbereitet, als ich gesagt habe: Ja, ich nehme diese Herausforderung an und werde in diese Stadt reisen - mit offenen Augen wie ein Kind … Ein Kind, das vergisst, dass es 42 Jahre alt ist.

In der Rückschau: Mit welchen inneren Bildern, welchen Vorstellungen sind Sie hier angekommen?

Es ist mein erster Besuch in einem arabischen und damit in einem islamischen Land. Und das war für mich die größte Herausforderung: Ich wollte spüren und miterleben, wie dieser Glaube gelebt wird im Alltag… Die meisten Bilder, die ich mitgebracht habe, sind sicherlich geprägt durch die Bücher von Nagib Machfus, durch Romane wie "Zuckergässchen" oder "Die Midaq-Gasse". Andere Bilder haben sich vermittelt über die Dichter, die ich in Übersetzung gelesen habe: Etwa Adonis oder Fuad Rifka, die ja nicht aus Kairo stammen, aber mir eben etwas von der arabischen Welt nahe gebracht haben. Natürlich waren in meinem Kopf auch Begriffe wie "Fundamentalismus" oder "Islam", das lässt sich ja kaum vermeiden. Aber das sind zwei Begriffe, die ich für mich nie zusammengebracht habe, die für mich nicht zusammengehören. - Ich bin im Grunde mit einer weißen Seele hier angereist.


Gab es Situationen, Bilder, die Sie gesucht und auch so gefunden haben? Oder war alles ganz anders als erwartet?

Ich war im Basar, nicht nur im äußeren, sehr touristisch orientierten Bereich, sondern auch tiefer drinnen und das hat mich schon fasziniert. Es war erstaunli-cherweise so, wie ich es mir vorgestellt hatte: die Vielfalt der Stimmen, die sich da mischen; jeder ruft seine Waren aus mit einer solchen Begeisterung, dass man nachher gar nicht mehr weiß, was die Händler da anpreisen: ihre Waren oder ihre Art, die Dinge an den Mann zu bringen. - Überraschend war für mich die Stadt der Toten. Die Vorstellung, dass dort Menschen leben, dass dort Schulen unterhalten werden - das war überraschend, hat mich sehr ins Nachdenken gebracht. Es hat sich dann alles vermischt, das Erwartete und das Unerwartete. Den Verkehr hatte ich mir ähnlich chaotisch vorgestellt, wie er tatsächlich ist. Aber gleichzeitig hat er auch eine eigene Musik, einen Rhythmus … wenn er das nicht hätte, würde ja gar nichts mehr funktionieren.


Der Verkehr - für viele Neuankömmlinge eine beunruhigende Erfahrung - hat Ihnen also nichts ausgemacht?

Das hängt sicher damit zusammen, dass ich große Städte gewohnt bin. Ich habe in Lima gewohnt, wo ich mit Straßenkindern gearbeitet habe; ich war in Mexico City - das heißt, Verkehrsgetöse ist für mich nichts Neues, nichts Erschreckendes. Dagegen hatte ich mir Kairo nicht so zurückhaltend vorgestellt, so sanft. Ich habe mir die Stadt aggressiver vorgestellt, weil ich mir dachte: Vielleicht muss eine Stadt, die zwischen 16 und 20 Millionen Menschen zu verkraften hat, sich anders gebärden. Kairo kam mir auch völlig unprotzig vor im Vergleich zu anderen Großstädten, so dass mir der Gedanke kam: Hier geschieht das Meiste hinter verschlossenen Fensterläden, im Inneren der Pyramiden sozusagen, nicht im Äußeren. Die Stadt hatte eine sehr zurückhaltende Art, mir zu begegnen, ohne sich je irgendwie zu verkaufen.

Es gab Augenblicke, die mich sehr fasziniert haben, wie zum Beispiel die Taxifahrten. Einmal habe ich formuliert "Ich war ein Wohnzimmer lang unterwegs von a nach b" - Dieses Taxi war wirklich wie ein Wohnzimmer, in dem die ganze Familie mitgefahren ist, weil die Fotos der Kinder da hingen, der Frau, der Mutter. Es war ein Eingerichtetsein in dieser Arbeit, in diesem Sich-Bewegen in der Stadt.

