Samiha - Die Lebensgeschichte einer Frau

von al

Samiha, oder Om Mohamed, ist die Putzfrau meiner Schwiegereltern. Sie kommt seit vielen Jahren zweimal die Woche zu ihnen zum Saubermachen. Dafür nimmt sie den langen Anfahrtsweg von Dar El Salam nach Mohandesseen in Kauf: Erst ein ganzes Stück zu Fuß, dann mit zwei verschiedenen Minibussen und dann wieder zu Fuß. Meist braucht sie für diese Strecke mehr als anderthalb Stunden. Damit nicht genug, meist kommt sie schwer beladen hier an, da sie für meine Schwiegermutter Gemüse aus Dar El Salam mitbringt, das dort billiger ist als in Mohandesseen. Zerrissene Kleidung nimmt sie dann im Gegenzug wieder mit in ihren Stadtteil, da es dort noch Kunststopfer gibt, die für wenige Pfund so fein stopfen, dass man den Riss nie wieder entdeckt. Meine Schwiegermutter sagt mir oft, dass ihr Leben ohne Samiha sehr schwierig sein würde.

Samiha ist eine Frau voller Lebensfreude, immer ein Lachen auf den Lippen, immer freundlich. Sie singt und tanzt den ganzen Tag bei ihrer Arbeit, die sie immer mit einer Leichtigkeit erledigt, die ich bewundernswert finde. Sie wird von der Familie liebevoll "Bulldozer" genannt, weil sie so unglaublich stark ist.

Ich habe mir immer gewünscht, dass mein Arabisch besser wäre, um mit Samiha über ihr Leben, ihre Kinder und ihre Wünsche für die Zukunft sprechen zu kön-nen. Sie wird zwar von meiner Familie als dazugehörig empfunden, und Samiha erzählt meiner Schwiegermutter auch von ihren kleinen Nöten und Sorgen, aber es herrscht doch ein Klassenunterschied, der besonders von meiner Schwiegermutter betont wird. Von daher sind meine Fragen bisher immer unbeantwortet geblieben.

Als sich nun die Gelegenheit bot, über Samihas Leben zu berichten, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe genommen und mit Hilfe meiner Schwiegermutter die Geschichte Samihas zusammengetragen:

Samiha wurde vor 51 Jahren in einem Dorf außerhalb von Kairo geboren. Ihr alter Vater hatte eine sehr junge Frau geheiratet, die ihm viele Kinder gebar, von denen aber nur Samiha und ein jüngeren Bruder überlebten. Sie lebten vom Ertrag des kleinen Gartens, der ihre bescheidene Hütte umgab. Der Vater verdingte sich als Tagelöhner und die Mutter verkaufte, was der Acker so hergab.

Samiha ist nie zur Schule gegangen und als sie 10 Jahre alt war, starb der Vater. Seitdem hat sie auf den Feldern anderer Leute für 5 Piaster am Tag gearbeitet. Ihre Mutter hat nie wieder geheiratet und war gezwungen, neben Samiha auf den Feldern zu arbeiten, um sich und die Kinder über die Runden zu bringen. Der kleine Bruder war damals 6 Jahre alt.

Als Samiha 14 Jahre alt war, wurde sie mit einem älteren Mann verheiratet, der in Giza lebte, also in der Stadt. Samiha zog zu ihm - nur um festzustellen, dass er schon verheiratet war und eine Menge Kinder hatte. Sie lebten in einer kleinen Wohnung mit zwei Zimmern. Die Ehefrauen schliefen im Bett, jede auf einer Seite des Mannes, die Kinder auf dem Fußboden. Da Samiha sehr jung war und die erste Ehefrau ältere Rechte hatte, musste Samiha diese bedienen und alle anfallenden Arbeiten erledigen.

Samiha wurde schnell schwanger und als sie im 7. Monat der Schwangerschaft war, konnte sie ihr Leben innerhalb dieser Familienkonstellation nicht mehr aushalten und verließ den Mann. Da sie keinerlei Ansprüche an ihn stellte und nichts mitnahm als die Kleider am eigenen Leib, willigte ihr Mann in die Scheidung ein.

Anstatt zurück zu ihrer Mutter aufs Land zu gehen blieb Samiha in der Stadt. Sie lebte auf der Strasse, schlief neben der Treppe eines Hauses und verkaufte Limonen. Damals war sie fast 15 Jahre alt und hochschwanger. Der Besitzer des Hauses wurde auf sie aufmerksam und bot ihr an, in einem kleinen Raum hinter der Treppe zu wohnen, dafür sollte sie dann als Bawab fungieren. Sie willigte natürlich ein und holte, als ihr eigenes Kind, ein Junge, geboren wurde, ihre Mutter und ihren Bruder zu sich in ihre kleine Kammer hinter der Treppe. Ihre Mutter kümmerte sich um Samihas Kind und Samiha fing an, in Haushalten zu putzen.

Nach etwa zwei Jahren stellte ihr der Besitzer des Hauses einen heiratswilligen Mann vor, einen Maler, den Samiha dann auch heiratete. Sie lebten zuerst in einem kleinen Raum zusammen, später mieteten sie dann zwei Räume in Dar El Salam. Um mieten zu können, mussten erst einmal 500 Pfund Anzahlung geleistet werden. Dieses Geld kam nicht etwa von Samihas Mann, nein, Samiha verkaufte ihren Goldschmuck. Das Geld hierfür hatte sie sich irgendwie in früheren Jahren vom Munde abgespart.

