Weibliche Perspektiven - Zum Thema Frauen auf der Frankfurter Buchmesse
von Petra Post
Was haben wir über Frauen aus der arabischen Welt erfahren, nachdem der Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ihre Heimat zum Thema hatte? Wurden unsere (Vor)urteile bestätigt? Sind sie wirklich unterwürfig, ungebildet, Menschen zweiter Klasse, wie uns viele Veröffentlichungen suggerieren? Aus der erschlagenden Fülle des Angebots sollen hier sechs Veranstaltungen bzw. Ausstellungen diesen Fragen nachgehen.
Zunächst zu einer Diskussionsrunde, die auf der Messe selbst - im sog. "Arabischen Pavillon" (Forum) - stattfand unter dem Titel: "Frauenliteratur in der Arabischen Welt". Die Teilnehmerinnen kamen aus dem Libanon (Yumna al-Eid und Ilham Kallab), Ägypten (Hoda Wasfi und Radwa Aschour), dem Jemen (Nabilah al-Zubair), Saudi-Arabien (Suad Abdelaziz al-Mania) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (Maysoon Saqr al-Quassimi). Deutschland war mit der Arabistin Barbara Winckler vertreten. Schreiben, so erfuhren wir, handelt von der (Selbst)Befreiung der Frau, wird als Versuch der Selbstbehauptung und als "Fenster der Freiheit" begriffen. Texte von Frauen sind heute facettenreich in Inhalt und Form. Auch in der Arabischen Welt werde heftig über die klassische, auch im Westen kontroverse Frage diskutiert, inwieweit die Literatur von Frauen sich von der der Männer unterscheidet. Interessanterweise vertreten laut al-Mania vor allem Männer die These, dass Frauen aufgrund ihrer biologischen Natur zwangsläufig anders schreiben. Zur Rezeption arabischer Literatur von Frauen in Deutschland räumte Barbara Winckler ein, dass die Unterdrückung von Frauen in der arabischen Welt ein beliebtes Thema sei, bedingt durch ein voyeuristisches Interesse, und dass der Text mehr als Abbild der Realität denn als Kunstwerk gesehen wird.
Ebenfalls auf dem Messegelände fand eine Lesung der algerischen Schriftstellerin und Friedenspreisträgerin Assia Djebar statt, die als größte Gegenwartsautorin des Maghreb gefeiert wird, als Kämpferin für die Meinungsfreiheit der islamischen Frau sowie gegen religiösen Fanatismus. In ihren Romanen behandelt sie das Thema "Frau im Wandel der Gesellschaft". In der anschließenden Diskussion verteidigte sie souverän ihre Entscheidung, auf Französisch zu schreiben.
Des weiteren präsentierte uns ein Abend im Literaturhaus drei AutorInnen: Elias Farkouh aus Amman in Jordanien, Tahar Bekri, ein Lyriker tunesischer Herkunft, der seit 30 Jahren in Paris lebt, und die in Beirut geborene, seit 1975 in London lebende Hanan al-Scheich (auch: al-Shaykh), Ehrengast der Arabischen Liga, deren neuster Roman "Zwei Frauen am Meer" als Auftragswerk des Mare-Verlags zunächst auf Deutsch und dann erst auf Arabisch erschien. Hanan al-Scheich gilt als Virtuosin der Erzählperspektiven und des weiblichen Blicks, die gekonnt die Gewalt, Verlogenheit und Ungerechtigkeit einer patriarchalischen Welt enthüllt.
Ebenfalls im Literaturhaus lasen zwei Stadtschreiberinnen, die Frankfurter Lyrikerin Silke Scheuermann und die in Paris lebende libanesische Autorin Rasha al-Ameer, aus ihren Tagebüchern über ihre Erfahrungen in einer fremden Stadt (Papyrus berichtete in einer früheren Ausgabe bereits über das Literaturforum Midad). Silke Scheuermann lebte im Mai/Juni 2004 einen Monat lang in Beirut, während sich Rasha al-Ameer in Frankfurt aufhielt. Die Libanesin empfand Frankfurt als klein und leer ("keine Spur von Leben"); Silke Scheuermann hingegen machten die Unruhen im Süden von Beirut Angst und sie empfand die das Hotel belagernden Taxifahrer als nervig. Während die junge Deutsche in den Genuss der legendären arabischen Gastfreundschaft kam und sich vor Empfängen kaum retten konnte, wollte man in Frankfurt ihrer Kollegin Zeit zum Eingewöhnen und zur Reflexion geben, was diese nicht nur als positiv empfand. - Kulturelle Unterschiede, mit denen beide während ihres Aufenthalts konfrontiert wurden. Von Silke Scheuermann wird im Februar bei Schöffling der erste Prosaband erscheinen; die sechs Romane von Rasha al-Ameer liegen leider bisher nur auf Arabisch bzw. Französisch vor.
