"Der Westen und die islamische Welt - Eine muslimische Position"

von Baraka Maatwk

Unter diesem Titel ist ein dreisprachiges Buch (dt./engl./arab.) erschienen, welches vom Institut für Auslandsbeziehungen, ifa, herausgegeben wurde. Das Buch ist Teil des Sonderprogramms 'Europäisch - islamischer Kulturdialog' des Auswärtigen Amtes im Rahmen des ifa - Forums 'Dialog und Verständigung' und geht zurück auf die Auftaktveranstaltung im Oktober 2002 auf Schloss Neuhardenberg bei Berlin.

Am Samstag, dem 9. Oktober 2004 fand im Goethe-Institut eine Vorstellung des Buches mit anschließender Podiumsdiskussion, statt. Auf dem Panel waren vertreten Herrn Dr. Jochen Hippler, Politikwissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen und Frau Dr. Hebba Raouf von der Cairo University. Die Moderation wurde von Herrn Dr. Yasser Nasr durchgeführt.

Wie der Titel des Buches bereits andeutet, geht es um eine muslimische Position.

Sechs Intellektuelle aus sechs verschiedenen islamischen Ländern wurden gebeten, in einer Bestandsaufnahme kritisch Stellung zu den westlich-muslimischen Beziehungen, zu nehmen. Mit dabei waren aus Ägypten die bekannte Schriftstellerin Salwa Bakr, aus den Palästinensischen Autonomiegebieten Prof. Basem Ez-bidi, aus Malaysia Dato' Mohamed Jawhar Hassan, Direktor des Instituts of Strategic and International Studies (ISIS), aus Sarajewo Prof. Fikret Karcic, aus Syrien Frau Prof. Hanan Kassab-Hassan und aus Pakistan der Journalist Mazhar Zaidi.

In neunmonatiger Zusammenarbeit wurden unter anderem die folgenden Themen behandelt:

· Das Erbe der Vergangenheit: Tradition der Konfrontation
· Verzerrte Bilder vom Islam und den Muslimen
· Wahrnehmungen und Stereotype über den Westen in der islamischen Welt
· Der Nahe Osten und die Palästinafrage
· Regierungsführung und Entwicklung in der muslimischen Welt
· Doppelte Standards in der westlichen Außenpolitik
· Der 11. September 2001, der internationale Terrorismus und die Kriege gegen Afghanistan und Irak
· Wohin gehen wir von hier aus?

Die Besonderheit dieses Projektes liegt darin, so Herr Dr. Hippler, die Begriffsbestimmung des Wortes "Dialog" sensibler als in der Vergangenheit zu handhaben.

Zum besseren Verständnis innerhalb eines Dialoges gehört zunächst einmal an erster Stelle das Zuhören. Voraussetzung dafür ist das Verstehen, dass auf beiden Seiten keine homogene Repräsentation vorhanden ist. Die Unterschiede in der islamischen Welt sind von Land zu Land recht groß, ebenso gibt es aber auch keine einheitliche westliche Welt. Sind es Subkulturen, wie die Neonazis, die Angriffe auf Ausländer in Deutschland durchgeführt haben, oder ist es Kardinal Ratzinger oder ist es auch er selbst, die Deutschland repräsentieren, wirft Hippler die Frage auf. Jedes Land hat viele Gesichter. Die Einteilung in 'den' Westen und in 'den' Islam wird der Vielfalt nicht gerecht.

An dieser Stelle bemängelte Prof. Hippler die Wortwahl 'westlich-islamischer' Dialog. Es sei unsinnig, einen geografischen Ort, nämlich Europa, mit einer Religion, dem Islam, zu vergleichen.

Der Dialog war in der Vergangenheit leider durch gegenseitige Heuchelei gekennzeichnet. Auf beiden Seiten wurde ein Lügengewebe gesponnen, welches einen Dialog unmöglich macht. So wurden die Begründungen für die amerikanischen Kriege im Nahen und Mittleren Osten von den islamischen Ländern als nicht glaubwürdig betrachtet. Anders herum jedoch wird ein Diktator wie Saddam Hussein, der eine Millionen Iraker umgebracht hat, entschuldigt, nur weil er gegen die Amerikaner eingestellt ist.

