Tagebuch einer Mitausgereisten: Ein Monat Ausnahmezustand
von Bettina Knauth
Ramadan, das bedeutet vier Wochen Ausnahmezustand in der islamischen Welt. Während
des Fastenmonats ticken die Uhren anders, langsamer. Das Arbeitsleben kommt
fast völlig zum Erliegen, das gesellschaftliche Leben dagegen blüht
auf. Der Kairo-Neuling wird erstaunt eine eigene Ramadan-Kultur kennen lernen,
mit eigenen Speisen, Getränken, Süßigkeiten, Laternen und Liedern.
Seit Wochen bereits haben die bunten Ver-kaufsstände mit Leckereien und Laternen das Nahen des Fastenmonats angekündigt. Waren gibt es im Überfluss: Nüsse aller Art, Pistazien, Rosinen, Aprikosen, Datteln, Feigen, Süßigkeiten. Das Auge kann sich gar nicht satt sehen an den riesigen Warensäcken. Große Supermärkte bieten gar extra Plastiktüten mit zusammengestellten Ramadan-Waren an. Fleisch, Fisch, Käse und Wurst gehen nicht per Gramm, sondern in mehreren Kilogramm über die Theke.
Besonders hübsch anzusehen sind die Fanus, die Ramadan-Lampen, die früher als kunstvoll gefertigte Laternen zur Fastenzeit die Dörfer und Städte erleuchteten und sich auch nach der Elektrifizierung als Symbol des Fastenmonats erhalten haben.
Wen wundert's: Jeder scheint Geld zu brauchen: Hausangestellte und Gärtner bitten um einen Vorschuss, nicht selten über das übliche 13. Monatsgehalt hinaus. Bawabs betteln um Kleider- oder sonstige großzügige Spenden. Auch auf der Straße wird man mehr als sonst um milde Gaben angegangen. Andererseits sind Zuwendungen für die Bedürftigen eine wichtige Seite des Ramadan, das Fasten schärft das Bewusstsein für den Hunger.
Sie planen einen wichtigen Geschäftsabschluss oder eine größere Anschaffung? Sie brauchen einen Arzt, einen Klempner oder sonstigen "Handwerker"? Vergessen Sie's! Verschieben Sie auch Termine beim Frisör oder der Kosmetikerin. Selbst das Kleid oder der Anzug lassen sich besser nach dem Ramadan reinigen. Wenn Sie an dem guten Stück hängen, dann gehen Sie lieber kein Risiko ein!
Am unmittelbarsten konfrontiert wird der nicht-fastende Ausländer aber mit den "Ramadan-Geschädigten" im Straßenverkehr: Übermüdete Gestalten überqueren in Zeitlupentempo die Straßen, völlig unbeeindruckt von ihren motorisierten Verkehrsteilnehmern, die mindestens genauso übernächtigt hinter dem Lenkrad sitzen und jeden Moment einzuschlafen drohen. Schlimmer noch diejenigen Autofahrer, die übertrieben aggressiv zu Werke gehen, wenn sie - vor allem ab den frühen Nachmittagsstunden - möglichst auf schnellstem Wege nach Hause kommen wollen. Da sind jede noch so kleine Lücke, jeder Standstreifen recht. Nicht immer reicht der Abstand, reagiert der nachfolgende Fahrer rechtzeitig: Die Folgen sind leicht auszumachen, an den demolierten Karossen links und rechts der Fahrbahn. Nur nicht auf seinem Recht beharren, so lautet die Devise, um unfallfrei ans Ziel zu kommen. Lasst die Raser ziehen, die Drängler gewähren! Immer wenn ich kopfschüttelnd hinterm Steuer sitze, denke ich mir: Reg' dich nicht auf, der Drängler hinter dir (oder die Schlafmütze vor dir) hat seit Stunden nichts gegessen und getrunken, keine Zigarette oder Schischa geraucht und ist wahrscheinlich total übermüdet - also lass ihn/sie gewähren! In keinem anderen Monat dürften die Zahl und Schwere der Unfälle im Straßenverkehr höher sein als im Ramadan.
Aber in keinem Monat macht auch das Fahren durch Kairo so viel Spaß. Ein Widerspruch? Keineswegs, es kommt nur auf das Timing an: Zur Zeit des Iftars kommt man in Windeseile mitten durch die Stadt. Dann sind die Straßen so leer wie in Deutschland während eines WM-Endspiels mit deutscher Beteiligung. Eine prima Gelegenheit für Kairo-Neulinge, das Fahren in der Stadt zu üben und sich zu orientieren. Aber Vorsicht: Wenn Sie zum Einkaufen fahren wollen, dann rechnen Sie damit, dass die Geschäfte in der Regel zur Zeit des Fastenbrechens geschlossen sind.