Die Veranstaltung im Museum der Weltkulturen stand unter dem Motto: "Weibliche Kreativität". Über "Scheherazades Schwestern - Künstlerinnen und Schriftstellerinnen in der arabischen Welt" diskutierten Ratiba al-Hafni, Opernsängerin, Beraterin der Kairoer Oper, Professorin der Akademie der Künste und Leiterin der Musikhochschule Kairo, die libanesische Schriftstellerin Hanan al-Scheich, Asaad Arabi, bildender Künstler und Professor für islamische und arabische Kunst, sowie Ibrahim al-'Aris, Filmkritiker aus dem Libanon. Die Moderation hatte Hoda Wasfi, Professorin für Literatur, Theater- und Literaturkritikerin und Leiterin des Nationaltheaters in Kairo, ebenfalls aus Ägypten. Es folgte ein allgemeines Loblied auf kreative Frauen; 'al-Aris zufolge waren es vor allem Sängerinnen (man denke an Um Kulthum) und Schauspielerinnen - mutige Frauen, die sich in einer Männerwelt behaupteten -, die die Gesellschaft nachhaltig veränderten und für den Sprung in die Moderne verantwortlich waren. Dank dieser Vorreiterinnen seien Frauen inzwischen in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen vertreten. Die These, dass es immer mehr Frauen in Führungspositionen gebe, belegten die beiden anwesenden Ägypterinnen Wasfi und al-Hafni, beides arrivierte, in kulturellen bzw. akademischen Einrichtungen tätige Frauen. Asaad Arabi betonte, dass in der bildenden Kunst Frauen heute weit einflussreicher und innovativer seien als Männer. Einzig Hanan al-Scheich wies auch auf den Kampf und die Mühe hin, die sie das Aufbegehren als junges Mädchen gekostet hatte. Insgesamt ein spannender Abend, nicht zuletzt, da Ibrahim al-'Aris in Anwesenheit der diplomatischen Vertreter Ägyptens und der von der Arabischen Liga nach Frankfurt entsandten Kulturvertreter kein Blatt vor den Mund nahm und der Meinung widersprach, dass heute alles zum Besten stünde.
Noch bis zum 14. November wird anlässlich der Buchmesse im "Fotografie Forum international" die Ausstellung: "Women by Women: 8 Fotografinnen aus der Arabischen Welt" gezeigt. Blicke, die Frauen auf Frauen richten, sollen der Betrachterin den Reichtum an femininer Kreativität demonstrieren, der im Gegensatz zu den verbreiteten Vorurteilen gegenüber Frauen steht. Die Ausstellung zeigt verschiedene Bereiche der Fotografie, vom dokumentarischen und journalistischen Spektrum bis hin zur künstlerischen Fotografie, von Künstlerinnen, die aus unterschiedlichen Regionen der arabischen Welt kommen. Rana al-Nemr lebt in der Megametropole Kairo; für sie stehen die Frauen in der Metro im Vordergrund (siehe Foto links): "Ich glaube, dass der Einfluss der Metro auf das Leben dieser Menschen, wie es in den Fotografien zum Ausdruck kommt, ein Indikator dafür ist, welch großen Problemen - ökonomischen Schwierigkeiten, politischer Unterdrückung und den schnellen globalen sozialen Veränderungen - das Land gegenübersteht." Eindrucksvoll auch die Arbeiten der algerischen Pressefotografin Zorah Bensemra, die sowohl politische Ereignisse als auch das alltägliche Leben von Frauen einfängt (siehe Fotos vorige Seite). Reem al-Faisal, Fotografin und Journalistin, beschäftigt sich in ihren Fotos mit den Pilgern in Mekka, während Rula Halawani, eine in Jerusalem lebende Palästinenserin, Aufnahmen von Tagesereignissen digital verarbeitet und somit der Betrachterin eine neue Sichtweise ermöglicht. Des weiteren sind zu sehen: Zineb Sedira, algerisch-französischer Herkunft, die im Spannungsfeld zwischen Multikultur und tradierten Werten arbeitet, die in Ägypten geborene, inzwischen in Nikosia und Paris lebende Jihan Ammar, die eine Dokumentararbeit über Hochzeiten vorstellt, Lara Baladi, die ebenfalls in Kairo lebt und humorvoll die verschiedenen Trugbilder von Weiblichkeit und Verführung zur Schau stellt, und last but not least die in London lebende Jananne al-Ani, die in ihren Fotos den Bruch mit ihrer irakisch-irischen Herkunft verarbeitet.
Resümee: Erwartungsgemäß trugen die geladenen bzw. erschienenen Frauen aus der arabischen Welt dazu bei, das gängige Bild von arabischen Frauen zu überdenken, wenn nicht gar zu revidieren bzw. Vorbehalte auszuräumen. Sei es, dass sie sich in ihrem Heimatland eine gesellschaftlich anerkannte Position erkämpft haben oder erst in der Emigration ihre Talente entfalten konnten - sie alle überzeugten durch Intelligenz und Selbstbewusstsein.
Lesetipps:
Assia Djebar: Oran - Algerische Nacht. Aus dem Französischen von Beate
Thill. Unionsverlag, 2001
Frau ohne Begräbnis. Aus dem Französischen von Beate Thill, Unionsverlag,
2003
Hanan al-Scheich: Sahras Geschichte. Aus dem Arabischen von Veronica Theis.
Lenos Pocket, Erstauflage 1989
Hanan al-Scheich: Zwei Frauen am Meer. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich.
Mare, 2002
Silke Scheuermann: Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen. Gedichte,
Edition Suhrkamp, 2001