In einem Dialog sei es wichtig, sich nicht gegenseitig anzuklagen - viel wichtiger wäre es, über eigene Fehler ehrlich nachzudenken. Es geht darum, kritische Fragen in beide Richtungen zu stellen. Wie z.B. ist es möglich, dass so viele islamische Diktatoren an die Macht kommen können? Wichtig ist dann aber auch die Frage, was der Westen dazu beigetragen hat. Solch eine Fragenstellung zeigt auf, wie notwendig es ist, die eigene Identität in Frage zu stellen. Der Mut zur Selbstreflektion und der Mut, sich selbst eventuell zu verändern, müssen vorhanden sein. Ein Dialog sei schwer, wenn die Machtverhältnisse ungleich verteilt sind. Der Stärkere fühlt sich automatisch im Recht, während der Schwächere sich in einer ständigen Verteidigungsposition wiederfindet. In diesem Zusammenhang bezweifelte Hippler die Ernsthaftigkeit des Dialogs.

Damit stelle sich die Frage, wer überhaupt in einen Dialog treten sollte.

Nach Herrn Dr. Hippler sollten nicht unbedingt nur Politiker und Minister miteinander reden, sondern die Menschen untereinander aus den verschiedenen Ländern sollten in Kontakt treten. Von Mensch zu Mensch ergibt sich eine ganz andere Begegnungsmöglichkeit, als zwischen Politikern, die ihrer Pflicht zur Repräsentation nachkommen müssen. Die kulturelle Funktion des Dialogs ist hier wichtig für die Politik. In dem Moment wo der Andere als Mensch wahrgenommen wird, wird es den Politikern schwieriger gemacht Kriege durchzusetzen. Es können ja nur dort Kriege geführt werden, wo die anderen Menschen, die man töten möchte, nicht als Menschen angesehen werden, sondern quasi entmenschlicht, zu Tieren heruntergemacht werden. In Bezug auf Gewalt haben alle Menschen Angst. Im Westen ist die Angst unverhältnismäßig hoch, denn die Menschen dort sind viel weniger häufig Opfer als die Menschen im Osten. Ein nächster Schritt im Projekt wäre die Frage, wie gehen Gesellschaften mit Gewalt um? Der Westen mit seiner Vergangenheit kann nicht behaupten, dass Gewalt eine typisch orientalische Eigenschaft sei.

Dr. Hippler wollte aber auch vor einer Überbewertung des Dialogs warnen.

Die eigentliche Problematik liege auf wirtschaftlicher und politischer Ebene und solange die Macht so ungleich verteilt sei, wird ein kultureller Dialog in die Ecke gedrängt. Angesichts der schweren Auseinandersetzungen im Krieg gegen den Irak würde die Kultur weiter abgedrängt werden. Dies scheint Hippler nicht als Widerspruch zu seinen oben genannten Worten zu sehen, sondern eher als Grenzziehung zu betrachten. In dem Moment, in dem es zu einer Grenzüberschreitung kommt, so wie beispielsweise der Irakkrieg gegen das Völkerrecht durchgesetzt wurde, da kommt zwangsläufig auch der Dialog an seine Grenzen.

Nach der Rede von Herrn Dr. Hippler kam Frau Dr. Hebba Raouf von der Cairo University zu Wort. Sie war der Überzeugung, dass Dialog sich auf sechs ver-schiedenen Ebenen abspielt, von denen einige kritisch überdacht werden müssten.

Zunächst wäre da die sprachliche Ebene. Selbst bei einer einheitlich gewählten Sprache kann es Schwierigkeiten in der Verständigung geben. Jede Sprache hat ihre Geschichte und spiegelt die gesamte Kultur des Landes und des Volkes wie-der. Feine Nuancen in der Redewendung können ein ganz anderes Bild entstehen lassen. Und Bilder seien eine zweite Ebene des Dialoges, die visuelle Ebene. Körpersprache spiele hierbei eine große Rolle. Der Körper kann Aussagen machen, kann zum Demonstrieren verwendet werden, wie z.B. der Punk in Deutschland eine Aussage gegen seine eigene Kultur macht. Ein Teil des zurzeit stattfindenden Dialoges spielt sich im Fernsehen ab: Bilder bewegen Gefühle. Das Bild des klei-nen Mohamed, der von den Israelis in den Armen seines Vaters erschossen wurde, hat weltweit Fragen aufgeworfen. Weiterhin ist es inzwischen wohlbekannt, dass die vielen Gewaltszenen im Fernsehen die Hemmschwelle, selbst gewalttätig zu werden, heruntersetzen. Hier stimmt Dr. Raouf mit Dr. Hippler überein, dass an solchen Punkten ein Kultur-Dialog seine Grenzen erreicht hat. In diesem Zusammenhang hat sie kritisiert, dass in der Buchveröffentlichung das Internet keinen Platz als Mittel zum Dialog erhalten hat.

