Ehrengast der Frank-furter Buchmesse 2004: Die Arabische
Welt
von Michaela Grom
Bei der Frankfurter Buchmesse ist es Tradition, dass in jedem Jahr ein Länderschwerpunkt angeboten wird. Das eingeladene Land erhält so eine Möglichkeit, sein literarisches Leben zu präsentieren, es finden zahlreiche Lesungen und Diskussionen statt. In diesem Jahr ist es allerdings nicht ein Land, das hier eine Plattform finden soll, sondern eine ganze Region: Ehrengast 2004 in Frankfurt ist die arabische Welt! - Ein durchaus spannendes Experiment, das sich die Messeverantwortlichen da vorgenommen haben.
Werner Mark Linz, Leiter der "American University in Cairo Press", gibt im Gespräch mit Michaela Grom Auskunft über den bevorstehenden Gastlandauftritt, über geplante Projekte und aktuelle Befindlichkeiten.
Herr Linz, mit welchem Gefühl sehen Sie der diesjährigen Buchmesse entgegen?
Natürlich mit Optimismus, sonst wäre ich kein Verleger Aber im Ernst: Die Einladung zum Gastlandauftritt nach Frankfurt ist eine wunderbare Gelegenheit für die Verleger in der arabischen Welt, zu denen wir ja auch gehören - kurioserweise, denn die "American University in Cairo Press" ist der führende englischsprachige Verlag in der arabischen Welt. Natürlich bedeutet die Einladung nach Frankfurt auch eine große Herausforderung für die Organisatoren. Man muss sich vor Augen halten, dass es hier darum geht, einen riesigen Kulturraum von insgesamt 22 Ländern zusammenzubringen. Das ist alles andere als einfach. Aber es tut sich etwas. Auf der makrokulturellen Schiene wird die ALESCO (das arabische Pendant zur UNESCO) einige größere Veranstaltungen inszenieren; auf der professionellen Schiene, also bei Verlegern, Autoren und Journalisten, sind viele gute Ideen da und es gibt eine Menge vorzubereiten.
Wie stellt sich die arabische Verlagswelt derzeit dar?
Im Augenblick ist die gesamte Lage natürlich eher schwierig. Die arabische Welt fühlt sich bedrängt, in der Defensive. Man ist stolz auf die Vergangenheit und zugleich unsicher, was die Zukunft bringen wird. Ein Anlass wie die Buchmesse zeigt diese Befindlichkeit sehr deutlich, denn er bündelt die Positionen wie in einem Brennglas. Nehmen wir einmal die Diskussionen, die in den hiesigen Medien geführt werden: Von der Fragestellung "Sollen wir überhaupt teilnehmen?" über die Sorge sich zu blamieren bis zu einem vorsichtigen Optimismus ist da alles vertreten. Aber am Ende wird es was werden, die arabischen Verleger sind grundsätzlich sehr aufgeschlossen, es sind gute Leute, die auch etwas zu bieten haben.
Was erwarten Sie, was erhoffen Sie vom Gastlandauftritt in Frankfurt?
Ein wichtiger Impuls kann ausgehen von der Tatsache, dass die arabischen Verleger hier gemeinsam etwas auf die Beine stellen, dass Kontakte neu geknüpft oder intensiviert werden. Es wäre außerdem sehr schön und wünschenswert, wenn nach dieser Präsentation mehr Übersetzungen arabischer Literatur in westliche Sprachen initiiert würden. Ich könnte mir ein großes Übersetzungsprogramm vorstellen, das natürlich entsprechende Unterstützung braucht. Es gibt noch immer relativ wenige Leute, die aus dem Arabischen übersetzen. Diese zarte Pflänzchen einer übersetzerischen Tradition sollte gepflegt und herangezogen werden Für das gegenseitige Verständnis wäre das eine tolle Sache. Denn die Menschen in der arabischen Welt wissen genau, was los ist in Hollywood, Berlin oder Paris - aber ob man in Hollywood, Berlin oder Paris so gut Bescheid weiß über arabische Literatur, Kunst oder Film, das möchte ich mal bezweifeln.
Hat das Interesse an arabischer Gegenwartsliteratur in den letzten Jahren eher zu- oder abgenommen?
Es hat eindeutig zugenommen. Es gab vorübergehend ein sehr starkes Interesse, nachdem Nagib Machfus den Literaturnobelpreis bekommen hatte. Jetzt, in der Folge des 11. September 2001, interessiert man sich natürlich sehr für alles Arabische und das ist eine Gelegenheit, mehr aus diesem großen und vielschichtigen Kulturraum zu vermitteln. Da hat gerade die Literatur viel zu bieten, sie kann etwas vermitteln, was in Schlagzeilen und Schreckensmeldungen nicht vorkommt. Die arabische Welt vom Atlantik bis zum Golf ist faszinierend, sie bietet sehr unterschiedliche Lebenswelten, welche für westliche Leser zum Teil sicher fremdartig und eigentümlich sind. Die Erlebnisse in einer Großstadt wie Kairo unterscheiden sich grundlegend von denen in einem Dorf im Sudan. Und hier kann die Literatur Aufschluss geben jenseits der schrillen Bühne der Politik: Wie leben die Menschen, was bewegt sie, wie suchen sie ihr Glück? - Der Dialog auf der kulturellen Ebene ist sehr wichtig.