Vielleicht stehen Sie aber auch mitten im Stau, weil Sie zu einem Iftar eingeladen sind? Dann wappnen Sie sich für die Schlacht am Büffet, die Sie unweigerlich, zumindest bei offiziellen Iftars, erwartet. Private Einladungen zum Iftar ziehen dagegen ein unweigerliches Völlegefühl nach sich. Angesichts der Deftigkeit und Vielzahl der zu sich genommenen Speisen mag sich der nicht-abstinente Ausländer ein Glas Bier oder Wein, gar einen Verdauungsschnaps wünschen. Alkoholische Getränke werden im Ramadan aber an vielen Orten und Restaurants nicht ausgeschenkt (und wenn, dann nur an Ausländer).
Viel Kondition braucht derjenige, der zu einem Suhur, zum letzten Essen vor Sonnenaufgang, eingeladen ist: Nicht selten enden diese Einladungen erst, wenn es hell wird. Was soll's, denn mit einem solch gefüllten Magen ist sowieso nicht an Schlafen zu denken.
In der Regel wird einem so oder so die Ruhe geraubt: Der Muezzin scheint doppelt so laut zu rufen, die Gebete scheinen länger zu dauern, die Iftars und Suhurs in der Nachbarschaft gehen auch nicht geräuschlos vonstatten. In der Innenstadt wird man vielleicht von einem Misahharati geweckt, der die Gläubigen zum letzten Essen vor der Morgendämmerung aufwecken soll und dazu auf seiner Tabla trommelnd von Haus zu Haus zieht.
Wieso heißt der Monat eigentlich "Fastenmonat"? Werden nicht mehr Lebensmittel umgesetzt als in den übrigen elf Monaten des Jahres zusammen? Und mindestens so viele Kalorien zu sich genommen? Diäten nach dem Ramadan dürften ungefähr so beliebt sein wie die Fastenkuren, die in den westlichen Frauenzeitschriften kurz vor Beginn der Bikini-Saison im Frühjahr propagiert werden
Das rege gesellschaftliche Leben am Abend ist ein Ausgleich für die Entsagungen des Tages. Dem Fastenden sind von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Essen, Trinken, Rauchen und andere Äußerlichkeiten untersagt. Manche gehen über den leiblichen Verzicht hinaus und üben sich auch darin, Ohren, Augen und Zunge zu zügeln, erst dann ist eine religiöse Tiefe des Fastens erreicht.
Es gilt, jeder Versuchung tagsüber zu widerstehen. Geduld wird geübt und stärkt die Kraft zur Überwindung aller Widrigkeiten des Lebens. Die Prüfung wächst mit jeder Herausforderung, weshalb wir uns als Ausländer auch nicht anders als sonst verhalten müssen. Anfangs war ich durchaus verunsichert: Darf ich in der Öffentlichkeit essen und trinken? Kann ich den Kindern überhaupt ein Pausenbrot mit in die Schule geben? Muss mein Mann nicht allein in seinem Büro sein Lunchbrot einnehmen? Kann ich mich tagsüber in eines der ansonsten leeren Cafés oder Restaurants setzen?
Wer es sich leisten kann, aus dem Vollen zu schöpfen, vergisst dabei auch die ärmeren Mitmenschen nicht. Die soziale Komponente ist ein wichtiger Aspekt des Ramadan. Mahlzeiten und Lebensmittel werden an Bedürftige weitergegeben, überall werden Tische und Stühle an öffentlichen Plätzen und auf Geh-steige gestellt oder die typischen bunten Zelte errichtet, um Bedürftige oder diejenigen, die nicht rechtzeitig nach Hause können, in den Genuss der ersten warmen Mahlzeit nach dem Fasten kommen zu lassen.
Nun beginnt der Ramadan in diesem Jahr bereits Mitte Oktober. Aber noch immer ist das Klima während des Fastenmonats moderat. Ich frage mich nur, wie man es im Hochsommer ohne Essen und noch mehr ohne Flüssigkeitszufuhr tagsüber aushält. Und noch dazu, da die Tage dann umso länger sind als nun im Herbst.
Damit mich niemand falsch versteht: Es liegt mir fern, mich als ungläubige "Khawaga" über religiöse Bräuche in unserem Gastland lustig zu machen. Ich wundere mich nur darüber, wie sehr sich Kairo während des Ramadans verändert und sich dabei manchmal auch vom eigentlichen Sinn des Fastens entfernt. Das öffentliche Leben, der Verkehr, die Medien - alles steht im Zeichen des Fastenmonats. Es herrscht Ausnahmezustand, wie gesagt. Von religiöser Seite wird immer wieder gewarnt, das Konsumdenken einzuschränken und zu Meditation zurückzukehren. Aber seien wir ehrlich: So fremd sind uns Christen derartige Auswüchse religiösen Brauchtums nicht. Wer einmal in der Vorweihnachtszeit einen deutschen Konsumtempel mit Weihnachtskitsch und -musik oder eine amerikanische Vorortsiedlung mit beleuchteten Rentieren und Santas besucht hat, der weiß, worauf ich anspiele