Die nächsten vielen Jahre vergingen ohne viel Freude und Liebe in der Beziehung. Samihas Mann unterstützte sie nicht; anstatt ihr Geld zu geben für die Fa-milie, gab er seinen verdienten Lohn lieber in Kaffeehäusern aus. Samiha gebar ihm 12 Kinder, von denen 6 im Alter von 3 Monaten bis 6 Jahren an unterschiedliche Krankheiten starben. Ihre Mutter blieb bei ihr und half, bis sie in relativ jungen Jahren starb. Der Bruder war inzwischen wieder zu der kleinen Parzelle auf dem Land zurückgekehrt. Samiha verdiente das Geld für ihre Familie als Putzfrau in verschiedenen Familien.

Vor etwa 10 Jahren hat Samiha dann ihren Mann hinausgeworfen und lebt seitdem alleine mit ihren 6 Kindern. Ihr Mann hat niemals in eine Scheidung eingewilligt, aber seit ungefähr 7 Jahren kommt er nur noch sporadisch vorbei. Um die Kinder hat er sich nie gekümmert.

Samiha hat dafür gesorgt, dass alle ihre Kinder zur Schule gingen. Bis auf eine Tochter haben alle die Schule beendet und zwei von ihren Kindern haben eine weiterführende Schule besucht. Für jedes Kind hat Samiha Geld zurückgelegt für die Hochzeit. Sie hat es sogar geschafft, sich einen gewissen Wohlstand zu erarbeiten mit Waschmaschine, Kühlschrank, einem Fernseher und eigenem Telefonanschluss. Ein Privatleben innerhalb der Wohnung gibt es allerdings nicht; Mutter und Kinder teilen sich zwei Zimmer.

Ein großes Problem ist die Lage der Wohnung unterhalb des Straßenniveaus. Die Wohnung stand schon mehrmals unter Wasser, wenn irgendwelche Wasser-leitungen in der Umgebung undicht waren. Samiha hätte gerne eine andere Wohnung, aber die Vorauszahlung für Mietwohnungen in Dar El Salam überstei-gen bei weitem ihr Budget; es sollen mindestens 5000 Pfund sein.

Inzwischen sind sowohl der Sohn aus erster wie der Sohn aus zweiter Ehe verheiratet. Sie leben mit ihren Frauen in der Nachbarschaft. Samihas größte Sorge ist jetzt, alle ihre Mädchen gut zu verheiraten. Immerhin hast sie fünf davon. Ihre zweitälteste Tochter, Huweida, war schon einmal im Alter von 17 Jahren verheiratet worden, aber auch hier stellte sich heraus, dass der Mann schon eine Ehefrau hatte und Huweida kam zurück zu ihrer Mutter. Es dauerte über 3 Jahre, bis eine Scheidung erreicht war und in dieser Zeit hat Samiha sich verändert. Sie ist müde geworden, die Liebe. Die Sorgen um ihre Kinder sind nicht kleiner geworden, seit diese erwachsen werden. Als wir sie neulich einmal auf ihre bedrückte Stimmung ansprachen, erzählte Samiha zum ersten Mal, dass sie arbeitet, seit sie 10 Jahre alt ist und sie gab zu, erschöpft zu sein.

Die schon einmal verheiratete Tochter hat inzwischen wieder geheiratet, und eine andere Tochter ist verlobt. Diese Tatsachen alleine haben geholfen, Sami-has Laune zu bessern und sie singt wieder bei der Arbeit, aber es sind ja noch immer drei Töchter unter die Haube zu bringen, bevor Samiha sich selbst etwas Ruhe gönnen kann. Die älteste Tochter hat mit 26 Jahren immer noch keinen Mann und die beiden jüngsten Töchter gehen noch zur Schule. Zwei der Mädchen arbeiten und verdienen etwas Geld, aber die Kinder müssen bei Samiha nichts zuhause abgeben, sondern kaufen von dem Geld einen Teil ihrer Aussteuer.
Alle Kinder möchten in der Stadt bleiben, keines kann sich vorstellen, auf dem Land zu leben, obwohl die ganze Familie oft in Samihas Dorf zu Besuch ist. Dort sei es langweilig, wird gesagt.

Wenn man Samiha fragt, was sie sich für die Zukunft wünscht, so lautet ihre bescheidene Antwort immer: Männer für meine Töchter. Was danach kommt, liegt in Gottes Hand. Ich habe mich schon oft gefragt, wie eine Frau ein derart schweres Schicksal mit so viel Gleichmut und innerer Zufriedenheit hinnehmen kann und ich glaube, der Schlüssel liegt in dem starken Glauben, dass alles, was passiert, gottgewollt ist. Samihas Glaube hat ihr in all den Jahren geholfen, ihr Schicksal anzunehmen.

Ich bewundere diese Frau aufrichtig und ich wünsche ihr, dass sie noch viele Jahre in wohlverdientem Frieden leben wird. Ich hoffe, dass wir weiterhin die Ehre haben werden, ein Teil ihres Lebens zu sein.

al

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