Welche Autoren stehen für Sie gerade im Mittelpunkt des Interesses? Eher die modernen Klassiker oder Autoren der jüngeren Generation?
Wissen Sie, es besteht ein solcher Nachholbedarf bezüglich arabischer Literatur, dass wir grundsätzlich von "Modern Arabic Writing" sprechen, ohne weitere Unterteilung. Unter dieser Bezeichnung findet man dann etablierte Namen wie Taha Hussein, Yusuf Idris oder Latifa al-Zayat, aber auch Autoren der jüngeren Generation wie Miral al-Tahawi, Salwa Bakr oder Ibrahim Abdel Meguid. Einige Autoren setzen sich mit traditionellen Lebenswelten auseinander, wie beispielsweise Miral al-Tahawi, die sich in einer sehr bildhaften Sprache unter anderem mit dem beduinischen Leben auseinandersetzt. Andere sind eher international in ihren Büchern: Bahaa Taher zum Beispiel, der in einem seiner Bücher das Exilerlebnis in Europa schildert. Oder Hoda Barakat, sie lebt heute in Paris und nimmt eine sehr interessante Perspektive ein.
Der bekannteste arabische Schriftsteller ist Nagib Machfus, der bei AUC Press verlegt wird - und Sie verwalten auch die Übersetzungsrechte
Ja, wir haben seine Bücher schon übersetzt und verlegt, bevor er den Literaturnobelpreis bekommen hat. Wir haben alle Rechte für die Bücher, die er früher geschrieben hat und noch schreiben wird in allen Sprachen außer Arabisch. Es gibt inzwischen weltweit 400 ausländische Ausgaben in 33 Sprachen - für einen Autor aus der arabischen Welt ist das ein großer Erfolg. Unser Schrank für Archivexemplare sieht sehr bunt und vielfältig aus mit all den Übersetzungen seiner Werke in die unterschiedlichsten Sprachen. Und es besteht weiterhin Interesse an weiteren Ausgaben.
Wie wird sich die AUC Press in Frankfurt beim Gastlandauftritt präsentieren? Was ist geplant?
Es ist ja gute Tradition in Frankfurt, Bücher aus dem und über das Gastland zusammenzubringen. Wir wollen natürlich das Werk von Nagib Machfus besonders herausstellen. Es könnte sehr schön sein, unsere Übersetzungen und die arabischen Originalausgaben nebeneinander zu zeigen. Wir können weiterhin interessante Titel beisteuern aus den Bereichen Geschichte, Anthropologie, Sozialwissenschaften, Ägyptologie, um nur einige zu nennen. Aber das hängt dann von den arabischen Inszenatoren ab, welche die Bücher auswählen.
Weiterhin haben wir den Eindruck, dass die Verleger, Autoren, Journalisten hier noch nicht gänzlich auf internationales Geschäft eingestellt sind. Wir haben also an der Universität angeboten, Workshops zu organisieren zu Themen wie "Internationales Lizenzgeschäft", "Co-Publishing" oder "Internationale Buchmessen". Meine Erfahrung ist, dass ein großes Interesse an solchen Workshops besteht. Wir haben in den letzten 20 Jahren immer wieder größere Seminare für Buchhändler angeboten, die immer sehr gut besucht waren.
Und vielleicht noch ein Nachtrag zu den Impulsen, die der Gastlandauftritt geben kann: Langfristig kommt es darauf an, zuverlässige Netzwerke der Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Verbindungen zwischen Verlegern, Autoren, Übersetzern, Lektoren könnten systematischer werden, bisher ist das alles eher zufällig. Weltweit gibt es genügend Leute, die sich für die arabische Kultur und Literatur interessieren. Da ist also ein großes Potential, das noch ausgeschöpft werden kann.
Zur Person:
Werner Mark Linz kann inzwischen auf eine über 40jährige Laufbahn als Verleger zurückblicken. Seine erste Frankfurter Buchmesse besuchte er als Tee-nager, im Jahr 1954. Anfang der 60er Jahre ging Linz nach New York und machte dort eine beachtliche Karriere. Nach einigen Jahren bei Herder & Herder und McGraw-Hill gründete er nacheinander die Verlage "Crossroad" und "Continuum". Schon in den 80er Jahren kam Mr. Linz dann regelmäßig nach Ägypten, um die American University in Cairo (AUC) beim Umbau ihres Verlages AUC Press zu beraten. Heute lebt er als Leiter von AUC Press in Kairo.