Etwas irritierend war für mich anfangs die massive Polizeipräsenz in der Stadt; dann hat es mich auch wieder beruhigt. Was mich erstaunt hat: Ich sah sehr oft Polizisten, die im Koran lasen - und ich habe mich gefragt: Wäre das in Deutschland möglich? Ordnungshüter, die sich einfach zwischendurch auf einen Stuhl setzen und in der Bibel lesen? Das war eine Vorstellung, die mich fasziniert hat. Warum nicht? Zu erkennen, dass es eine andere Kraft gibt, die man nicht zu Hause lässt bei Beginn der Dienstzeit und danach wieder hervorholt…

Diese ständige Präsenz des Glaubens hat mich fasziniert hier in Kairo, das hätte ich nicht erwartet. - Oder dass der Muezzin, der fünfmal am Tag zum Gebet ruft, auch mich in ein eigenes Innehalten bringt. Dieses Memento, das darin steckt, das hat mich überrascht, und die Selbstverständlichkeit des Glaubens im Alltag. Ich habe das hier nie als radikal empfunden oder als bedrohlich, sondern als etwas Beruhigendes, Aufbauendes. Ich habe selbst oft gebetet; manchmal bin ich beim ersten Gebetsruf aufgewacht und habe dann gebetet oder habe an Freunde geschrieben, auf jeden Fall etwas sehr Bewusstes getan.

Sie waren auch in Alexandria - wie hat die Stadt auf Sie gewirkt? Das Aufeinandertreffen von Mythos und Realität hat ja schon so manchen literatur-interessierten Besucher ernüchtert…

In Alexandria wusste ich von vornherein, was ich sehen wollte - oder auch nicht: Ich wollte nicht das römische Theater sehen, diese römischen Theater sind für mich schrecklich, weil dort so viele Menschen umgekommen sind.

Ich wollte ins Fischerviertel gehen und ich wollte auf jeden Fall das Haus von Konstantin Kavafis besuchen. Ich habe mich sehr intensiv mit seinen Gedichten auseinandergesetzt - habe auch Gedichte ins von ihm ins Spanische übersetzt. Und in Alexandria wollte ich eintauchen in die letzten Jahre, wollte seine Wohnung besuchen. Natürlich weiß ich, dass die Möbelstücke nicht authentisch sind, aber dennoch war es, als ob der Dichter diese Wohnung gar nicht mehr verlassen hätte.

Bahary, das Fischerviertel, hat mich sehr fasziniert, so wie mich in Kairo die Stadt der Toten fasziniert hat. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich keine historischen Augenblicke gesucht habe, nicht das untergegangene Alexandria, sondern das heutige - und das war für mich sehr reizvoll. Der einzige historische Ort, der mich noch gereizt hätte - wenn man ihn denn besichtigen könnte -, wäre das Schlafzimmer der Kleopatra gewesen… Das hätte ich gerne gesehen, den Ort, an dem das römische Weltreich für ein paar Augenblicke in die Knie gezwungen wurde. Das hätte mich vielleicht inspiriert.
Dann saß ich stundenlang am Strand und habe ägyptische Musik gehört und war sehr erfüllt, nachdem ich Alexandria verlassen habe.

Allerdings reizt die Stadt mich nicht so sehr wie Kairo, denn ich glaube, in Kairo spielt sich die Zukunft ab. So wie sich die Zukunft in einer Stadt wie Manila oder Delhi oder Mexico City abspielt. Das war auch das, was ich erleben wollte - nicht so sehr ein ruhiges Urlaubsdomizil, auch wenn in Alexandria die Luft besser ist…

Ihre Eindrücke sind nachzulesen in Form eines Internettagebuchs - wie sind Sie mit dieser Form zurechtgekommen?

Ich habe jeden Tag geschrieben, es war ganz leicht, weil mich die Stadt herschrieb. Ich musste das wieder loswerden, was ich da jeden Tag gefühlt, erlebt und nachgedacht habe. Zwischen den Einträgen und dem Erlebten liegen in der Regel ein paar Stunden - aber dennoch ist alles sehr unmittelbar geschrieben. Das Geschriebene hat nicht diese natürliche Ruhe, die der Literatur sonst eignet, bevor sie publiziert wird. Das ist immer eine Gratwanderung. - Aber darin lag auch die Herausforderung: Sich nicht alles genau zu überlegen, sondern so unmittelbar wie möglich alles niederzuschreiben. Das ist der Reiz der ersten Begegnung. Was aus diesem Tagebuch wird, weiß ich noch nicht. Ob es als Buch veröffentlicht wird oder ob es Stoff sein wird für ein anderes Projekt, das kann ich heute noch gar nicht sagen. Ich habe auf jeden Fall vor, dieses Tagebuch in Deutschland weiterzuführen. Zweiundzwanzig Einträge gibt es aus der Zeit in Kairo - und genauso lange will ich in Deutschland weiterschreiben. - Was wirkt nach, was fühlt nach, was denkt sich nach, auch in der Zeit, in der ich vielleicht mit ganz anderen Dingen beschäftigt bin? - Das ist ein reizvolles Experiment.

Haben Sie während Ihres Aufenthaltes die Möglichkeit, sich mit ägyptischen Schriftstellern auszutauschen?