Im gleichen Kontext wie Dr. Hippler stellt Dr. Raouf den Dialog in Frage, wenn es um die ideologische Dimension geht. Politik und Wirtschaft stehen an erster Stelle der Problementstehung. Weiterhin steht nämlich die Frage nach Stimmrecht und Vollmacht im Raum. Auf Konferenzen, in denen es zum Dialog kommen sollte, werden teilweise Länder repräsentiert, aber nicht vertreten, d.h. sie sind zwar anwesend, aber haben kein Stimmrecht. So bliebe ein Dialog fragwürdig.

Zu Wort kamen dann Stimmen aus dem Publikum, welches bunt gemischt an Alter und zahlenmäßig weit über den Umfang des Raumes hinaus schätzungsweise bei 150 Leuten lag.

Festgestellt wurde unter anderem, dass eine Problematik für Ägypten darin liegt, dass keine Zivilgesellschaft vorhanden ist in dem Sinne, dass die Menschen vorbereitet und angelernt würden, in einen Dialog zu treten. Der Großteil der Bevölkerung wäre damit überfordert, während es doch eigentlich Aufgabe von Diplomaten wäre. Ein Kritikpunkt wurde gegen Hippler vorgebracht. Dialog wäre zum Kennenlernen da und um Missverständnisse beiseite zu schaffen. So begegnet den Muslimen immer wieder die europäische Vorstellung, dass eine verschleierte Frau auf jeden Fall von ihrem Mann zum Tragen des Kopftuches gezwungen worden sein muss. Da gilt es Klischeebilder abzubauen. Aber ansonsten sollte jeder seinen Standpunkt behalten können und es müsste nicht unbedingt zu einer Veränderung auf beiden Seiten kommen, da man nebeneinander bestehen könnte. Dies fand Hippler sehr passend formuliert und erläuterte seine Aussage, dass nicht die Veränderung des Anderen das Ziel sei, sondern das Reflektieren des Eigenen. In dem Moment, in dem ein Reflektieren möglich ist, können sich ganz automatisch Veränderungen ergeben und sind dann eine gute Sache.

Eine andere Stimme aus dem Publikum erinnerte an zwei große Männer. Averroes/Ibn Rushd und Aristoteles, die beide Dialog miteinander führten und somit ein gutes Modell geliefert hätten.

Eine weitere Stimme behauptete, dass an vielen 'Krankheiten' "der Westen" schuld sei. Dr. Hippler wollte dies nicht total verneinen, aber gab den Rat, diese Meinung nicht als Entschuldigung zu voreilig zu benutzen. So sei Saddam Hussein zwar mit westlichen Mitteln unterstützt worden, doch hätte er ohne das irakische Volk erst gar nicht hochkommen können.

Die Diskussion hätte gut noch weitergehen können, so groß war das Interesse, jedoch war die Zeit abgelaufen. Mit Sicherheit sind die Anwesenden sowohl vor wie auch hinter dem Rednerpult, mit vielen Anregungen nach Hause gegangen. Es bleibt zu hoffen, dass sich in den folgenden Tagen und Wochen an allen möglichen und unmöglichen Orten und Stellen Menschen zum Dialog zusammenfinden. Trotz aller offenen Fragen sollte der Dialog als Mittel zum Versuch einer Veränderung praktiziert werden.

Unter diesem Aspekt betrachtet, dürfte es interessant werden, welche Ergebnisse die Arabientage im Bundestag erzielen werden. Denn zum ersten Mal in der Bundestagsgeschichte treffen sich Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum Dialog im Bundestag. Ziel dieser Veranstaltung, die vom 1. - 3. Dezember 2004 läuft, ist es, der arabischen Welt als einem gleichgestelltem Partner zu begegnen. Es sollen erste Kontakte zwischen Vertretern aus diesen Bereichen entstehen, um weitere Zusammenarbeit zu fördern. PAPYRUS wird darüber berichten.

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