Lesefest mit Tücken - die Frankfurter Buchmesse und ihr diesjähriger Ehrengast
von Michaela Grom
Seit ihrer Gründung vor 55 Jahren hat sich die Frankfurter Buchmesse zum weltweit größten Marktplatz der Bücher und Ideen entwickelt. Zum Kerngeschäft gehört natürlich der internationale Lizenzhandel, aber der spielt sich unter Fachleuten und Insidern ab und würde der Messe nicht diese publikumswirksame Strahlkraft verschaffen, die sämtliche Medien allerspätestens eine Woche vor Messebeginn nach Frankfurt blicken lässt. Es sind die Schwerpunktaktionen und Ehrengastauftritte, die Publikumswirkung und Diskussionen garantieren.
Für dieses Jahr hatte die Messe unter ihrem noch amtierenden Direktor Volker Neumann einen Schwerpunkt vorgesehen, der nicht wie sonst üblich ein Land präsentieren sollte, sondern eine ganze Region: Als Ehrengast eingeladen war die Arabische Welt. - Eine Einladung, die im Vorfeld für Debatten und eine gehörige Portion Skepsis sorgte. Im deutschen Feuilleton, aber noch viel mehr in zahlreichen arabischen Zeitungen und Zeitschriften wurde die Frage laut: Kann das überhaupt gehen? Wie sollen sich 22 Länder gemeinsam präsentieren, die zwar eine gemeinsame Hochsprache haben, aber ansonsten mit sehr unterschiedlichen kulturellen Voraussetzungen antreten?
Einige arabische Kommentatoren stellten überdies - im Lichte der Nachrichten über den Irakkrieg - die Frage: "Sollen und wollen wir überhaupt dorthin, in "den Westen"? Wird das Ganze nicht eine Pseudo-Toleranz-Veranstaltung?"
Aber es gab auch unbeirrt positive Stimmen. Hier ist unter anderen Ibrahim al-Mo´allem zu nennen, der Präsident des arabischen Verlegerverbandes, der in zahlreichen klugen und humorvollen Redebeiträgen und Interviews im Vorfeld der Buchmesse immer wieder bekräftigte, wie wichtig es sei, dass die arabische Buchwelt einmal zeigt, was sie zu bieten hat und der dem Messe-Auftritt auch zu Zeiten noch schwankender Finanzierung mit unerschütterlichem Optimismus entgegensah.
Dieser Optimismus war durchaus begründet: Das Angebot an Veranstaltungen in Frankfurt war reichlich; viele bekannte (und auch noch zu entdeckende) Autorinnen und Autoren waren gekommen, um zu diskutieren und aus ihren Werken zu lesen.
Aus Ägypten waren unter anderen Salwa Bakr, Ibrahim Abdul Meguid, Miral al-Tahawi und Gamal el-Ghitani mit dabei. Ibrahim Ferghali, der Stadtschreiber des "midad"-Projekts, kam direkt im Anschluss an seinen vierwöchigen Stuttgart-Aufenthalt zur Buchmesse. Zahlreiche Begleitveranstaltungen und Konzerte namhafter Künstler im Frankfurter Literaturhaus und im Museum der Weltkulturen rundeten das Programm ab.
Die Anlaufpunkte für Arabieninteressierte waren großräumig übers Messeareal verteilt: Die Arabische Liga präsentierte sich im so genannten "Forum" und auf dem Freigelände mit einer umfangreichen Bücherschau, mit Diskussionen und Lesungen. Im Internationalen Zentrum der Halle 5, das die Messe gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt organisierte, gab es ebenfalls zahlreiche Diskussionsrunden. Außerdem präsentierten sich hier die Organisationen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, z.B. DAAD, Goethe-Institut oder das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Der Gemeinschaftsstand der arabischen Verlage war in Halle 6 zu finden und der Stand zum "Deutsch-arabischen Kulturaustausch" zwischen den deutschsprachigen Verlagen in Halle 3. Auch wer das Messeareal nicht kennt, kann aus dieser Aufzählung erkennen: Wer an Arabischem interessiert war, musste zeitlich recht flexibel sein und in kurzer Zeit zum Teil recht lange Wege zurücklegen.
Vielleicht war es diesem Umstand zuzuschreiben, dass so manche interessante Diskussion im Internationalen Zentrum mit nur wenigen Zuhörern auskommen musste. An den Themen kann es nicht gelegen haben; die waren vielfältig und trugen der öffentlichen Diskussion Rechnung, so ging es etwa um "Zensur in der arabischen Welt", um "Grenzen der Sprache" oder auch um das "Modernisierungspotential der arabischen Länder. - Vielleicht wäre ein zentralerer Veranstaltungsort hier von Vorteil gewesen, um mehr Publikum anzulocken.
Inwieweit ein solcher Messeschwerpunkt nachhaltig wirkt, d.h. wie sehr er das Interesse an arabischer Literatur dauerhaft anregt, so dass mehr Übersetzungen gefragt sind und die Verlage vielleicht auch etwas mutiger werden, das kann nur eine genaue Nachbereitung zutage fördern - zum Beispiel indem die Verlage befragt werden: Hat das Leseinteresse tatsächlich zugenommen? Sind die Verkaufszahlen gestiegen? Ist die Nachfrage größer geworden?
In der medialen Nachbereitung wurden natürlich auch kritische Stimmen laut. Einige Beobachter warfen der Messe vor, Veröffentlichungen oder Gesprächsteilnehmer zugelassen zu haben, die fragwürdiges Gedankengut transportierten. - Dies sind sicher Vorkommnisse, die überprüft werden sollten. Allerdings ist deutlich festzuhalten, dass im Gesamtklang der Präsentation solche Stimmen nicht "die erste Geige" spielten. - Und möglicherweise hat ja jeder Länderschwerpunkt mit dieser Problematik zu kämpfen. So geschah es manchem Journalisten, der sich für die Messe akkreditiert hatte, dass er in fast täglich aufs Neue eintreffenden Emails zur Buchvorstellung eines koreanischen "Erleuchteten" eingeladen wurde - schon mit Hinweis auf den Gastlandauftritt Koreas im kommenden Jahr