Ja, hier hat das Goethe-Institut hervorragende Arbeit geleistet. Es hat ein Rahmenprogramm zusammengestellt, mit Lesungen in Kairo und Alexandria und es war von vornherein geplant, dass ich Schriftsteller und Literaturkritiker kennen lerne. Was daraus dann entstehen würde, blieb natürlich uns überlassen, aber so habe ich Freundschaft geschlossen mit Girgis Shoukry, dessen Arbeiten ich sehr schätze. Wir haben uns jeden Tag getroffen, haben Gedanken ausgetauscht - es ging um Ionesco, Beckett, Lorca, um die Art und Weise, wie man heute überhaupt noch Literatur machen kann. Da ist eine Freundschaft entstanden, die bleiben wird. So wie ich hoffe, dass diese 12 Autorinnen und Autoren, die ausgewählt wurden für dieses Projekt zum Ehrengast-Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse, nicht stehen bleiben, sondern, dass sich da etwas entwickelt, dass da die persönlichen Netze, Fäden und Verbindungen gesponnen werden; vielleicht für künftige Projekte, für künftigen Dialog.

Wie waren die Reaktionen des Publikums bei den Lesungen?

Soweit ich das beurteilen kann, sehr positiv. Viele sind nach den Lesungen auf mich zugekommen, die sich mit dieser Art von Lyrik noch nie auseinandergesetzt hatten, die auch diese Art der Präsentation nicht gewohnt waren mit Lyrik, Musik und Gesang.

Teilweise gab es auch Unverständnis, weil möglicherweise das Projekt nicht richtig verstanden wurde. Es ging ja nicht um ein umfassendes Städtebild Kairo, sondern um meinen Aufenthalt in Kairo - eine ganz subjektive Sache also und die Tatsache, dass man da auch auf Widersprüche stößt, ist normal. Aber insge-samt ist das ägyptische Publikum ein sehr höfliches Publikum, ein zuhörendes Publikum - mit ein paar wunden Punkten, die ich auch verstehe, es geht uns in Deutschland ja auch nicht anders.

Der Dichter hat es da ja einfacher als der Prosaschriftsteller, weil das Geheimnis - wie Hilde Domin sagt - "zwischen Wort und Nichtwort ausgespannt" ist. Die Räume, die der eigenen Phantasie und der eigenen sprachschöpferischen Arbeit abverlangt werden, auch beim Zuhörer, sind größer, als wenn ich an der Hand genommen und durch eine Erzählung geführt werde. Ein Gedicht stellt viele Fragen und die Antwort entsteht beim Zuhören - oder beim Sagen, wenn der Dichter seine Worte vorträgt.

Ihre Texte wurden ja auch in arabischer Übersetzung vorgetragen - wie ist es für Sie, wenn Sie Ihre Texte auf Arabisch hören?

Ich komme vom Hören, ich höre die Farben, die Bewegung, die Augenblicke. Ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich meine Gedichte in den Kulturen der anderen Sprachen hören darf. Meine Gedichte sind mittlerweile in 18 oder 20 Sprachen übersetzt. Das Arabische, das ägyptische Arabisch war ein sehr schönes Erlebnis. Es klang viel weicher, als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich denke ich mir plötzlich: Das sind ja gar nicht mehr meine Texte, weil ich sie ja gar nicht mehr selbst verstehen kann. Aber das Gespräch anschließend zeigt, dass es eben doch meine Texte sind, die da transportiert wurden.

Werden Sie wiederkommen?

Ich habe mich regelrecht in Kairo, in Ägypten verliebt. Für mich war dieser Aufenthalt ein Fenster, das aufgemacht wurde und aus dem ich weiterhin hinaus-schauen will und in das ich auch weiterhin hineinschauen will. Ich werde mich, wenn ich wieder in Deutschland bin, mit der arabischen Sprache beschäftigen und ich werde mit Sicherheit wiederkommen. Das war für mich der Beginn einer wirklichen Beziehung.

Das Onlinetagebuch von José F.A. Oliver sowie Informationen zu "MIDAD" findet man unter www.goethe.de/midad

José F.A. Oliver: Alexandria, verinnert

den epilog vorüberheiten
im dichten ort. Die augen

saphirblau, ganz meerin. Eros
gegenwart: Kavafis

im aufgedeckten bett
die zerriebene geographie

der straßen. Er
traute sich die stille zu

die den baren versen folgt
und der versehrten lust. Dann

nahm er die frühen spiegel
von den worten und entwarf

die zeit. Licht-
opal, nachtjasmin

nachmittags. Im zimmer
die stadt vor seinem fenster

wie unbeirrt. Am rande
des begreifens

ein hautgedächtnis. So
lieh er sich den tod

ins alphabet und schrieb
"Halte fest, Erinnerung!"

und ging wie du.

   

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